Geschichte eines jüdischen Clowns

Am  27. Februar 1981 hat sich Henryk M. Broder mit einem Paukenschlag von seinen „linken Freunden“ durch einen ganzseitigen Artikel in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ verabschiedet. Er schrieb „meine mehr oder weniger lieben linken Freunde!“ Ob er allerdings selber je links war und ob er tatsächlich linke Freunde hatte, bleibt unklar und ist eher zweifelhaft. Sein Abschiedsbrief wird als ein Dokument des „Zorns und der Resignation“ vorgestellt und ist eher ein Dokument der Verzweiflung und Frustration. Darin wirft er allen Linken vor, sie blieben „die Kinder ihrer Eltern“ so sehr sie sich auch von ihnen distanzieren wollten. Als ob er nicht das Kind seiner Eltern sei. Erstaunlich ist auch, mit welcher Leichtigkeit er eine ganze Generation verurteilt.

Er beruft sich bei dieser gewaltigen Anklage auf zwei oder drei Fallbeispiele, die weder repräsentativ noch besonders überzeugend sind. Er wirft den Linken „Antisemitismus“ vor und benutzt schon damals dieselben Methoden wie heute. Kritik an Israel ist Antisemitismus und Zweifel an Auschwitz sowieso.

In seinem ersten Beispiel führt er eine junge, 30 Jahre alte Lehrerin vor, die wohl an derselben Gehirnwäsche litt, die sie von kommunistischen Gehirnwäschern bekam, an der heute junge zionistische Menschen leiden. Diese junge Lehrerin wagte zu behaupten, dass die KZs in erster Linie Arbeitslager waren, wo Rüstungsgüter billig hergestellt wurden und „erst gegen Ende des Krieges, als die Niederlage absehbar war, fingen die Nazis mit der Vernichtung der Juden an“. Ob das stimmt oder nur teilweise stimmt, ist doch vollkommen irrelevant. Aber aus demjenigen, der das behauptet, gleich einen Antisemiten zu machen, ist absurd und falsch. Und weiter beschuldigt Broder die junge Lehrerin, behauptet zu haben, dass „der Holocaust als zionistische Propaganda benutzt wird, um die Existenz des Staates Israel zu rechtfertigen“. Ist es etwa nicht wahr? Das behaupten heute auch viele Juden und Broder selbst hat es eine Zeitlang behauptet, als er seine These vom „Shoahbusiness“ aufstellte. Broder hat dafür sogar noch Geld bekommen, während die junge Frau von 1981 das aus purer Überzeugung sagte. Und was, wenn es falsch wäre? Dann hätte sie eine falsche Überzeugung gehabt. Und ist das gleich ein Verbrechen, dass man deshalb als Antisemitin diffamiert werden muss?  

Man staunt manchmal, wenn man Broders Zeilen von 1981 liest. Vieles von dem, was er seinen „Freunden“ (?) vorwirft, praktiziert er heute selbst. Er wirft ihnen vor, dass sie den Rassismus ihrer Eltern geerbt haben, was absolut nicht zutrifft, denn sonst hätten wir eine ganz andere Republik, als wir sie heute haben. Hat Broder den Rassismus eventuell geerbt, wenn man bedenkt, wie er über Moslems und Türken schreibt? Insofern ist er erst Recht „das Kind seiner Eltern“ und sollte deshalb im Glashaus nicht mit Steinen werfen. Und übrigens: Ist der Zionismus nicht eine Form des Rassismus, weil er einen auf ethnischen Kriterien basierenden jüdischen Staat geschaffen hat? Ergo ist jeder bekennende  Zionist ein Rassist. „Die Bereitschaft, Grausamkeiten zu verschleiern oder sogar propagandistisch zu fördern, wenn sie nur von Euren ideologischen Verbündeten an den richtigen Gegnern begangen werden, weist euch als begabte Nachfolger jener aus, die in China die Boxeraufstände niedermachten und in Südafrika die Hereros liquidierten. Ihr macht euch freilich selbst die Finger nicht mehr schmutzig, ihr treibt´s vom alternativen Schreibtisch aus…“

Broder hat sicherlich keinen alternativen Schreibtisch, aber sonst stimmt alles. Seine Vorfahren waren nicht in China und auch nicht in Südafrika, aber man braucht nur die Grausamkeiten nachlesen, die die Hebräer bei der Eroberung des Landes Kanaan begangen haben. Und Broder schwört darauf, dass das seine Vorahnen gewesen sind. Broder sollte das Buch von Shlomo Sand lesen, dann wird er vielleicht kapieren, dass seine Vorfahren nichts, aber auch gar nichts mit den Juden Palästinas zu tun haben. Seine Wurzeln dürften eher in den weiten Russlands zu finden sein. Und wenn man nicht so weit zurück in der Geschichte gehen will, dann reichen auch die Grausamkeiten der Zionisten bei der Eroberung Palästinas und Vertreibung von fast 800 000 Palästinensern.

Broder will sich freilich nur mit einem Punkt des rassistischen Reservoirs seiner ehemaligen Freunde beschäftigen, mit ihrem Antisemitismus, den er als natürlich gegeben voraussetzt. Dass ein Linker, sozusagen von Natur aus, auch Antisemit sein kann, ist für Broder eine ebenso beliebte wie verlogene Ausrede, an die sich Broder klammert, als er sie seinen Freunden vorwirft, wie der Aberglauben, ein Jude sei von Natur aus ein guter Mensch und moralisch immer im Recht.

„Wieso kann ein Linker eigentlich kein Antisemit sein?“, fragt Broder scheinheilig und seine Antwort ist schon von vornherein bekannt. Natürlich kann ein Linker alles sein, auch ein Antisemit, genauso wie ein Jude alles sein kann, auch ein Faschist, Rassist und, wie Broder es über sich selbst sagte, ein  „Reaktionär“.

Und da kommt er auch schon zu seinem zweiten Beispiel. Ein junger Mann hatte während einer Diskussion gesagt: „…er kenne meine Arbeiten, hätte da aber ein Problem mit mir, er schätze mich sehr, nur als Zionisten könnte er mich nicht akzeptieren, mit meiner Einstellung zum Staat Israel sei er überhaupt nicht einverstanden.“ Broder hatte aber keine Lust mit diesem jungen Linken zu diskutieren. Für ihn war das wieder ein Beispiel für vererbten Antisemitismus, und dieser junge Antifaschist tat angeblich genau dasselbe, was schon seine Eltern getan hatten. Und was, wenn seine Eltern aktiv gegen Nazis gekämpft haben und im KZ gelandet sind? So weit will Broder gar nicht nachforschen. In diesem Moment beschloss er, sich aus dem antifaschistischen Kampf auszuklinken.

Ich bin sicher, dass ich vor 30 Jahren ähnlich wie Broder reagiert hätte. Damals war ich noch ein genauso verbohrter und unwissender Zionist wie Broder selbst. Ich habe mich aber weiter entwickelt, während Broder immer noch auf derselben Stelle tritt wie vor 30 Jahren. Immer öfter  könnte man denken, er retardiere intellektuell. Manchmal ist so was konsequent und tapfer, manchmal aber einfältig und dumm.

Das dritte und für Broder wohl schrecklichste Erlebnis war eine Kritik, die Hermann P. Piwitt in dem Blättchen konkret über ihn schrieb. Es ist ja allgemein bekannt, dass Menschen, die hart austeilen, sehr empfindsam beim Einstecken sind. Broder ist da ganz besonders empfindsam und er vergisst es seinen Freunden nicht, wenn sie ihn einmal kritisiert haben. So Thomas R., Arnold F. und auch ich. Piwitt wagte es, Broder einen jüdischen Chauvi zu nennen, nachdem Broder selbst einen Monat vorher in derselben konkret seine Vorliebe für vollbusige Frauen erklärte: „Jeder Busen ist eine Provokation, jeder Hintern eine Herausforderung.“ Ja, Broder ließ sich nicht nur von Hintern herausfordern, sondern oft auch hineinfordern. Nun, über seine sexuellen Vorlieben wollen wir hier nicht debattieren, sie sind seine Privatsache.

Piwitt, der versichert hatte, nichts gegen Arsch und Titten zu haben, „wen macht das nicht verrückt?“, warf  Broder vor: „Hochmut und die Verachtung für den Sexualpartner, an dem nur das Fleisch interessiert“. Hochmut und Verachtung hat Broder freilich nicht nur gegenüber seinen Sexualpartnern, sondern gegenüber jedermann. Und Piwitt wagte es schließlich en passant zu behaupten, dass Broders Weltanschauung durch eine „sprichwörtlich patriarchalische, nämlich jüdische Erziehung verhunzt worden ist.“ Und als dann Klaus Rainer Röhl noch in derselben konkret geschrieben hat, dass Henry Kissingers körperliche Verfassung zurückzuführen sei auf „jahrtausende gesunde koschere Ernährung, speziell „Knoblauch“, da war das Maß für Broder voll und er beschloss, nach Israel auszuwandern, wo er frei Knoblauch essen kann so viel er will, ohne dass ein Klaus Rainer Röhl ihm das vorwirft. Er stolperte in eine Falle, die er sich selbst gestellt hat und die er dennoch nicht sah.

„Sind Sie der Broder, der nach Israel gehen will“ –

 „Ja.“ –

„Sagen Sie mal, wie kann ein Linker nach Israel gehen“.

Broder weiß auch auf solche provokanten Fragen zu antworten. „Eine gute Frage gnädige Frau, ich werde sie Ihnen beantworten, wenn Sie mir sagen, wie ein Jude nach Auschwitz in Deutschland leben kann.“ Eine gute Antwort, lieber Henryk, dann sage uns mal, wie ein Jude nach Auschwitz in Deutschland leben kann, wo du doch schon Jahrzehnte wieder hier lebst und deine kurze Episode in Israel bereits längst vergessen ist. Hat es dir eventuell unter so vielen Rassisten nicht gefallen? Da bist du ja nicht aufgefallen und standest nicht im Mittelpunkt. Keiner wollte von dir etwas drucken, da dein Hebräisch noch nicht einmal für Brötchen kaufen taugte. Also bist du wieder nach Deutschland zurückgekehrt, um alle „Antisemiten“ madig zu machen, denen du habhaft wirst.

Aber Broder wird diese Frage nie beantworten, weil er sich seit seiner schnellen Rückkehr zu seinen ungeliebten linken Freunden genau dort angefangen hat, wo er bei seinem Abschied aufhörte. Beim Antisemitismus. Es soll kein Deutscher und erst Recht kein deutscher Linker sagen, dass er kein Antisemit sei, weil er sich nicht als Antisemit definiert. „Ich sage Euch“, verkündet Broder, „ich werde ab jetzt definieren wer Antisemit ist“. Und das tut er nun seit Jahrzehnten.

Bei über 80 Millionen ist Broder bis ans Ende seiner Tage beschäftigt.

 „Euer Antizionismus ist nichts anderes als eine von links her aufgemotzte Variante des Antisemitismus.“ Das schrieb Broder 1981, also vor mehr als 30 Jahren und es klingt so, als ob er es erst gestern sagte. Schon damals fragte er, wie ein Linker in der Bundesrepublik leben kann, ohne tagtäglich mehr kotzen zu müssen, als er essen kann. Und dennoch lebt er hier und statt zu kotzen, nimmt er an allen kulinarischen Festen teil und wird dicker und dicker.

Seine Beleidigungen und Diffamierungen der Linken, Rechten, der Justiz und vieler Juden sind wahrlich nicht neu. Schon 1981 hat Broder einen Juristen beleidigt, indem er über ihn schrieb – „Einer aus der Firma Freislers Erben schaut sich den Film Holocaust an und zieht falsche Schlüsse daraus.“ Er wirft seinen Freunden vor, obszöne Vergleiche herzustellen: „Israelis gleich Nazis.“ Da waren Professor Jeschajahu Leibowitz berühmte Worte von den „Judeo-Nazis“ schon Geschichte. Er knallt ihnen an den Kopf: „Nicht, dass Ihr ein Schuldbewusstsein gegenüber den Juden hättet, warum denn auch, Ihr habt doch keinem Juden ein Haar gekrümmt.“ Später sollte man ihm selbst vorwerfen, dass er kein Schuldbewusstsein gegenüber den Palästinensern hat. Warum auch? Er hat doch keinem Palästinenser ein Haar gekrümmt. Er schreibt nur: „Es stimmt, dass man die Palästinenser vertrieben hat; das Problem ist nur, dass man sie nicht weit genug vertrieb.“

Schon damals hat Broder seine krumme und zynische Weltanschauung gestaltet, die er heute zu seinem Markenzeichen gemacht hat. „Die Juden sind die Nazis, die Palästinenser sind die Opfer der Juden, und Eure Eltern sind aus allem heraus.“ Heute sind für Broder die Palästinenser die Nazis und die Juden, wie gehabt, wieder die braven Opfer, und er ist aus allem heraus. Er lacht sich kaputt und verschießt seine giftigen zynischen Pfeile überall hin. Beim Landgericht in Berlin, an dem er wegen der Beleidigung der „Nachfolger von Freislers Firma“ angeklagt wird, sagt er dem Staatsanwalt: „Auch ich war in Auschwitz, am besten hat mir dort die Cafeteria gefallen.“ Noch dreißig Jahre davor hat er jemanden, der Auschwitz in Frage stellte, einen Antisemiten genannt und seine Gegner provokativ und abschätzig gefragt, wie man als Jude in Deutschland nach Auschwitz leben kann. Hier ist nun die Antwort: Indem man aus Auschwitz eine Cafeteria macht. Er ist der Hofjude und der Hofnarr in einer Person. Als Hofjude ist er Opfer, als Hofnarr kann er sich alles leisten und nichts befürchten. Ihre Narren haben die Fürsten niemals geköpft.

„Israels dumme, kurzsichtige, teilweise katastrophale Politik muss kritisiert werden“, schreibt Broder 1981. „Aber wer ist es, der da aufsteht und sich über Israel empört?“ Die linken Heuchler, die die sowjetische Besatzung in Afghanistan gut heißen, wagen es über die Verletzung der Menschenrechte in den besetzten Gebieten und über die soziale Benachteiligung der israelischen Araber zu schreiben. „Was bildet Ihr Euch eigentlich ein? Wo nehmt Ihr Eure Arroganz her?“ schreibt er. Hat er schon damals daran gedacht, nur sich selbst das Schreiben über Palästina zu gestatten? Nur sein Urteil gilt, nur was er für kritikwürdig bestimmt, darf kritisiert werden, und zwar von ihm, nur von ihm. Er wirft den Linken vor, dass ihnen zur Einführung der Vorbeugehaft in Indien nichts einfällt, als ob ihm etwas zur Praxis der Vorbeugehaft in Palästina eingefallen wäre. Er empört sich, dass im Iran Homosexuelle, Ehebrecherinnen und Prostituierte ermordet werden. Als aber in Israel zwei Homosexuelle ermordet wurden, da schwieg er.

Alles, was er seinen „Freunden“ vorwirft, könnte er bei sich zuhause vor einem Spiegel stehend, seinem Spiegelbild vorwerfen. „Es gibt in Eurem wechselnden Repertoire nur einen Dauerbrenner: Palästina.“ Trifft das nicht auch auf ihn zu? Hat denn Broder nicht auch einen einzigen Dauerbrenner: Israel? „Ihr habt von nix eine Ahnung, aber zu allem einen fertigen Spruch parat“, als ob das nicht eins zu eins auch auf Broder passen würde. „Ihr wisst nicht, dass Israel genauso viele Juden aus arabischen Ländern aufgenommen hat, wie 1948 Araber aus Palästina geflohen sind“, einer seiner zynischsten und verlogensten Sätze, aus denen auch nur hervorgeht, dass er entweder lügt oder selber keine Ahnung hat oder nur die offizielle zionistische Propaganda nachplappert. Die Juden sind aus den arabischen Ländern nicht vertrieben worden, im Gegenteil, die Herrscher wollten, dass sie bleiben. Ich erinnere nur an die irakischen Juden, denen der Mossad Beine durch einige feigen Bombenattentate gemacht hat, damit sie nach Israel „auswandern“. Dort sind sie unglücklich und werden diskriminiert. Darüber wusste man 1981 tatsächlich weniger als heute, da inzwischen einige wichtige Romane und Sachbücher zu dieser Thematik erschienen sind. Aber dennoch, wer wissen wollte, hat schon damals gewusst, ganz besonders, dass die Palästinenser nicht „geflohen sind“, sondern vertrieben wurden. Die zuletzt im Verlag „zweitausendeins“ erschienene Dokumentation von Ilan Pappe legt alle notwendigen Beweise für eine geplante und von den Israelis durchgeführte ethnische Säuberung vor.

Kurz vor dem Abschluss seiner polemischen Abschiedsworte versäumt es Broder nicht, einen seiner Dauerrenner bzw. Dauerfeinde anzugreifen, Alice Schwarzer von Emma. Ihr wirft er vor, den „Urgedanken einer Vernichtung jüdischer Existenz“ bereits wieder populär zu machen. Ihre Sünde, ihr Vergehen besteht darin, dass sie einen Beitrag von Ingrid Strobel mit folgenden Worten angekündigt hat: „Palästina: Ingrid Strobel war vor Ort“. Das alles. Nein, das ist natürlich nicht alles. Ingrid Strobel war in Israel, sie flog von Frankfurt nach Tel Aviv, fuhr von dort quer durch Israel nach Jerusalem, traf in Ost-Jerusalem ihre PLO-Freunde. Und daraus schließt Broder: „Für Emma gibt es kein Israel mehr, die zweite Phase der Endlösung ist offenbar bereits beschlossene Sache und nur noch eine Frage der Zeit.“ Broder liebt solche bombastischen Vergleiche, für ihn geht es immer um alles oder nichts. Und es geht ihm immer noch um das Überleben des jüdischen Volkes, das von den Kassam-Raketen, die auf Sderot abgeschossen werden und in der leeren Wüste landen, bedroht wird. Die amerikanischen Hochtechnologiewaffen, die Tausende von Palästinensern töten, sind ihm keine Silbe wert. Der Un-Gedanke einer Vernichtung jüdischer Existenz bereitet ihm seit Jahrzehnten schlaflose Nächte, dabei steht das palästinensische Volk vor seiner „Vernichtung“, indem die israelische Regierung die Bewohner von Gaza aushungert und sie in Unterernährung hält. Die daraus folgenden genetischen Schäden dürften auch Broder bekannt sein.

Es reicht, Broder will mit „Euch nichts mehr zu tun haben“. Wir schreiben allerdings das Jahr 1981. Gnädig lässt er nur noch einige deutsche Freunde gelten, nach der Devise: Früher kannte jeder Deutsche wenigstens einen anständigen Juden. 1981 kannte Broder wenigstens neun  anständige Deutsche: Uwe, Manfred, Detlef (!), Barbara, Hilde, Peter, Hanno, Günter und Gerhard. Die Hilde hat er später sogar geheiratet, obwohl sie keine Jüdin war. Broder wollte 1981 nicht der antifaschistische „Bedarfsjude“ werden – er ist der journalistische Hofjude und „Pausenclown“ geworden.

Wie schön wäre es in Deutschland, wenn Broder in Israel geblieben wäre. 1981 dorthin ausgewandert, „Aliya“ gemacht, das bedeutet, dass wir ruhige 34 Jahre gehabt hätten. Stattdessen kam er bald zurück. Er verschwand durch das Haupttor, das ihm „DIE ZEIT“ öffnete und kam zurück durch irgendeine Hintertür, die keiner kennt. Kein Artikel in der ZEIT, kein Abschied von seinen rechten israelischen Freunden, keine Erklärung, wieso er wieder im Land der Täter leben kann. Plötzlich war Henryk wieder da und gleich im Fernsehen. In Israel hat es ihm offenbar nicht gefallen. Oder? Tatsache ist, dass er als Wolfshund aus Deutschland ausreiste und als Kampfpudel wieder einreiste. Er fing plötzlich an, jeden zu beißen, der sich kritisch mit Israel befasste, ob Linker, Rechter, einfacher Deutscher, Jude oder gar Israeli. Es reichte eine harmlose Militäraktion zu verurteilen oder einen israelischen Politiker zu dämonisieren. Broder hat gebissen. 1981 schrieb er noch, dass er keine politischen Freunde hat und sich nicht mit Reaktionären liieren kann, nur weil sie zufällig Juden lieben. Heute nennt er sich selber „ein Reaktionär“. Dann merkte er wohl, dass das Gegenteil von Antisemitismus der Philosemitismus ist, und Philosemiten nur Antisemiten sind, die Juden lieben. Zu seinem Judentum gehörte die Einsicht, dass ein jüdischer Staat eine historische und politische Notwendigkeit ist, an der er nicht rütteln mochte. Er hat sich aber offensichtlich so sehr in seiner Einsicht gesteigert, dass für ihn auch die kleinste Kritik an Israel ein Rütteln an seinen Fundamenten bedeutet. Und wenn es Juden und Israelis waren, die ihren Staat kritisierten, dann waren es entweder „Nestbeschmutzer“ oder „jüdische Selbsthasser“.

Die linken Punks und ignoranten Dogmatiker, mit denen Broder anscheinend zu tun hatte, sind mit Sicherheit nicht beispielhaft für die Situation in Deutschland. Wenn Zynismus und Wut jedoch, wie bei Broder, in eine Verallgemeinerung, ja abrechnend-resignative Gesamtschuldanklage umschlägt, und von „vererbten Rassismus“ die Rede ist, begibt sich Broder nun seinerseits in den Kreis jener, die statt „differenziert–abgrenzend“ nun umkehrend–generalisierend argumentieren, also eben das praktizieren, wofür Broder die deutsche Linke in Grund und Boden verdammt hat. Broders Kritik am Rassismus der Genossen wird brüchig, wo sie verallgemeinernd und trotzig ist. Seine selbstgerechte Haltung gegenüber Israel, dessen unzweifelhaft rassistische und kolonialistische Ideologie und Politik kann auch Broder nicht unbekannt geblieben sein, aber er antwortet mit apologetischer Doppelmoral, also mit eben jener Geisteshaltung, deren er seine „mehr oder weniger linken Freunde“ zu Recht oder zu Unrecht beschuldigt. Er macht aus Israel seinen „Über-Staat“ (Israel, Israel über alles, über alles in der Welt!) und erfindet die Formel Antizionismus = Antisemitismus: Eine wunderbare Zauberformel, die in den nächsten Jahren durch die deutsche und internationale Presse Karriere macht. Er beschimpft all jene Juden, die mit ihm nicht gleichziehen als „Selbsthasser“ und versucht sie damit zu disqualifizieren.

Immer wieder werde ich von Leuten gefragt, die Broder früher kannten, was aus ihm geworden und wieso er so geworden ist, wie er ist: Ein unappetitlicher Giftzwerg mit der Figur eines Dirk Bach. Man denkt, dass ich, als einer seiner längsten Begleiter, zuerst Freund und später Gegner, darauf eine Antwort habe. Sein Freund F., der auch schon in Köln dabei war, meint, dass Broder Geld aus den USA bekommt. Ich glaube es nicht. Ich glaube, er bekommt Geld aus Israel. Aber macht es denn wirklich einen Unterschied, woher das Geld stammt, mit dem er für seine Tollwut vielleicht bezahlt wird?

Ich könnte mir gut vorstellen, dass es wie folgt abgelaufen ist: Broder ist in Israel erfolglos gewesen, denn es gibt in Israel genug Broders, die vielleicht noch begabter sind. Er bleibt vollkommen unbekannt, denn unter Blinden kann nur ein Einäugiger König sein, aber Broder ist auch blind, wie die meisten Israelis und solche Stimmen wie seine, gibt es in Israel mehr als genug. Bald hat er Geldsorgen. Es fällt ihm schwer, Hebräisch zu lernen, und die enge Atmosphäre im Land geht ihm auf die Nerven. Sein Buch „Die Irren von Zion“ ist ein Zeugnis dieser ersten Monate. Er schlendert herum in den Räumen der ausländischen Presse, verbessert enorm sein English und hat immer noch keine Ahnung von Hebräisch. Sein Frust fällt auf. Er bekommt eines Tages Besuch von einem netten, drahtigen jungen Mann, der elegant gekleidet ist und sogar eine Krawatte trägt, die in Israel immer noch nicht zum modischen Muss gehört. Man geht in die Altstadt und lässt sich in einem arabischen Restaurant Pitta, Falafel, Humus und Auberginen servieren, zusammen mit Salzgurken, Tomaten, Zwiebeln und Joghurt. Man isst, genießt und kommt zu Sache.

„Herr Broder, sie langweilen sich doch hier in Israel.“ –

„Wieso?“ –

 „Nun, wir haben so unsere Informationen.“ –

 „Wer sind sie?“ –

 „Das tut nicht zur Sache, nennen sie mich Usi.“ Usi ist Mitarbeiter des Außenministeriums im Bereich „Hasbara“. Die Übersetzung dieses Wortes ins Deutsche bedeutet „Erklärung-Aufklärung“. In Wirklichkeit geht es aber um knallharte Propaganda. Dort ist man auf Henryk M. Broder aufmerksam geworden. Man wusste, was er kann und man ahnte, wozu er fähig ist.

„Und was wollen Sie, Usi?“

„Ihnen ein Angebot machen, bei dem Sie nicht nein sagen können.“

„Oh, das klingt ja nach Mafia. Oder?“

„Das klingt gut und darauf kommt es an: Wir sehen doch, dass Sie hier nichts zu tun haben. Keine israelische Zeitung braucht Sie und Ihr Kontakt zu den deutschen Zeitungen wird immer schwächer. Sie sind kein offizieller Korrespondent irgendeiner der großen deutschen Zeitungen. Wir können Ihnen aber ein gutes Angebot machen. Sie gehen nach Deutschland zurück. Wir sorgen für alles. Wir besorgen Ihnen einen guten Job und später sogar einen Einstieg beim SPIEGEL. Wir haben da unsere Beziehungen. Verlassen Sie sich auf uns. Wir zahlen Ihnen in Dollar, Mark, Pfund oder isländischer Krone, wenn Sie wollen. Auf einer Bank in Israel, in den USA oder in Island.“

„Und was soll ich machen?“

„Nichts!“

„Was heißt denn nichts? Für nichts gibt der Jud nichts!“

„Nun ja, für Sie ist es nichts, für uns ist es schon etwas wert. Schreiben können Sie, das wissen wir. Streitsüchtig, polemisch und zynisch sind sie auch. Sie sollen alle Journalisten, Schriftsteller, Künstler und Politiker angreifen, lächerlich machen, und wenn es sein muss, platt machen, die Israel schaden können, die eine anti-israelische Politik machen, auch wenn es Juden sind.“

„Das alles?“

„Ja, das alles.“

„Und wenn ich verklagt werde?“

„Dann stellen wir Ihnen unsere Juristen zur Verfügung und übernehmen alle Kosten.“

So ungefähr oder vielleicht etwas anders, könnte es gewesen sein. Broder ist klug, zu klug, als das er die absurden Thesen glauben sollte, die er verbreitet. So hat er kürzlich sogar versucht, das ZDF plattzumachen, indem er der Sendeanstalt vorgeworfen hat, auf einem Auge blind zu sein, weil diese die Namen der Täter, die in Paris ein jüdisches Paar überfallen hatten, nicht nennen konnten, da die französischen Ermittlungsbehörden keinerlei Angaben über Herkunft und Identität der Täter machen wollten. Für Broder war aber die Sache klar: „Kann man über Antisemitismus in Frankreich berichten, ohne über den Islam und den Islamismus im Land zu sprechen?“ Broder hat von sich heraus oder vielleicht durch Verbindung mit dem israelischen Mossad herausgefunden, dass es sich um Antisemitismus handelt und dass die Täter Islamisten waren. Dabei war es ein ganz gewöhnlicher Raubüberfall, bei dem es um Geld ging und bei dem die Opfer zufällig Juden waren.

Es bleibt uns nur noch zu hoffen, dass Broder in Zukunft etwas vorsichtiger sein wird, nachdem das Landgericht in München entschieden hat, dass man als „Antisemiten“ nur jemanden bezeichnen kann, der auch gegen Juden sei. Und Schmähungen, wie sie Broder unkontrolliert gegen jeden beliebigen Prominenten ausspricht, sie seien „glühende Antisemiten“ oder „lupenreine Antisemiten“ wird er in Zukunft vor Gericht belegen müssen, ob es sich um Jakob Augstein handelt, um Didi Hallervorden oder Günter Grass. Damit hat endlich ein deutsches Gericht das als Urteil ausgesprochen, was ich schon seit Jahren sage und schreibe: Antisemit ist nur, wer Juden hasst, weil sie Juden sind. Alles andere ist Interpretationssache.

2 Gedanken zu “Geschichte eines jüdischen Clowns

  1. Ein geistreicher und informativer Beitrag! Es ist einzig bedauerlich, dass Ihre Zeitung nur in einem kleinen Kreis von Lesern bekannt ist.

    Auf der Propagandaschau-Seite gab es dazu übrigens auch einen Artikel mit einer recht langen, aufschlussreichen Diskussion:

    http://propagandaschau.wordpress.com/2014/12/10/springers-welt-broder-vermisst-anti-islamische-hetze-im-zdf/

    Herr Broder scheint testamentarisch von Hermann Goering die Deutungshoheit – „Wer Jude ist, bestimme ich!“- geerbt zu haben, aber sein Monopol wird brüchig.

  2. Zitat: „Ob das stimmt oder nur teilweise stimmt, ist doch vollkommen irrelevant.“

    Nein, das ist es gar nicht. Eine redliche Geschichtsschreibung über die KZ ist längst einer dramaturgischen gewichen, die auch die Grundlage der Broderschen Polemik bildet.

    Wenn ich mir die vielen Antisemiten anschaue, die Broder geoutet hat, dann muss Hitler etwas anderes gewesen sein.

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