Ein obsurer Kasseler Blog schreit „Antisemitismus!“ DIE ZEIT konstruiert daraus eine Kampagne

von Arn Strohmeyer

Wenn Feuilleton-Redakteur Thomas E. Schmidt von der ZEIT das Wort Palästina hört, fällt er offensichtlich sofort in eine Art hysterischen Zustand, wie jetzt geschehen anlässlich der Antisemitismus-Vorwürfe gegen das indonesische Kollektiv, das die Kunstausstellung Documenta in diesem Jahr organisiert. Wer denkt da nicht gleich an Jutta Dittfurths schon zum negativen Klassiker gewordene Hetz-Parole „Palästina, halt‘s Maul!“ oder den ebenfalls schon klassisch gewordenen denunziatorischen Ausspruch des Berliner Antisemitismus-Beauftragten Samuel Salzborn, der bekannte: „Wenn im Zug am Nachbartisch Leute anfangen ohne jeden Grund auf ‚Palästina‘ zu sprechen kommen, ist es wahlweise Zeit, auszusteigen, Kopfhörer aufzusetzen oder sie anzuschreien.“

Etwas gewählter drückte sich ZEIT-Redakteur Schmidt in seinem Beitrag gegen die Documenta-Macher schon aus. Aber einen Blog-Beitrag eines abstrusen Kasseler „Bündnisses gegen Antisemitismus“ für eine groß angelegte Kampagne zu nutzen, um den Indonesiern Antisemitismus vorzuwerfen, ist schon ein starkes Stück. Denn konkrete und überzeugende Beweise für seine Attacke hat er nicht – außer der Einladung von Palästinensern aus einem Kulturzentrum in Ramallah zur Documenta. Dieses Zentrum trägt den Namen eines antizionistischen Patrioten, der aber schon 1953 gestorben ist. Das reicht aus, um „Antisemitismus!“ und „Palästina, halt‘s Maul!“ zu schreien. Man muss sich wirklich fragen, in welcher politischen Kultur wir eigentlich leben. Gerade Kunst und Kultur brauchen offene Diskurse, in denen auch andere Narrative zu Wort kommen können, will man den demokratischen Anspruch nicht der Lächerlichkeit preisegeben. 

Im Übrigen hat die letzte Documenta – sie fand ja in Kassel und Athen statt – dem Thema Palästina breiten Raum eingeräumt. Da haben der Feuilleton-Redakteur Schmidt und die deutschen Antisemitismus-Wächter wohl nicht aufgepasst. Ich selbst habe damals geschrieben:

Die absurde Apartheidsituation in Hebron mit den Augen einer Künstlerin gesehen

Die 14. Documenta in Athen (und Kassel) räumt den Fotografien der Palästinenserin Ahlam Shibli großen Raum ein

Die 14. Documenta ist zwischen den beiden Städten Athen und Kassel aufgeteilt. Der aus Polen stammende Kurator Adam Szymczyk hat ganz bewusst eine sehr politische Ausstellung gestaltet, was auch gar nicht anders möglich ist in einer Stadt wie Athen – dem Ort der ultimativen Krise, in dem Schuldenlast, Arbeitslosigkeit, wachsende Armut, politische Instabilität und immer noch drohender EU-Austritt die Alltagsrealität sind. Szymzyk hat selbst als junger Mann in seiner Heimat die Demokratie- und Freiheitsbewegung miterlebt – Ereignisse, die auch sein Verständnis von Kunst stark beeinflusst haben: Sie ist für ihn die „Möglichkeit, Freiheit zu finden“.

In diesem Sinne ist die Documenta für ihn ein Instrument, um mit Hilfe der Kunst in einer sich durch Krieg, Finanzkrisen, Flüchtlingsdramen und Rechtsruck zuspitzenden Wirklichkeit Perspektiven aufzuzeigen. Szymczyk lockt der „Ausnahmezustand“, den er als Chance zum Aufbruch zu etwas ganz Neuem sieht. Ohne Kritik an den Zuständen einer Welt, die die Widersprüche des Kapitalismus erzeugt haben und weiter erzeugen, geht das aber nicht. Hier ist eben auch das kritische und aufklärerische Element der Kunst gefragt.

Bei einer solchen Sicht auf die Welt drängt sich eine künstlerische Stellungnahme zum Palästina-Konflikt geradezu auf: ein anachronistischer Siedlerkolonialismus unterdrückt seit Jahrzehnten ein ganzes indigenes Volk, um für sich selbst „Lebensraum“ zu schaffen, den er dem ursprünglich dort lebenden Volk verweigert. Der permanente „Ausnahmezustand“ ist hier gegeben und ebenso der Kampf um die Freiheit, der für die Palästinenser zunächst ein Kampf ums nackte Überleben ist, dann aber auch ein Kampf um die nationale Befreiung.

Die Macher der Documenta haben diesem Thema breiten Raum gegeben – im wörtlichen Sinne, denn die palästinensische Fotografin Ahlam Shibli (Jahrgang 1970) hat im Athener „Museum für zeitgenössische Kunst“ (und hoffentlich auch in Kassel) einen ganzen Raum für die Präsentation ihrer Fotos von der Apartheidsituation in Hebron erhalten. Die Bilder geben die furchtbare, weil so abgrundtief inhumane Realität in dieser großen arabischen Stadt wider, die mit Unterstützung der israelischen Armee von wenigen hundert fanatischen jüdisch-religiösen Siedlern terrorisiert wird.

Ahlam Shiblis Fotos tun das auf eine sehr direkte und dennoch nicht platt vordergründige, eher zurückhaltende Weise. Sie schafft es, kritische Distanziertheit und emphathische Anteilnahme zugleich zu zeigen. Sie praktiziert einen Stil der „dokumentarischen Ästhetik“, bei dem sie ihr Hauptthema aber nie aus den Augen verliert: den Verlust, den ihr Volk durch den israelischen Siedlerkolonialismus erlitten hat – den Verlust des „zu-Hause-sein“ zu können. Und ihre Bilder schildern den Kampf gegen diesen Verlust, die Entwurzelung, Diskriminierung und die soziale Ausgrenzung. Es gelingt ihr, die Schrecken der Wirklichkeit in Hebron auf eine allgemeinere Ebene zu heben und so die Wirkung noch zu erhöhen. Genau dadurch werden ihre Fotos zu ganz eigenständigen Kunstwerken, die man natürlich nur als Ganzes sehen muss, denn sie sind nur im politischen Gesamtzusammenhang verständlich. Die Brutalität der israelischen Besatzung und das Elend der palästinensischen Bevölkerung sind in Hebron wie in einem Brennglas konzentriert.

In einem Documenta-Statement zu diesen Bildern heißt es: „Neben anderem protokollieren diese Fotos die Zeichen einer verwirrenden doppelten Umkehrung. Auf der einen Seite zeigen sie, wie die Siedler das Land der Palästinenser besetzen und sie so daran hindern, ihr Eigentum zu nutzen. Gleichzeitig schränken die Siedler die Bewegungsfreiheit der Palästinenser ein, schaffen so aber auch einen gefängnisartigen Raum für sie selbst. Auf der anderen Seite nutzen die Palästinenser die ‚hardware‘ der Abriegelung, die die Besetzung ihnen auferlegt – etwa Metallplatten, rasiermesserscharfer Stacheldraht, mit Zement gefüllte Fässer, Mauern und Zäune sowie Gitternetze usw. – , aber auch, um ihre eigenen öffentlichen Räume und ihre Häuser zu schützen, als ob die Besatzung es erfolgreich geschafft hätte, sich selbst zu besetzen.“

Ahlam Shiblis Fotos zeigen viele der Total-Absurditäten, die die israelischen Besatzung für die arabischen Menschen in dieser Stadt geschaffen hat und die so große Leiden für sie bedeuten: die Mauern und die Checkpoints, die die Palästinenser daran hindern, bestimmte Straßen zu betreten, in denen ihre Läden und Werkstätten liegen; Straßen, die nur Juden betreten bzw. befahren dürfen; die Metallgitter, die die palästinensischen Familien um ihre Höfe und darüber errichtet haben, um sich vor dem schikanösem Steinewerfen und Müllabladen der Siedler zu schützen; das Haus, das eine palästinensische Familie verlassen musste, weil sie sich vor den Attacken der Siedler nicht mehr sicher fühlte; heute sind dort die Schafe und Ziegen der Familie untergebracht (ob die Siedler wenigstens die Tiere verschonen?); einen auf eine Mauer gesprayten Spruch aus dem Alten Testament, dem zufolge Gott dem Volk Israel das Land hier und speziell die Stadt Hebron zugesprochen hat. Und, und…

Was die Documenta hier zeigt, ist Aufklärung im besten Sinne – über eine Realität, die in Deutschland weitgehend tabuisiert ist und deren Präsentation sofort mit dem Totschlagargument „Antisemitismus“ belegt wird. Aber kann das Zeigen einer zweifellos existierende inhumanen Realität „antisemitisch“ sein? Der Kurator der Ausstellung, Adam Szymczyk, hat besonders mit diesem Teil der Ausstellung großen Mut gezeigt, denn andere Präsentationen bleiben in politischer Hinsicht unkonkret und unverbindlich oder sind lange bekannt und historisch längst  aufgearbeitet – etwa Dokumente zum Krieg in Biafra, die NS-Verbrechen an Homosexuellen und die Ungerechtigkeiten des Kolonialismus. Da fällt es bisweilen schwer, den aktuellen politischen Bezug zu den gezeigten Objekten herzustellen. Im Fall Palästinas ist das sehr gut gelungen.

  1. Documenta in Athen vom 8.4. bis zum 16.7.2017, in Kassel vom 10.6. bis zum 17.9.2017.

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