Deutscher Jude oder jüdischer Deutscher?

Manchmal denke ich, dass auch ich Antisemit werden könnte und wundere mich, dass nicht noch mehr Deutsche Antisemiten werden. Es ist dann immer wieder mein Verstand, der mich zwingt, ruhig zu bleiben und meinen Frust nicht über alle Juden auszubreiten, sondern nur auf manche Israelis und eine Handvoll deutscher Juden, bei denen ich nicht weiß, ob ich sie „deutsche“ Juden nennen soll oder „Ghetto“-Juden. Und wenn ich immer wieder bereit bin Israel zu schonen, dann weil ich an die biblische Geschichte von Abraham und Gott denke, als Abraham Gott darum gebeten hatte die Stadt Sodom zu schonen, wenn dort zehn Gerechte leben sollten. Gott war bereit, aber es lebten keine zehn Gerechten in Sodom und Abraham hat Gott bis auf einen Gerechten heruntergehandelt. Aber es lebte auch nicht ein einziger Gerechter in Sodom und so wurde die Stadt schließlich bestraft.

In Israel leben aber noch viele Gerechte, derentwegen ich bereit wäre, Israel zu schonen, aber nur unter der Bedingung, dass Israel sich ändert. Leider ist aber Israel auf dem besten Wege denselben Weg zu gehen, den Deutschland in den dreißiger Jahren gegangen ist. Schlimmer noch. Neben dem Nationalismus, der immer gefährlicher wird, entwickelt sich in Israel ein religiöser Fundamentalismus, der noch gefährlicher ist, weil er ähnliche Züge und Thesen aufnimmt wie die fundamentalistischen arabischen Staaten bis hin zum Islamischen Staat. 

Wenn ich sehe und höre, wie sich israelische Politiker arrogant und überheblich benehmen und selbstgerecht ihre eigenen Verbrechen ignorieren und wie deutsche Juden wie Graumann, Broder, Friedman, Brumlik, Knobloch und jetzt auch noch Biller ihr Heil im Zionismus suchen und nicht müde werden zu behaupten, wie sehr sie Israel bewundern und mit keinem Wort das Schicksal der Palästinenser bedauern, die immer noch täglich verfolgt und erschossen werden, dann möchte man schon den Menschen Recht geben, die angesichts von so viel Arroganz und Dummheit Ressentiments gegen Israelis und auch gegen Juden entwickeln, weil die Israelis sie hämisch und schadenfroh  immer wieder in die Falle locken, dass Israelis Juden sind und alle Juden Israelis sind.

Es ist auffällig wie wenig sich der Zentralrat der Juden und die Schreihälse, die sich immer wieder zu kritischen Stimmen gegen Israels Politik melden und sofort „haltet den Dieb“ rufen, zum NSU-Komplex gemeldet haben. Sie haben dazu nichts zu sagen. Wenn man zynisch wäre, dann müsste man sagen: „Warum sollten sie, da geht es doch nicht um Juden und erst Recht nicht um Israel.“ Aber es ist mehr als das. Es zeigt, dass so scheinbar aufgeklärte, liberale und demokratische Juden wie Prof. Micha Brumlik, Dr. Micha Friedman, Henryk M. Broder und sogar Dr. Dieter Graumann und seine Vorgängerin Charlotte Knobloch in Deutschland in einem Ghetto leben. Sie bewegen sich gedanklich und emotional nur innerhalb des Ghettos. Sie setzen sich selber Grenzen und überschreiten sie nicht. Alles, was um sie herum passiert, ist nur insofern interessant, als es „uns Juden“ auch betrifft. Der Mord an zehn Moslems, dazu auch noch Türken, geht „uns“ nichts an. Solange nicht Juden umgebracht werden, ist die Welt in Ordnung und solange es nicht angeblich um das Existenzrecht Israels geht, müssen wir nicht aus unserer Ecke aufspringen und bellen.

Ich kann mich mit solchem Autismus nicht abfinden. Einerseits fordert man die Israelkritiker auf, sich mit Nepal, Somalia und dem Islamischen Staat zu beschäftigen, statt Israel zu kritisieren, andererseits beschäftigt man sich selbst mit nichts anderem. Selbst als der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, sich einmal ausnahmsweise zur Sarrazin-Debatte äußerte und meinte, „dass aber Menschen herabwürdigend und respektlos behandelt werden, darf nicht sein“, hat er nicht die moslemischen Einwanderer expressis verbis genannt, sondern seine Rede so allgemein gehalten, dass man darunter auch Juden verstehen konnte. Gegen die „Herabwürdigung“ der israelischen Palästinenser, von den palästinensischen ganz zu schweigen, erhebt der Zentralrat natürlich nicht die Stimme.

Als im August 2014 Tausende von Demonstranten wegen des Gaza Krieges auf die Straßen gingen, meinte Graumann, dass „viele Juden beunruhigt“ waren. Wegen der NSU-Morde aber waren sie nicht beunruhigt. Weil „Kids“, wie es Kai Diekmann, der philosemitische BILD-Chef erklärt, „Jude, Jude, feiges Schwein“ gebrüllt haben, sind viele „aufgeschreckt“.  Als bekannt wurde, dass zehn Menschen mit „Migrationshintergrund“ ermordet wurden, ist keiner von denen, die da im Sommer 2014 aufgeschreckt sind, aufgewacht. Schließlich ging es nicht um Juden. Und Broder brüllte wieder: „Der Antisemit hasst Juden eben dafür, dass sie existieren und nicht für das, was sie tun.“ Es ging und geht ihm immer wieder nur darum von dem, was „die Juden bzw. die Israelis tun“, abzulenken und es als unwichtig und nicht erwähnungswert hinzustellen. Und natürlich war für ihn das, was die NSU macht, unwichtig und nicht erwähnungswert.

Die Demonstrationen im Sommer 2014 waren für die Bande der Zionisten eine „schreckliche und schockierende Explosion von Antisemitismus“ und nicht ein Protest gegen Israels Politik. Israel sollte sauber und rein bleiben. Und so macht man aus einer Mücke einen „Elefanten“. Man schließt die Augen vor den fürchterlichen und verräterischen Fernsehbildern und behauptet: „Die allermeisten von uns (Juden) stehen aber fest an der Seite unserer Brüder und Schwestern in Israel. Wir sind überzeugt: Israel muss sich wehren. Kein Land auf der Welt würde es hinnehmen, dass seine Menschen tausendfach mit Raketen beschossen werden.“ Da kann man Graumann sogar zustimmen, wenn er auch den Menschen von Gaza dieses Recht zugestehen würde. Die Israelis haben mit weniger Bomben tausendfach mehr Opfer erzeugt.

Besonders peinlich und ärgerlich ist es, wenn Graumann und ihm gleich alle anderen „protectoris judaice“, scheinheilig behaupten, dass die „aktuellen Ausbrüche“ in Deutschland mit Gaza im Grunde nichts zu tun haben. „Wenn Synagogen hier beschmiert und angegriffen, jüdische Menschen bedroht werden und vollkommen entfesselte Menschenmengen auf den Straßen den Juden lauthals wünschen, „vergast“, „verbrannt“ und „geschlachtet“ zu werden“? Graumann fragt: „Kann man denn noch ekelhafter und bösartiger sein?“

Ich frage aber: „Kann man denn noch ekelhafter und heuchlerischer sein, wenn man gerade wenige Zeilen davor geschrieben hat: Die allermeisten von uns stehen aber fest an der Seite unserer Brüder und Schwestern in Israel.“ Warum ist er so verlogen und voller Hass gegen Palästinenser und Moslems, wenn auch sie fest an der Seite ihrer Brüder und Schwestern in Gaza stehen? Haben die Deutschen und Menschen mit Migrationshintergrund weniger Rechte als die Juden?

„Der Zentralrat der Juden in Deutschland tut alles, um sich dieser Welle entgegen zu stemmen: publizistisch, rechtlich und politisch. Und menschlich verstehen wir die besonderen Gefühle unserer Menschen zu genau,“ so Graumann. Leider aber versteht er nicht die Gefühle der anderen.

Graumann beschwört seine jüdischen Leser: „Wir bleiben, was wir sind: Bewusste und selbstbewusste Juden. Und unser Judentum tragen wir nicht als Last – sondern mit unbeugsamen Stolz.“  Mir wäre es lieber, die Juden wären weniger bewusst und mehr kritisch, weniger selbstbewusst und mehr selbstkritisch. Gesunde Selbstkritik hat noch niemanden geschadet. Und stolz sein ist auch kein guter Ratschlag. Worauf denn stolz sein? Darauf, dass man Jude ist? Was würde Graumann einem jungen Deutschen sagen, der behaupten würde, dass er stolz darauf ist, Deutscher zu sein? Stolz ist das Gefühl einer großen Zufriedenheit mit sich selbst, einer Hochachtung seiner selbst – sei es der eigenen Person, sei es in ihrem Zusammenhang mit einem hoch geachteten bzw. verehrten „Ganzen“. Mitunter wird der Stolz in zwei Formen unterteilt: eine gesunde und eine kranke, das heißt neurotische Form. Neurotischer Stolz kann es sein, wenn man stolz auf etwas ist, was man nicht selber geschaffen hat; es kann auch neurotisch sein, stolz zu sein auf destruktive Leistungen gegen Menschen.

Bevor Graumann den Juden solche Ratschläge gibt, sollte er sich lieber um ihre Identität Sorgen machen. Er stellt sich vor als Jude in Deutschland und sein Vorgänger Ignaz Bubis hat sich bis zu seinem Tode auch als solcher empfunden. Nach seinem Tode transformierte er sich zu einem Israeli in Deutschland und verfügte in seinem Testament, dass seine Leiche nach Israel transportiert und dort begraben werden sollte. Charlotte Knobloch hingegen generiert sich als „deutsche Jüdin“. Ihre Rede am 29. Juli 2014 am Platz der Opfer des Nationalsozialismus in München beginnt sie mit fünfmaliger Feststellung: „Ich stehe als deutsche Jüdin vor ihnen.“

Einmal kann sie nicht glauben, was in diesem Land passiert, das zweite Mal steht sie als Jüdin, die den Holocaust überlebt hat, beim dritten Mal steht sie als Jüdin, die diesem Land die Treue gehalten hat, beim vierten Mal ist sie eine Jüdin, die in Deutschland angekommen ist und schließlich will sie eine Jüdin sein, „die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, in unserem Land und für unser Land zu kämpfen“.

Doch nachdem sie zwei Stunden lang eine „Publikums-Beschimpfung“ vorführt, die Menschen in Deutschland als „wild gewordene Horde“ bezeichnet, die den Judenhass toleriert, gibt sie zu, dass „wir Juden sind solidarisch mit Israel“ und „Wir nehmen die Freiheit in Anspruch, Israel zu verteidigen“. Und sie beschließt mit dem pathetischen Ruf: „Am Israel chai!“ – das Volk Israel lebt.

Wenn das nicht Schizophrenie ist, dann frage ich mich ernsthaft, was es ist. Ob Jude in Deutschland oder ob deutscher Jude, die Führer der Juden in Deutschland stehen fest hinter Israel, nach dem Motto: My country – right or wrong.  Aber man wird doch fragen dürfen: Ist Israel ihr Land, oder sogar ihr Heimatland? Immer wieder hört man von diesen Zionisten, dass Israel ihre „geistige Heimat“ ist. Das möchte man fast glauben, dass sie ihren Geist in Israel gelassen haben und hier geistlos leben.

Das Schwanken der jüdischen Seele zwischen Loyalität zum Land, in dem er lebt und zu Israel oder früher zum Ghetto, aus dem er stammte, ist so alt, wie die Juden in Deutschland. Moses Mendelsohn, der die Juden in die deutsche Kultur eingeführt hat, durch seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche, war Jude und für nur wenige Deutsche auch ein Deutscher. Die Juden haben die Übersetzung von Dr. Martin Luther nicht anerkannt und nicht in die Hände genommen. Es war deshalb eine befreiende Tat, den Juden die deutsche Sprache näher zu bringen. Eine weitere große Übersetzung der Bibel durch Juden war die Übersetzung durch Martin Buber und Franz Rosenzweig, die aber bei den Juden wenig angekommen ist, weil sie zu intellektuell und zu wenig populistisch war.

In der Brust vieler Juden wohnten zwei Seelen, eine jüdische und eine deutsche. Eine ähnliche Symbiose zwischen den Juden und ihrem Gastvolk gab es vorher nur in Andalusien, zwischen Juden und Mauren. Es war eine sehr fruchtbare Symbiose, die ganz Europa befruchtete. Ähnlich fruchtbar war die deutsch-jüdische Symbiose, aus der unzählige Dichter, Schriftsteller, Philosophen, Ärzte, Wissenschaftler, Künstler und nicht zuletzt Politiker hervorgetreten sind. Heinrich Heine konvertierte zum Christentum, blieb aber sein Leben lang ein Jude, auch wenn er in seinen Buch der Lieder verkündet: „Ich bin ein deutscher Dichter, Bekannt im deutschen Land; Nennt man die besten Namen; So wird auch der meine genannt.“

Und ähnlich ging es vielen anderen, von Karl Marx, über Ferdinand Lassalle und Walther Rathenau bis zu Else Lasker-Schüler u.a. Es war eine sehr fruchtbare Schizophrenie, die Deutschland und den Juden zur Ehre gereicht hat, bis sie von den Nazis unterbrochen wurde. Lange Zeit glaubte man, dass das deutsche Judentum für immer verschwunden ist und nie wieder auferstehen könnte. Aber es scheint so, dass es doch wieder aufersteht, nur weiß es noch nicht, als was es auferstehen soll. Seine Führung ist ratlos und wird selbst von zionistischen Kräften und vor allem von Israel unter Druck gesetzt.

Eigentlich sollen diese Führer, die Intellektuellen und die Politischen, die Juden in Deutschland führen, aber eigentlich verführen sie sie nur und führen sie ins Nirgendwo. Die Juden wissen nicht, wer sie sind und was sie sind. Sie wissen nur, dass sie vor Antisemiten Angst haben sollen. Aber sie wissen nicht, wer oder was Antisemiten sind. Man hat ihnen jahrelang beigebracht, dass Antisemiten diejenigen sind, die Israel kritisieren. Weshalb und warum war kein Thema. Inzwischen haben aber viele von ihnen herausgefunden, dass es nicht um Kritik gegen Juden geht, sondern gegen tatsächlich begangene Untaten der israelischen Regierung.

So werden die Juden in Deutschland sich in den nächsten Jahren entscheiden müssen, was sie wollen und wer sie sein wollen. Juden in Deutschland oder Deutsche Juden. Entscheiden sie sich weiter, Juden in Deutschland zu sein, dann werden sie früher oder später zu Israelis in Deutschland mutieren, aber da werden sie in Widerspruch zu den „Israelis in Berlin“ stehen, die aus Israel kommen und keine Israelis mehr sein wollen.

Ob also „Am Israel chai“ wird sich noch herausstellen. Knoblochs Feststellung mag einmal als verzweifelter Ruf in Erinnerung bleiben, ein sich aufstemmen gegen ein Tsunami, der sie alle zu überrollen droht.

Ein Gedanke zu “Deutscher Jude oder jüdischer Deutscher?

  1. „Lange Zeit glaubte man, dass das deutsche Judentum für immer verschwunden ist und nie wieder auferstehen könnte.“

    Das Judentum ist nach Hitler von A nach B gewandert und die Deutschen von B mach A, so formulierte es Michael Wolffsohn 2012. Nun sind säkulare Juden auch in der Diaspore mehrheitlich Nationalisten – „israelische Patrioten“ nannte sie Uri Avnery. Das „Dekompositorische“, das das Judentum einst in Deutschland war (Theodor Mommsen 1880 im Berliner Antisemitismusstreit), ist verschwunden, es war die Zeit des Diaspora-Judentums, die Zeit des Centralvereins, der die Zionisten 1897 aus dem Land noch vertrieben hatte. Dieses Judentum ist untergegangen, innerhalb des Zionismus kann es eine Renaissance nicht geben.

    Die Singularität des Holocaust wurde in die Mitte des Geschichtsbewusstseins gestellt und prägt fortan das Denken im Judentum – und leider auch in Deutschland. Die von Ihnen aufgeführten Vertreter Prof. Micha Brumlik, Dr. Micha Friedman, Henryk M. Broder, Dr. Dieter Graumann, Charlotte Knobloch, Maxim Biller usw. sind lebendige Beispiele dafür.

    Beider freier Geist, der der Juden und der der Deutschen ist gemeinsam untergegangen. Die Babylonische Gefangenschaft ist für den Geist ist in der Neuzeit angekommen.

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