Die Hybris der Supermacht USA und das Afghanistan-Desaster des Westens

von Arn Strohmeyer

Der für den Westen katastrophale Ausgang des Afghanistan-Krieges im August letzten Jahres, als Tausende verzweifelte Menschen den Flughafen in Kabul zu stürmen versuchten, weil sie nur noch raus wollten, ist noch in guter Erinnerung. Dieses Desaster eines verlorenen Krieges, der zwanzig 20 Jahre gedauert hat, hätte eigentlich einer gründlichen kritischen Aufarbeitung bedurft, aber da ist wenig oder nichts geschehen. Die Schande dieser Niederlage ist wohl so groß, dass man sie lieber verdrängt, anstatt die richtigen Konsequenzen aus ihr zu ziehen. Dieser Aufgabe hat sich jetzt in einem Buch sozusagen stellvertretend der renommierte Nah- und Mittelostexperte Michael Lüders unterzogen. Was er da zu Tage fördert, ist eine sehr deprimierende, aber aufschlussreiche und aufklärende Lektüre.

Der Autor schreibt schon im Vorwort bilanzierend, was seine Recherchen ergeben haben: „Nicht zuletzt versteht sich das vorliegende Buch als Warnung. Vor dem, was geschieht, wenn der Tunnelblick das Denken ersetzt, wenn das Streben nach Vorherrschaft universelle humanitäre Werte missachtet und missbraucht. Dieser Krieg war in erster Linie ein Verbrechen an der afghanischen Zivilbevölkerung. Auch und vor allem deswegen haben nicht allein wir Deutsche allen Anlass zu Demut und Scham. Leider deutet nichts darauf hin, dass die Niederlage am Hindukusch zu einem Umdenken auf höchster Ebene geführt hätte, dort auch nachdenklich stimmen würde. Die nächsten Ziele befinden sich längst im Visier.“ 

An anderer Stelle führt Lüders Gründe an, warum wenig Interesse an einer Ursachenforschung für das Afghanistan-Desaster besteht: „Die mit weitem Abstand stärkste Militärmacht der Welt wurde von halben Analphabeten besiegt. Das ist bitter, nicht allein für die Psyche der Amerikaner. Doch nichts deutet darauf hin, dass die Entscheider in den USA, in Deutschland oder anderswo die Neigung verspürten, der Frage nach dem Warum der eigenen Niederlage ernsthaft nachzugehen, öffentlich schon gar nicht. Denn die Sinnfrage zu stellen, rüttelt am Selbstverständnis der NATO als Ganzes, ihrem Credo für Auslandseinsätze.“

Als Ursachen für das Scheitern nicht nur der USA und der NATO, sondern auch zuvor der Sowjetunion in Afghanistan konstatiert Lüders ganz allgemein politische Fehleinschätzungen von Anfang an. Mit einem an Hybris grenzendem und messianisch anmutendem Unfehlbarkeitsglauben hätten diese Großmächte mit rücksichtsloser Kriegführung und einer umfassenden Ignoranz gegenüber Geschichte und Kultur der einheimischen Bevölkerung wie auch den Gegebenheiten im besetzten Land selbst ihre durchaus vermeidbare Niederlage herbeigeführt. Die Sowjetunion erlitt am Hindukusch nicht nur eine furchtbare militärische Katastrophe, sondern leitete dort auch den Untergang des ganzen Reiches ein.

Aber den USA und der von ihr abhängigen NATO erging es dort nicht besser. Die Details, die Lüders über Amerikas „Krieg gegen den Terror“ in Afghanistan schildert, sind so haarsträubend, dass man an der Rationalität und Weisheit westlicher Politik massive Zweifel bekommt, wenn man sie nicht schon lange hatte. Zunächst: Der Angriff auf dieses Land war nicht durch eine UNO-Resolution gedeckt. Nach den Terrorakten des 11.September 2001 verabschiedete der UNO-Sicherheitsrat zwar die Resolution 1368, die das Recht auf Selbstverteidigung nach Terrorangriffen herausstellt und die Anschläge in New York und auf das Pentagon als Bedrohung des Weltfriedens bezeichnete, aber sie enthielt kein grünes Licht für den Angriff auf Afghanistan oder gar den Sturz der Taliban. Dennoch benutzten die USA diese Resolution und spätere Zusatzresolutionen als Legitimierung für ihren Angriffskrieg.

Lüders fragt immer wieder: Warum eigentlich Afghanistan? Denn keiner der Attentäter des 9/11 war Afghane, die meisten stammten aus Saudi-Arabien, andere aus Syrien und Ägypten. Der Anschlag wurde in Hamburg und den USA geplant. Und die Afghanen waren keineswegs glücklich über die Anwesenheit von Osama bin Laden in ihrem Land. Sie haben sogar mit Washington über seine Auslieferung verhandelt.

Viel Raum räumt der Autor der Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn ein. Sie fand im November und Dezember 2001 auf Einladung der Bundesregierung unter der Ägide der Uno statt. Dort verständigte man sich auf einen Fahrplan zum politischen Neuanfang. Er bestand darin, eine Übergangsregierung einzusetzen, dessen Vorsitz der Paschtune Hamid Karzai übernahm. Außerdem sollte eine neue Verfassung ausgearbeitet und freie Wahlen vorbereitet werden. Zudem erhielt ein internationales Truppenkontingent (ISAF), zunächst formal der UNO unterstellt, de facto aber den USA und später der NATO, das UN-Mandat, die Übergangsphase militärisch abzusichern.

Mögen diese Beschlüsse auf den ersten Blick noch akzeptabel erscheinen, enthalten sie doch – so Lüders – schon den entscheidenden Geburtsfehler für die ganze weitere Entwicklung. „Die Alarmsignale hätten hier schon ertönen müssen“, schreibt der Autor. Denn die größte Delegation auf der Konferenz stellte die tadschikisch dominierte Nordallianz, die Paschtunen waren durch die Exil-Monarchisten vertreten. Die paschtunischen Taliban – die mit Abstand größte und stärkste gesellschaftliche Kraft in Afghanistan – waren aber nicht einbezogen worden, dafür aber politische Gruppen wie die Nordallianz und die Monarchisten, die ihre politische Zukunft eigentlich schon hinter sich hatten. Lüders folgert daraus: „Der Preis für diese Ausgrenzung [der Taliban] war unendlich viel höher, als es der Versuch gewesen wäre, sie politisch einzuhegen.“

Vielleicht hätte mit einer Machtbeteiligung der Taliban der ganze folgende Krieg verhindert werden können. Aber zu diesem Schritt waren die USA und die NATO nicht bereit, und so nahm das Verhängnis seinen Lauf. Der Autor nennt zwei entscheidende Fehler, die die USA und die NATO obendrein begangen haben: Erstens die Annahme, eine von außen installierte Marionettenregierung könne Dauer und Bestand haben, das heißt, eine unfähige und bis in die Knochen korrupte Administration, deren Einfluss kaum über Kabul hinausreichte, könne dem Land zu Sicherheit und Stabilität verhelfen. Zweitens moniert der Autor, dass weder in Washington noch in der NATO in Brüssel oder etwa in Berlin ein klares Kriegsziel benannt wurde. Terroristen jagen? Regimewechsel? Nation Building? Stabilisierungseinsatz? Oder schlecht ausgebildete und bezahlte Soldaten und Polizisten als Puffer oder Kanonenfutter in die Schlacht gegen die Taliban schicken, um bloß nicht mit ihnen zu verhandeln?

Die Sinnfrage wurde nicht beantwortet. Auch für die ISAF nicht, deren führende Vertreter sich ja auf den Auftrag beriefen, den politischen und zivilen Aufbau im Land militärisch zu unterstützen. Für die Bundeswehr, die an den militärischen Unternehmen ISAF und Enduring Freedom beteiligt war, handelte es sich dabei aber um Kriegs- und Kampfeinsätze und nicht um zivile Aktionen wie Brunnenbohren und jungen Mädchen den Schulbesuch ermöglichen, wie es fälschlicherweise in der deutschen Öffentlichkeit oft dargestellt wurde. Es war der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der erstmals das Wort „Krieg“ in diesem Zusammenhang aussprach und dafür einen medialen Proteststurm auslöste.

Die Umsetzung der Petersberger Beschlüsse nahm sich denn auch eher erbärmlich aus. Die Bildung einer Demokratie scheiterte schon daran, dass eine nationale Identität und eine starke Zentralregierung in einem Land kaum möglich sind, dessen bestimmende Merkmale die Familie, der Clan, das Dorf, der Stamm (mit den mächtigen, berüchtigten und korrupten Warlords an der Spitze) sowie die ethnische und sprachliche Zugehörigkeit sind. Lüders nennt die Regierung in Kabul, die die politische Neuordnung durchführen sollte, eine Gruppe von „Mafiosi, Gewalttätern und Bankrotteuren“, deren Macht einzig durch monströse Wahlfälschungen „legitimiert“ war.

Dazu kam etwas anderes: Die Kriegführung der USA und der NATO war dermaßen brutal und tödlich, dass der Wille nach Rache und Widerstand täglich zunahm. Lüders folgert: „Der Widerstand gegen die Besatzung wuchs unaufhörlich und mit ihm der Zulauf zu den Taliban. Der Terror, den namentlich die USA in Afghanistan verbreiteten, erzeugte im Gegenzug eben jenen Terror, den zu bekämpfen der ‚Krieg gegen den Terror‘ vorgab. Eine Gewaltspiralen, an der die Rüstungsindustrie glänzend verdiente.“ Zur Illustrierung ein Beispiel: Allein zwischen 2015 und 2020 haben die USA mehr als 1300 Drohnenangriffe in Afghanistan geflogen, bei denen mehr als 10 000 Menschen getötet wurden – überwiegend Zivilisten. Zudem gab es zahllose Massaker, und Folter war in den von den USA und der NATO geführten Gefängnissen an der Tagesordnung.

Ein weiterer Grund für das Versagen des Westens am Hindukusch war die immense Korruption der afghanischen Elite. Das Regierungssystem in Kabul – so der Autor – entwickelte sich in kürzester Zeit zu einer Geldwaschanlage und Quelle der Bereicherung. Der Autor zitiert den Journalisten und Afghanistan-Experten Emran Feroz, der schreibt: „Der afghanische Politapparat, der vom Westen aufgebaut wurde, unterscheidet sich in keiner Weise von einem mafiösen Netzwerk, dem jedes Mittel recht ist, um die eigenen Privilegien aufrechtzuerhalten. Man hat keineswegs demokratische Institutionen gefördert, sondern in erster Linie eine Kleptokratie errichtet, die sämtliche Ressourcen weiterhin aushöhlt und zutiefst korrupt ist.“

Als die Amerikaner 2017 ein Milliarden von Dollars umfassendes Modernisierungs- und Entwicklungsprogramm für Infrastrukturprojekte auflegten, schafften die Mächtigen in Kabul das meiste Geld auf dem „regelrechten Dollar-Highways“ auf ihre Konten auf dem Finanzplatz Dubai. Als der letzte afghanische Regierungschef Aschraf Ghani im August 2021 beim Einmarsch der Taliban fluchtartig das Land verließ, nahm er gleich die Staatskasse mit ins Exil. Angesichts so mafiöser und korrupter Strukturen, muss man fragen, wie afghanische Soldaten und Polizisten einer solchen Regierung gegenüber loyal sein sollten.

Das müssen selbst die Amerikaner verstanden haben, denn sie schlossen im Februar 2020 in Doha eine Vereinbarung (keinen Vertrag) mit den Taliban, die festlegte, dass sich die USA innerhalb von vierzehn Monaten vollständig aus Afghanistan zurückziehen würden. Das war die Einsicht in die Sinnlosigkeit der Fortführung dieses Krieges, also die Anerkennung der militärischen Niederlage der USA und der verbündeten NATO-Truppen. Es war aber auch der Dolchstoß in den Rücken der Regierung in Kabul, die man so lang gestützt hatte. Man ließ also die eigenen Marionetten fallen und damit auch die so hoch gepriesenen westlichen Werte von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten. Das bedeutete aber auch, dass angesichts der bevorstehenden Machtübernahme der Taliban die Ortskräfte, die den westlichen Besatzern gedient hatten, im Stich gelassen wurden. Damals wäre eine Evakuierung der meisten von ihnen noch möglich gewesen.

Mit der Eroberung Kabuls im August 2021 mussten sich die Amerikaner den Sandalenkriegern der Taliban endgültig geschlagen geben. Die von den USA und der NATO ausgehaltene Marionettenregierung war ebenso gescheitert wie die 1975 in Saigon. Die Bilanz dieses Krieges ist erschreckend: Er hat die USA über zwei Billionen Dollar gekostet, davon sollen 800 Millionen Dollar in dunklen Kanälen verschwunden sein. Deutschland hat für den Krieg über 20 Milliarden Dollar ausgeben müssen. Der Krieg hat ein weitgehend zerstörtes Land hinterlassen und ihm so gut wie keinen politischen Fortschritt und keine Modernisierung gebracht. Zehntausende von Menschen verloren ihr Leben.

Die Frauen, für deren Befreiung man angeblich diesen Krieg auch geführt hat, leben heute unter den schwierigsten und hoffnungslosesten Bedingungen. Der Krieg hat sie nicht befreit, sondern ihr Elend und ihre Armut noch verstärkt. Der Autor zitiert die amerikanische Politologin Belén Fernández, die schreibt: „Es braucht schon ein stark ausgeprägtes Maß an imperialer Verblendung, um ernsthaft anzunehmen, man könne Frauen in eine Art von Freiheit hineinbomben und hineinbesetzen, in die sie gar nicht hineingebombt und hineinbesetzt werden wollen.“ Lüders‘ Gesamtbilanz des Afghanistan-Krieges fällt denn auch äußerst negativ aus: „Lässt man die Höflichkeit beiseite, war der Krieg in Afghanistan, der das Land 20 Jahre heimgesucht hat, in erster Linie ein Verbrechen an der einheimischen Bevölkerung.“

Die Zukunft des Landes sieht düster aus. Die Wirtschaft befindet sich im freien Fall. Klare und transparente Regierungsstrukturen, die in der Lage wären, die Krise abzumildern, haben sich bei den Taliban noch nicht herausgebildet. Lüders sieht das entscheidende Kriterium des Fortbestandes der Taliban-Herrschaft darin, ob die Islamisten der Macht des Faktischen, das heißt, den Erfordernissen einer modernen Gesellschaft genügen können. Mit religiösem Halbwissen könne man keinen Staat regieren und eine funktionierende Wirtschaft leiten. Viel wird davon abhängen, ob sich im politischen Machtkampf die Hardliner oder die Pragmatiker durchsetzen. Sollten die Taliban scheitern, was nicht unwahrscheinlich ist, besteht die Gefahr, dass das Land zu einem bevorzugten Treffpunkt von Desperados aus aller Herren Länder wird. Ein gewaltiger Flüchtlingsstrom könnte dann nach Europa aufbrechen.

Der weitere Gang der Dinge wird aber auch von der internationalen Staatengemeinschaft abhängen – gerade auch vom Westen. Die USA blockieren afghanische Vermögen im Gesamtwert von fast 10 Milliarden Dollar und haben im Einklang mit der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds alle afghanischen Auslandsguthaben gesperrt und zahlen bereits bewilligte Darlehen und Kredite nicht aus. Sollten die USA diese Strangulierungspolitik fortsetzen, droht Millionen Menschen im Land der Hungertod, weil der Staat keine Lebensmittel und Medikamente mehr einführen kann. Dabei ist wenig bekannt, dass Afghanistan eigentlich ein reiches Land ist, weil es über wertvolle Bodenschätze verfügt. Russland und China verhandeln schon mit den Taliban über die Erschließung. In diese Richtung zeigt auch die außenpolitische Orientierung, für den Westen wird das Land vermutlich für lange Zeit verloren sein.

Deswegen appelliert Lüders nachdrücklich an den Westen, Wirtschaftshilfe und logistischen Beistand im Kampf gegen den IS zu leisten, der sich im Land langsam ausbreitet: „Niemand im Westen hat Sympathien für die Taliban. Das ist mehr als verständlich, doch ersetzt die moralische Emphase nicht die Notwendigkeit, Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen. Die neuen Machthaber in Kabul zu boykottieren oder, wie die USA, gleich die ganze afghanische Bevölkerung zu strangulieren, führt politisch ins Nirgendwo. Mehr noch, diese Strangulierung ist gleichermaßen kriminell wie auch ein Offenbarungseid. Von wegen ‚Werte‘ und ‚Frauenrechte‘.“

Wer die ältere und jüngere Geschichte dieses leidgeprüften Landes verstehen will – auch die traurige Rolle, die Deutschland dabei gespielt hat – , sollte sich diese glänzende Analyse von Michael Lüders nicht entgehen lassen.

Michael Lüders: Hybris am Hindukusch. Wie der Westen in Afghanistan scheiterte, C.H. Beck Verlag München 2022, ISBN 978 3 406 78490 3, 14.95 Euro

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