Offener Brief an Charlotte Knobloch

Sehr geehrter Frau Knobloch,

Ihre jüngsten Auslassungen gegen Jürgen Totenhöfer wegen seines Textes auf Facebook unter der Überschrift „Fassungslos in Gaza“ sind so, dass es Speiübel geworden ist. Auch ich bin fassungslos über Sie und Ihre Art zu schreiben, die primitiv und dumm ist.

Mir ist unbegreiflich, wie verantwortungsvolle und seriöse Medien Ihnen ein Forum bieten können, um Ihre Anschauungen zu verbreiten, die offensichtlich jeden Bezug zur Realität verloren haben. Wahrscheinlich aber, weil sie Jüdin sind und als solche in diesem Land Narrenfreiheit genießen, ähnlich wie Henryk Broder, wobei aber Broder zumindest schreiben kann, sie aber nur niveaulos jammern.

Sie sind in einer Weise voreingenommen und beseelt von zionistischem Gedankengut, dass ich mir ernsthaft Sorgen um Ihren Gemütszustand machen sollte, es aber nicht kann. Es ist erschreckend, wie eine angeblich seriöse Politikerin unseres Landes, die von jüdischen Werten geprägt sein sollte, derart den Boden unter den Füßen verliert. 

Noch erschreckender ist es jedoch, dass Sie Ihre verschrobene Wahrnehmung und Ihre bizarre Sicht der Dinge ungebremst der Öffentlichkeit als absolute Wahrheit verkaufen. Hier müssten eigentlich anständige Juden Sie vor sich selbst – aber auch Ihre Zuhörer und Leser – vor Ihren Vorstellungen beschützen. Was Sie von sich geben ist antijüdisch, antihuman, überheblich und falsch. Ich habe in Israel ganz andere Sachen gelernt und gesehen.

Zu Recht hieß es, Sie hätten jegliche Bodenhaftung verloren, seien arrogant und herablassend, völlig abgedreht und orientierungslos und heischten verzweifelt nach Aufmerksamkeit. Sie sind überzeugt, die Wahrheit zu sagen. Welche Wahrheit? Ihre Lügen, die Sie als Wahrheit verkaufen wollen.

Begeistert werden Ihre Aussagen und Beiträge bereits im Internet unter anderen auch von Rechtsextremen, Linksradikalen und natürlich Zionisten, die der israelischen Propaganda alles abnehmen, geliked und geteilt. Glückwunsch, Frau Knobloch, Ihr Ego erhält einen angemessenen Resonanzboden.

Gefangen in irrwitziger Naivität, die an freiwillige Gehirnwäsche erinnert, fallen Sie der zionistischen Propaganda anheim. Ihre so gewonnenen Erkenntnisse vermischen Sie geschickt und trickreich mit Selbstgerechtigkeit und Heuchelei. Der unbedarfte Leser und Zuhörer kann auf diese Weise kaum noch zwischen ihrer und tatsächlicher Realität unterscheiden, der wissende Leser und Zuhörer weiß aber, dass Sie eine fanatische, ungebildete Zionistin sind, die lieber ein jüdisches, zionistisches und ungerechtes Israel haben will, als ein demokratisches und gerechtes.

Sie bedauern nicht den „Zionistischen Terror“, um diesen sodann durch die „David gegen Goliath“- Märchen zu erklären. Ihr David ist selbstverständlich Israel – ein Land mit mehr als 200 Atombomben und einer der stärksten Armeen der Welt – und nicht etwa dessen vereinte arabische Nachbarschaft, die seit 1948 unter der permanenten israelischen Expansion leidet.

Kein Wort von Ihnen darüber, dass unlängst ein wehrloser Palästinenser von einem israelischen Soldaten kaltblütig erschossen, d.h. ermordet wurde. Kein Wort von Ihnen, dass der stellvertretende Generalstabschef der israelischen Armee die israelischen Soldaten vor Hybris und dem gewarnt hat, was Anfang der 1930er Jahre in Deutschland geschah. Auf der anderen Seite feiern israelische Fanatiker jeden toten Palästinenser, verehren und feiern ihre Soldaten-Mörder als Helden.

Sie meinen, dass Israel, die einzige freiheitliche Demokratie in der Region sei. Sie meinen, dass Israel darauf achtet, dass jeder Angriff juristisch auf die Vereinbarkeit mit internationalem Recht überprüft ist. Auch warnt die Armee die palästinensische Zivilbevölkerung rechtzeitig, um sich in Sicherheit zu bringen. Sie scheinen an diese Märchen der israelischen Propaganda zu glauben und verbreiten sie noch. Lesen Sie die israelische Tageszeitung „Haaretz“ und nicht nur die Berichte der Hasbara, die im zionistischen Propagandablatt „Jüdische Allgemeine“ veröffentlicht werden.

Wie jeder vernünftig denkende und fühlende Mensch bedaure auch ich von ganzem Herzen die vielen unschuldigen Opfer dieser schrecklichen Konfrontation. Aber bitte leugnen Sie doch nicht, dass ursächlich Israel die Schuld daran trägt. Nicht die Palästinenser haben die Israelis aus ihrem Land vertrieben, sondern umgekehrt, die Israelis die Palästinenser. Hören Sie endlich auf, die Geschichte so zu fälschen, wie es Ihnen passt. Es wird Ihnen sowieso nicht helfen. Es geht mir und denen, die mit mir stehen, nicht darum Israel zu vernichten oder zu delegitimieren, dies tut die extremistische israelische Regierung schon selber,sondern darum, dass Israel endlich sich zu den Verbrechen der ethnischen Säuberung stellt, die es 1948 und 1967 begangen hat und immer noch begeht.

Die Unmenschlichkeit der Israelis ist die einzige Maßlosigkeit, die ich in diesem furchtbaren Konflikt erkennen kann. Seit jeher ist den israelischen Terroristen die Vernichtung der Palästinenser mehr wert als die Herstellung guter Lebensbedingungen für alle. Alles Geld, alle Kraft wird in den Kampf gegen die Palästinenser gebündelt, nicht in den Frieden, nicht in ein gutes Leben. In Siedlungen, die den Frieden verhindern, in eine Armee, die immer wieder mordet und vernichtet.

Israel provoziert den Krieg ganz bewusst. Es setzt die Bombardierung Gazas mit 1000-Kilo-Bomben fort und ignorieren die verhandelten Waffenruhen, um die Hamas und die Hisbollah zur Reaktion zu zwingen. Eine einzige israelische Bombe hat mehr Menschen getötet, als alle Khassam-Raketen zusammengenommen.

Die Hamas hat den Krieg der Bilder perfektioniert, sagen Sie. Aber besser ein Krieg der Bilder als ein Krieg mit Bomben. Und hat nicht schon Martin Luther gesagt, dass ein Bild mehr sagt als 1000 Worte. Die Bilder lügen nicht und zeigen die Grausamkeiten der Israelis. Ich werde demnächst ein Buch herausgeben mit 100 Bilder von israelischen Soldaten, wie sie Kinder misshandeln und schlagen und töten. 100 Bilder sagen mehr als hunderttausend Worte.

Israel, das sich durch solche traurigen Bildern selbst delegitimiert, will angeblich keinen Krieg. Aber hat nicht Mosche Dayan gesagt, dass ihm Scharm al Scheich ohne Frieden lieber ist als Frieden ohne Scharm al Scheich? Daran hat sich bis heute und erst recht unter den Faschisten Netanjahu, Lieberman und Bennet nichts geändert.

Israel muss seine Bevölkerung schützen. Palästina muss aber auch seine Bevölkerung schützen.

Israel kann sich den Beschuss nicht gefallen lassen. Die Palästinenser können sich den Beschuss auch nicht gefallen lassen. Gleiches Recht für alle, Frau Knobloch.

Jede andere souveräne Demokratie dieser Welt müsste in dieser Weise handeln, sagen Sie. Doch nur Israel ist mit dieser singulären geopolitischen Situation konfrontiert. Nebbich, Frau Knobloch, auch die Palästinenser müssen handeln, wie sie handeln. Und sie haben das Recht sich zu verteidigen, so wie die Israelis.

Andere Staaten müssen jene Fragen nicht beantworten, wie sie die Administration um Ministerpräsident Netanjahu und das israelische Militär beantworten müssen. Weil andere Staaten auch keine Kriegsverbrechen täglich begehen, wie es Israel tut. Das Schicksal der Palästinenser blenden Sie gekonnt aus. Dabei wünschen sich die Menschen in Palästina seit 48 Jahren nichts sehnlicher als Frieden. Sie leiden unter der dauerhaften existenziellen Bedrohung aus Israel. Die Familien in Gaza, die Tag und Nacht unter dem Raketenhagel der Israelis leiden, würden auch in diesem Jahr ihre Sommerferien gerne in Schutzräumen verbringen, aber sie haben keine, keine Schutzräume und keine Ferien.

Es ist traurig, dass Sie den umfassenden Blick scheuen und das Leid der palästinensischen Kinder konsequent ausblenden. Mir ist unerklärlich, wie Sie es als Frau, Mutter und Großmutter mit Ihrer Pflicht zu Sorgfalt, Seriosität und Objektivität vereinen können, unerwähnt zu lassen, wie viele Menschen seit Jahrzehnten von den dramatischen physischen und psychischen Folgen der terroristischen Angriffe Israels gequält werden.

Alle Menschen sind für Sie gleich, so schreiben Sie. Sind Sie sicher? Ist es nicht vielmehr so, dass in Ihrer Darstellung die jüdischen Toten und Verletzten etwas gleicher sind? Wer Ihre unerträglichen und selbstbeweihräuchernden Betulichkeiten von „David gegen Goliath“ liest, bekommt einen ganz anderen Eindruck. In diesem Konflikt haben für Sie nur die Juden das Recht zu leben, Land zu besitzen, Menschen zu vertreiben, weil sie keine Juden sind. Ihrer selektiven Wahrnehmung entgehen diese nützlichen Informationen leider. In der Folge versäumen Sie es sträflich, Ihrem Publikum den Gesamtkontext der aktuellen Geschehnisse zu vermitteln.

Rechtsextreme Israelis und radikale Juden wie Sie, vereinen sich auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner und demonstrieren gegen Frieden. Ihre Slogans aber haben mit Frieden aber oft gar nichts mehr zu tun. Es entlädt sich blanker Rassismus und Hass gegen Araber.

Es ist traurig, dass das palästinensische Leid in Ihrer Weltanschauung keinen Platz hat. Es ist traurig, dass die Sorgen der palästinensischen Menschen darin missachtet werden. Doch am traurigsten ist es, dass Sie seitens der Medien ein Forum erhalten um Ihre unsäglichen, weinerlich dargebotenen Thesen zu verbreiten.

Vielleicht wünschen Sie sich wie die Israelis eine Welt ohne Palästinenser. Ich wünsche mir eine Welt mit Israel und mit Palästinensern, die einen eigenen Staat haben und ich kann nur hoffen, dass sich die Mehrheit der freiheitlich-demokratisch gesinnten Menschen auf der ganzen Welt hinter diesem Wunsch vereint und nicht hinter der mörderischen Ideologie des Zionismus, die Ihnen offenbar in den Kopf gestiegen ist.

Ich kann Ihnen nur raten, genau nachzudenken, wer die Freiheit beschützt, die Ihnen die Möglichkeit gibt, Ihre Profilneurose auszuleben und wer eben jene Freiheit mit allen Mitteln zerstören will. Viele kluge und ehrliche Israelis und Juden meinen, dass Israel heute eine Gefahr für uns alle ist und selbst unsere Kanzlerin hat endlich erkannt, dass die Israelis die Shoah gegen Deutschland nur instrumentalisieren.

Mit freundlichen Grüßen
Abraham Melzer

Ein Gedanke zu “Offener Brief an Charlotte Knobloch

  1. Interessanterweise hat Michael Brenner in der Jüdischen Allgemeine(!) zu einer vorsichtigen Kritik an der politischen Haltung verantwortlicher jüdisch-israelischer Eliten aufgerufen.

    Frau Knobloch war und ist eine brauchbare Anwältin für die Interessen ihrer jüdischen Gemeinde in Deutschland – und eine schlechte für die in Israel. Dass auch sie den Holocaust instrumentalisiert, kann man ihr vorwerfen, müsste es aber dann auch den vielen gegenüber tun, die das gleiche machen.

    Der Holocaust verkam seit den 80er Jahren auch in Deutschland immer mehr zu einem Steinbruch, aus dem nun selbst die Steinewerfer der Antifa ihre Energie beziehen. Ohne den Holocaust hätte das „Argument“ „Nazi“ nicht einmal die halbe Wirkung.

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