Charlotte Knobloch und Josef Schuster sollten Auschwitz besuchen, um zu sehen, was Antisemitismus ist

von Karl Krähling

Dass die BDS-Stoßrichtung „antisemitisch“ sei, diese Einschätzung des Zentralratsvorsitzenden ist im Sinne der Meinungsfreiheit, polemischer Überspitzungen bis hin zu „hatespeech“ oder der legalen Verbreitung von „fake news“ auch Herrn Dr. Schuster zugestanden. Schwerwiegender wäre es, der explizit antirassistischen BDS-Bewegung Rassismus vorzuwerfen.

Das ein Herr „Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, die BDS‐Bewegung ebenfalls verurteilt“ ist keine Beleg für „Antisemitismus“, auch nicht, dass die etablierten Parteien im deutschen Bundestag die Auffassung des Zentralrats der Juden in Deutschland teilen.

Die gegenwärtigen Definitionen von „Antisemitismus“ sind wie die der übrigen politischen Schlagworte („Nazi“, „Rechts“ usw.) derart knetbar, dass jedermann, der sich darüber die Deutungshoheit anmaßt, einen unliebsamen Kritiker zum „Antisemiten“, „Nazi“ usw. machen kann.

Für einen Menschen, der Aufklärung im Sinne des „sapere aude“ und des „kategorischen Imperativs“ verpflichtet ist es unerheblich, welche politische Einschätzung der Zentralrat der Juden, eine auswechselbare Bundesregierung oder ein von ihr beauftragtes Sprachrohr zu verkünden hat.

Ob mit einem aus dem „kategorischen Imperativ“ herleitbaren Anstand der Vorwurf des „Antisemitismus“ gegenüber der BDS-Bewegung gerechtfertigt ist, eines „Antisemitismus“, der einmal als Staatsräson Hitlers zum „Holocaust“ führte, sollte all jene Geschichtsvergessenen nach einem Auschwitzbesuch einmal selbst – ganz ohne Öffentlichkeit – für sich selbst prüfen.

KZ-Besuche in Auschwitz, insbesondere auch die Gaskammern, sind aus diesem Grunde all jenen empfohlen, die da leichtfertig mit dem Worte „Antisemitismus“ im Munde wie ein Kind mit einer geladenen Waffe herumhantieren.

Den Anfängen wehrt am besten, wer die beiden Forderungen von Immanuel Kant selbst zu verinnerlichen vermag, den Mut aufzubringen vermag, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, auf unanständige Polemiken gegenüber Kritikern verzichtet und jenen Anstand entwickelt, der im „kategorischen Imperativ“ seinen besten Ausdruck gefunden hat.

Karl Krähling, Schloßhof,   Direktor i.R.,  Alumni der Georg-August Universität Göttingen.

2 Gedanken zu „Charlotte Knobloch und Josef Schuster sollten Auschwitz besuchen, um zu sehen, was Antisemitismus ist

  1. Also, ich weiß nicht, ob erst „Auschwitz“ als Antisemitismus begriffen werden darf; ich würde sagen, „eher nicht“. Denn Auschwitz ist Ausdruck deutscher Besatzungspolitik und die Ermordung der Juden eher eine Folgeentscheidung bzw. Konsequenzder bisherigen Politik, weil man schon zuvor „Juden“ verfolgt, vertrieben und diskriminiert hatte. Hätte es in Polen keine Juden gegeben, hätten die Deutschen wohl andere umgebracht, um Siedlungsraum zu schaffen.Antisemitismus ist zu tief verwurzelt, um ihn punktuell auszumachen.
    Dr. Martin Luther will schon 1543 die Juden vertreiben und ihre Synagogen abfackeln, und diese fromme Einstellung ist der evangelischen Kirche nie fremd geworden. Man kann dann bei allen deutschen Geistesgrößen antisemitische Momente entdecken, auch bei Goethe. „Suche nur, dann findest du… „(aus Schwarzwaldmädel von Leon Jessel)
    Problem ist eigentlich ein anderes. Es fragt sich halt niemand nach dem „warum“; anders gibt es 1915 Schriften zu der Frage „warum sind die Deutschen so verhaßt?“ (Magnus Hirschfeld). Das liegt natürlich an der Art der Deutschen. Nun sind die Juden bei den verhaßten Deutschen verhaßt gewesen. Es läßt sich auch nicht mit Risches erklären. Sigmund Freud meinte, dem Haß läge eine Sublimierung zugrunde: instinktiv sei den Deutschen die christliche Religion zuwider, und diese Abneigung gegen die Religion des Jesus übertrügen sie auf die Juden. Und in derTat: Die Juden glauben an einen Schöpfergott, der die Menschen erschaffen habe; dieser Glaube wurde ins Christentum übernommen, allerdings gewaltsam: 395 in Italien, 495 in Frankreich, 814 in Deutschland, 1209 durch die Inquisition, 1398 inLitauen. Der Mythos dieser Völker ist ganz anders (in der Klassik schön dargestellt): der Sohn eines Titanen, der berühmte Prometheus, hat die Menschen geschaffen, er wurde dafür von den Göttern an den Kaukasus geschmiedet und das Geschlecht der Titanen wurde in den Tartarus geworfen. Der Mensch ist den Göttern zuwider; die Götter schickten ihm die Büchse der Pandora, um ihn zu verderben (Die Juden würden diese Geschichte als Strafe für Ungehorsam verstehen, aber der klassische Mensch ist von Natur her ungehorsam und neugierig). Das Menschengeschlecht überlebt(e) trotz deren überlegenen Stärke und Naturgewalten der Götter aufgrund eigener Intelligenz und Schläue.

    Es dürfte tatsächlich der Zwang des Christentums sein, der kollateral den Antisemitismus bedingt. Und wenn man Hannah Arendt folgt: Das Problem des Christentums haben die Juden nicht begriffen (Ruth Klüger (in: weiterleben) versteht es erklärtermaßen nicht.)
    Man sollte als Jude das Christentum als absurde Irrlehre darstellen, keine paritätischen Institutionen mit kirchlichen Einrichtungen unterhalten, nicht beim Papst herumscharwenzeln und .. derAntisemitismus würde verschwinden (es gibt schließlich auch keinen Haß auf Hindus oder Buddhisten; insoweit kann man Friedrich Holländer zitieren oder mit Katja Ebstein singen „An allem sind die ….“). Also: Schluß mit der Anbiederung an die Irrlehren des Christentums

    • Werter Herr Lobenstein!

      Wir kommen nicht umhin, Adolf Hitler als das zu sehen, was er von sich aussagte, nämlich ein bekennender „Antisemit“ zu sein. Die Begründung, wie er zu einem solchen geworden ist, hat er in seinem Buch Mein Kampf sehr dezidiert beschrieben. Ein Lehrstück für selbstverschuldete Paranoia, wenn man denn das Buch zur Kenntnis nehmen würde.

      Sein Findbild Jude hatte übrigens den Zweck, die Deutschen politisch zu einigen, was naturgemäß nur mit einem Feindbild funktioniert. Übertragungen auf andere Gruppen mit ihren Feindbildern will ich mir hier ersparen.

      Hitler von Auschwitz trennen zu wollen gleicht dem Versuch, Jesus als eine Emanation Gottes aus der Christlichen Kirche entfernen zu wollen.

      Hitler war ein rassebewusster „Antisemit“, das unterscheidet ihn von dem Antijüdischen der Christen, die als jüdische Sektierer um 30 n. Chr. mit den Pharisäern und Sadduzäern in Streit gerieten und sich fortan gegenseitig bekämpften.

      Die von Christen seit dieser Zeit betriebene Judenfeindschaft wäre von allein in dem Maße zusammengebrochen, wie auch die Feindschaft zwischen Protestanten und Katholiken im Wege der Aufklärung mit seinem „sapere aude“ das Zeitliche gesegnet hätte.

      Die bekannten antijüdischen Zitate seit der Antike beziehen sich ausschließlich auf das Judentum als Religion, deshalb werden diese auch als antijüdisch angesehen, nicht als antisemitisch. Erinnert sei an Alfred Grosser, der sagte, er weigere sich ein Jude zu sein nur weil Hitler ihn und seine Eltern wieder zu einem rassistisch begründeten Juden gemacht hatte.

      Dass Antisemiten, Nationalsozialisten und Zionisten zeitweilig die gleichen Interessen hatten, zeigt, wie gefährlich „Partnerschaften“ sein können, die dem Anstand zuwiderlaufen.

      Magnus Hirschfeld wäre zu entgegnen: warum sind die Deutschen so beliebt gewesen bei Männern wie Theodor Herzl, der gar seinen künftigen Judenstaat unter die Patronage des Kaisers der Deutschen, Wilhelm II., stellen wollte?

      Sie irren, wenn Sie meinen, es sei der „Zwang des Christentums, der kollateral den Antisemitismus bedingt.“ Bei meinen Eltern, durchaus überzeugte Christen, war eine strikte Ablehnung des Antisemitismus der Braunhemden. Ich denke nicht, dass die Mehrheit der christlich gesonnenen Deutschen die Novemberpogrome oder Morde an Juden in KZ bejubelt hat. Dass sie zu wenig dagegen unternommen haben kann nur der fragen, der nie in einer totalitären Gesellschaft lebte, in der die beiden Forderungen der Aufklärung, das „sapere aude“ und der „kategorische Imperativ“ in die Besenkammer verbannt wurden und Zuwiderhandlungen nicht nur den gesellschaftlichen Ausschluss nach sich zog, selbst wenn die Menschen hinter verhohlener Hand zugestimmt hätten.

      Das ist aber nicht nur ein Problem der Deutschen, sondern Menschen aller weltanschaulichen und/oder religiöser Bekenntnisse.

      Hannah Arendt hätte ich gewünscht, die Ursachen des Totalitarismus besser herauszuarbeiten, sich etwas mehr mit den beiden Forderungen der Aufklärung zu beschäftigen und zu erkennen, dass eine Beseitigung der beiden Forderungen immer der Wegbereiter für den Totalitarismus darstellt.

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