Mathias Döpfner und die „Lage Israels“

Der 7. Januar 2015 hat auch in der Redaktion des Broder-Blogs, „Achse des Guten“, wie eine Bombe eingeschlagen. Man war betroffen, man war vor allem schockiert, weil man nicht wusste, wie man darauf reagieren sollte. Nur vier Tage später, nach der furchtbaren Tat von Paris, veröffentlicht der verlogene Rattenfänger auf seinem Blog den Beitrag: „Je ne suis pas Charlie – und gerade deshalb für die absolute Pressefreiheit!“ von Matthias Heitmann.  Ich schrieb daraufhin an die „Achse“: „Hallo Kollegen, ich freue mich, dass ihr euch endlich für die „absolute Pressefreiheit“ bekennt. Ich hoffe es gilt auch für Kritik an der Politik des Staates Israel. Mit kollegialen Grüßen, Abraham Melzer“.

Matthias Heitmann schreibt auf diesem neokonservativen bis reaktionären Blog: „Wer für sich das Recht in Anspruch nimmt, die eigene Meinung zu äußern, ist noch lange kein Kämpfer für die Meinungsfreiheit. Erst, wenn man das Recht von Standpunkten verteidigt, mit denen man sich nicht identifiziert, tut man etwas für die Meinungs- und Pressefreiheit.“ Man könnte glauben, dass für das Blog „Achse des Guten“ eine neue Zeit angebrochen sei. Man traut seinen Augen nicht, wenn man Zeilen wie folgende liest: „Es geht bei diesem Freiheitsrecht also nie um eine konkrete Sichtweise, die für sich genommen unbedingt zu verteidigen wäre, sondern einzig und allein um das vollständige und unbeschnittene Recht des Individuums, selbst zu entscheiden, was es sehen, hören oder lesen und was es denken und sagen will.“ Man kann nur hoffen, dass die „Achse“ diese Worte für die Zukunft beherzigen wird, aber man kann es kaum glauben.

Diese Absicht dauerte auch nicht lange. Schon vierundzwanzig Stunden danach erschienen im Blog Hetzbeiträge vom zionistischen Wachhund Ulrich Sahm, vom deutschen Hetzprediger Thilo Sarrazin, vom islamophoben Akademiker Professor Dr. Dr. Gunnar Heinsohn und von Broders Fan Clemens Wergin. Wenige Tage später publiziert Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender des deutschen Medienunternehmens Axel Springer SE., im selben Blog seine Neujahransprache vor der Springer-Belegschaft. Er versäumt es nicht, von der Lage Israels zu sprechen und daran zu erinnern, dass Israels Sicherheit „in unserem eigenen vitalen Interesse ist“. Kein Wort von der Sicherheit der Palästinenser. Er beendet seine Ansprache mit der Aufforderung an alle Zuhörer, dass sie lachen  sollen, denn „Lachen ist Freiheit. Freie Menschen lachen – und sind glücklich. Und denken Sie daran: dieses Glück steht allen zu.“

Leider leben aber zu viele Menschen auf dieser Welt, die nichts zu lachen haben, darunter auch die Palästinenser, an deren „Unglück“ nun mal die Israelis schuld sind. Warum erkennt ein so kluger Mensch wie Mathias Döpfner nicht, dass der Anschlag in Paris, mit dem er seine Ansprache begann, nicht zuletzt auch damit zu tun hat, dass Leute wie er immer wieder über die „Lage Israels“ sprechen und vergessen zu erwähnen, dass diese Lage, wie ein siamesischer Zwilling, auch mit der Lage der Palästinenser zu tun hat. Ist denn die Sicherheit der Palästinenser nicht etwa „in unserem eigenen vitalen Interesse“?

Damit zeigt uns Doepfner, dass er sehr wohl weiß, dass das Attentat von Paris nichts mit Antisemitismus zu tun hat und dass die Juden im jüdischen koscheren Supermarkt nicht ermordet wurden, weil sie Juden waren, wie es uns die israelischen Politiker, allen voran Benjamin Netanjahu, sagen, sondern, dass das Attentat auch im Zusammenhang mit der unlösbaren Situation im Nahen Osten zu tun hat. Professor Hans Küng sagte 2006 im Zusammenhang mit den Mohammed-Karikaturen folgendes: „Es ist zu fragen nach den Wurzeln dieser Gewaltausbrüche. Am dringendsten muss aber das Palästina-Problem gelöst werden.“ Er hat schon damals erkannt, dass das Palästina-Problem alle anderen Probleme von Terror und Unterdrückung überstrahlt und beeinflusst. Am Palästina-Problem kann man am deutlichsten die Verlogenheit der westlichen Welt und unserer Politiker sehen und erkennen. Und es kann und darf doch niemanden wundern, wenn radikale Islamisten auch in den Juden ihre Feinde sehen, wenn diese sich immer wieder hinter Israels Taten stellen und diese rechtfertigen.

Ich wundere mich auch über die französische Regierung, die zugelassen hat, dass die Leichen der vier ermordeten Juden in Windeseile nach Israel transportiert worden sind und dazu noch in Begleitung einer französischen Ministerin, die ihnen am Grab die französische Medaille der Ehrenlegion überreicht hat. Besser hätte Frankreich nicht demonstrieren können, dass es seine Juden nicht haben will und die Rede des Präsidenten als Heuchelei und Lüge demaskieren, der dem Sinn nach gesagt hat, dass Frankreich seine Juden braucht und sogar liebt. Das alles ist aber auch ein Zeichen für die sogenannten Islamisten und für alle Muslime und Franzosen, dass für Juden der Staat Israel zuständig ist und dass die Juden es auch so haben wollen.

Das ist aber seitens des Staates der Juden ein Tanzen auf dem Vulkan, auf dem Blut von Mordopfern, die sich nicht mehr wehren können. Es ist eine bewegende Geschichte, die die zionistische Hasbara in aller Eile erfunden hat und jetzt weltweit verbreitet. Es ist eine kitschige Geschichte von frommen, zionistischen Juden, die ermordet wurden, bevor sie nach Israel auswandern konnten. Das ist eine zynische und propagandistische Erfindung. Das war nicht die Wirklichkeit, wenige Minuten vor dem Massaker. Im Gegenteil. Paris war ihr Zuhause und ihre Koffer waren  nicht gepackt und zur Abreise vorbereitet.

Das staatliche israelische Fernsehen hat aus der Trauerfeier ein Propagandaspektakel gemacht und bemühte sich, die schockierten und trauernden Familienangehörige der Ermordeten zu interviewen, um die Emotionen der Zuschauer zu bewegen und ihren Zionismus zu festigen. Es war peinlich mit anzusehen, wie man darauf bestand, noch den letzten Tropfen an Zionismus aus den Betroffenen herauszupressen. Es war eine Gehirnwäsche im wahrsten Sinne des Wortes.

Aber zurück zu Döpfner und dem Springer-Konzern. Man beklagt dort die Opfer des brutalen Anschlags, schwört Einigkeit und Recht und Freiheit, aber beschäftigt weiterhin Hetzer und Reaktionäre, die auf diese Einigkeit pfeifen und Freiheit nur für sich selbst wollen, niemals für alle. Viele Kollegen und Leser haben inzwischen die Nase voll von diesem Hassprediger und Rattenfänger, der die Islamophobie in Deutschland salonfähig gemacht und den Antisemitismus ad absurdum geführt hat. Den Vorwurf des Antisemitismus kann heute dank Broder jeder „Spaßvogel als Kloake“ für seine zionistische Ideologie missbrauchen. Und es ist wohl kein Zufall, dass man den Namen Henryk M. Broder immer wieder in Zusammenhang mit Ereignissen wie den Massenmord an 77 unschuldigen Menschen in Norwegen durch Anders Behring Breivik oder den Kundgebungen der Pegida in Dresden hört und liest. Peter Richter schreibt in der Süddeutschen Zeitung über die Pegida Kundgebung vom 5.Januar 2014: „Und als am Ende ein Zitat von Henryk M. Broder bejubelt wird, da ist es fast schon egal, wie happy nun ausgerechnet der Broder wäre, wenn er sehen könnte, wer hier so alles zu seinen Worten johlend die Hände ineinander patscht.“ Und es ist möglicherweise ein Zitat aus seinem Beitrag in DIE WELT vom 20.12.2014, wo er unter anderem zur Rechtfertigung der Demonstranten schrieb: „Was wir seit Monaten in Deutschland erleben, ist ein Festival des Wahnsinns.“ Und er fügt hinzu: „Man kann die Ansichten der Demonstranten für albern, dumm und maßlos halten. Aber sie sind nicht alberner, dümmer und maßloser als die Ansichten, die Jakob Augstein oder Jürgen Todenhöfer bei Illner und Plasberg von sich geben.“ Broder betitelte Jakob Augstein als einen „puren Antisemiten“, und Jürgen Todenhöfer nannte er einen  „Aftermieter eines Diktators“.

Broder, ein windiger Populist schlägt sich auf die Seite von Pegida, ganz so, wie es sich für einen Mitarbeiter der „Volks-Blatt-AG“ gehört. Von „absoluter Meinungsfreiheit ist er weit entfernt. Er hält sich weiter an sein Motto: „Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht.“ Er beleidigt und diffamiert Prominente, wie zum Beispiel Didi Hallervorden: „Didi, du Knallcharge, du bist der Prototyp des postnazistischen Antisemiten. Komm, verklag mich doch. Ich kann dir sogar einen Anwalt empfehlen, der sich auf die Verteidigung von Antisemiten spezialisiert hat. Make my day, you scumbag.“

Alle wollen jetzt für die Meinungsfreiheit kämpfen. Natürlich für ihre Meinungsfreiheit. Broder tut es eh schon seit vielen Jahren. Jetzt hat er sich offensichtlich ganz auf die Seite der obskuren Montagsdemonstranten geschlagen, die ganz deutlich rechts stehen und außer Unbehagen an den herrschenden Verhältnissen und Hetze gegen Immigranten und Fremde nichts hervorgebracht haben. Er sympathisiert auch mit der AfD, was sein gutes Recht ist, aber es ist auch unser Recht darauf aufmerksam zu machen und ihn zu demaskieren.

Aber jeder hat Recht, der von Broder nichts mehr wissen und hören will. Viel schlimmer sind die Zeitungen und Zeitschriften, die ihn drucken und seine Hetze verbreiten und öffentlich darüber klagen, dass Terroristen „unsere westliche Demokratie“ attackiert haben: die Medien, die freie Presse, kurz: die Meinungsfreiheit. Broder attackiert fast täglich die Meinungsfreiheit, die Würde des Menschen (Artikel 1 unseres Grundgesetzes) und unbescholtene Kollegen, die sich genau das geleistet haben, was alle plötzlich schützen wollen: eine freie unabhängige Meinung zum Nahostkonflikt.

Ich habe zu meinem Erstaunen gelesen, dass manche verwirrte Kollegen die Zeitschrift „Charlie Hebdo“ wegen ihrer beißenden und scharfen Karikaturen mit Julius Streichers „Stürmer“ verglichen haben. Das ist allein schon deshalb absurd, weil „Charlie Hebdo“ alle kritisierte und über alles spottete, während der „Stürmer“ nur die Juden angriff. Im Fall von Broder und der zionistischen Propagandamaschinerie, die hinter ihm steht, ist es genau umgekehrt, aber deswegen nicht anders. Er genehmigt Kritik gegen alle, nur gegen den Staat Israel nicht. Wer Israel kritisiert darf von unserer Presse- und Meinungsfreiheit nicht profitieren. Er ist per Broders Definition ein Antisemit. Ich bin sicher, dass die ermordeten Zeichner und Redakteure nicht damit einverstanden waren und wären.

Ein Gedanke zu “Mathias Döpfner und die „Lage Israels“

  1. Ich bin der SZ dankbar, dass sie anlässlich der Pariser Demonstration auf dem Foto der Seite 1 vom 12.1.15 die fast vollständige Galerie der Heuchler präsentiert. Leider fehlen J.W.Bush und Blair. Ich würde nur den traurigen Abbas und die machtlose jordanische Königin gern davon ausnehmen.
    Ansonsten haben wir die Elite der „Westlichen Wertegemeinschaft“ so ziemlich zusammen: Vom Kriegsverbrecher über die Kriegstreiber, Israel-Versteher, US-Marionetten, NSA-Beschwichtiger bis zu den Protagonisten des TTIP-Abkommens.

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