Die EKD steht Schmiere: über die moralische Misere der evangelischen Kirche beim Israel-Palästina-Konflikt

von Manfred Jeub

Der Anfang 2020 von US-Präsident Donald Trump großsprecherisch als Jahrhundert-Deal verkündete Friedensplan für Israel/Palästina, bei der nur eine Seite beteiligt war, ist weltweit auf Ablehnung gestoßen – in den Kirchen nicht anders als in der Politik. Die Patriarchen und Kirchenoberhäupter in Jerusalem, der Lutherische Weltbund, die Versammlung der katholischen Bischöfe des Heiligen Landes, der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) und die Konferenz von Jerusalem, die Katholischen Bischöfe von England und Wales sowie der Middle East Council of Churches (MECC) haben den Plan scharf kritisiert. Von der evangelischen Kirche in Deutschland war zu diesem Thema erst einmal nichts zu hören. Stattdessen veröffentlichte der Rat der EKD Ende Februar 2020 eine Stellungnahme „angesichts der Debatte zu BDS“, in der die Boykottbewegung scharf kritisiert, aber kein einziges Wort zu ihrer Veranlassung, zu Israels Besatzungs- und Siedlungspolitik verloren wird.[1] Dabei ist das primäre Interesse der Erklärung gar nicht der BDS, der in Deutschland keine Rolle spielt, sondern der Rechtfertigungsversuch, dass man in den Führungsetagen der deutschen Kirchen die israelkritischen Positionen von Partnerkirchen und der Weltkirche nicht teilen mag. Zur Zeit präparieren sich die israelfreundlichen Kräfte für die Weltversammlung des ÖKR 2021 in Karlsruhe, wo das Thema womöglich auf die Tagesordnung kommt.

Im März führte dann eine Wahl in Israel zur Bildung einer Regierung, in deren Koalitionsvertrag ein Element des Trump-Plans, die Annexion größerer Teile des palästinensischen Westjordanlandes, festgeschrieben ist. An deren Umsetzung sollte es zügig gehen, ab Juli hieß es, ehe die Corona-Pandemie dazwischen kam. Wieder gab es kirchliche Reaktionen: Die Patriarchen in Jerusalem riefen die Weltgemeinschaft um Hilfe an, der Vatikan warnte, der Weltkirchenrat schrieb gemeinsam mit dem MECC am 8. Mai einen Brandbrief an die europäischen Außenminister, in dem die Androhung empfindlicher Sanktionen gefordert wird. Schlusssatz: „Die EU darf sich nicht durch Nichthandeln oder eine inadäquate Reaktion zum Komplizen dieser Pläne machen.“[2]

Das Schweigen der EKD wurde immer dröhnender. Am 28. Mai kam sie endlich mit einer Stellungnahme „zu den Annexionsplänen der israelischen  Regierung“ heraus[3]. Der Stellungnahme ist ein Verweis auf die sie leitenden Prinzipien vorangestellt, deren erstes lautet: „Die in einer theologischen Reflexion im jüdisch-christlichen Kontext gewonnene Erkenntnis der Verbundenheit der Kirche mit dem Judentum schließt auch das heutige Israel ein.“ Die folgenden Ausführungen zur politischen Sachfrage weisen ein Alleinstellungsmerkmal auf: Während alle anderen Stimmen Israel selbstverständlich auffordern, die angekündigte Annexion zu unterlassen, ruft die EKD „die israelische Regierung auf, die von ihr vereinbarten Annexionspläne auszusetzen.“ Die EKD leistet sich also die Ungeheuerlichkeit, in Bezug auf „eine der gröbsten Verletzungen des Völkerrechts“ (Jean Asselborn) nicht deren Unterlassung zu fordern, sondern lediglich auf Verschiebung zu plädieren – nichts anderes bedeutet „aussetzen“! Dass hier kein Versehen in der Wortwahl unterlaufen ist, wird im Kontext deutlich: Es sind jeweils die schwächsten Formulierungen gewählt („äußern wir uns kritisch“), es werden Überlegungen angestellt, die die Annexion bereits voraussetzen („Die EMOK fragt, welchen rechtlichen Status die im geplanten Annexionsgebiet lebenden Palästinenserinnen und Palästinenser im Falle einer Annexion erhalten sollen.“), das Mantra der Zwei-Staaten-Lösung und politisch Irreales wie „eine zentrale Vermittlerrolle der EU“ wird vorgetragen – nur von Konsequenzen im Falle des Völkerrechtsbruchs ist nicht die Rede. Am Schluss heißt es dreist: „Mit dieser Erklärung sehen wir uns in Übereinstimmung mit unseren ökumenischen Partnern wie dem Ökumenischen Weltrat der Kirchen und dem Mittelöstlichen Kirchenrat (Middle East Council of Churches) und nicht zuletzt den Patriarchen und Häuptern der im Heiligen Land anerkannten Kirchen.“ Dabei fällt man genau unter deren Verdikt, sich durch „eine inadäquate Reaktion zum Komplizen dieser Pläne machen.“

Israel droht Palästinensergebiete zu annektieren – und die EKD steht Schmiere? Ich habe den Verantwortlichen geschrieben: „Ich halte das für skandalös und bitte um eine Erklärung.“  Die Antwort erfolgte mündlich. In einem längeren Telefongespräch bat die Geschäftsführerin der zuständigen Evangelischen Mittelost-Kommission (EMOK), die selbst nicht glücklich mit dem Papier war, um Verständnis, dass in einem so großen und disparaten Gremium Kompromisse gemacht werden müssten. Wenn aber diese Stellungnahme bereits ein Kompromiss ist, dann kann das ja nur bedeuten, dass es da auch die Position gibt, die Verständnis für Israels Annexionen hat, und dass ihr gegenüber eine eindeutige Verurteilung der israelischen Politik nicht durchzusetzen war. Wer sich ein wenig auskennt, wundert sich nicht. Genau so liegen zwar nicht die Mehrheits-, aber doch die Kräfteverhältnisse in der evangelischen Kirche.

2015 stellten die vormaligen israelischen Diplomaten Shimon Stein und Mordechai Lewy in dem Essay Von Einzigartigkeit über Normalität zu Staatsräson: 50 Jahre diplomatische Beziehungen[4] fest: „Heute kann die öffentliche Meinung in Deutschland zu Israel als indifferent und eher negativ beschrieben werden. Seit der ersten Intifada 1987 scheint die Einstellung der deutschen Bevölkerung von der jeweiligen israelischen Regierungspolitik gegenüber den Palästinensern geprägt zu sein. Meinungsumfragen von Globescan im Auftrag der BBC weisen im Laufe des vergangenen Jahrzehnts auch global auf ein angeschlagenes Ansehen von Israel.“ Es ist, schreiben Stein und Lewy, „ein Gefälle zwischen der öffentlichen Meinung und den politischen Verantwortungsträgern zu verzeichnen. Es scheint, als ob die deutsch-israelischen Beziehungen ein Projekt der Eliten seien, die vor allem aus einer historisch-moralischen Verpflichtung heraus agierten.“

Genau so verhält es sich auch in der evangelischen Kirche, die in Deutschland ja ein Spiegel der Gesellschaft ist. Lange bevor deutsche Politiker auf die Idee kamen, Antisemitismusbeauftragte zu installieren, gab es in der evangelischen Kirche schon Instanzen, die darüber wachten, dass keine Kritik am Staat Israel laut, und wo doch, sofort skandalisiert wurde. Als 2011 im Deutschen Pfarrerblatt der Aufsatz des Pfarrers Dr. Jochen Vollmer „Vom Nationalgott Jahwe zum Herrn der Welt und aller Völker. Der Israel-Palästina-Konflikt und die Befreiung der Theologie“ erschien, bekundete der einflussreiche „Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit“ in einem Brief an den Ratsvorsitzenden der EKD seine „Abscheu“ und verlangte, dafür zu sorgen, dass ein solch „juden- und israelfeindlicher Beitrag“ in einem evangelischen Publikationsorgan nicht erscheinen darf. Vollmer hatte es gewagt, an einer Theologie zu kratzen, die im Staat Israel „ein Zeichen der Treue Gottes“ erblickt, und gemeint, es sei im eigenen Interesse Israels, die Tatsache der Nakba nicht weiter zu verleugnen.[5] Im Jahr darauf, 2012 ging ein Brief an den Bundespräsidenten, in dem der lutherische Pfarrer der Bethlehemer Weihnachtskirche, der Palästinenser Mitri Raheb, der den Deutschen Medienpreis bekommen hatte, als Antisemit angeschwärzt wurde. Drei Jahre später meinte der Koordinierungsrat, in die akademische Freiheit eingreifen zu dürfen, und skandalisierte den Berliner systematischen Theologen Notger Slenczka mit der ebenso hetzerischen wir falschen Schlagzeile „Theologieprofessor will Altes Testament aus der Heiligen Schrift verbannen.“ Das Diffamierungsobjekt des Jahres 2018 war der mit internationalen Autoren bestückte Sammelband „Religionen für Gerechtigkeit in Palästina-Israel“, hrsg. von den evangelischen Theologen Ulrich Duchrow und Hans G. Ulrich.  Der Koordinierungsrat nannte ihn in seinen Briefen an die Förderer des Projekts ein „zutiefst israelfeindliches Machwerk“, trotz gegenteiliger Aussagen im Buch und der drei jüdischen Autoren – es waren eben die falschen Juden, nicht die israelhörigen Dialogpartner vom Zentralrat. Die Verhinderungsstrategie hatte beim Verleger diesmal Erfolg. Ein Jahr darauf erfolgte die nächste Skandalisierung einer von der „Israeltheologie“ abweichenden Sichtweise – diesmal nahm der Koordinierungsrat einen veritablen evangelischen Sprengelbischof ins Visier, Hans-Jürgen Abromeit, der auf einer Konferenz einen Vortrag mit dem Titel „Zwei Völker – ein Land. Eine biblische Vision für Frieden zwischen Israel und Palästina“ gehalten hatte. Nachdem der jüdische Kopräsident Andreas Nachama ihn in der Jüdischen Allgemeinen unter der Überschrift „Im Sprengel lebt das Alte noch“ als brauen Provinzler verunglimpft hatte, legte sein evangelischer Präsidentenkollege Friedhelm Pieper nach mit der StellungnahmeVom christlich-jüdischen Dialog irritierend unberührt.“ Hier wird einmal mehr die Strategie deutlich, die eigene „Israeltheologie“ als Norma normans in der Evangelischen Kirche durchzudrücken, indem andere Auffassungen systematisch skandalisiert und als gestrig bis antisemitisch diffamiert werden. Der Einschüchterungseffekt von moralisch diskreditierenden Kampagnen ist in der Kirche noch stärker als in der Zivilgesellschaft und Schweigen zum Agieren Israels noch leichter zu erreichen. In Wahrheit gibt es in der evangelischen Kirche kein autoritatives Lehramt und die laufend beschworenen „Einsichten aus dem christlich-jüdischen Dialog“ sind 1. unklar und uneinheitlich, sind 2. in der akademischen evangelischen Theologie keineswegs Konsens, haben 3. in den Kirchengemeinden keinen Rückhalt und 4. weder die vorgespiegelte Verbindlichkeit noch gar Bekenntnisrang und sind 5. ökumenisch kaum anschlussfähig.

Die angesprochenen Stellungnahmen finden sich auf der Internetpräsenz des „Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit“.[6] Hier kann man sich auch ein Bild von dieser Organisation machen, etwa durch einen Blick auf die Zusammensetzung des Kuratoriums, sollte sich aber durch prominente Namen nicht darüber täuschen lassen, dass es sich um einen Wasserkopf handelt, dem keine größere, lebendige Basis entspricht – das angesprochene Elitenprojekt eben. Über die politische Ausrichtung sagt die unsägliche Verlautbarung zum Gaza-Massaker 2014 „Wir klagen an!“ alles.[7] Bleibt zu hoffen, dass nun vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wirklich angeklagt wird.

Eng verflochten mit den Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit sind innerkirchliche Arbeitskreise und diese wiederum mit kirchlichen Ämtern und Gremien. (An der Materie hätten die Kabarettisten der „Anstalt“ mit ihren legendären Grafik-Tafeln ihre helle Freude!) Auch hier gibt es einen Dachverband, die „Konferenz landeskirchlicher Arbeitskreise Christen und Juden“ (KLAK), die auf ihrer Homepage einen Überblick über die einzelnen landeskirchlichen Präsenzen bietet.[8] Sie führt über Links auch zu anderen Kooperationspartnern, z. B. in Sachsen zur Deutsch-israelischen Gesellschaft. Bei einer Reihe von Landeskirchen sind hauptamtliche Stellen eines Beauftragten für den christlich-jüdischen Dialog eingerichtet; eine gleichwertige Entsprechung, wo es um den Nahostkonflikt geht, existiert nicht; die Asymmetrie der Kräfte dort bildet sich in der evangelischen Kirche direkt ab. Eine volle Funktionsstelle hat etwa der erwähnte Friedhelm Pieper, der dem Koordinierungsrat ehrenamtlich präsidiert, bei den hessischen Landeskirchen inne, ebenso der KLAK-Vorsitzende Dr. Klaus Müller in der Evangelischen Kirche in Baden. Für die evangelischen Kirchentage als wichtigen Repräsentations- und Diskursort ist eine eigene „AG Christen und Juden beim Evangelischen Kirchentag“ mit traditionell besten Beziehungen zum Präsidium installiert, der viel Veranstaltungsraum zur Verfügung steht; der evangelische Vorsitzende ist  Dr. Christian Staffa, Studienleiter an der Evang. Akademie Berlin. Das Kairos-Palästina-Solidaritätsnetz dagegen, das 2012 als Reaktion auf den gleichnamigen Hilferuf der Kirchen in Palästina gegründet wurde, ist zu den Kirchentagen nicht zugelassen worden, ja, es wurde sogar versucht, seinen Thementag außerhalb des offiziellen Kirchentagsprogramms bei gastgebenden Gemeinden zu verhindern.

Auf EKD-Ebene schließlich existiert die schon angesprochene „Evangelische Mittelost-Konferenz“ (EMOK), von der sich die EKD den Nahost-Konflikt betreffende Policy-Papers schreiben lässt, sowie ein „Gemeinsamer Ausschuss Kirche und Judentum der EKD, der VELKD und der UEK“, deren Geschäftsführer im Range eines Oberkirchenrates Dr. Martin Hauger ist. Dieses Gremium hat im Spätjahr 2017 die Broschüre „Antisemitismus. Vorurteile, Ausgrenzungen, Projektionen und was wir dagegen tun können“ vorgelegt[9]. Ich habe 40 Jahre in der Religionspädagogik mit vielen Kollegen zusammen an der Aufarbeitung der Nazi-Zeit, des Holocaust und unseres kirchlichen Versagens gearbeitet und bin grundsätzlich dankbar für Materialien zur Antisemitismusprävention. Aber diese Publikation hat mich sprachlos gemacht. Wo der Nimbus einer protestantischen Intellektualität tatsächlich noch lebendig ist, kann sich hier jeder desillusionieren: Es handelt sich um ein der Sache unangemessenes Machwerk auf unterstem Niveau. Im Vorwort der Broschüre wird versucht, Unseriosität hinter einem Elementarisierungsbemühen zu verstecken: „Sie möchte in einer elementarisierten Form aufklären über Erscheinungsformen, Hintergründe und Ursachen von Antisemitismus.“ Tatsächlich werden unbewiesene Behauptungen aneinandergereiht, Begriffe nicht definiert, sondern durcheinander gerührt, statt sachlich zu  argumentieren wird polemisiert. Ich habe kurz nach Erscheinen den Autoren eine kritische Analyse dieser Publikation geschickt. Meine Einwände sind nicht ausgeräumt und Fragen nicht beantwortet worden. OKR Dr. Hauger hat glattweg bestritten, dass in der Antisemitismus-Broschüre überhaupt Aussagen zum Nahostkonflikt gemacht würden. Ich zitiere demgegenüber: „Besonders im Blick auf den Staat Israel und den Nahostkonflikt tauchen die altbekannten antisemitischen Stereotype und Vorurteile wieder auf. Die in der politischen Auseinandersetzung verwendeten Bilder zielen bewusst auf die Gefühle der Betrachter. Der Stärkere wird intuitiv als der „Böse“ wahrgenommen. Besonders oft werden in Aufrufen zur Solidarität mit den Palästinensern Kinder als Opfer abgebildet. Herkunft, Echtheit und Intention der benutzten Bilder werden selten hinterfragt. Sie kursieren in den sozialen Netzwerken in großer Zahl. Plakate mit der Aufschrift „Israel Kindermörder“, die auf antiisraelischen Kundgebungen häufig zu sehen sind, und ähnliche Parolen in Zeitungen und Pamphleten knüpfen ‒ unbewusst oder gezielt ‒ an Legenden früherer Jahrhunderte an. Bereits im Mittelalter wurden den Juden rituelle Kindsmorde und Kannibalismus unterstellt.“  Das ist drei Jahre nach dem israelischen Bombardement des Gaza-Streifens geschrieben, das nach Angaben der UN-Untersuchung 538 Kinder das Leben kostete, Verletzungen und Verstümmelungen, Verlust der Eltern und weiteres Leid durch eine zerstörte Infrastruktur noch gar nicht berücksichtigt. Dass das, was sie da schreiben, zynisch ist, wollen die Autoren nicht wahrhaben. Das Übelste an dieser medienpsychologisch getarnten Propaganda ist m. E. die Wendung: „Der Stärkere wird intuitiv als der „Böse“ wahrgenommen.“ Was soll den Menschen da als falsche „Intuition“ ausgeredet werden? Es ist doch nichts Geringeres als das Christen und Juden, Altes und Neues Testament elementar Verbindende: der Glaube an einen  Gott, der auf der Seite der Schwachen steht, der Gerechtigkeit einfordert und uns darauf verpflichtet.

Angesichts der mächtigen Israellobby in der evangelischen Kirche kann es nicht verwundern, dass auch ein Feld, das einmal evangelisches Markenzeichen war, nämlich auf Akademietagungen und Veranstaltungen der Erwachsenenbildung kontroverse Themen mutig anzupacken, in Mitleidenschaft gezogen ist. Im Frühjahr 2017 wurde eine Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing kurzfristig abgesagt, auf der die israelischen Menschenrechtsorganisationen zu Worte gekommen wären, deren Anhörung durch den deutschen Außenminister Gabriel gerade zu einem diplomatischen Eklat geführt hatte. Weder den angemeldeten Besuchern noch den ausgeladenen Referenten gegenüber wurden je die Einflüsse offengelegt, die diese außergewöhnliche Maßnahme bewirkten. Der Versuch der Evangelischen Akademie Bad Boll, im November 2018, genau dies sich immer stärker zeigende Phänomen unter dem Titel „Krise der Dialogfähigkeit – Shrinking Space im Israel-Palästina-Konflikt“ zu behandeln, wurde, diesmal öffentlich, unter massiven Beschuss genommen und skandalisiert, u.a. vom Antisemitismusbeauftragten Felix Klein. Die Akademie zeigte Rückgrat und führte die Tagung durch, obwohl der Bischof sie im Regen stehen ließ. Jüngst ist späte Rache an ihr genommen worden von der Amadeu-Antonio-Stiftung, die inzwischen nur noch ein Sprachrohr des national-religiösen Israel ist, indem die Tagung in die Broschüre „Zivilgesellschaftliches Lagebild Antisemitismus – Baden-Württemberg“ 2019 als abschreckendes Beispiel aufgenommen wurde.[10] Dafür, dass an Evangelischen Akademien in Deutschland israelkritische Stimmen in Zukunft nicht mehr zu hören sind, sorgt inzwischen ein Papier des Dachverbandes der Akademien EAD mit dem Titel „Antisemitismus und Protestantismus. Impulse zur Selbstreflexion“, Berlin, 2019[11]. Darin heißt es: „„Israelkritische“ Positionen stehen nolens volens im Horizont jahrhundertelanger, tief verwurzelter Judenfeindschaft. (…) Aus antisemitismuskritischer Perspektive erwecken deshalb propalästinensische Positionen einen Generalverdacht.“ (26f.) „Wir wollen mit anderen Worten an unserem Anspruch einer Diskurskultur festhalten. Das hat aber angesichts der beschrieben Problemlagen nur unter spezifischen Voraussetzungen eine gewisse Chance auf Gelingen. Eine Möglichkeit, wirklich ins Gespräch zu kommen, ist, kleinere und geschlossene Veranstaltungen zu planen, die auf einen öffentlichen Resonanzraum verzichten. Dies wurde im Rahmen des Projekts mit gesprächsbereiten Personen aus den Arbeitsfeldern christlich-jüdischer Dialog und Nahost/Ökumene erprobt.“ (28) „Antisemitismussensibel zu agieren bedeutet auch, bei der Konzeption einer Tagung im Themenfeld Nahost und Israel jüdische Perspektiven einzubeziehen. (…) Die Sorge, dass hier Diskussionen aus dem Ruder laufen könnten, ist aufgrund des antisemitischen Resonanzraums, den Kritik an israelischer Politik hat, berechtigt. Im Zweifelsfall ist es uns wichtiger, das Vertrauen unserer jüdischen Gesprächspartner nicht zu verlieren, als auf ihre Kosten allen strittigen Positionen Raum zu geben.“ (29) „Nach den Jahrhunderten christlich legitimierter Judenfeindschaft und der besonderen Verantwortung des deutschen Protestantismus für die Shoah verbietet sich für uns ein naiver Umgang mit den Grauzonen einseitiger, vereinfachender, falscher „Israel-Kritik“. Diese trägt zu einem Klima der Israelfeindschaft bei und ist anschlussfähig für offenen Antisemitismus. Wir aber benötigen eine Diskurskultur, die diese Grauzonen und Übergänge zwischen einseitiger „Israel-Kritik“, latenter Judenfeindschaft und offenem Antisemitismus durchleuchtet und zu rationalen, vorurteilsfreien Sichtweisen befähigt. Deshalb sollen Evangelische Akademien nicht nur allem Antisemitismus die Tür weisen, sondern von allem Abstand nehmen, was diese Grauzonen weiter in Nebel hüllt.“(30)

Der Mit-Autor dieser Schrift, die ich ein Programm zur Selbstzensur und Preisgabe der evangelischen wie der akademischen Freiheit nennen möchte, Dr. Christian Staffa,  ist inzwischen in ein neugeschaffenes Amt der EKD berufen worden: Er ist der erste evangelische Antisemitismusbeauftragte. So folgt der Staatsräson eine Kirchenräson wieder einmal auf dem Fuße – wie in den guten, alten Zeiten.

Worauf ich mich in diesem Essay beschränkt habe, ist die Machtkomponente im evangelischen Israel-Palästina-Diskurs aufzuzeigen. Es sollte andeutungsweise sichtbar geworden sein, dass zwei Einflussfaktoren wirksam sind. Das eine sind Abhängigkeiten zu dem unterm Zentralrat verfassten Judentum in Deutschland, das zwar nicht einmal die Hälfte der in Deutschland lebenden Juden repräsentiert, sich aber gebärdet, als spreche es im Namen aller.[12] Es hat sich gegenüber dem vor Jahrzehnten aufgenommenen Kontakt im christlich-jüdischen Gespräch entschieden verändert, indem es die Bewegung nach rechts in Israel nachvollzogen hat und nationalreligiös geworden ist. Das andere ist die angestammte, in der Ära des Ratsvorsitzenden Huber forcierte Neigung, sich staatlich anzuschmiegen, in diesem Fall seiner Wiedergutmachungspolitik in Form einer unbedingten Israel-Loyalität auf Kosten der Palästinenser zu folgen. Die Worthülsen, die eine positionelle Ausgewogenheit (kirchlich: „doppelte Solidarität“) vortäuschen, sind dieselben. Rhetorisch wird die Zwei-Staaten-Lösung beschworen, aber dass die israelischen Freunde sie längst ausschließen, überhört man geflissentlich und verschließt die Augen vor der Siedlungspolitik, die einen palästinensischen Staat schon heute unmöglich gemacht hat und auf ein Groß-Israel hinausläuft. Darin unterscheidet sich die EKD keinen Deut von der deutschen Außenpolitik. Beide berufen sich dabei auf die schuldhafte deutsche Vergangenheit, aus der ein besonderes Verhältnis zum Staat Israel folge. In der evangelischen Kirche wird dies – anders als in der Politik – auch theologisch begründet. Dieser Fragenkomplex, welche Lehren aus dem nationalsozialistischen Zivilisationsbruch und dem kirchlichen Versagen ihm gegenüber zu ziehen sind und was es mit der angesprochenen Israeltheologie auf sich hat, erforderte einen eigenen Essay, der naturgemäß einen fachspezifischeren Charakter haben müsste.

Der Autor, Jg. 1951, ist Religionspädagoge, Pfarrer und Schuldekan i. R. der Evangelischen Landeskirche in Baden.

[1] https://www.ekd.de/stellungnahme-rat-der-ekd-debatte-bds-bewegung-53837.htm Das Kairos-Palästina Solidaritätsnetz hat darauf per offenem Brief mit einer detaillierten Kritik geantwortet: https://kairoseuropa.de/wp-content/uploads/2020/03/Erwiderung-auf-EKD-zu-BDS-von-KAIROS-23.3.2020.pdf

[2] https://www.oikoumene.org/de/resources/documents/general-secretary/statements/joint-letter-to-heads-of-states-that-are-part-of-the-european-union

[3] https://www.ekmd.de/asset/VKjAvlIgQTCCXGuo23y9IQ/stellungnahme-emok-zu-annektionsplaenen-westjordanland-2020.pdf

[4] http://www.bpb.de/apuz/199891/50-jahre-diplomatische-beziehungen?p=all

[5] Der israelische Philosoph Omri Boehm vertritt genau diese Auffassung in seinem Buch „Israel – eine Utopie“, Berlin 2020, Kapitel 2: Die Nakba erinnern, S. 101ff.

[6] https://www.deutscher-koordinierungsrat.de/dkr-stellungnahmen

[7] https://www.deutscher-koordinierungsrat.de/dkr-home-Stellungnahmen-Wir-klagen-an-2014

[8] http://www.klak.org/arbeitskreise.htm

[9] https://www.ekd.de/antisemitismus-30965.htm Meine kritische Analyse dieser Schrift kann gern angefordert werden von m.jeub@gmx.de.

[10] https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/wp-content/uploads/2020/06/Zivilgesellschaftliches-Lagebild-Antisemitismus-Baden-W%C3%BCrttemberg.pdf

[11] https://www.evangelische-akademien.de/publikation/antisemitismus-und-protestantismus-impulse-zur-selbstreflexion/ Der Status dieses Papiers, das eigentlich nur ein Projektbericht ist, ist äußerst dubios. Meine Erkundigung bei einer Akademiedirektion ergab, dass es keine Verbindlichkeit für die einzelne Akademie habe. Aber wer hält dem erzeugten Druck Stand? Die EKD sorgt für zusätzliche Aufwertung: In der Ratsstellungnahme zu BDS wird darauf verwiesen wie auf eine wissenschaftliche Expertise. Hier zeigt sich exemplarisch ein Zitationskarussell, mit dem der Anschein von offiziellem Charakter und Mehrheitsmeinung erzeugt wird.

[12] „Nicht in unserem Namen!“ – so beginnt bezeichnenderweise die Selbstvorstellung der Opposition gegen den israelhörigen Zentralrat „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“. https://www.juedische-stimme.de/uber-uns/ Als ihr 2019 der Göttinger Friedenspreis verliehen wurde, setzte der Zentralrat alle Hebel in Bewegung, dies zu verhindern. http://www.taz.de/!5574860/

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