Martin Walser „Spätdienst“ – Antisemitismusverdacht!?

Ein „antisemitisches“ Machwerk?

Hat der Schriftsteller Martin Walser dem deutschen Feuilleton wieder etwas „Antisemitische“ vorgesetzt? Diesen Eindruck versucht wenigstens der Rezensent, Christian Metz, in der FAZ vom 21. November 2018 zu erwecken. „Statt Golgatha, Verdun und Auschwitz lassen wir diesmal holzschnitthaft Hué herkommen…“. Daraus macht Metz eine „dumpfe Geschichtsrevision“ oder eine „Bagatellisierung von Auschwitz“. 

Das Problematische dieser Zeilen bestehe nach Auffassung des Rezensenten darin, „wie hier Auschwitz thematisiert“ werde. „Die Passage suggeriert, dass Auschwitz unter verschiedenen Ereignissen einzureihen sei. Neben Jesu Kreuzigung auf Golgatha, der Schlacht von Verdun im Ersten Weltkrieg und eben dem Kampf um die Stadt Hué im Vietnam-Krieg erscheint Auschwitz in dieser Formulierung als eine tödliche Katastrophe unter vielen.“ Und am Ende fragt sich der Rezensent, wie man denn mit dem Werk des „renommierten Autors“ umgehen solle, „wenn er seine Leser bei genauer Lektüre provokativ mit der Bagatellisierung von Auschwitz konfrontiert?“

Zu dieser etwas schrägen Geschichtsinterpretation hat Karl Krähling folgenden Leserbrief verfasst: 

von Karl Krähling

Werter Herr Metz!

Es war eines jener in den 1980er Jahren errichtete Tabus, dass mit der Durchsetzung der Sicht auf den Judenmord als „Holocaust“ verbunden war, Auschwitz nicht in einer Reihe mit anderen Orten zu nennen, an denen Massenmorde geschahen oder zugelassen wurden; dies wäre eine „Relativierung“ des Judenmords und eine Beleidigung jüdischer Opfer gewesen und hätte als Volksverhetzung bestraft werden können. 

Die Forderung jüdischer Opferverbände unter Federführung von Elie Wiesel bei der Begründung des Holocaustmuseum in Washington in den 1970er Jahren und folgender Gedenkstätten wie in Berlin war, Auschwitz und den Holocaust aus der Geschichte herauszunehmen, dem menschlichen Verstand und seiner Suche nach Verstehen wollen zu entziehen, allein den jüdischen Opfern im Sinne eines antiken Brandopfers zu Gedenken, ihr tragisches Schicksal nicht in einen historischen Kontext zu stellen, nur das Leid anzuschauen, wie dies u.a. Claude Lanzmann in dem Film Shoah darstellte.

Auschwitz oder den Holocaust verstehen zu wollen hätte in jenen Jahren insinuiert, ihn relativieren zu wollen. Das unausgesprochene Mantra jener Jahre war das „tout comprendre c’est tout pardonner“, das „alles Verstehen heißt: alles Entschuldigen, mithin sich über nichts zu empören“. Doch diese Grundhaltung war schon in jenen Jahren falsch, führte zu einer Heraushebung bis hin zu einer Sakralisierung des Holocaust und der jüdischen Opfer – und zu einer Dämonisierung Hitlers und seiner „willigen Helfer“.

Klaus von Dohnanyi war einer der ersten, der – anlässlich der Walser-Bubis-Debatte – dem Mantra des Zeitgeistes widersprach, in dem er dem falschen Mantra das korrekte gegenüberstellte: „tout comprendre c’est n’est pas tout pardonner“.

Dass kein vernünftiger Mensch Äpfel mit Birnen vergleicht, lernt jedes Schulkind, aber auch dass beides Obst ist. Natürlich sind vergleiche zwischen Gaza und KZ obszön, dennoch geschehen an beiden Orten Verbrechen, darin liegt das abscheuliche, nicht (!) zu rechtfertigende oder aber zwischen den von Martin Walser gewählten Orten.

In jenen Jahren der Hochzeit der Debatten um die Deutungshoheit über den Judenmord wurde eine solche Darstellungsweise wie diese Martin Walser nun gewählt hat, sozialmoralisch auch als „Holocaustleugnung“ eingestuft. Dankenswerterweise haben Sie auf ein solch plumpes Verdikt verzichtet, ersatzweise bei Walser jedoch „Antisemitismus“ unterstellt.

Ich darf darauf verweisen, dass der Forderung nach Singularität von Auschwitz resp. des Holocaust in vergangenen Jahren zureichend widersprochen wurde, so u.a. im „Appell von Blois“ von 2008, der „Prager Erklärung“ von 2008, Sven Felix Kellerhoff, Die Welt, 1.4.2014 und 23.2.2017 und kürzlich Christian Schneider (SPON 11.06.2018). Formulierungen von UN-Resolutionen zu der Thematik sind ebenfalls lesenswert.

Tendenzen der Sakralisierung und Dämonisierung von Opfern und Tätern sind aus politischen Gründen verständlich, den Grundsätzen der Aufklärung, dem „sapere aude“ und dem „kategorischen Imperativ“ wie auch dem Rechtsgrundsatz des „audiatur et altera pars“ wie auch den Grundsätzen der Emanzipation, die nicht zwischen Opfern und Tätern nach rassistischen, völkischen und/oder religiösen oder anderen Gesichtspunkten zu unterscheiden vermag.

Was heutzutage alles als „Antisemitismus“ bezeichnet wird und in welcher Weise dieses Wort instrumentalisiert wird (vergl. u.a Abraham Melzer „Die Antisemitenmacher“ und Moshe Zuckermann „Antisemit!“. Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument) ist so beliebig, dass es auch Ihnen frei steht, sich eines solchen „Argumentes“ zu bedienen, auch wenn Sie in ihrer weiteren „Begründung“ auf den abgelebten christlichen Judaismus verweisen, der in Martin Luther zweifellos seinen bekanntesten Protagonisten im Kulturraum der Deutschen aufweist.

Sofern Sie, werter Herr Metz befürchten, „der Schoß sei fruchtbar noch“, der einst „Vernichtungslager“ mit Juden füllte, sollten Sie einen Termin bei einem der zugegebenermaßen wenigen Psychiater vereinbaren, der erfolgreiche Heilungen paranoider Wahnvorstellungen nachzuweisen vermag, insbesondere bei latentem Antisemitismusverdacht.

Mit freundlichen Grüßen

Karl Krähling, Schloßhof, Direktor i.R., Alumni der Georg-August Universität Göttingen.

2 Gedanken zu „Martin Walser „Spätdienst“ – Antisemitismusverdacht!?

  1. „Die Deutschen“ haben das verbrecherische Unternehmen „Erster Weltkrieg“ grundlos begonnen; 1914 jubelten sie und übten darüber hinaus genug konkrete Einzelverbrechen aus, wobei ich nur an das Stichwort Helmut Patzig erinnere; die deutsche Justiz deckte die meisten Verbrechen. Seit 1919 wird vom Generalstab die Revanche vorbereitet, angefangen mit heimlichen Rüstungen der Reichswehr und der Wahl eines Hauptverantwortlichen für die Kriegsführung, Paul v. Hindenburg zum Reichskanzler. Schon er war ein Verbrecher.
    Adolf Hitler beschreibt in „Mein Kampf“ 1.Teil „Abrechnung“ die Fehler der deutschen Kriegspropaganda; Schlieffenplan und Ostlandexpansion rechtfertigt er. Er und sein Minister für Volksaufklärung haben die psychologische Kriegsführung für die Revanche derart perfektioniert, daß diese bis „fünf nach zwölf“ funktionierte. Die deutsche Justiz hat sekundierend jeden Widerstand im Keim erstickt, nicht nur Roland Freisler der Böse, sondern die gesamte Strafjustiz. Bestandteil dieser psychologischen Kriegsführung war die Judenverfolgung. Auf S. 128 in „Mein Kampf“ heißt es:
    „Alle großen Volksführer haben es verstanden, die Feinde eines Volkes als nur einen einzigen Feind darzustellen“. Der WK I Slogan „Viel Feind viel Ehr“ wird von Hitler abgelehnt und durch „Kampf gegen den einzigen (jüdischen) Feind“ ersetzt. „Auschwitz“ ist eine logische Folge der „Ausschaltung der Juden im Reich“ und die Konzentration der polnischen Juden in Ghettos. Wenn die Wehrmachtsführung schon 3 Millionen russischer Kriegsgefangener hat verhungern lassen, sind erst recht keine Mittel für die (zivil-)gefangenen Juden da. Auschwitz ist also kein Mythos, sondern „banale“ (Hannah Arendt) deutsche Kriegslogik, die im Kleinen schon gegen die Hereros und im WK I gegen die Armenier praktiziert wurde. Stalin hatte in Jalta völlig Recht: gleich nach dem Sieg 50.000 höhere Beamte und Stabs-Offiziere aller Gattungen zu erschießen und sich nicht noch nach 80 Jahren mit der Anklage gegen einen 95-jährigen Wachmann von Mauthausen lächerlich zu machen. An der Ostfront hätte dieser mit der Waffe kämpfend mehr „Beihilfe“ zum Mord an den Juden geleistet als auf dem Mauthauser Mirador.

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