Der Wert deutscher Worte und wie man sie ermessen kann

von Eurich Lobenstein

Bundespräsident Steinmeiers Rede an seine „lieben Freunde“ in Yad Vashem enthielt unter anderem folgende Passage:

„Ich wünschte, sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt.

Aber das kann ich nicht sagen,

 wenn Hass und Hetze sich ausbreiten,

wenn jüdische Kinder auf dem Schulhof bespuckt werden.

wenn unter dem Deckmantel angeblicher Kritik an israelischer Politik kruder Antisemitismus hervorbricht,

wenn nur eine schwere Holztür verhindert, dass ein Rechtsterrorist an Jom Kippur in einer Synagoge in Halle ein Massaker, ein Blutbad anrichtet….

                 blablabla….“

Steinmeier verwendet schon das Wort „wenn“ diplomatisch, aber syntaktisch fehlerhaft an. „Ich kann nicht sagen, wenn…“ ist Möglichkeitsform. Breiten sich denn Haß und Hetze aus? Natürlich nicht. Also kann er „sagen“, weil sich   – jedenfalls derzeit –   Haß und Hetze nicht ausbreiten, daß die Deutschen gelernt hätten. Oder meint er doch das Gegenteil? Nix gwiß woiß man net, sagt man in Bayern. 

Etwas komplizierter ist es mit dem Bespucken jüdischer Kinder auf Schulhöfen. In welche Schulen gehen jüdische Kinder? In der Berliner Heinz Galinski Schule werden sie kaum bespuckt werden. Soweit sie in allgemeine Schulen gehen, treffen sie, gerade in Berlin, auf viele Mitschüler, die selten von 4 deutschen Großeltern abstammen.  Die jüdischen Kinder werden immer wieder bespuckt. Aber nicht von den deutschen Lehrern. So ekelhaft das Einzelereignis ist, es kommt immer wieder vor. Das „wenn“ bedeutet in diesem Zusammenhang, daß Steinmeier schweigen muß, aber weiterreden darf, sobald die Spucke abgewischt ist und der arabische, russische oder sonstige Mitschüler ermahnt wurde. Nur was hat das mit „den Deutschen“ zu tun?

Der dritte Satzteil ist völlig konditioniert. Es muß sich also um „angebliche Kritik“ handeln.Weil (nicht: „wenn“!) 30% der Israelis, orthodoxe Juden und verständige Personen Israel auch kritisieren, wäre vorab genau zu prüfen, ob die Kritik objektiv gar keine Kritik ist. Man kann hier das Beispiel jüdischer Literaturkritiker vergleichsweise heranziehen; in diesem jüdischen Stil würde man „eventuell“ Israel auch kritisieren dürfen. Göran Rosenberg (in: Israel, verlegt im Jüdischen Verlag) schrieb, Israel sei von Anfang an ein faschistischer Staat gewesen. Kritik an diesem einzigen Rechtsstaat in Nah-Ost darf also ganz schön weit gehen.

Davon abgesehen machte Steinmeier einen typisch nationalsozialistischen Stilfehler; indem er „kruder Antisemitismus“ schreibt, könnte er sowohl meinen, „jeder Antisemitismus sei krud“, oder relativieren, daß Kritik zwar Antisemitismus, aber keinen kruden hervorbringen dürfe. Wie dem auch sei, die gewählte Gestalt der Aussage, die von seinen Präsidialamtsmitarbeitern zurechtgefeilt worden sein dürfte, ist „schizophrenistisch“ (Paul Watzlawick in: Menschliche Kommunikation). Schizophrenistisch verlangt, daß man eine Aussage unterschiedlich verstehen kann.

So weit zu Steinmeier mit seinen schizophrenistischen Reden. Problem ist, daß es in Deutschland niemand besseren gibt.

Der 1907 geborene Sebastian Haffner, verstorben 1999, hatte (in: Germany Jekyll & Hyde) geschrieben, die Deutschen wollen in der Mehrheit und in erster Linie nur gut regiert werden. Sie werden aber ganz offensichtlich schlecht regiert. Das bedeutet, daß die drittklassigen Figuren wie Steinmeier (man erinnere sich seiner schäbigen Murat Kurnaz Geschichte) im Grunde gar keine nachhaltige Autorität ausstrahlen. Es ist also für „die Deutschen“ völlig einerlei, was er so daher plausibelt. Es gilt nur für den Augenblick und ist morgen vergessen, was u.a. Michael Wolffsohn kritisierte: „Immer die gleichen Reden, niemand hört mehr hin“.

Es kommt noch ein witziges Paradox hinzu: die Bundesregierung hat den deutschen Gerichten und Ämtern empfohlen, die IHRA Antisemitismusdefinition zu übernehmen, in der u.a. das Beispiel aufgeführt wird (Antisemitismus ist):

Das Verantwortlichmachen der Juden als Volk für tatsächliches oder unterstelltes Fehlverhalten einzelner Juden, einzelner jüdischer Gruppen oder sogar von Nicht-Juden.

Dabei ist gedacht an Dr. Baruch Kappel Goldstein, der mit seinem Sturmgewehr in Hebron 29 betende Moslems erschoß und 150 verletzte.

Ein weiteres Fehlverhalten einzelner Juden dürfte auch sein, daß ihm einzelne Juden einen Gedenkstein setzten.

Ein inzwischen ermordeter Rabbiner Meir Kahane hatte eine Jewish Defence League (Gruppe) gegründet, zu der WIKIPEDIA erwähnt:

Das FBI bezeichnete die Organisation in seinem Terrorismus-Report 2000/2001 als „gewalttätige, extremistische jüdische Organisation“ und brachte die JDL-Führung zumindest mit einem vereitelten Terroranschlag in Verbindung. FBI-Statistiken zeigen, dass es im Zeitraum von 1980 bis 1985 18 von Juden begangene Terroranschläge in den USA gegeben hat und 15 davon von JDL-Mitgliedern verübt worden waren.

Ich halte hier ein, Fehlverhalten einzelner Juden aufzulisten, um nicht noch als „Antisemit“ beschimpft werden zu können.

Natürlich sind „die Juden“ nicht für die JDL oder die 3 jüdischen Terroristen außerhalb der JDL verantwortlich, die das FBI ermittelt hat. Und was macht dieses Spitzenhirn von Steinmeier? Er macht „die Deutschen“ für das „Fehlverhalten“ eines Stefan Balliet, der

nur eine schwere Holztür gehindert wurde, als Rechtsterrorist an Jom Kippur in einer Synagoge in Halle ein Massaker, ein Blutbad anzurichten“ (Steinmeier)

verantwortlich. Auch wenn die ganze NPD für das Attentat von Halle verantwortlich wäre, es wäre nur eine „Gruppe“, für die Deutschen insgesamt nicht verantwortlich gemacht werden dürften.

Der drittklassige Präsident verleumdet also sein eigenes Volk auf „antipatriotische“ Weise, indem er aus dem Fehlverhalten eines einzelnen Deutschen im Ausland in Zweifel zieht, daß „die Deutschen“ aus der Geschichte gelernt hätten. Er macht „die Deutschen“ für das Fehlverhalten eines einzelnen deutschen Terroristen und für das Fehlverhalten einzelner Spuckteufen verantwortlich.

Ein Präsident, der so bedeutend bleiben wird wie die Präsidenten Köhler und Wolff, kann keine Erklärungen von Wert abgeben; Nullen können nur null-wertiges sagen. Aus Nichts wird nichts. Man beschäftigt in Deutschland Staatsschauspieler und politische Komödianten. Man sollte das nächste Mal Robert Carlyle zum Bundespräsidenten wählen, der den Aufstieg des Bösen von Halle überzeugender darstellen könnte.

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