Juden sind auch für den Nahostkonflikt verantwortlich

Der Nahostkonflikt ist nicht nur der längste Regionalkonflikt, den die Welt kennt, sondern auch der Konflikt, über den es die meisten Kommentare, Kritiken und Propaganda gibt. Es schreiben Politiker, Journalisten, Sayanim (Inoffizielle Mitarbeiter des Mossad)  und Philosemiten eine Menge Unsinn, darunter auch solchen, wie der unlängst beim Deutschlandradio erschienen Beitrag des Sayanisten Ofer Waldman, von dem ich bisher noch nie etwas gehört habe. Er soll ein Musiker des arabisch-israelischen West-Eastern-Divan-Orchesters sein, und man kann für ihn nur hoffen, dass seine musikalische Begabung seine schriftstellerische übertrifft. Ich kann mir auch vorstellen, dass sein Maestro, der Dirigent Daniel Barenboim, mit dem Unsinn einverstanden wäre, den der diplomierte Orchestermusiker verzapft hat.

Er beginnt seinen polemischen Beitrag mit der Behauptung, dass die Juden nicht für den Nahostkonflikt verantwortlich sind. Er bleibt uns aber die Antwort schuldig, wer nun für diesen Konflikt verantwortlich ist, wenn nicht die Juden. Er suggeriert dümmlich und naiv, dass es die Palästinenser sind, aber da muss er erst Leser finden, die ihm das abnehmen. „Juden für die Politik Netanjahus haftbar zu machen, sei nicht nur undemokratisch, sondern auch gefährlich“, meint Waldman. 

Warum undemokratisch entzieht sich meiner Intelligenz, dass es gefährlich ist, weiß aber jeder, der sich mit dem Nahostkonflikt beschäftigt, vor allem aber die Juden selbst, und inzwischen haben sich viele in diversen Organisationen versammelt, um Netanjahu klar zu machen, dass er nicht in ihrem Namen spricht. Denn es ist Netanjahu selbst, der die Juden, am liebsten alle Juden der Welt, in Haftung für seine Politik nimmt, und es sind viele dumme und naive Juden selbst, die behaupten, „Israel ist meine Heimat“, obwohl sie in Berlin, Paris oder London leben. Erst heute habe ich in der FAZ über ein Interview der israelischen Tageszeitung „Jediot Achronot“ mit dem paranoiden deutsch-jüdischen Schriftsteller Maxim Biller gelesen, der behauptet: „Für mich als Juden ist klar, dass Israel mein Land ist.“ Er lebt aber in Berlin und spricht kein Wort Hebräisch.

Waldman stellt „verblüfft“ fest, dass das Jubiläum der israelisch-deutschen Beziehungen und die Demonstrationen anlässlich des Gaza-Krieges im Sommer 2014, etwas mit Juden zu tun haben. Hat er denn noch nie gehört, dass Israel sich als der Staat der Juden bezeichnet? Insofern hat alles, was mit Israel zu tun hat auch etwas mit Juden zu tun. Und wenn irgendwer behaupten wollte, Israel sei eine Demokratie und kein Staat der Juden, für Juden, dann wäre wahrscheinlich Waldman der erste, der ihn als Antisemit diffamieren würde. Waldman kritisiert, dass „Israelis und Juden, Israel und Judentum“ gleichgesetzt werden. „Der Staat Israel wird demnach als die Vertretung aller Juden gesehen, umgekehrt werden Juden für die israelische Politik in Haftung genommen.“ Mir kommen die Tränen. Was für eine grausame Welt? Dabei ist es doch Israel, ist es doch Netanjahu, der nicht müde wird zu behaupten, dass alle Juden der Welt potentielle Israelis sind. „Dabei lebt nicht einmal die Mehrheit der Juden in Israel“, jammert Waldman und merkt offensichtlich gar nicht den Widerspruch.

Waldman behauptet, dass die „deutsch-jüdische Geschichte das dunkelste Kapitel der Menschheit beinhaltet.“ Nein, das ist Unsinn und falsch. Allein die deutsche Geschichte beinhaltet eines der dunkelsten Kapitel der Menschheit. Es gab und gibt noch weitere dunkle Kapitel. In diesem Kapitel waren die Juden nur Opfer. Es war nicht ihre Geschichte. Und wenn Waldman meint, von den Israelis fordern zu wollen, dass sie „sich nichts zuschulden kommen lassen“ sollten, dann ist es zynisch und dumm es von den Israelis im Hinblick auf deutsche Verbrechen zu fordern. Es würde reichen, wenn man es von den Israelis im Namen ihrer eigenen Kultur, Ethik, Moral, ihrer eigenen Propheten und ihrer eigenen Geschichte verlangen würde. Waldman scheint aber davon keine Ahnung zu haben, und dies macht seinen Beitrag besonders peinlich.

Die Maßstäbe, die vernünftige, demokratische und liberale Deutsche an Israel stellen, haben nichts mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun, sondern mit der Erklärung der Menschenrechte, mit dem deutschen Grundgesetz und mit den Jahrhunderte alten Forderungen der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und wenn Juden für die israelische Politik haftbar gemacht werden, dann sind sie selber schuld. Sie sagen doch selbst, dass sie ohne „wenn und aber“ hinter Israel stehen und wenn es ihnen nicht passt, dann können sie doch aufstehen und sich von Israels Politik distanzieren.

Waldman behauptet, dass es „weder eine jüdische Staatlichkeit gäbe, noch eine jüdische Staatsbürgerschaft. Juden dürfen nicht per se an Wahlen in Israel teilnehmen.“ Genau das Gegenteil ist aber der Fall: Es gibt keine israelische Staatsbürgerschaft, obwohl schon diverse israelische Bürger dagegen geklagt haben. Im israelischen Personalausweis steht, dass der Inhaber „Jude“ ist, oder „Araber“. Und jeder Jude kann nach Israel einreisen und sofort „per se“ die Staatsbürgerschaft (als Jude) beantragen und sofort bekommen und dann auch an Wahlen teilnehmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Israeli Ofer Waldman das nicht wusste und muss daher schlussfolgern, dass er absichtlich diese Lüge verbreitet, oder dass sein Beitrag vom der israelischen Hasbara geschrieben wurde.

Waldman macht sich Sorgen um die jüdische Existenz in Europa, die aber mehr von Israel als von den Europäern infrage gestellt wird. Er beklagt die „Heranziehung der Erinnerung an den Holocaust in den Sog tagtäglicher politischer Diskussionen“. Das tut sie aber schon lange und dahinter steht die israelische Politik, die das ständig befeuert und sich über antisemitische Erscheinungen in Europa freut, weil das Juden nach Israel „treibt“.

Waldman meint, dass Juden „sich dem Staat Israel kulturell und religiös „selbstredend“ verbunden fühlen. Wieso? Ich fühle mich Israel weder kulturell noch religiös verbunden und ich frage mich, wieso ein Jude wie Maxim Biller, der weder religiös noch kulturell Jude ist, sich dem Staat Israel verbunden fühlt. Er fordert andererseits aber „ein Denken, das eine notwendige Unterscheidung zwischen Juden und Israelis, Volk und Staat“ fördert. Ich frage mich aber an wen er eine solche Forderung stellt. Er müsste sie an die Israelis stellen, die zwischen Volk und Staat und zwischen Israelis und Juden nicht unterscheiden wollen. Nicht aber an die Europäer, als die Deutschen, die schon längst eine universalistische Gesellschaft geworden sind im Gegensatz zu den Juden in Israel, zu den Israelis, die partikulär, rassistisch und kolonialistisch denken.

Waldman schließt mit der Forderung zwischen „berechtigter Israel-Kritik und antisemitische Hetze“ zu unterscheiden. Die übliche zionistische Diffamierung, die nicht einsehen will, dass jede Kritik berechtigt ist, auch wenn sie falsch sein sollte. Die Aufgabe von Kritik ist, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Was man darin sieht, ist nicht mehr Sache des Kritikers, sondern Sache des Betrachters.

Der Waldmann-Beitrag.

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