Wulf reist zur Trauerfeier für König Abdullah nach Saudi-Arabien

von Ludwig Watzal

„All the devils in Hell were much exited today to welcome a newcomer“, schreibt Dr. Nasir Khan auf MWC News über das Ableben eines „großen“ Königs. US-Präsident Barack Hussein Obama war vom Tode König Abdullahs von Saudi-Arabien so betroffen, dass er seinen Vize Joe Biden sofort in Marsch gesetzt hat, um zur Trauerzeremonie zu jetten. In Paris, beim „Marsch der Millionen“ war das Imperium gerade einmal durch seine Botschafterin vertreten. In den USA weiß man, wo man Prioritäten setzten muss. Am Dienstag jettet Obama nach Saudi-Arabien, um dem neuen König sein „Beileid“ auszusprechen.

Die andere europäischen Nationalstaaten wissen, was man dem Förderer des internationalen Terrorismus und Menschenrechtsverächter schuldig ist; sie haben die erste Garde ihrer Staatschefs zum Trauer-Happening entstand. Deutschland macht hier eine Ausnahme: Das Land wird durch Christian Wulf, einem durch persönliche politische Ungeschicklichkeiten vom Amt zurückgetreten Ex-Bundespräsident vertreten. Aber vielleicht erweist man der islamistischen Diktatur Abdullahs damit gerade die Ehre, die ihr gebührt. Ob die Saudis in Zukunft weiter deutsche Panzer kaufen, um ihre Bevölkerung in Schach zu halten und in den angrenzenden Diktaturen Aufstände niederzuschlagen, wird die Zukunft zeigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte, König Abdullah habe das Land „mit Klugheit, Weitsicht und großem persönlichen Einsatz“ geführt. Zu dieser „Klugheit, Weitsicht und persönlichem Einsatz“ gehören auch die über 80 Enthauptungen in 2014 – zehn bereits im Januar 2015 – und die Folterungen Andersdenkender sowie die Entrechtung der Frauen, um nur einige politische Rechtsverstöße dieses Regimes zu erwähnen. Der immer noch in Freiheit befindliche Tony Blair meinte sogar, dass Abdullah „was loved by his people and will be deeply missed“. Zynischer kann man es nicht formulieren. Der Blogger Raif Badawi gewärtigt noch 950 Peitschenhiebe für seinen Mut, „Meinungsfreiheit“ gefordert zu haben. Bisher hat es im Westen gegen die massiven Menschenrechtsverletzungen und brutalen Tötungen keinen „Marsch der Millionen“ gegeben.

Auch beim israelischen Massaker im Juli 2014 an der Zivilbevölkerung des Gaza-Streifens (2 310 Tote, Zehntausende von Verwundeten, plus flächendeckender Verwüstungen durch Dauerbombardement) blieben die Staats- und Regierungschefs stumm; auch der saudische Diktator Abdullah rührte keinen Finger. Außer einigen Demonstrationen von Muslimen, denen man dann auch noch „Antisemitismus“ angehängt hatte, war auch von der so genannten zivilcouragierten Zivilgesellschaft nichts zu sehen oder zu hören. Selbst ein organisierter „Aufstand der Anständigen“ fand nicht statt.

Der neue König Salam hat bereits versichert, alles beim Alten zu belassen. Dies ist nicht verwunderlich, kommt er doch aus einer nie enden wollenden Familiendynastie. Veränderung in dieser fundamentalistischen Gesellschaft kann nur von außen kommen. Die ersten Anzeichen von Veränderung künden sich bereits aus dem Osten und Süden an. Anfang Januar haben Kämpfer des „Islamischen Staates“ drei saudische Grenzsoldaten getötet. Im Jemen haben schiitische Kämpfer das sunnitische Regime gestürzt. Vielleicht war dies die letzte Trauerfeier im Hause Saud, zu der die westlichen Freunde anreisen mussten.

Ein „Islamischer Staat“ ohne die Kontrolle über die heiligen Stätten des Islam ergibt keinen Sinn. Wenn der Aufmarsch der „trauernden“ Staats- und Regierungschefs überhaupt einen Sinn ergeben soll, dann sollten sie sich für die Freilassung von Raif Badawi und aller zu Unrecht Verteilter sowie die Gleichberechtigung von Frauen einsetzen. Ihr „Trauerbesuch“ dient jedoch nur dazu, weiterhin ihre Waffen zu exportieren und das Öl am Fließen zu halten. Mein Beileid!

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Ein Gedanke zu “Wulf reist zur Trauerfeier für König Abdullah nach Saudi-Arabien

  1. Auf dieser Seite bin ich zufällig über den Beitrag „Wulff reist zur Trauerfeier für König Abdullah . . .“ gelandet. Was ich gerade gelesen habe, spricht mir aus der Seele, weswegen ich wirklich danken möchte dafür, dass Sie die Situation in so klare Worte fassen.

    Dass man inzwischen angefangen hat, die barbarische Strafe an dem Blogger Raif Badawi zu vollstrecken, ist unfassbar entsetzlich. Es geht mir nicht aus dem Kopf. Eine auch zeitlich gesehen unendliche Greueltat wird im Namen eines dekandenten Regimes an einem jungen Mann wegen Nichts begangen, vor den Augen einer anscheinend überwiegend unbeeindruckten Weltöffentlichkeit. Das macht die Sache noch schlimmer. Wie Sie schreiben: keine Millionenmärsche, sei es aus Solidarität für das Opfer oder Protest gegen so ein bizarres Verbrechen gegen Menschlichkeit und Menschenrechte.

    Die Medien handeln den Vorfall lapidar und ungerührt ab und integrieren damit monströsen Machtmissbrauch suggestiv in die Normalität. Die Krone setzen dieser Ignoranz die diversen Staatsbesuche anlässlich Abdullahs Tod auf. Die unglaublichen Worte Angela Merkels und Tony Blairs werfen die Frage auf: wissen sie nicht, was sie sagen, oder meinen sie es wirklich so? Barack Obama kürzt seinen Indienbesuch ab, um durch persönliches Erscheinen die alte Freundschaft zu bestätigen. Dass Gemeinsamkeiten verbinden, bezieht sich somit offenbar auch auf die gemeinsame Erfahrung im Umgang mit Folterpraxis.

    Auch der Folterbericht des CIA mit seinen vielen geschwärzten Stellen wurde überwiegend gelassen hingenommen. Auch hier keine Millionenmärsche – nichts. Letzte Woche konnte man einige – erstmals wirklich betroffene – Kommentare zu den Tagebuchaufzeichnungen des Guantanamo-Häftlings Mohamedou Ould Slahi lesen/hören, und in diesem Kontext auch ein paar Daten zum Verlauf seiner Haft. Seit 2001 inhaftiert, wurde er 2011 von einem amerikanischen Gericht freigesprochen. Dagegen hat die US-Regierung unter Barack Obama jedoch Berufung eingelegt, Slahi befindet sich seither und auf ungewisse Zeit in Guantanamo.

    Mir klingen noch Obamas Versprechen vor seiner ersten Wahl im Ohr, und ich frage mich, ob es jemals vorkam, dass ein Friedensnobelpreis zurückgegeben werden musste. Der Fall Guantanamo hat im weitesten Sinne mit dem Nahost-Konflikt zu tun, deswegen erlaube ich mir, das hier zu erwähnen – nachdem ich „über uns“ gelesen habe.

    Es ist tröstlich für mich, dass es diesen Blog gibt.

    Marina Schmidt

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