Sind wir alle Antisemiten?

Antisemiten glauben, dass alle Juden reich und klug seien. Sie müssten mal israelische Zeitungen lesen und die Artikel von Vertretern des Zentralrat der Juden in Deutschland, damit sie endlich erführen, dass es auch andere Juden gibt. Sie zeigen sich darin von einer proisraelischen Seite, und beweisen, dass sie als Freunde Israels, diesem Staat auch Schaden zufügen können. Denn wer den Unfug liest, den sie alle schreiben, muss man daran zweifeln, dass hier verantwortungsbewusste Vertreter der Juden sprechen. Ich verstehe, dass sie bereit sind, alles, wirklich alles, für Israel zu tun, auch wenn sie Israel damit keineswegs helfen. Man fragt sich jedoch, wie Menschen so dogmatisch und blind sein können, dass sie den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen oder nicht sehen wollen.

Schon der erste Satz in Dieter Graumanns Pamphlet von 2011 ist vollkommen unverständlich und absurd: „Wer jetzt einen Staat ausruft, lobt damit die Verweigerung des Friedensprozesses.“ Die Logik dieses unsinnigen Satzes mag sich mir auch nach mehrmaligem Lesen nicht erschließen. Wann sollen die Palästinenser ihren Staat denn ausrufen, wenn nicht jetzt? Sollen sie etwa warten bis die Zionisten es vollständig kolonisiert haben und den Palästinensern nur noch die Löcher im Schweizer Käse geblieben sind? Oder ist etwa die Forderung nach einem Baustopp seitens Israels eine palästinensische Unverschämtheit? Immerhin haben die Juden schon seit mehr als zweiundsechzig Jahren ihren eigenen Staat. Sollen die Palästinenser warten, bis der Zentralrat der Juden in Deutschland auch mit einem Staat Palästina einverstanden ist?

Und wieso ist das überhaupt eine Frage, zu der Graumann, uns unbedingt seine unmaßgebliche Meinung aufzwingen muss?

In der Süddeutschen Zeitung vom 11. September 2014 gab es einen interessanten Beitrag von David Ranan: „Ist es also Sache des Zentralrats der Juden in Deutschland, Israels Politik, deren Handlungen und Feldzüge zu verteidigen? Oder sollte er nicht vielmehr deutlich machen, dass die Vertretung der deutschen Juden eben kein Ansprechpartner sein kann in Fragen, die Israel betreffen?“ Der einstige Zentralratspräsident Ignatz Bubis bekam einmal Neujahrswünsche der damaligen Oberbürgermeisterin Frankfurts – mit der Bemerkung, sie hoffe, dass der „Friedensprozess in Ihrem Lande“ weitergehe. Bubis wies sie darauf hin, dass er Deutscher sei wie sie selbst“, was aber eine blasierte Unverschämtheit war, denn Bubis und alle Präsidenten nach ihm, haben sich so aufgeführt, als wären sie die Sprecher der israelischen Regierung und wenn man in das Haus der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, aber auch jeder anderen Jüdischen Gemeinde in Deutschland, eintrat, da war das erste, was man gesehen hat, ein übergroßes Bild des israelischen Staatspräsidenten, nicht des deutschen! 

Hat Graumann denn in seinem Job als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland nichts zu tun, dass er Mahmud Abbas unbedingt seine naiven und absolut inkompetenten Ratschläge erteilen muss? Warum hat er seine Stimme nicht erhoben, als man die 24-jährige Soldatin Anat Kam zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt hat, obwohl sie nichts mehr und nicht weniger gemacht hat, als Carl von Ossietzky, der von den Nazis in ein KZ gesteckt und dort schließlich umgebracht wurde. Er hat 1931 in seiner Zeitschrift – Die Weltbühne – auf die verbotene Aufrüstung der Reichswehr aufmerksam gemacht. 1936 hat er dafür immerhin den Friedensnobelpreis bekommen. Anat Kam hatte der Presse Dokumente übergeben, die als Beweis dafür verwendet wurden, dass die israelische Armee – die sogenannte moralischste Armee der Welt – Palästinenser weiter gezielt tötete, obwohl das Oberste Gericht in Jerusalem das zuvor verboten hatte.

Möglicherweise wird Graumann jetzt Anat Kam und vielleicht auch mich, Verräter nennen, so wie Carl von Ossietzky damals „Verräter“ genannt wurde und sein jüdischer Mitarbeiter Kurt Tucholsky sowieso, der einer Haft und möglicherweise einer Ermordung nur entgehen konnte, weil er nicht aus Schweden zurück ins Reich reiste, um nicht „diesen Tieren in die Klauen zu fallen“.

Wieso können die Palästinenser nicht mehr mit Israel verhandeln, wenn sie einen eigenen Staat haben? Ist es nicht eher so, dass sie dann noch mehr Interesse an einem Frieden haben müssten, um das soeben Erreichte nicht zu gefährden? Und dass man sehr wohl weiterverhandeln kann, obwohl man bereits unabhängig ist, beweist doch der Fall Süd Sudan. Aber wir sollten uns nicht allzu viele Gedanken über diese absurde Logik und politische Inkompetenz machen. Das Problem, welches auch das Problem Liebermans und Netanjahus ist, scheint die Tatsache zu sein, dass Abbas sich weigert, eine Gegenleistung zu präsentieren. Wieso eigentlich „Gegenleistung“? Schuldet Abbas den Israelis eine Gegenleistung dafür, dass er nicht um ihre Zustimmung zu seinem mutigen Gang vor die UN-Generalversammlung gefragt hat? Und was sollte das für eine „Gegenleistung“ sein? Israel als „jüdischen Staat“ anzuerkennen? Und wieso sollte die palästinensische Führung Israel nicht mehr nur als demokratischen Staat, sondern zusätzlich als „jüdischen Staat“ anerkennen? Dazu waren sogar die Amerikaner nicht bereit, weshalb Präsident Truman den Zusatz „Jewish State“ auf dem Dokument, mit dem die USA Israel seinerzeit anerkannten, durchstrich und in „State of Israel“ änderte. Kein anderer Staat, der Mitglied der UN, einschließlich Deutschlands, der beste Freund Israels, der dessen Sicherheit in Form einer „Staatsräson“ in Stein gemeißelt hat, hat Israel als „jüdischen Staat“ anerkannt. Und von keinem anderen Staat hat Israel bisher einen derartigen Unfug verlangt. Warum sollten es die Palästinenser also tun? Schon die Bezeichnung „Jüdischer Staat“ ist rassistisch, weil darin zum Ausdruck kommt, dass es kein demokratischer Staat sein soll. Das hat schon der Begründer des Zionismus Theodor Herzl erkannt und nannte sein revolutionäres Buch „Der Judenstaat“ und nicht „Der jüdische Staat“. In einem Judenstaat haben auch Nichtjuden Platz. In einem jüdischen Staat aber nicht. Es ist auch kein Zufall oder Unwissenheit, die Netanjahu dazu gebracht haben darauf zu bestehen, dass Israel ein jüdischer Staat wird und als solcher anerkannt wird. Wer dann Israel kritisiert, ist automatisch ein Antisemit. Man will eben die Umleitung über den Begriff Antizionist überspringen und unmittelbar mit dem noch mehr existenzbedrohenden Begriff Antisemitismus argumentieren.

Graumann klagt darüber, dass die PLO sich mit der Hamas verbrüdert habe. Hat sich 1948 nicht auch die Hagana mit dem Irgun, dem terroristischen Arm der jüdischen Bevölkerung Palästinas, verbrüdert? Man sollte nicht vergessen, dass die Hamas immerhin eine Erfindung Israels ist und 2006 aus absolut freien und fairen Wahlen als Siegerin hervorgegangen ist. Das Ergebnis hat den Amerikanern und Israelis freilich nicht gefallen. Manche Ergebnisse der israelischen Wahlen gefallen auch den Palästinensern und vielen anderen Menschen auf der Welt nicht, zum Beispiel das Ergebnis der letzten Wahlen, aus denen zwei rechtsradikale Führer wie Netanjahu und Lieberman hervorgegangen sind. Es ist nun mal so bei demokratischen Wahlen, dass das Volk entscheidet, und nicht der Feind. Alle europäischen und amerikanischen Wahlbeobachter bestätigen aber, dass es eine durch und durch demokratische Wahl gewesen ist.

Ich verstehe, dass vielen Juden, von Broder bis Graumann,  die Hamas nicht gefällt, aber vielleicht gefallen sie der Hamas auch nicht? Sie meinen, dass die Hamas nicht nur das „zionistische Gebilde“, sondern alle Juden der Welt vernichten wolle. Das ist wohl ein ähnlicher Unsinn wie der von den „Protokollen der Weisen von Zion“, jetzt aber umgemünzt auf die Palästinenser. Worauf stützen sie sich bei dieser Behauptung? Auf deutsche, zionistische Reaktionäre wie Ulrich Sahm, Matthias Küntzel oder Gudrun Eussner, die alle ihrem Guru Henryk Broder nacheifern, und es mit der Wahrheit nicht so besonders ernst nehmen, zumal es ja darum geht, die Hamas zu diffamieren? Was wollen Sie der Hamas vorwerfen? Dass sie in ihrer Charta festgeschrieben hat, dass „das Land Palästina „heiliger Besitz“ der Moslems sei? Behaupten die national-religiösen Siedler und sogar der Likud nicht auch in ihrer Charta, dass „Eretz Israel“ heiliger Besitz der Juden sei, und steht das nicht auch in der Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel? Wollen Sie der Hamas vorwerfen, dass an den Händen ihrer Aktivisten Blut klebt? Nebbich. Wie viel Blut klebt denn an den Händen Scharons, Netanjahus, Baraks und manch anderen israelischen Politiker? Blut ist im Nahen Osten billig, besonders arabisches Blut. Und Barak ist nicht als Kriegsverbrecher verurteilt worden, als er bei einem Terrorakt in Beirut mutmaßliche palästinensische Terroristen und Zivilpersonen ermordet hat. Im Gegenteil, er ist dafür mit den höchsten Orden der israelischen Armee dekoriert worden. Betonen denn nicht die Israelis immer wieder, dass sie sich im Krieg befänden? Hat nicht erst kürzlich der ehemalige Oberrabbiner der israelischen Armee die Soldaten aufgefordert, keine Gefangenen mehr zu machen – damit man keine mehr eintauschen kann –, sondern die „mutmaßlichen“ Terroristen in ihren Betten zu töten? Ist das keine Aufforderung zum Mord? Wenn die Hamas „radikal-islamisch“ ist, dann ist doch die israelische Regierung inzwischen „radikal jüdisch“.

Sie beschweren sich darüber, dass die Hamas Israel nicht anerkennt. Hat denn Israel die Hamas oder die sogenannte „Palästinensische Autorität“ anerkannt? Ist denn Israel bereit, die Hamas anzuerkennen? Sie beschuldigen die Hamas, Israel vernichten zu wollen. Will denn Israel nicht auch die Hamas vernichten? War denn die Invasion Gazas vom Dezember 2008 und Juli 2014 kein solcher Versuch? Ich habe von diesen Juden kein Wort der Kritik und erst recht kein Wort des Bedauerns gehört, allein schon über die tausenden von Opfer, darunter viele Frauen und Kinder.

Ich habe vor Jahren einmal geschrieben, dass es Arafat nichts nützen würde, das Vertrauen der Israelis zu gewinnen, auch wenn er jeden Morgen die Hatikwa singen würde. Und so kann die Hamas täglich behaupten, dass sie keine Antisemiten sind, es wird ihnen nicht geglaubt. Moshir al-Masri, Sprecher der Hamas in Gaza, schrieb: „Wir empfangen alle Juden freundlich, die in unserer Gesellschaft leben wollen. Die gesamte islamische Geschichte ist ein guter Beweis dafür. Die Juden an sich stellen kein Problem dar. Das Problem ist einzig und allein das der Besatzung, deren Opfer wir sind. Unser Widerstand gegen eine derartige Besatzung ist legitim und geht im Einklang mit internationalem Recht. Wir haben das Recht, uns zu verteidigen. Wer behauptet, dass die Hamas ´die Juden ins Meer treiben`will, sagt etwas falsches“.

Henryk M. Broder, von dem man in den letzten Jahren gottseidank wenig gehört hat, lebt und verbreitet immer noch seine Hetze und bisweilen auch seine Unwahrheiten. Nicht mehr über den Spiegel, aber dafür in seinem eigenen Blog. Er wird nicht müde Demonstrationen und Demonstranten gegen die Massaker in Gaza als „antisemitische Aufmärsche“ zu diffamieren und geht inzwischen auch so weit, dass er dem ZDF nicht nur bloß Antisemitismus vorwirft, sondern auch noch „reinen Antisemitismus“, und der Hamas wirft er nicht mehr vor, dass sie Israel vernichten wolle, sondern dass „deren erklärtes Ziel in der Vernichtung des jüdischen Volkes besteht“.

Und da er die ZDF-Sendung „Logo“ meint, fährt Broder fort: „Die kleinen ZDF-Zuschauer werden sich ihr Gesamtbild machen.“ Das ZDF führt nach Broders Ansicht deutsche Kinder zum Antisemitismus. Broder schreibt: „Fortan wird man dem ZDF vieles vorwerfen können, nur nicht, dass es versäumt hat, aus Kindern kleine Antisemiten zu machen.“

Broder erinnert an den ZDF-Korrespondenten Stephan Hallmann, der bei einem Interview mit einem Einwohner von Gaza „das arabische Wort ´Yahud`´gegen ´Israelis` ausgetauscht hat“. Wie verlogen, heuchlerisch und manipulierend Broder selbst ist, erfährt man, wenn man weiß, dass er selbst auch versäumt hat, seine Leser darauf aufmerksam zu machen, dass die niedliche Anekdote mit Stephan Hallmann just einige Tage vorher von einem ZDF-Zuschauer an Broder gemailt wurde. Dieser offensichtlich naive und vollkommen unwissende Zuschauer schreibt: „Am Schluss seines Stückes interviewt er (Hallmann) einen Palästinenser. Der klagt sein Leid und beklagt die Untätigkeit der Welt. Es hieß, weil die Welt den Palästinensern in Gaza nicht gegen die Israelis beisteht. Doch wenn ich mich nicht irre, spricht der Typ (offenbar ist der Palästinenser gemeint) nicht von Israelis, sondern er sagt „Yahud“, also Juden. Aber das war Herrn Hallmann dann wohl ein bisserl zu direkt…“

Wenn ein ZDF-Zuschauer, der wohl seine politische Bildung vom Stammtisch in seiner Kneipe her hat, nicht weiß, dass die Palästinenser mit dem Wort „Yahud“ nicht die Juden meinen, sondern tatsächlich die Israelis, dann ist es so und es lohnt sich nicht darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Stephan Hallmann hat es gewusst. Wenn aber ein so erfahrener „Israel-Kenner“ und „Berater“ der Bundesregierung in Fragen des Antisemitismus, wie der Zionist Henryk M. Broder, diese Stammtischweisheit als seine eigene wiedergibt und dem ZDF und eigentlich uns allen Antisemitismus vorwirft, dann ist das nicht Dummheit oder Unwissen, sondern der Versuch einer Manipulation im Sinne und vielleicht auch im Auftrag der Hasbara, der israelischen Propaganda.

Wieder sind die Israelis dabei, eine Chance zu verpassen, und wieder stehen jüdische Funktionäre wie Graumann bereit und applaudieren laut und peinlich. Ich frage mich, wieso er sich überhaupt zum Nahostproblem äußert. Er ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland und sollte sich um die Probleme der Juden in Deutschland kümmern. Ich habe nirgendwo in der Satzung des Zentralrats gelesen, dass es zu seinen Aufgaben gehört, sich um den Nahostkonflikt zu kümmern. Es sollte doch endlich aufhören, die jüdischen Mitbürger/innen, die zumeist deutsche Staatsbürger sind, zu verwirren, indem er ihnen eine doppelte Identität vorgaukelt. Wenn diese israelische Staatspropaganda immer wiederholt wird, dann ist es wohl wahr, was schon Charlotte Knobloch in aller Öffentlichkeit gesagt hat, dass nämlich Israel ihre „geistige Heimat“ sei.

Ist Dieter Graumann seine Aufgabe zu klein, zu eng, zu provinziell, weshalb er sich nun auch um die Weltpolitik kümmern muss? Woher nimmt er die Arroganz und Überheblichkeit, zu glauben, dass die Palästinenser seinen Ratschlag nötig haben? Hat er denn schon einmal den Israelis einen ehrlichen und wahrhaftigen Ratschlag gegeben? Hat er die Israelis schon einmal vor ihrer Hybris gewarnt und sie ermahnt, endlich mit ehrlichen und aufrichtigen Gesprächen mit den Palästinensern zu beginnen? Hat er etwa protestiert, als Avigdor Lieberman gesagt hat, dass er nicht einmal in neunundneunzig Jahren bereit sein werde, mit den Palästinensern über ihren Staat zu reden? Hat er den Oberrabbiner der israelischen Armee an Rabbiner Leo Baeck erinnert, der in seinem Buch über das Judentum, „Religion der Vernunft“, an die Ethik eines Rabbi Hillel erinnerte und diese der christlichen Ethik gegenüberstellte? Ist es „vernünftig“, was Israel seit Jahren und Jahrzehnten tut? Die Palästinenser und die gesamte Arabische Liga haben schon längst ihre Bereitschaft zum Frieden mit Israel signalisiert. Israel hat aber immer wieder abgelehnt oder diese Bereitschaft schlichtweg ignoriert. Wie viele Friedensangebote will Israel noch ablehnen? Wie viel Land will es noch rauben? Nicht genug, dass man tausende von Wohnungen in Gaza wieder zerstört und tausende von Menschen ermordet hat? Jetzt will man wieder 400 Hektar Land rauben und dort israelische Siedler unterbringen? Wie viele Israelis und Palästinenser müssen noch sterben? Und ist das etwa der Grund, warum Israel bis heute noch nicht seine Staatsgrenzen markiert hat? Man will sich nicht auf festen und gottbehüte endgültigen Grenzen festlegen, denn es könnten noch unzählige Gelegenheiten kommen, diese Grenzen zu erweitern.

Der Zentralrat der Juden ruft zur Solidarität mit Israel auf und diffamieren alle, die sich für Frieden und Freiheit für Gaza einsetzen, als „Anti-Israel-Demos“ und folglich keine „Friedensdemonstrationen“, sondern „Aufmärsche des Judenhasses“, in denen es nicht nur um die Vernichtung Israel, sondern um die Vernichtung des gesamten jüdischen Volkes ging. Es geht immer um die Gleichsetzung mit dem Holocaust. Darunter machen es Graumann und andere Zionisten nicht. Dafür mobilisieren sie Parteichefs, Fußballclubs, Kirchenrepräsentanten, Gewerkschaftsvorsitzende, Chefredakteure (wie Kai Diekmann von der BILD-Zeitung) und viel Prominenz. Die Veranstalter hoffen auf Teilnehmer „im fünfstelligen Bereich“. Das haben allerdings auch die Veranstalter in Frankfurt gehofft, als sie beim Ordnungsamt 10000 Besucher angemeldet haben. Gekommen sind am Ende nur 1500, davon die Hälfte Kurden, die man mit Bussen nach Frankfurt herbeigekarrt hat. Diese Kurden glaubten, dass es um ihr freies Kurdistan geht und wunderten sich, dass kein einziger Kurde eine Ansprache hielt und es nur um Israel und Antisemitismus ging. Sie waren am Ende so frustriert, dass es zu einer Schlägerei vor der Bühne kam. Die Presse hat aber darüber nicht berichtet.

Ehrengast der Kundgebung vor dem Brandenburger Tor wird Bundespräsident Joachim Gauck sein, der höchstwahrscheinlich wieder schweigen oder am Thema vorbeireden wird. Vor einigen Wochen anlässlich des Überfalls der Deutschen auf Polen, sagte er bei einer Gedenkfeier: „Wirklich in Frieden mit den Nachbarn leben nur Völker, die unabhängig und selbstbestimmt über ihr Schicksal entscheiden können. Wirklich in Frieden mit den Nachbarn leben nur Völker, die die Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Anderen respektieren“. Es wäre schön und richtig, wenn er das auch bei der Kundgebung am 14. September sagen würde, und zwar gerichtet an die Israelis.

Graumann, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, spricht von einer „schauderhaften Schockwelle von Antisemitismus“, die seiner Meinung nach über Deutschland schwappt.  „Wir Juden in Deutschland erleben generell eine schlimme Zeit“, jammert er in Interviews. Er berichtet seinen jüdischen Glaubensgenossen, dass Juden in Deutschland wieder geschlachtet werden sollen und beklagt sich gleichzeitig, dass viele von ihnen wieder auf gepackten Koffern sitzen. Auf die Idee, dass er maßlos übertreibt und selber daran schuld ist, kommt er offensichtlich nicht. Dafür beschuldigt er die Flüchtlinge aus Gaza, Hebron und Jenin, dass sie den Antisemitismus wieder nach Deutschland bringen. Unterstützt wird er von Zionisten wie Broder, Friedmann und Knobloch. Was diesen Flüchtlingen angetan wurde und wer sie vertrieben hat, ist für ihn offensichtlich unwichtig, denn er hat darüber noch nie ein  Wort verloren. Besonders infam, schockierend und gefährlich fand er Parole wie „Juden ins Gas“, die ihn sofort an den Holocaust erinnert habe.

Solche Parolen, die hier von traumatisierten Jugendlichen getragen werden, sind, so peinlich sie auch sind, harmlos und kaum wert, sich mit ihnen zu beschäftigen. Sie gefährden nicht die Existenz Israels und bedrohen auch nicht das Leben der Juden in Deutschland. Die Juden hierzulande müssen sich mehr von ihrem Zentralrat Präsidenten fürchten, als vor islamischen, christlichen oder auch zuweilen jüdischen Demonstranten.

Diejenigen, die gegen Israels brutales Vorgehen in Gaza protestieren, sind nicht zwangsläufig Antisemiten, auch wenn unter den tausenden, zehntausenden und hunderttausenden, die in Paris, London und Berlin demonstriert haben, sich einige wenige Menschen befanden, die tatsächlich die Juden meinten. Noch ist es nicht soweit, wie Dieter Graumann befürchtet, dass Juden wieder auf deutschen Straßen „vergast, verbrannt und geschlachtet“ werden sollen. Und wir leben auch nicht im Jahr 1933. Lasst euch nicht ablenken von eurem berechtigten Protest gegen Israels brutale und unanständige Politik. Bei der geplannten Kundgebung vor dem Brandenburger Tor, wird es nicht um Antisemitismus gehen, sondern um Unterstützung der verabscheuungswürdigen Politik Israels. Das weiß jeder, nur Angela Merkel offensichtlich noch nicht. Ich warte auf den Tag, an dem auch bei ihr der Groschen fallen wird.

Graumann sollte lieber Parolen wie „Tod den Arabern“ oder „Araber ins Gas“ kommentieren, die nicht von traumatisierten israelischen Jugendlichen propagiert werden, sondern zum Beispiel vom Kommandeur der Elite Brigade Givati, als er 2009 seine Krieger nach Gaza schickte, oder von zehntausenden rechtsextremer Israelis. Das Ergebnis waren immerhin mehr als 1400 tote Kämpfer und Zivilisten. Palästinenser haben tausendfach mehr Gründe sich vor solchen Parolen zu fürchten, als Juden in Deutschland vor harmlosen Demonstrationen.

Ein berühmter israelischer Minister, Rechawam Zeevi, sagte, als er gefragt wurde wie er das Problem mit den Palästinensern sieht: „Durch das Fadenkreuz meines Gewehrs.“

Und hier noch weitere Beispiele. Nicht von unbedeutenden, manipulierten Demonstranten, sondern von prominenten Juden und Israelis. Rabbiner Menachem Schneerson, der geistige Führer der Chabad Bewegung, ein Führer mit sehr viel Macht, schrieb: „Die ganze Schöpfung der Nicht-Juden besteht nur, um den Juden zu dienen.“ Und auf dem Grabstein des Massenmörders Dr. med Baruch Goldstein, der am 25. Februar 1994 in der Moschee in Hebron 29 betende Palästinenser erschoss, steht: „Hier ruht der Heilige Dr. Baruch Goldstein, gesegnet sei das Andenken dieses aufrichtigen und heiligen Mannes…“. In Israel werden täglich Schulklassen zu diesem Grab gebracht. Und da beklagt sich Henryk M. Broder, das „deutsche Kinder vom ZDF zu kleinen Antisemiten gemacht werden“. Verlogener und unverschämter kann man nicht sein. Zu was werden diese israelischen Kinder „gemacht“?

Hier noch weitere Beispiele: „Der Tod findet dich – bald“ – Inschrift eines israelischen Soldaten 2009 in Gaza. „Tod den Arabern“ – Hebräische Graffiti auf einer Moschee in Haifa. „Pass auf Fatima – wir werden alle arabischen Frauen vergewaltigen“ – Graffiti von Siedlern in Westjordanland. „Araber in die Gaskammern“ – Siedlergraffiti in Hebron. „Sterbt, arabische Wüsten-Nigger“ – Graffiti an einer Hauswand. „Rottet die Muslime aus“ – Graffiti auf einem Palästinenserhaus im Westjordanland.

Aber das sind wohl nur Schmierereien, die Graumann und andere deutsche Zionisten nicht ernst nehmen wollen oder auch gar nicht sehen. Wie ist es aber mit den führenden Israelis? Der Siedlersprecher Benny Katzover sagte: „Die Illusion der Demokratie können wir uns nicht leisten.“ Oder Ariel Sharon, der am 25. März 2001 gesagt hat: „Israel kann das Recht haben, andere vor einem Gerichtshof anzuklagen, aber sicherlich hat niemand das Recht, das jüdische Volk und den israelischen Staat vor einem Gerichtshof zu bringen.“ Und schon hier finden wir die beabsichtigte Benutzung des Begriffs „jüdisches Volk“ und erst in zweiter Reihe „israelischer Staat“. Schon Ariel Sharon und alle seine Vorgänger haben gewusst, dass kaum jemand  das „jüdische Volk“  vor Gericht bringen wird.

Yakov Perm, ein Rabbiner der Siedler sagte: „Eine Million Araber sind nicht so viel wert wie ein jüdischer Fingernagel“, und ein Richter in Beer Sheva meinte: „Jüdisches Blut ist wertvoller als arabisches Blut.“ Nein, ich klage solche Leute nicht an. Rassisten gibt es in jeder Gesellschaft, warum nicht auch in der israelischen Gesellschaft. Aber zornig und verzweifelt macht mich schon die Tatsache, dass man solche und ähnliche und auch noch viel schlimmere Parolen in Israel sagen kann, ohne dass sich die Öffentlichkeit darüber aufregt oder auch nur geringfügig reagiert.

Theodor Herzl träumte davon, dass der Judenstaat ein „Bollwerk gegen die Barbarei“ sein würde. Tatsächlich ist aber der jüdische Staat selbst barbarisch geworden. Israel verliert seine demokratischen, liberalen und loyalen Freunde und ist auf Freunde wie Le Pen oder Wilders angewiesen. Broder hatte vollkommen Recht, als er die Israelis „Täter“ nannte. Er meinte auch, dass es ihnen Spaß mache Täter zu sein. Vielen ist aber der Spaß schon längst vergangen. Tausende von ihnen leben in Berlin, Amsterdam, London und Paris. Broder fiel auch auf, dass „die Hamas-Kämpfer mit der SS etwas gemeinsam haben, nämlich die Vorliebe für schwarze Uniformen“. Einige Juden, die alt genug sind, wie z. B. Uri Avnery, werden sich noch daran erinnern, dass die revisionistische Betar von Wladimir Zeev Jabotinski auch schwarze Uniformen trugen. Und Ben Gurions Hagana, hat sich immerhin mit diesen Faschisten vereint zur „Moralischsten Armee der Welt“. Betar kann auch als Vorläufer der israelischen Parteien Cherut und Likud betrachtet werden. Die israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin, Jitzchak Schamir und Ehud Olmert waren oder sind ehemalige Mitglieder von Betar, ebenso der frühere Verteidigungsminister Mosche Arens.

Und dass kürzlich erst eine israelische Knesset-Abgeordnete gefordert hatte, man solle alle palästinensischen Mütter in Gaza töten, damit sie keine Kinder mehr gebären können, ist noch ein Beispiel, wie barbarisch die israelische Gesellschaft geworden ist. Wir reden hier nicht von emotional geladenen Jugendlichen, die auf die Straße gehen, sondern von Rabbinern, Richtern, hohen Offizieren und Politikern. Die Liste könnte noch endlos fortgesetzt werden. Wo bleiben die Moralapostel des Zentralrats der Juden, wenn es um solche Peinlichkeiten geht? Sie schaffen es nicht einmal zu heucheln. Und warum schweigen zu diesem menschenverachtenden Rassismus die deutschen Politiker, die doch so gerne der Einladung des Zentralrates nach Berlin gefolgt sind, um gegen „Judenhass“ in Deutschland ihren Mut zu zeigen?

Die arge Not der Menschen in Palästina zwingt zum Widerstand gegen die inhumane Politik des Staates Israel. Sie ist rassistisch, nationalistisch, ungerecht und bösartig, zumindest gegenüber den Palästinensern. Man muss wirklich kein Antisemit sein, um Israels Politik zu kritisieren, auch wenn man mit falschen Parolen auf die Straße geht.

Aber um zu Broder und seine widerlichen Unverschämtheiten zurückzukehren, so regt sich dieser „Dirk Bach der Xenophobie“ (Eulenspiegel, 4/11, S. 20) darüber auf, dass auf einer Demo in Berlin ein Palästinenser mit einer Karte von Palästina herumlief, „auf der Israel fehlte, und keiner etwas Anstößiges daran fand“. Es war nur eine Karte aus Papier, auch wenn Broder „immer öfter dahinter reinen Antisemitismus“ vermutet. Ich erinnere mich an Karten, die man mir in Israel in die Hand gedrückt hat, als ich einen Leihwagen gemietet habe. Da war Palästina nicht darauf. Das war zwar auch nur Papier, und wie in Berlin fand auch in Israel niemand Anstoß daran, dass Palästina fehlte. Im Gegenteil zu Berlin hätte aber die israelische Karte, auf der die Grüne Linie, die Grenze zu Palästina, fehlte, erhebliche Konsequenzen bei einem Unfall gehabt, denn der Wagen war für die „Westbank“ nicht versichert.

Es ist immer eine Freude Texte von Henryk M. Broder zu lesen, auch wenn man sich danach fast übergeben muss. Es ist aber eine noch größere Freude immer weniger Texte von ihm zu lesen, weil seine Bühne in Deutschland immer kleiner wird. Geblieben ist ihm, neben der Springer-Presse, noch sein eigener Blog, wo er angeblich von Millionen Besucher belästigt wird. Ja, seine Fangemeinde ist groß und vermehrt sich wie die ultra-orthodoxen Juden. Wenn Broder neunzig wird, dann wird seine Gemeinde groß genug sein, um sie an der brüchigen zionistischen Front einzusetzen. Natürlich alle in schwarzen Uniformen.

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