Ist Michael Wolffsohn senil?

Die Frage ist nicht unberechtigt, wenn man seinen letzten Beitrag vom 6. Juli 2017 in der „Jüdischen Allgemeine“ liest, dem Zentralorgan des Zentralrates der Juden in Deutschland.  Natürlich in der Jüdischen Allgemeine, denn eine andere halbwegs liberale und vernünftige Zeitung hätte diesen selbstgerechten, weinerlichen und unverschämten Unsinn niemals gedruckt.

Wolffsohn beklagt, dass nach seiner Meinung „angeknackte“ Verhältnis zwischen Israel und Deutschland. Er behauptet, dass „seit 1981 gehört Israel in der deutschen Öffentlichkeit kontinuierlich zu den unbeliebtesten Staaten.“

Ich lebe aber auch in diesem Deutschland und kann das auf keinen Fall bestätigen. Ich habe noch im Auge die riesengroße Überschrift der BILD-Zeitung nach einem Selbstmordattentat in Tel Aviv: „Wir weinen mit Israel!“ Und meine tägliche Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ist die, dass die Deutschen felsenfest hinter Israel stehen und vor jedem israelischen Kriegsverbrechen die Augen verschließen, auch wenn es einige, leider zu wenige Deutsche gibt, darunter auch viele Juden und Israelis, die hier leben, die Israels Politik kritisieren, was nichts, aber auch gar nichts zu tun hat mit „Israel-Kritik, Israel-Distanz und schließlich Antizionismus und Antisemitismus.“ Dieses ewige Mantra der zionistischen Juden à la Wolffsohn und Broder ist inzwischen so langweilig, wie das Vorlesen der Börsenkurse für Menschen, die keine Aktien besitzen. 

Und wie gehabt, richtet sich Wolffsohns Kritik gegen die „Altlinken“ und „Neulinken“. Den Altlinken wirft er vor, dass ihr Antisemitismus schon vor Israels Staatsgründung begann. Er meint wohl auch die SPD, die im Gegensatz zur CDU die Wiedergutmachungsgesetze im Bundestag gerettet hat oder die kommunistischen Staaten, allen voran die UdSSR, die Israel die Waffen geliefert haben, die Israel erst in die Lage versetzt haben, den Krieg von 1948 zu gewinnen. Und die Neulinken, wie die Grünen, die SPD, die FDP und die Union mit „Blüms Anti-Israelismus“ werden alle gleich über einen Kamm geschoren und als Antisemiten abgestempelt. Wie gut, dass es bei der AfD noch „wenige Pro-Israel-Stimmen“ gibt. Seniler geht es wohl nicht mehr.

Schuld daran ist, nach der akademischen Meinung des naiven Professors, der aus mir unerklärlichen Gründen immer noch von Medien gefragt und in Rundfunk und Fernsehen seine Auftritte hat, wo er Intendanten beleidigt und sich als Besserwisser präsentiert, der „Bruch und Umbruch der deutsch-israelischen Beziehungen und vor allem Deutschland.“ Es liegt an Merkel, Steinmeier und Gabriel, dass es zwischen ihnen und Trump, May, Orban, Kaczyński, Erdogan und, versteht sich, Netanjahu kriselt und kracht. Die soeben erwähnten sind ja unschuldige Schafe in den Augen Wolffsohns, während die deutschen Politiker die Wölfe sind, die die Zähne fletschen und zubeißen möchten. Trump, ein lupenreiner Demokrat; May, eine „gewählte“ Volksvertreterin; Orban, von der Mehrheit der Ungarn gewollt; Erdogan, ein Demokrat wie er im Buche steht; und Netanjahu, ein Volksheld und moralisch über alles erhaben. Wenn man es so betrachtet, dann wurde ja Hitler auch demokratisch gewählt, und zwar von der Mehrheit der Deutschen. Wolffsohn wirft nun der deutschen Politik vor, sie wolle diese erhabenen und über jeden Zweifel integren Politiker „in die Pfanne hauen“. Nein, sie müssen nicht in die Pfanne gehauen werden, aber doch hin und wieder an demokratische Spielregeln erinnert werden, Netanjahu ganz besonders.

Erst vor wenigen Tagen besuchte er seinen Kollegen Victor Orban, der verdächtigt wird, ein Antisemit zu sein, in Budapest. Aber da Orban Rechtsaußen steht ist er Netanjahu genehm, obwohl die jüdische Gemeinde in Ungarn vor Zorn und Wut gekocht hat. Einige Tage vor diesem Treffen nahm Orban teil an einer Gedenkfeier für den Admiral Miklosz Horty, der immerhin im Zweiten Weltkrieg mit den Nazis kollaboriert hat und dafür sorgte, dass hunderttausende von Juden den Nazis ausgeliefert wurden. Wie konnte Orban diesen Kriegsverbrecher loben, am Abend des Besuches des Ministerpräsidenten des Juden-Staates? Und wie konnte Netanjahu das ignorieren?

Der eitle und arrogante Besserwisser Wolffsohn erwähnt hämisch und vollkommen deplatziert, dass Deutschland angeblich neue, alternative Partner sucht: China, Indien, Mexiko, Argentinien und Iran, „der sich anschickt, Israel und die gemäßigten arabischen Staaten direkt und indirekt militärisch zu umzingeln.“ Dabei wird doch der Iran, und das sollte ein Bundeswehrprofessor wissen, selbst umzingelt von den USA und ihren Verbündeten. Und Wolffsohn erlaubt sich noch ein Urteil über die „demokratischen und menschlichen Qualitäten dieser o.g. Staaten. Ist etwa Israel „demokratisch und menschlich“ über jeden Zweifel erhaben? Da gibt es aber sehr viele Menschen, darunter auch hunderttausende wenn nicht gar Millionen von Juden und Israelis, die anders denken als Wolffsohn.

Wolffsohn stellt die „europäischen Werte“ in Frage und fragt: „Was sind und wer vertritt diese europäischen Werte? Steht Israel, stehen gar „die Juden“ außerhalb dieser Werte? Jedenfalls vertreten Erdogan und Orban, Trump und May und auch Netanjahu nicht die europäischen Werte, die im Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland am besten ausgedrückt sind. Und was „die Juden“ betrifft, so ist das wieder eine zynische und perfide Unterstellung, die auf denjenigen zurückfällt, der sie stellt. Wolffsohn selbst vertritt keine europäischen Werte und steht wohl auf Kriegsfuß mit dem Grundgesetz.

Er glaubt einen Beweis für die „Judenfeindlichkeit“ der Deutschen darin zu finden, dass Bundespräsident Steinmeier jüngst bei seinem Doppelbesuch von Israel und Palästina am Grab von Jassir Arafat einen Kranz niederlegte. Er nennt Arafat „einen der Urväter des modernen Terrorismus“. Mag sein, dass er Recht hat, aber wenn Arafat ein Urvater ist, dann sind Begin und Shamir, und eigentlich auch Ben-Gurion und Shimon Peres die Urgroßväter des zionistischen Terrorismus. Begin und Shamir wurden von den Britten steckbrieflich als Terroristen gesucht.

Als Netanjahu in Budapest war, traf er sich mit den Ministerpräsidenten von Ungarn, Polen, Slowakei und Tschechien in einem geheimen Treffen. Ein naiver Techniker vergaß, die Mikrophone der Journalisten, die draußen gewartet haben, abzuschalten und so lauschten sie über 20 Minuten dem geheimen Vortrag von Israels Ministerpräsidenten. Vor seinen neuen Freunden, alle rechtsradikale Politiker und fragwürdige Demokraten, hat er sein Herz ausgeschüttet. Er sagte, dass das liberale West-Europa, das seine Hilfe für Israel mit der Erhaltung der Menschenrechte in Israel verbündet, (was für eine Unverschämtheit der Europäer) „verrückt“ sei und auf dem besten Wege „Selbstmord“ zu begehen. Europa verstehe nicht, dass Israel die letzte Mauer vor dem Strom der Moslems sei.

An was erinnert das? In seinem Buch „Der Judenstaat“ schrieb Herzl: „Für Europa würden wir dort (Palästina) ein Stück des Walles gegen Asien bilden, wir würden den Vorpostendienst der(europäischen) Cultur gegen die Barbarei besorgen“. Diese Zeile wurde vor 121 Jahren geschrieben, auf dem Höhepunkt des Zeitalters des Kolonialismus. Ihre Wiederholung heute ist, um die Worte von Netanjahu zu gebrauchen – „verrückt“.

Wolffsohn fragt: „Ob der neue deutsche Kurs gegenüber den USA und Israel den langfristigen Interessen der Deutschen und Deutschlands dient?“ Er mein, es darf bezweifelt werden. Denn „mit oder ohne Bibi und Trump sind Deutschland und Europa nämlich in den folgenden lebensentscheidenden Bereichen auf absehbare Zeit von den USA und Israel abhängig: Cyberwar und Hacking, Waffentechnologie (Drohnen, Anti-Raketen-Raketen), IT-Fortschritte.“

Israel wollte einst ein „Licht für die Völker“ sein (Or La-gojim), ein moralischer Leuchtturm, so steht es in Israels Unabhängigkeitserklärung von 1948. Israel ist aber ein Waffenlieferant geworden und Spezialist für Bewachung und Unterdrückung von Menschenmassen. Dieses Knowhow, das Israel in den besetzten Gebieten erwirbt, die als Versuchslaboratorium dienen, exportiert der Judenstaat und Prof. Michael Wolffsohn ist noch stolz darauf.

Mag sein, dass er Recht hat, was ich persönlich bezweifle, aber selbst wenn, dann ist es für mich nur ein Grund zu fordern, dass Deutschland und Europa sich endlich von dieser „Abhängigkeit“ befreien, wie auch von der Anhängigkeit von der Türkei und endlich eine Politik betreiben, die mit dem Grundgesetz und den westlichen Werten vereinbar sind. Eine moralische Politik, denn es ist nicht wahr, dass Politik nichts mit Moral zu tun hat. Die Basis einer jeder guten Politik ist die Moral, der kategorische Imperativ eines Immanuel Kant.

Zynisch beendet Wolffsohn seinen armseligen Beitrag mit dem Satz: „Wer ist moralisch, wer nicht? Darüber kann man subjektiv streiten. Interessen sind objektiv. Deutschland hat die Wahl.“

Wenn das sein Credo ist, wenn danach Politik geurteilt und verurteilt werden soll, dann waren auch die Interessen Hitlers subjektiv von seinem Standpunkt aus moralisch. Schließlich hat er deutsche Interessen vertreten. Dass er sich am Ende verkalkuliert hat, ist etwas anderes. Vielleicht verkalkulieren sich am Ende auch Trump, May, Orban, Kaczyński Erdogan und Netanjahu.

2 Gedanken zu “Ist Michael Wolffsohn senil?

  1. Lieber Herr Melzer,
    ich kann Ihnen nur zustimmen (dass wir uns in Frankfurt vor kurzem mal persönlich getroffen haben, hat mir sehr gefallen): Herr W. ist ein Manipulator, seine sog. Wahrheiten und Durchblicke stehen auf tönernen Füßen und fallen in sich zusammen, wenn man sie redlich hinterfragt und mit Fakten konfrontiert. Er macht sich interessant und geheimnisvoll für die Medien, weil er sich als Wissender inszeniert, dessen intransparente Argumente ohnehin keiner so richtig versteht.
    Sein Vorteil ist, immer wieder erkennbar, dass er sich in einer Gesellschaft, nämlich der deutschen, darstellen kann, deren Politiker, Medienvertreter und teilweise auch Bürger ein heuchlerisches Verhältnis zum Grundgesetz zu haben scheinen. Grundgesetz ja, aber 50 Jahre Besatzung Palästinas mit all den Menschenrechtsverletzungen auch ja! Ein anstrengender Spagat, den man nur durch das verschleiernde Weichspülen beider Positionen überleben kann. BK Merkel hat mal vor einigen Jahren gesagt, Außenpolitik müsse immer auch wertegeleitete Politik sein. Seit einiger Zeit ist mein Eindruck: Je schlimmer die Diktatoren (in steigender Reihenfolge Putin, Erdogan, Netanjahu), desto nachsichtiger begegnet Merkel ihnen. Das ist Heuchelei pur, andere sagen, das sei Diplomatie. Ich will das hier nicht vertiefen. Mir wird dann immer übel und ich muss mich übergeben. Ehrliches Mitgefühl und Integrität bleiben jedenfalls auf der Strecke.
    Die Meinungsfreiheit ist unser höchstes Gut. Abgesehen von beleidigenden persönlichen Angriffen, darf jeder sagen, was er meint. Das gilt auch für die Kritik an Israel und für Herrn W. Tatsache ist jedoch, dass unser höchstes Gut massiv an Bedeutung verliert. Einfach dadurch, dass unbequeme Meinungen einfach nicht angehört werden. Wer sie äußert, stößt auf taube Ohren, wird totgeschwiegen. (Bei der Kritik an Israel kommt noch die sattsam bekannte Angst hinzu, als Antisemit abqualifiziert zu werden). Für unser demokratisches Gemeinwesen ist das eine gefährliche Entwicklung.
    Herr W. kann auch diese Situation für sich nutzen: Seine Äußerungen lassen meist mehrere Interpretationen zu, sind immer wieder undurchschaubar und dadurch präsentabel. Dadurch bleibt er im Spiel. Andere, die eindeutig ihre Meinung sagen, grenzen sich sofort aus, wenn ihre Meinung in ihrer Ausprägung nicht konform ist.
    Eine allseits akzeptierte Heuchelei gegenüber der Politik Israels und eine Meinungsfreiheit, die nur systemkonforme Meinungen zulässt, das sind die Kulissen, vor denen sich H. Wolffsohn immer wieder als „Wissender“ zelebrieren kann. Ohne diese Kulissen würde er keinen Auftritt in der Öffentlichkeit bekommen; statt dessen würde man ihn als „falschen Fuffziger“
    identifizieren und links oder rechts liegen lassen.

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