„Nützliche Idioten des US-Imperialismus“ – Die Antideutschen

von Arn Strohmeyer

Die deutsche Journalistin Eva C. Schweitzer, die in New York lebt und arbeitet, ist eine exzellente Kennerin der amerikanischen Politik, Geschichte und Kultur. Da die deutsche Politsekte der Antideutschen neben Israel in den USA ihr großes Vorbild sieht, liegt es nahe, das politische Treiben dieses „Haufens von politisch beschädigten Politaktivisten“ einmal aus der amerikanischen Perspektive zu betrachten bzw. zu diagnostizieren, welchen Einfluss Amerika (genau gesagt: das extrem nationalistische und bellizistische Lager dort) auf diese selbst ernannten deutschen Heilsbringer hat.

Die Autorin spart nicht mit sarkastischen Charakterisierungen für die Antideutschen, wie sie überhaupt eine geniale Gabe für sprachliche Zuspitzungen hat, die aber meistens den Kern der Sache sehr genau treffen. So betitelt sie diese ehemals linken Politstrategen als typisch „deutsche kontrollfreakige Besserwisser, deren Lebensphilosophie es ist, andere zu bestandpauken, wo es langzugehen hat.“ Oder: „Die Antideutschen sind die Reichsbürger der früheren Linken.“ Oder: „Sie sind eine Art Frankenstein’sche Kreatur. Diese neueren deutschen Verrücktheiten sind die Spottgeburt einer Zwangsheirat des stolzen amerikanischen Sendungsbewusstseins, das im Wilden Westen wurzelt, mit dem deutschen Belehrbedürfnis. Das ist nicht gut für Amerika und nicht gut für Deutschland.“ Oder ein Zitat von Kurt Tucholsky, das die Autorin auf die Antideutschen anwendet: „Die Blonden sind ganz umgängliche Menschen. Aber die Dunklen, die gern blond sein möchten…“ 

Die Geschichte dieser obskuren Politsekte ist bekannt: Ihre Hauptvertreter kommen aus den kommunistischen K-Gruppen, die sich in den 70er Jahren als späte Ausläufer der außerparlamentarischen Opposition der 68er bildeten, sich zumeist am chinesischen Vorbild orientierten und nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung einen politischen Orientierungswechsel um 180 Grad vollzogen, denn sie begriffen das Ende des Realsozialismus in der Sowjetunion, den Ostblockstaaten und der DDR als schlimmen Vorboten eines neuen großdeutschen Reiches. Die Autorin beschreibt ihren Entstehungsprozess so: „Sie gehen auf kommunistische Uni-Gruppen zurück, vor allem auf den Kommunistischen Bund [KB], auf eine Tradition aus Hysterie vor dem nächsten Weltkrieg, Deutschlandschlechtfinden, falscher Demut und als Selbsthass getarnte Fremdenfeindlichkeit.“

Ihr Deutschlandschlechtfinden und ihre falsche Demut führten zu einer tiefen Liebe zu Israel. Ihr extremer Philosemitismus produzierte seltsame Blüten: Das Bekenntnis zu diesem Staat führte dazu, dass man zum Eintritt in die israelische Armee aufrief; einige wollten sogar zum Judentum übertreten. Die Autorin beschreibt diese Überidentifizierung mit Juden sehr treffend so: „Sie glauben, durch die Zurschaustellung ihrer antideutschen Haltung in den Augen der Welt von der Erbsünde Auschwitz ausgenommen zu sein, so wie sich kleine Kinder die Hand vor die Augen halten, weil sie glauben, damit werde es dunkel. Und natürlich hätten sie alle unter den Nazis ihr Leben im Widerstand riskiert, so wie sie auch heute tapfer auf Social Media Nazis bekämpfen. Parallel dazu leben sie in der Fantasie, dass sie keine Opfer mehr sind, sondern Sieger, wenn sie sich mit Bomber Harris identifizieren [der die Bombardierung Dresdens befehligte], und das gänzlich ohne eigene Anstrengung und unter Beibehaltung der Moralflagge.“ Man kann hinzufügen, dass die Antideutschen ein musterhaftes Beispiel für die großenteils verquere und misslungene deutsche Aufarbeitung des Holocaust sind.

Der Irak-Krieg 2003, den US-Präsident George W. Bush mit dem Lügen-Argument führte, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen besitze, war der Anlass, dass die Antideutschen, die einmal Warner vor dem Imperialismus waren, rechte Bellizisten wurden, zu „Rumsfeld“-Linken, wie man spöttisch sagen könnte – Rumsfeld war damals der amerikanische Verteidigungsminister. Die Antideutschen spielten sich anlässlich dieses Krieges als „Keybord Kommanders“ auf, die die USA und Israel gegen die böse antisemitische arabische Welt verteidigen wollten und deshalb den Einmarsch in den Irak mit Nachdruck befürworteten. Natürlich nicht selbst mit Waffen, sondern mit rhetorischen Ausfällen gegen alle, die gegen diesen Krieg waren. Vor allem die Friedensbewegten bekamen eins mit der Nazikeule übergezogen.

In der bedingungslosen Parteinahme für den kolonialistischen Siedlerstaat Israel, der ganz unter US-Schutz steht, und mit dem Engagement für den Irak-Krieg machten sich die Antideutschen endgültig zur fünften Kolonne oder zum „nützlichen Idioten des US-Imperialismus“ und damit auch zum langen Arm der US-Neokonservativen (Neocons). Diese sind eine rechtsextreme Gruppe von „US-amerikanischen Kriegstreibern“, von denen – ähnlich wie bei den Antideutschen – viele ursprünglich aus dem linken politischen Spektrum (Trotzkisten) oder der liberalen politischen Szene kommen. Der Anteil von Juden bzw. Zionisten unter ihnen ist hoch. Auf George W. Bush übten sie großen Einfluss aus und kaperten unter ihm das Pentagon. Der Irak-Krieg 2003 war maßgeblich ihr Werk. Mit dem Amtsantritt von Barack Obama verloren sie ihre Machtposition und schlüpften in Israel nahestehenden Think Tanks unter. Dort machen sie gegenwärtig massiv Stimmung gegen den Iran – unterstützt von den Antideutschen.

Die Autorin untersucht ausführlich, wie es zu dieser merkwürdigen Beziehung zwischen deutschen Pseudolinken, die „links blinken, aber rechts abbiegen“ (so auch der Titel des Buches) und den Vertretern eines extremen amerikanischen Nationalismus, der zum Teil schon neofaschistische Züge trägt, gekommen ist. Die Autorin macht in erster Linie den „postkommunistischen Glaubensabfall und die Israelsolidarität“ als Ursache aus. Auf amerikanischer Seite habe nicht zuletzt die Angst vor aufständischen Schwarzen zur Entstehung der neokonservativen Bewegung geführt, bei den Antideutschen parallel dazu die Angst vor aufständischen (soll heißen: antisemitischen) Arabern. Aber es gibt auch deutliche Differenzen zwischen den Neocons und den Antideutschen. Denn die Neocons sind gar nicht antideutsch. Für sie war das Ende der Sowjetunion ein zu bejubelndes Ereignis, für die Antideutschen war der Mauerfall ein Weltuntergangsgeschehen, denn sie hielten die Sowjets für die Sieger des Zweiten Weltkrieges.

Restlos aufklären kann die Autorin die Frage nach dem Zustandekommen dieser merkwürdigen Allianz auch nicht, da sind wohl zu viele irrationale Faktoren im Spiel. Die Antideutschen sind zudem eine zu unbedeutende, weil marginale Gruppe, als dass die einst so mächtigen Neocons sie als gleichwertigen Partner ansehen würden. Die Liebe ist wohl eher einseitig: Die Antideutschen dienen sich den Neocons an und machen sich die Ideenwelt dieser abgefallenen Trotzkisten, Kalten Krieger und Krypto-Zionisten zur eigenen Ersatzreligion.

Mögen die Antideutschen auch eine marginale Gruppe sein, ihr Einfluss ist nicht zu unterschätzen und als Trojanisches Pferd für die Neocons sind sie zur Propagierung ihrer Ideen in Deutschland allemal wichtig. Die Autorin stellt dar, wie weit die gefährlichen politischen Konzepte der Neocons und Antideutschen inzwischen in die Leitideen aller deutschen Parteien – besonders der Grünen – eingedrungen sind. Die Autorin schreibt: Der Kosovo-Krieg, den vor allem der damalige Außenminister Joschka Fischer zu verantworten hatte, sei der Anfang des Umbaus der grünen Realos zu Wasserträgern der US-Politik gewesen.

Die transatlantischen Gesellschaften, denen die maßgeblichen Politiker/innen der Grünen und viele Medienvertreter angehören, verfolgen alle dasselbe Ziel: ein starkes, aufgerüstetes Europa, das unter dem Dach der NATO „im Namen der westlichen Werte“ vor allem Russland und China als Gegner betrachtet. Von Entspannung und einem europäischen Sicherheits- und Friedenssystem gemeinsam mit Russland ist nicht mehr die Rede. Kalter Krieg ist angesagt. Man darf gespannt sein, wie die entspannungswillige SPD mit den bellizistischen Grünen in der Ampel eine vernünftige Außenpolitik im Interesse des Landes machen will.

Eva C. Schweitzer hat ein wichtiges Buch geschrieben, weil es das kuriose Phänomen der Antideutschen von der amerikanischen Perspektive aus beschreibt und dabei Aspekte hervorhebt, denen man im bisherigen Diskurs über diese Politsekte kaum Aufmerksamkeit geschenkt hat.

Eva C. Schweitzer: Links blinken – Rechts abbiegen. Die unheimliche Allianz zwischen Neurechten, woken Antideutschen und amerikanischen Neokonservativen, Frankfurt/ Main 1921, ISBN 978-3-86489-342-1, 20 Euro

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