Von einem 7. Oktober bis zum nächsten.

Aus der Tribüne Jüive

Fast auf den Tag genau, fast ein Jahr nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 fällt eine massive Salve iranischer Raketen – Gott sei Dank ohne allzu großen Erfolg – auf Israel, während ein Terroranschlag 7 Zivilisten in Tel Aviv und an der libanesischen Grenze tötet, läuft die Offensive der IDF gegen die Hisbollah an. Ein düsterer Jahrestag für den düstersten Tag des Grauens, den die Juden seit der Shoah erlitten haben.

„Shluss mit dem Krieg“ verkünden viele, die nicht erkennen oder sehen wollen, dass hinter dem israelisch-palästinensischen Konflikt von Anfang an der Iran steht, der die Hamas und Israel im Gazastreifen gegeneinander aufgebracht hat. Denn ohne den beharrlichen Hass der Mullahs und der Pasdarans hätte die palästinensische Organisation niemals die Mittel gehabt, ihr tödliches Werk über die Jahre hinweg in den Tiefen der Tunnel zu verrichten.

Der für die Offensive gewählte Zeitpunkt war der Zeitpunkt, an dem die Abraham-Abkommen unterzeichnet werden sollten – Vereinbarungen, die den Iran isoliert hätten. Die Al-Aqsa-Sturmflut hatte eine verheerende Wirkung auf diese Vereinbarungen, die sie im Lärm des Krieges vorerst in Vergessenheit geraten ließ.

Mit dem inzwischen offenen Eintritt des Iran in die Konfliktszene manifestiert sich hinter dem Geschrei eines „vom Fluss bis zum Meer befreiten Palästinas“ etwas, das vergessen werden wollte.

Werden die Ereignisse von uns Westlern jetzt durch plötzliche Anfälle von Amnesie und Blindheit vernebelt? Soll unsere Sicht auf das Kommende auf das Angenehme reduziert werden?

Im vergangenen Jahr gab es einen weiteren Moment harter Amnesie, der die Mehrheit der Juden in der Diaspora in einen Zustand schmerzender Hilflosigkeit versetzt: Es ist das fast augenblickliche Vergessen der Gräuel, die am 7. Oktober begangen wurden, zugunsten eines Mitgefühl für die Opfer der israelischen Militärreaktion auf Gaza.

Wir wissen, wie entscheidend dieser Moment für die Konstruktion eines feindlichen Bildes ist. Israelis und Juden der Diaspora werdm sowohl an Universitäten als auch auf den vielen internationalen Bühnen als zionistische Nazis vorgestellt, die  einen Völkermord fortsetzten, der einer Endlösung am palästinensischen Volk entsprach. In vehementen Karikaturen, die durch arabisch-muslimische Judenphobie begünstigt wurden, ist der Stunt der Nazi-Juden nicht neu, aber er hat sicherlich noch nie so wirksam eingeschlagen. Ich werde darauf zurückkommen.

Von der Amnesie bis zur Verwirrung von allem mit allem ist nur ein kurzer Schritt. Den zu tun kann sich in dem asymmetrischen Krieg, den die Krieger des Islam gegen den Westen führen, als sehr effektiv erweisen. So können wir in „Die Bewältigung der Barbarei“, dem radikalsten Brevier des Dschihadismus, diesen prägnanten Text lesen, den zu ignorieren ein Fehler wäre:

„Wir müssen alle Bewegungen, alle Massen, alle Parteien in den Kampf einbeziehen und alle auf den Punkt bringen.“

Ist diese „verdrehte Welt“ nicht diejenige, in der es islamistische Terroristen mit planetarischem Ziel geschafft hatten, uns aufzurütteln? Mit »wir« meine ich all jene, die seit dem »gesegneten Doppelüberfall« vom 11. September 2001 wiederholte und erstaunliche traumatische Erschütterungen erlitten haben, die ihnen in Taten und Bildern von denen zugefügt wurden, die sie durch Terror besiegen wollten.

In welchem mentalen Raum leben wir heute im Westen, um so schnell von den Anfängen eines Mitgefühls zum Vergessen zu wechseln, während sich ein Gefühl des Hasses über diejenigen, die getröstet werden müssten, wie ein gigantisches Feuer ausbreitet. Die Gesichter von Geiseln, die unter unsäglichen Bedingungen gefangen gehalten werden, werden wie Fahndungsbilder von Verbrechern zerrissen? Eine Welt, in der solche psychopathischen Verstümmelungen vorkommen, offenbart sich als eine Welt ohne Bezugspunkte zur Realität, in der die Spuren verschwimmen, in der der Feind vorgibt, ein Freund zu sein, in der der Hass, den wir auf uns selbst haben, mit der Wut derer konvergiert, die uns vernichten wollen.

Wer wird noch in der Lage sein, uns in unseren eigenen Augen wieder lesbar zu machen? Wer hilft uns, die heilsame Distanz einzunehmen, die uns allein von der zwanghaften Faszination für Schreckensbilder lösen kann?

Ich wartete ungeduldig auf das Erscheinen eines Buches von Gilles Kepel, der mit  Mut, Strenge und mit der Breite seines Wissens über die arabisch-muslimische Welt geschrieben hat. Ich werde in „Der Aufruhr der Welt“ mit dem Untertitel „Nach dem 7. Oktober“ eine erschöpfende Analyse der vielfältigen Auswirkungen finden, die durch den „Explosionseffekt“ des 7. Oktober sowie durch die israelische Reaktion verursacht wurden. Unter diesen Folgen taucht ein Narrativ auf – so Gilles Kepel -, das von den Medien der ganzen Welt reichlich genährt wird. Es ist das Narrativ, in dem „Israels Schuld durch die unverhältnismäßig große Zahl palästinensischer Opfer und die Macht seiner Armee bewiesen werden soll. F16 und Merkava gegen mit Matratzen beladene Karren, auf denen verängstigte Kinder saßen; das sind die Bilder, das ist die strukturierte normative Erzählung, die die Herzen und Köpfe der euro-amerikanischen Jugend eroberte und die einen ethischen Riss innerhalb des Westens von gestern verursachte, der als der Norden von heute neu codiert wird.“

Wo aber bleibt die Bösartigkeit antisemitischer Worte und Taten in einer solchen Analyse, die im Laufe des Jahres stetig zugenommen hat, die Einschüchterung, die Schläge, die Gruppenvergewaltigung eines zwölfjährigen Mädchens in Courbevoie im vergangenen Juni durch drei gleichaltrige Kinder, die sie eine schmutzige Jüdin nannten?

Ich kann mich nicht dazu durchringen, mich mit einer so knappen Analyse des fast universellen Hasses zufrieden zu geben, den ich in diesem Jahr von allen Seiten mit gesteigerter Intensität gegen „einen imaginären Juden“ zusammenkommen sah, von dem wir nicht wissen, ob er Israeli, Israelit oder Zionist ist, in dem aber alle Züge zu finden sind, die der Antisemitismus, sowohl der europäische als auch der arabisch-muslimische, in gleicher Weise bewahrt hat: vampirische Grausamkeit, rituelle Kinderopfer, ungezügelte Gier, hinterhältiges Streben nach regionaler und globaler Herrschaft… Was ist der Unterschied zwischen den antisemitischen Karikaturen des Nazi-Stürmers und dem Bild der libanesischen Presse aus dem Jahr 2001? Aber was macht das Datum aus? Wenn ich etwas tiefer schaue, bin ich mir sicher, dass ich heute das gleiche Bild und mit Sicherheit die gleichen Reden finden kann. Denn der Antisemitismus ignoriert die Zeit und wiederholt das gleiche albtraumhafte Antiphon zu jeder Zeit und an allen Orten.

Warum ist es am Ende unmöglich, mit einem Antisemiten zu streiten? Die Antwort scheint mir angesichts des vergangenen Jahres und seiner hasserfüllten antijüdischen Turbulenzen naheliegend: Der Antisemitismus ist eine Produktion des Unbewussten, und das Unbewusste ist kein Momnentum des Dialogs, sondern eine Fabrik von Träumen – guten oder schlechten – oder neurotischen Symptomen, die unter dem Druck der Verdrängung arbeitet, ohne Rücksicht auf Zeit und Realität nach der doppelten Logik von Verdrängung und Verdichtung. wie Freud uns einst gelehrt hat.

Gestatten Sie mir diese Erwähnung, denn ich sehe nicht, wie man sonst den wahnhaften und bedrohlichen Irrealismus verstehen könnte, der – um nur ein Beispiel zu nennen – Mitglieder der LGBT-Gemeinschaft dazu bringt, ein Loblied auf eine Intifada zu singen, die, wenn sie triumphiert, als erstes Ziel hätte, sie von den Dächern der Gebäude zu stürzen.

Wenn wir sehen, wie sowohl an den Universitäten als auch auf der internationalen Bühne Israelis des Völkermords beschuldigt werden, während  der Begriff eigentlich von einem jüdischen Juristen geprägt wurde, um die Schrecken der nationalsozialistischen Vernichtung zu beschreiben. Der „Judeo-Nazi“, eine selbstgefällige Entdeckung hasserfüllter Rachsucht, bleibt das reinste Beispiel für einen Verdrängungsprozess im freudschen Sinne. Er kann nur durch einen Gedanken hervorgebracht werden, der selbst von der Lust zum Mord angetrieben wird. Das Gleiche gilt für die wiederholten Versuche derselben Leute, im Bild Israels und in all seinen Aspekten (wiederum im freudschen Sinne) das zu verdichten, was die intersektionalistische Idiotie des Wokismus, die sich in der gleichen reduktiven Schadenfreude mit den islamo-fundamentalistischen Aufgeklärten und den dunklen Eiferern des globalen Südens verbindet, als das Absolute des Bösen definiert: nämlich das dominante imperialistische und neokoloniale weiße männliche Patriarchat, Was, wie man zugeben wird, für ein so kleines Land etwas viel wäre.

All dies könnte als lächerlich bei Seite geschoben werden, wenn es uns nicht am 7. Oktober und während des ganzen Jahres so heftig vor Augen geführt hätte, wozu der kollektive antisemitische Massenwahn führen kann, der die imaginären Gelüste des Todestriebs erzeugt. Was wir in diesem Jahr gesehen haben und was wir noch nicht zu Ende betrachten konnten, ist die Verbindung zweier Hassgefühle, die miteinander verflochten sind: der Hass auf den Westen, wie der Islam  ihn seit dem 11. September 2001 in die Praxis umsetzt, und der Hass, den der Westen durch die dubiosen Avatare der Woke-Selbstgeißelung gegen sich selbst hegt.

Was haben wir Juden, mit oder ohne Glauben, Israelis oder über die ganze Welt verstreut, dem bösen Wind entgegenzusetzen, den eine beunruhigende globale Neurose gegen uns wehen lässt? Gewiss, die Fluten von hasserfülltem Unsinn, die uns in diesem Jahr an der „Science-Po“ oder an der Columbia überwältigt haben – ganz zu schweigen von den vielen NNarrengerichten der mélenchonistischen Wut – lassen uns ratlos zurück. Aber sie fielen kaum ins Gewicht, wenn wir sie gegen die Erschütterungen abwägen, die die Israelis hinnehmen müssen, die die Geiselnahme zu dem Pogrom hinzugefügt haben, während die Raketen der Stellvertreter ununterbrochen von allen Seiten heranfliegen.

Trotz der Spaltungen, der Spannungen, der innenpolitischen Krisen, trotz der Toten im Kampf, der unerbittlichen Härte des Krieges hält sie etwas zusammen, das meine Bewunderung erzwingt, soweit ich auch von ihnen entfernt sein mag. Was auf dem Spiel steht, ist eine Fähigkeit, um die wir Westler die Israelis beneiden könnten, weil wir sie verloren haben, verstört von der Furcht, unsere köstlichen und bequemen Vorteile verschwinden zu sehen: Es ist die Fähigkeit, ein Volk zu werden, in dem Sinne, dass man seinen Schwerpunkt in sich selbst hat, was auch immer die Prüfungen abverlöangt haben.

Gestehen wir den Juden zu, daß sie die Kunst erfunden haben, sich nur auf sich selbst zu verlassen. Pascal verstand dies, als er in den „Pensées“ schrieb:

„Ich sehe zunächst, dass es ein Volk ist, das ausschließlich aus Brüdern besteht, und anstatt dass alle anderen aus der Versammlung einer Unendlichkeit von Familien gebildet sind, ist diese, obwohl sie so seltsam zahlreich ist, alle von einem Mann gekommen; und da sie so alle ein Fleisch und Glieder voneinander sind, bilden sie einen mächtigen Staat einer Familie. Das ist einzigartig.“

Das ist in der Tat einzigartig, und ich bin bereit – so ungläubig ich auch bin – dafür zu beten, dass es so bleibe.

© Thomas Stern

 

Zum Antisemitismus

In meinen verschiedenen Analysen des Antisemitismus oder vielmehr dessen, was ich antijüdische Rachsucht nenne, habe ich gezeigt, dass die Menschen um das jüdische Volk an von Anfang an es verübelt haben, dass es „etwas“ hat, das wir heute mysteriös finden, das es zum Funktionieren bringt, dass es uns gelingt, dass es immer Hoffnung gibt, egal wie verzweifelt wir sind; Kurz gesagt, etwas zu haben, das man wieder einfach einen Segen nannte.

Und da es vollständig in der Tora steht, achtet heute niemand mehr darauf, außer natürlich den aufmerksamen Geistern. Wenn der König der Philister in der Genesis im Wesentlichen zu Isaak sagt: Geh weg, du bist erfolgreicher als wir, dann geht es darum.

Danach wird es kompliziert, aber es bleibt verständlich: Wenn die Evangelien fast jedes Wort so berechnen, dass es eine Anspielung aus der hebräischen Bibel aufnimmt, so dass die neue Botschaft, die Frohe Botschaft, den Segen Abrahams mit sich zieht, sie den Juden zu entreißen und sie den Anhängern des entstehenden Christentums zu geben, dann tun die Evangelien nichts anderes, als zu versuchen, den geheimnisvollen und segensreichen Gegenstand zu nehmen, von dem sie nicht ohne Grund annehmen, daß die Juden es besitzen, von dem sie aber irrtümlich glauben, daß die Juden es als ein Gut besitzen, während es eine gewisse Disposition in der Beziehung zum Sein, d. h. zum Göttlichen ist.

Wenn der Quran sehr lange Passagen der Bibel und fast alle wichtigen Geschichten, die es gibt, aufgreift und sie dem Islam zuschreibt, wenn er die großen alten Hebräer islamisiert, wenn er sagt, dass die biblische Version der Botschaft verfälscht ist (sehr deutlich, weil er nicht Ismael, sondern Isaak vorbringt), wenn er das „Opfer“ Isaaks inszeniert, indem er ihn durch Ismael ersetzt, tut er nichts anderes, als zu versuchen, das kostbare Objekt, den Segen, an sich zu reißen und zu zeigen, dass die Juden Usurpatoren sind, indem sie behaupten, ihn zu haben. Immer ist es dieser Versuch, das Objekt der Begierde, das angeblich der andere besitzt, den Juden zu erpressen.

Aber hier stößt der Antisemitismus an seine Grenze, wenn man mit der Stirn gegen eine Wand schlägt: Weil er selbst nicht glaubt, dass diese Erpressung möglich ist; Er selbst bezweifelt, trotz all seiner Anstrengungen, dass es ihm gelungen ist, und der Beweis dafür ist gerade der Rest des Hasses, den er in sich trägt, diese Rachsucht, die ihn ausmacht; Auch wenn er in seiner Sphäre ist, zeigt er Triumph. Insofern der Antisemitismus die Usurpation des Objekts anprangert und die „Gerechtigkeit“ wiederherstellt, indem er das Objekt sich selbst zuschreibt, den Virus in sich trägt, der ihn verursacht, ist er selbst der radikale Zweifel an seiner Herangehensweise.

Und eines Tages musste ein antisemitischer Staat versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen und den Juden den Gegenstand zu entreißen, indem er ihnen das Leben nahm, einen nach dem anderen, in der Hoffnung, sie alle zu haben. Aber er scheiterte nicht nur, sondern bewies durch seinen unerschöpflichen Haß, daß er an seiner eigenen Sache zweifelte: Hätte Hitler wirklich an die arische Überlegenheit und Unterlegenheit der Juden geglaubt, so hätte er sie nicht auszurotten gebraucht. Und durch eine gerechte Rückgabe der Dinge diente sein Unternehmen der Vernichtung als Katalysator für die tausend Jahre alte jüdische Idee einer Rückkehr zum Land der Vorfahren; Der Nationalsozialismus hat den Zionismus gestärkt, ohne die Ursache dafür zu sein, da die Rückkehr nach Zion in der Bibel auf einmal ausgebreitet wird.

Spielbergs Film „Jäger des verlorenen Schatzes“ zeigt die Besessenheit der Nazis, an den Gegenstand zu gelangen, den die Juden in der Hand halten, an ihr Geheimnis, das angeblich in der verlorenen Bundeslade des Moses aufbewahrt wird: Als sie die Bundeslade finden, ist das Objekt nicht da, sondern es ist ein brennender Atem, der herauskommt und sie verzehrt.

Heute haben wir auch ein Programm der Auslöschung der Juden, das aus dem Koran stammt und vom Iran und seinen Stellvertretern gefördert wird; ein Programm, das sogar in den Statuten der Hamas vollständig geschrieben ist, die die Zwischenphase festlegen: die Juden von ihrem Land (vom Fluss bis zum Meer…) zu vertreiben, bevor das Endziel erreicht wird, nämlich ihre Vernichtung; Denn wenn die Nazis wollten, dass die Juden nicht mehr existieren, dann will der Korantext, dass sie nicht existiert haben, was eine Herausforderung an die Zeit ist, eine Herausforderung, die ich den „Zweit-Ersten Komplex“ genannt habe (eingeführt 1992 in meinen Drei Monotheismen), ein Komplex, in den alle Antisemiten verstrickt sind, nämlich: Anstatt den Beitrag des jüdischen Volkes zu nehmen und etwas daraus zu machen, sich darüber zu entrüsten, dass dieses Volk den Gegenstand monopolisiert hat; und immer, um diese Monopolisierung anzuprangern. Eine Monopolisierung, die zu bestimmten Perioden zu obszönen Maßnahmen Anlass gab: Als die Vichy-Regierung die Juden ihres Eigentums beraubte oder als die verschiedenen kleinen Herrscher in der arabisch-muslimischen Welt ihr Vermögen konfiszierten, dann taten sie nur „Gerechtigkeit“, sie reparierten die von den Juden begangenen Plünderungen und kamen nur der endgültigen Konfiszierung näher. von der endgültigen Wiedergutmachung, die den Juden ihren „göttlichen“ Zweck und damit ihr Leben entreißen würde.

Aber wie wir gesehen haben, ist diese Entwurzelung unmöglich, und deshalb wird es immer Antisemitismus geben. Denn es handelt sich nicht um ein Haben, sondern um eine gewisse Beziehung zum Sein, das so ist, wie ich es lange Zeit als die Unendlichkeit des Möglichendefiniert habe, dank derer: Was auch immer das Unmögliche sein mag, in dem du steckst, es gibt immer einen möglichen Ausweg, weil das Unendliche nie sein letztes Wort über dich gesprochen hat.

Die Frage nach dem Warum bleibt: Warum braucht es sie, so viele unterschiedliche Menschen, die sich auf dieses kleine Volk konzentrieren, um ihnen ihr Objekt zu entreißen?

Die Antwort ist sehr einfach: Jeder braucht das Objekt der Begierde; Wenn wir uns einreden können, dass diese oder jene Gruppe es besitzt, da uns der Neid bewegt, und dass es uns nicht beim Denken hilft, fixieren wir uns auf diesen Besitz, ohne die Natur dieses Gegenstandes in Frage zu stellen; Und wir gehen um diese Gruppe herum, diese kleinen Leute, empört darüber, dass sie es konfisziert haben, und werfen Steine, Beleidigungen oder Raketen, mit dieser guten kleinen Logik der Eifersucht, nach der wir, wenn wir den Gegenstand nicht haben, während sie ihn haben, es offensichtlich deshalb ist, weil sie ihn uns weggenommen haben.

Eine Konsequenz dieser Analyse ist, dass der Jude für den Antisemiten in der Schuld steht, da er das ganze Stück genommen hat; Er ist passiv, da er alle Vermögenswerte (göttliche oder symbolische) an sich genommen hat. Und da er das, was er schuldet, nicht zurückgeben kann, ebensowenig wie es ihm entrissen werden kann, kann er ausgeplündert werden, ohne dass er protestieren muss, er kann angegriffen werden, ohne dass er antworten muss. Direkte Anwendung dieses Standpunkts: Hamas und Hisbollah können Raketen und Raketen auf ihn schicken, er darf nicht zurückschlagen; Darüber hinaus ergreifen wir alle notwendigen Maßnahmen, damit er im Falle eines Vergeltungsschlags als Krimineller bezeichnet wird. Wenn er Vergeltung übt, tötet er viele unschuldige Menschen, und wir haben uns mit genügend Zivilisten umgeben (oder besser gesagt, wir sind gegangen, um Raketen und Flugkörper in ihren Räumlichkeiten zu platzieren), so dass der jüdische Staat, wenn er zurückschlägt, ein Verbrecher sein wird, ein Täter von Massakern oder sogar Völkermord. Die jüdische Sichtweise ist natürlich das Gegenteil, das heißt: Ihr habt uns seit Jahrhunderten, Jahrtausenden angegriffen, ohne dass wir in der Lage waren, Vergeltung zu üben, heute, wo wir es können, ist es unmöglich für uns, nicht zurückzuschlagen, egal welche Inszenierung man schafft, indem man sich mit Zivilisten umgibt.

Natürlich könnten tugendhafte Dritte kommen, eingreifen und dem jüdischen Staat sagen: Wir verstehen euch, euer Volk hat genug Schläge einstecken müssen, ohne Vergeltung zu üben, aber bemüht euch, weicht von diesem Prinzip ab, nur einmal, ausnahmsweise, um eine drohende Katastrophe zu verhindern. Und der jüdische Staat kann nur antworten: Es ist unmöglich, denn wenn wir die Anstrengung unternehmen würden, die Sie verlangen, wenn wir wegen der als Geiseln genommenen Zivilisten nicht reagieren, würden die Aggressoren weiter vorstoßen und einfach in uns einfallen. Die Hisbollah würde ihren eigenen 7. Oktober machen, und das war es, was sie vorbereitete; Seine Drohnen- und Raketenangriffe wären eine einfache Vorbereitung vor der Invasion, vor unserem Verschwinden gewesen.

© Daniel Sibony

Der Gedenkabend für den 7. Oktober, organisiert von Wizo France und „Mütter der Hoffnung“

Seit November 2023 organisiert WIZO France, Schöpfer von „Mothers of Hope“ in Zusammenarbeit mit CRIF, jeden Freitag ohne Unterbrechung eine Kundgebung für die Freilassung von Geiseln. Journalisten, gewählte Vertreter, Prominente und viele Sympathisanten haben sich zusammengetan, um lautstark die Freilassung der Geiseln zu fordern, die seit dem 7. Oktober in den Gefängnissen von Gaza inhaftiert sind.

Die Präsidentin von Wizo, Nathalie Riu-Guez, wurde am Mittwoch, dem 25. September, in den Salons des Rathauses des 16. Arrondissements vom Bürgermeister Jeremy Redler und seiner Stellvertreterin Isabelle Nizard empfangen und inszenierte meisterhaft einen Gedenkabend im Vorfeld des 7. Oktobers, dem Tag, an dem Israel ein wahres Pogrom erlebte, ein Massaker von beispielloser Gewalt.

101 Menschen jeden Alters und Glaubens werden immer noch in den Tunneln und Gefängnissen der Hamas und ihrer Kumpane festgehalten.

Im Laufe des Abends erinnerte und zeigte Wizo France, was wirklich passiert war, damit der Revisionismus nicht unwidersprochen bleibt.

Céline Bardet, eine auf Kriegsverbrechen spezialisierte internationale Anwältin und Gründerin von „We Are Not Weapons of War“, hat am 7. Oktober die ersten Schlussfolgerungen der exklusiven Untersuchung der begangenen Verbrechen vorgelegt.

Monique Canto-Sperber, Philosophin, ehemalige Direktorin des ENS, entwickelte ihre Analyse.

Shaparak Saleh, Rechtsanwalt und Mitbegründer des Vereins „Azedi Frauen“, erinnerte an die Situation der iranischen Frauen.

Ariel Goldman, Präsident des FSJU und der Jewish Foundation, gab seine Analyse und die Auswirkungen des 7. Oktober auf die jüdische Gemeinschaft ab.

Der Abend endete mit einer Rede von Assaf Moran, Bevollmächtigter Minister der israelischen Botschaft.
Den ganzen Abend über wurden Ausschnitte aus Sheryl Sandbergs Film „Screams before Silence“ gezeigt.

© Sylvie Bensaid

Zu den Juden in Deutschland

Viele Juden in Deutschland sind traumatisiert, verunsichert und ängstlich. Gottseidank nicht alle. Traumatisiert und verunsichert sind in erster Linie die Mitglieder der Jüdischen Gemeinden, die vom Zentralrat der Juden gelenkt und geleitet werden. Sie sind folglich selbst für ihrer Selbstverängstigung verantwortlich; ihre Führung, die nicht müde wird zu verkünden, dass alle Juden geschlossen hinter Israel stünden, und dass alle Juden über die 1200 ermordeten Israelis und etwa 140 noch lebenden Geiseln zu trauerten, irritiert es nicht, dass sie vollkommen gleichgültig wirken gegenüber dem Tod von mehr als 40 000 palästinensischen Kindern, Frauen und Männern, alles Zivilisten. Für die gelenkten Juden sind alle Palästinenser in Gaza „Hamas-Terroristen“, auch die arabischen Schulkinder. Dabei sind diejenigen, die sie „Terroristen“ nennen, in den Augen der anderen Seite nichts minderes als Freiheitskämpfer. Die deutsche Wehrmacht definierte die russischen Partisanen und die Mitglieder der französischen Resistance  als Terroristen. Auch die jüdischen Widerstandgruppen „Etzel“,  die „Lechi“ und die „Stern-Gruppe“, die in Palästina gegen die englische Verwaltung Anschläge vornahm, galten den Briten als Terroristen.  Den Israelis dagegen gelten diese Leute heute als Freiheitskämpfer. Ob Terrorist oder Freiheitskämpfer ist also eine Frage des Standpunkt oder der Zeit.

Die Führung der Juden in der Diaspora argumentiert im Gaza-Konflikt so, als sei Israel aus heiterem Himmel mit dem Überfall der Hamas vom 7. Oktober 2023 konfrontiert worden. Natürlich war dieser Überfall auf eine überflüssige Weise grausam und brutal, aber die israelische Besatzung der arabischen Teile Palästinas darf ebenso als grausam und brutal verstanden werden. Das Abwerfen von 1000-kg-Bomben auf ein feindliches Wohngebiet lässt sich kaum als eine humanitäre Tat darstellen.

Im Konflikt Israels mit den Arabern werden seit mehr als 100 Jahren unzählige Massaker von beiden Seiten verübt . Die Zahl der Opfer auf palästinensischer Seite ist um ein Vielfaches höher als die Verlustzahlen auf der israelischen. Nicht Palästinenser, sondern jüdische Terroristen waren es, die als erste Bomben auf Marktplätzen in Haifa und in Jerusalem zur Explosion brachten und zahllose Opfer „billigend in Kauf nahmen“. Über diese weinen palästinensische Mütter genauso wie jüdische um ihre getöteten Söhne und ihre ermordeten Kinder. Der Autor dieser Zeilen hatte in der Schule in Israel gelernt, dass palästinensische Mütter nicht um ihre Kinder weinten, weil ihre Tränen im Widerspruch zu den Umständen stehen, dass sie zuließen, dass die Kinder von der Hamas zum Krieg rekrutiert werden. Die pädagogischen Theoretiker überlegten niemals, dass die gleiche Argumentation auch den jüdischen Müttern vorgehalten werden könnte, die ihre Söhne und Töchter stolz in die Armee schickten.

„Nie wieder“ ist nicht erst „heute“. Nie wieder galt auch schon gestern und gilt eigentlich immer. Aber die Juden beziehen diesen Slogan allein auf sich. Nie wieder Auschwitz. Nie wieder Antisemitismus. Nie wieder Hass auf Juden. „Nie wieder“ meint aber ein „Nie wieder Hass, Antipathie und Vernichtungswünsche“ zugunsten aller Menschen. „Nie wieder Krieg“ rufen gewisse Leute und wir sehen, dass die Juden im Nahen Osten wieder Krieg führen und in Europa den Gemetzeln zugestimmt wird. Deutsche Politiker fordern wieder blind und gewissenlos eine kritiklose Unterstützung Israels, obwohl alle Welt gesehen hat und weiß, dass Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu diesen Krieg gewollt und herbeigeführt hat.

Natürlich behaupten gewisse Juden, dass sie „keine andere Wahl“ hätten. Aber die Behauptung von fehlender Wahlfreiheit und bedrückender Alternativlosigkeit ist Unsinn. Der denkende Mensch findet immer eine alternative Möglichkeit. Das Zwanghafte des Prinzips „Aug´um Auge“ lässt die Welt erblinden, sagte Mahatma Ghandi. Wenn beide Seiten behaupten, dass sie alternativlos gestellt seien, dann leiden sie beide am politischen Grünen Star.

Ich denke da an die Geschichte des Juden Jakubowski und dem polnischen Oberst, für den es immer nur eine Möglichkeit gab und die heute von Netanjahu besetzt ist. Für den Juden Jakubowski gab es immer zwei Möglichkeiten, die er von seiner Mutter lernte, wie er immer wieder sagte. Damit wollte er sagen, dass es jüdische Lehre und Tradition war und ist, über eine Alternative im Köcher zu haben. Dass die Israelis seit Jahrzehnten keine Alternative sehen zeigt, dass sie sich vom traditionellen Judentum ziemlich weit entfernt haben.

Im konkreten Konflikt geht es nicht um Ideologie; der Konflikt ist nicht rassistisch und auch nicht religiös geprägt, sondern er ist ein ganz banaler Streit um Quadratmeter. Die Juden beanspruchen Land, weil ihre Bücher erzählen, dass ihre Vorfahren dort vor 2000 Jahren gelebt hätten, und die Palästinenser beanspruchen das Land, weil dort seit 2000 Jahren alle ihre Vorfahren bis zu ihnen hinab lebten.

Juden in Deutschland stehen „wrong or right“ hinter Israel, und sind empört, wenn an Wänden von Synagogen oder Gemeindehäuser gesprüht wird „Fuck Israel“ oder „Free Palestine“. Sie haben dafür keine andere Erklärung als: Antisemitismus. Damit verfremden sie diesen Begriff von seiner ursprünglichen Bedeutung, nämlich Judenhass aus den Reihen der Mitbürger. Sie verballhornen den Antisemitismusbegriff zu einem politischen Kampfmittel im Konflikt um Israel und in der Auseinandersetzung mit den Palästinensern. Wenn die Palästinenser in dieser klassischen Auseinandersetzung agieren oder reagieren, dann gelten sie den Juden als Antisemiten. Dabei steht auf den diversen Wänden nicht „Fuck die Juden“. Und wenn die Juden sich so sehr mit Israel identifizieren, dass sie „Fuck Israel“ als Judenhass interpretieren, dann sind sie taub und blind für die Realität in Israel/Palästina und in Deutschland. Nach allem was die Israelis den Palästinensern angetan haben, haben letztere das Recht „Fuck Israel „ zu sprühen.

So einfach kann  man es sich machen. Aber damit kann man keine Probleme lösen und erst recht nicht den Konflikt zwischen Israelis und Palästinenser, der offensichtlich unlösbar bleiben wird. Wenn man Menschen unterdrückt und die Freiheit raubt, sie quält, ausraubt, enteignet und brutal behandelt, dann darf sich nicht wundern, wenn diese Menschen sich irgendwann dagegen wehren, auch wenn ihre Reaktion unmenschlich und grausam ist. In diesem Konflikt wird ständig Grausamkeit mit  Grausamkeit verrechnet.

Ich habe längst den Glauben verloren, dass ich noch in meiner Lebzeit eine Lösung erlebe.

von Abraham Melzer

 

Zum Mail von Götz Schindler:

Lieber Götz,

ich habe Deine Empfehlung das Buch „Feuer“ von Ron Leschem zu lesen ernst genommen und das Buch bestellt. Vorab, noch bevor ich das Buch gelesen habe, möchte ich aber zu Deinen Zeilen und zur Rezension von Matthias Kolb in der SZ folgendes schreiben:

Du zitierst aus der Vorbemerkung des Autors folgenden Satz: „Es ist nicht möglich, den Teufelskreis des Blutvergießens zu stoppen und zu einer Lösung des Konflikts zu gelangen, ohne die Geschichte in ihrer ganzen Komplexität zu kennen.“ Und Du vergleichst diese Worte mit den Worten von Antonio Guterras, der daran erinnert hat, dass die grausame tat der Hamas vom 7. Oktober 2023 eine Vorgeschichte hat.

Das ist alles richtig und jeder weiß doch, dass die Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts nicht am 7. Oktober 2023 begonnen hat. Wer es nicht weiß ist nicht ignorant, sondern er will es bewusst und mit Absicht nicht wissen. Wenn aber bei uns in Deutschland nicht alle Menschen die Geschichte des Konflikts in seiner ganzen Komplexität kennen, dann ist es für die Lösung des Konflikts vollkommen belanglos, denn den Konflikt sollen nicht die Deutschen, Franzosen oder Engländer, sondern Israelis und Palästinenser beenden. Und sie, die Israelis und die Palästinenser wissen alles über die Komplexität des Problems, weil sie es seit zwei, drei Generation tagtäglich erleben. Während aber die Palästinenser immer wieder darüber reden, sich beklagen und ihre Tote zählen, schweigen die Israelis und suchen die Schuld bei der Hamas. Der Elephant im Raum ist aber die Besetzung Palästinas durch eine brutale israelische Armee. Inzwischen kann man auch nicht mehr von Besetzung reden. Man muss die Dinge beim Namen nennen: Es ist eine Kolonialisierung Palästinas durch israelische Siedler und Siedlungen. Solange es diese Kolonisierung geben wird, wird es keinen Frieden geben und alle Verhandlungen, auch wenn sie vermeintliche Ergebnisse ergeben, sind vergebens. Israel und seine jüdischen Bewohner müssen endlich kapieren, dass das Zeitalter der Kolonisation längst beendet ist. Solange die Israelis und die übrigen westlichen europäischen Staaten, und besonders Deutschland, die palästinensischen Kämpfer „Terroristen“ nennen, wird es eine faire Lösung des Problems nicht geben. Solange man in der Politik und in den Medien die palästinensischen Widerstandkämpfer Terroristen nennen wird, solange wird eine gleichberechtigte Verhandlung zwischen Kontrahenten nicht möglich sein. Solange die Israelis arrogant und selbstgerecht ihre Gegner, die Hamas, als Terroristen und ihre israelische Armee als die humanste Armee der Welt bezeichnen, wird es keinen Frieden geben. Und wenn Israel seine Politik nicht ändern wird, dann ist Israels Untergang nur eine Frage der Zeit. Eigentlich ist Israel schon heute mit seiner faschistischen und zum Teil kriminellen Regierung auf dem besten Wege dazu.

Das ist auch das Problem der Rezension von Matthias Kolb, dass sie unkritisch und naiv von der Hamas als eine Terrororganisation spricht. Überall auf der Welt waren Freiheitskämpfer, bevor sie ihr Ziel erreicht haben, Terroristen. In Indien unter der britischen Herrschaft, in Algerien unter französischer Herrschaft und in Kenja auch unter britischer Herrschaft, um nur drei Beispiele zu nennen. Jomo Kenjata, der Führer der sogenannten Terroristen bzw. Rebellen, wurde von der britischen Kolonialmacht als Terrorist gesucht. Nachdem Kenja frei wurde von der britischen Besatzung wurde er 1963 Ministerpräsident, und  ist von der britischen Königin mit allen diplomatischen Ehren empfangen worden. Und auch jüdische Widerstandskämpfer wie Menachem Begin und Moshe  Shamir, wurden von den Briten, die damals Palästina besetzt hielten, per Steckbrief als Terroristen gesucht und Shamir wurde sogar gefasst und in ein britisches Konzentrationslager in Afrika gesteck. Später wurden Begin und Shamir als Ministerpräsidenten ihres Landes überall auf der Welt mit allen Ehren empfangen. So wird es eines Tages auch mit den Führern der Hamas passieren, sofern sie nicht von der brutalen israelischen Regierung ermordet werden.

Es ist an der Zeit nicht mehr zurückzublicken, sondern nach vorn schauen. Die Israelis haben nur über eine Frage zu entscheiden, die für ihre Zukunft wichtig ist: Wollen sie in Frieden leben, wie zum Beispiel andere Nationen überall auf der Welt, oder wollen sie ewig Krieg führen? Wollen sie wie einst Yael Dayan, die Tochter des legendären Moshe Dayan, geschrieben hat: Ewig mit dem Gewehr schlafen?

Leider gibt es in Israel Politiker und viel zu viele Wähler, die das wollen. Bis zum letzten Palästinenser oder Palästinenserin, Kinder und Greise, alle vernichten. Und wenn Benjamin Netanjahu es vielleicht selbst nicht will, weil er kein blinder Fanatiker ist, sondern ein rationaler Faschist, wie sein Vater, so wird er aber von seinen Koalitionspartner Itamar ben Gvir und Bezalel Smotrich bedrängt und getrieben. Und schließlich geht es ihm auch um seine persönliche Zukunft. Er weiß, dass wenn er nachgibt, er selbst am Ende im Gefängnis landen wird. Und das will er vermeiden. Das Hemd ist ihm näher als der Rock und seine eigene Freiheit näher als die Freiheit der entführten Geiseln.

Ich wiederhole mich: Das Problem ist nicht die Hamas,  auch wenn es so aussieht, als ob die israelische Armee die Hamas nicht besiegen Kann. Das Problem ist die israelische Besatzung und Unterdrückung eines anderen Volkes, brutal und herzlos, das Problem sind die unzähligen Siedlungen auf palästinensischen Boden, den die Israelis Judäa und Samaria  bezeichnen und sich dabei auf die Bibel berufen, als ob die Bibel ein Grundbuchverzeichnis sei. Das Problem ist die totale Ignorierung des palästinensischen Volkes, das Problem war und ist, dass sämtliche israelische Regierungen fest davon überzeugt waren, dass sie die Besatzung beherrschen können und es nur eine Frage der idealen Organisation sei. Das Problem ist, dass so viele Israelis das wissen, aber nicht wissen wollen. Dabei geschieht es vor ihren Augen und den Augen der Weltöffentlichkeit. Es erinnert mich an die Zustände in Deutschland in den Jahren 1933 bis 1939, als man die Juden entrechtet hat, sie aus ihren Wohnungen vertrieben und schließlich in vollen Viehwagons nach Auschwitz gebracht hat. Die Bevölkerung hat das gesehen und geschwiegen.

Und wenn die Israelis so dumm, so stur und so selbstgerecht sind, dass sie die Realität nicht sehen wollen und diejenigen, die sie sehen schweigen oder das Land verlassen, so bleibt nur noch die Hoffnung, dass die Weltöffentlichkeit das sieht und aufschreit. Jüdische Menschen überall auf der Welt, die Jahrzehnte Israel moralisch und finanziell unterstützt haben, wenden sich ab von Israel. „Nicht in unserem Namen“ sagen sie in New York, London, Paris und Berlin.

Und mit dem Missbrauch der Benutzung des Holocaust als Entschuldigung für Israels völkerrechtlich falsches Verhalten und der Diffamierung von jedem, auch Juden, der Israels Politik kritisiert, als „Antisemit“ ist jetzt auch Schluss. Die Zeit der elenden und überflüssigen Antisemitismusbeauftragten ist vorbei. Schaffen wir sie ab und schicken wir sie nach Gaza, wo sie beim Wiederaufbau helfen können.

von Abraham Melzer

Heute weiß es jeder!

Man kann Sarah Wagenknecht vieles vorwerfen, vor allem, dass sie und ihre Partei weit entfernt von Demokratie sind. Manche werfen ihr sogar Faschismus vor. Ministerpräsident Michael Kretschmer meint sogar, dass sie ein Talent hat, Dinge zu zerstören. Ihre Affinität zu Putin ist gefährlich und ihre Nähe zur AfD noch mehr.

Aber was der Zentralrat der Juden durch den Zentralratsvorsitzenden Josef Schuster ihr vorwirft, ist absurd, lächerlich und dumm. Sie bediene antisemitische Narrative, meint Schuster, und er kann ihr nichts anderes vorwerfen, als dass sie den Bundestag aufgefordert hat Waffenlieferungen nach Israel einzustellen bzw. dass sie im März gesagt hat, dass Israels Kriegsführung in Gaza „Züge eines Vernichtungszuges“ trage. Dabei sagen das inzwischen auch viele Israelis und Juden überall auf der Welt und leider ist es wahr.

Schuster wirft Wagenknecht vor, sie würde „die Realitäten in diesem Krieg nicht anerkennen: Israel kämpft gegen die Terrororganisation Hamas – und nicht gegen die palästinensische Bevölkerung.“ Wenn das so ist, dann sollte Schuster uns erklären, wie es kommt, dass bis heute mehr als 40 000 Zivilisten in Gaza von der israelischen Armee getötet, wenn nicht sogar ermordet wurden. Darunter mehr als die Hälfte Kinder und Frauen.

Israel kämpft (angeblich) um sein Überleben, sagt Schuster. Aber die Hamas und die Palästinenser kämpfen auch um ihr Überleben, zumal es genügend Israelis auch im Parlament und in der Regierung gibt, die Gaza vernichten und ausradieren wollen. Und während diese Racheaktion der israelischen Armee jenseits von allen völkerrechtlichen Linien ist, ist der Kampf der Palästinenser (der Hamas) völkerrechtlich gerecht.

Und wenn die Hamas eine Terrororganisation ist, wie Schuster behauptet, waren nicht die Juden, die gegen die Nazis im Warschauer Ghetto rebelliert haben, nicht in der Sprache der Nazis auch Terroristen? Und die russischen Partisanen und die französische Resistance? Die Nazis haben sie zumindest so genannt, wie heute die israelische Regierung, Schuster und manche naiven Politiker weltweit die Hamas „radikal-terroristisch“ nennen. Radikal ist vor allem Netanjahu und seine rechts-nationalen Partner, von denen einer bereits im Gefängnis saß wegen Terrorismus.

Schuster nennt Wagenknechts Wortwahl „völlig unangemessen.“ Dabei ist seine Wortwahl schlimmer, weil sie dumm und peinlich ist. Den Judenhass in Deutschland befeuert nicht Sarah Wagenknecht, so sehr ich persönlich vor dieser Frau und Volksverhetzerin warne. Den Judenhass befeuert in Deutschland Josef Schuster, sein Zentralrat und nicht zuletzt die Jüdische Allgemeine mit ihren lächerlichen und primitiven Hetzartikel.

Schuster braucht doch nur zuzusehen, was in Israel seit dem 7. Oktober 2023 los ist. Die ach so berühmte und leider auch berüchtigte IDF, die von sich behauptet die humanste Armee der Welt zu sein, begeht Kriegsverbrechen und ist nicht in der Lage die Hamas zu besiegen.

Wenn Netanjahu und seine national-religiösen und radikalen Partner nicht bald einen fairen und nachhaltigen Friedensvertrag mit der Hamas und mit allen Palästinensern abzuschließen, die Westbank räumen und die Siedlungen abbauen, dann wird der Kriegszustand nie enden und das wird Israel nicht überleben. Das habe ich schon vor 10, 20 und 30 Jahren geschrieben und ich bin ausgelacht worden und als Antisemit diffamiert. Heute weiß es jeder.

von Abraham Melzer

Ytzchak Shami

* 4. August 1888 † 1. März 1949

Blutrache – auf Hebräisch „die Rache der Väter – ist die lange meis terhafte Novelle von Ytzchak Shami, die einen der höchsten Gipfel der neuen Hebräischen Litertatur aus dem 20. Jahrhundert darstellt. Shami schrieb ein blumiges fast arabisches Hebräisch. Er veröffentlichte wenig im Vergleich zu zeitgenössischen Autoren wie S. Agnon (Nobelpreis träger), der ebenfalls auf Hebräisch schrieb. Aber was Shami schrieb, war nicht weniger gut. Trotzdem fehlte sein Name viele Jahre in der Liste der großen bedeutenden hebräischen Autoren im Pantheon der modernen hebräischen Literatur. Das lag daran, dass er kein europäischer, sondern orientalischer Jude war. Die moderne hebräische Literatur wurde damals von den europäischen Juden und europäischen Themen beherrscht.

Schon von dem Augenblick als seine erste Kurzgeschichte veröffentlicht wurde, nannte man ihn „orientalischer Autor“, „Vertreter der alten Bewohner“, „ein eingeborener Schriftsteller“, „ein jüdisch-arabischer Autor“ und sogar ein Schriftsteller, „der arabische Literatur auf Hebräisch“ schreibt.

Es herrschte damals im innerhalb der neu eingewanderten jüdischen Ge meinde im Lande eine rassistische Abneigung gegen die arabischen Urbewohner, aber auch gegen orientalische Juden. Sie wurden nicht geschätzt und ignoriert. So wurde auch Ytzchak Shami übersehen und vergessen und erst heute, 70 Jahre nach seinem Tod, erinnert man sich seiner und er wurde von der neuen jungen Generation von Lesern entdeckt. Dabei wurde eine Welt sichtbar, von der man nicht wusste und ahnte, dass es sie gegeben hat.

Ytzchak Shami wurde am 4. August 1888 geboren und wuchs auf in der alten sefardischen jüdischen Gemeinde in der mehrheitlich moslemischen Stadt Hebron, in Palästina, die an den gemeinsamen Stammvater der Juden und Araber, Abraham, erinnert, den Gründer der drei monoteistischen Religionen, die eng miteinander verbunden sind.

Die Ereignisse in der Novelle basieren auf realen Tatsachen, wie Shami selbst in einer Randnotiz zugibt. Seine Beschreibung der Prozession zum Grab von Nabi Mosssa stammt aus seiner Erinnerung, als er an einer solchen Prozession selbst teilnahm, zusammen mit seinem Bruder David, als Gäste eines arabischen Freundes, obwohl es damals nicht üblich war, dass Nicht-Muslime teilnahmen.

Ytzchak Shami, der sefardische Jude, erhob die arabische Erzählung mit seiner Novelle zur meisterhaften Vollkommenheit und zur inhaltlichen Wahrhaftigkeit mehr als alle vor ihm, obwohl er eigentlich in Hebräisch geschrieben hat, und er erreichte auch eine Tiefe, dass der Leser zu weilen den Eindruck gewinnt, dass ein von Geburt arabischer Autor es nicht hätte besser machen können. Arnold Band (einer der bekanntesten
hebräischen Literaturkritiker des 20. Jahrhunderts) schrieb, dass Ytzchak Shami „offensichtlich einer der wichtigsten palästinensischen Autoren des Jahrhunderts war.“ Und Gershom Shaked (ein israelischer Literaturwis senschaftler, Literaturkritiker, Schriftsteller und Publizist) schrieb, dass es „bis zum heutigen Tag in Israel keinen Schriftsteller gelungen ist in die Tiefen der Seele der arabischen Nachbarn zu dringen, wie Shami.“

Arabische Kritiker und Künstler haben den Namen von Shami ebenfalls als einen „palästinensischen Autor“ bezeichnet, obwohl er Hebräisch geschrieben hat. Anton Shamas (ein palästinensischer Schriftsteller, Dichter und Übersetzer) stellt fest, dass Ytzchak Shami die hebräische Literatur bereichert hat mit „lokaler palästinensischer Folklore“ und Salim Tamari (ein palästinensischer Soziologe) behauptet, dass Shami sich selbst sowohl als Araber wie auch als Jude identifiziert hatte.

Ytzchak Shami war verbunden mit und beeinflusst vom französischen Künstler und Schriftsteller Guy de Maunpassant, einer der ersten französischen Naturalisten, dessen Erzählungen er gut kannte. „Die Rache der Väter“ (Blutrache) ist zweifelslos die vollkommendste Novelle und wohl auch die Wichtigste im Werk von Shami, und eine eindrucksvolle Erzählung aus der modernen hebräischen Literatur zu Anfang des 20.
Jahrhunderts. Die Quelle dieser liegt in Hebron, die Stadt, die Zentrum des Auseinandersetzungen war zwischen Juden und Araber zu Beginn des 20. Jahrhunderts, unmittelbar nach Gründung der zionistischen Bewegung. Und als der Sturm los brach, an dessen Ende die Zerstörung Palästinas und die Geburt des Staates Israel stand, wurden kleine Inseln des Zusammenlebens, wie Shami selbst, mit dem Strom der Gewalt mit gerissen und verschwanden.

Aber Shamis Werk, der für viele Jahrzehnte verschollen war, ist aus der Tiefe wieder aufgetaucht. Shami, der von den Ereignissen des israelisch-arabischen Konflikts besonders schwer getroffen wurde – physisch und seelisch – warnte wie die zornigen judäischen Propheten der Bibel und wie die früheren arabischen Dichter, dass Abraham, der gemeinsame Stammvater, keine Quelle des Segens sei, sondern ein Grund für einen schrecklichen Fluch.

Ytzchak Shami starb vereinasamt und verarmt am 1. März 1949 in Haifa.

Über 100 Jahre palästinensischer Widerstand gegen den Zionismus

Das jetzt in Deutschland erschienene Buch von Rashid Khalid gibt eine ungeschminkte Darstellung von der Geschichte dieses unterdrückten Volkes

Arn Strohmeyer

Die deutsche Position im Nahostkonflikt wird wegen der aus historischen Gründen engen Verbindung zu Israel maßgeblich von den politisch-ideologischen Vorgaben des zionistischen Staates bestimmt. Dass die israelische Politik aber zutiefst von den Interessen des zionistischen Siedlerkolonialismus bestimmt ist und eine ganze Ansammlung von Mythen benutzt, um die eigene Position und auch die eigene Geschichte zu rechtfertigen, ist kein Geheimnis. Das hält die deutsche Seite aber nicht davon ab, Israels Position zu akzeptieren und auch zu übernehmen – auch wenn diese noch so sehr gegen Völkerrecht und Menschenrechte verstößt. Die Folge davon ist, dass die deutsche Politik sich nicht auf realistische Weise in den Konflikt einschalten kann.

So ist auch das Israel-Bild in Deutschland weitgehend von der Propaganda (Hasbara) dieses Staates bestimmt: Israel – der friedliche Staat der Holocaust-Überlebenden, der von aggressiven Feinden umgeben ist, die ihm seine Existenz streitig machen. Schon der palästinensische Intellektuelle Edward Said hat vor Jahrzehnten darauf aufmerksam gemacht, wie falsch dieses Bild ist. Er schrieb: „Der liberale Westen fand im Zionismus den Triumph von Vernunft und Idealismus wieder (also die Charakteristika, die der Liberalismus grundsätzlich sucht); im Liberalismus spiegelte sich das Selbstverständnis des Zionismus. In beiden Fällen wird der Araber eliminiert, er bleibt nur ein Rest, als Aufwiegler und destruktiver Einfluss bestehen.“

Das Klischee vom fortschrittlichen, weil liberalen und so humanen Israel hat sich lange gehalten, wird in letzter Zeit aber immer mehr durch die politische Entwicklung im Land (zunehmender Machteinfluss der rechtsradikalen und ultrareligiösen Kräfte) und nicht zuletzt durch Israels äußerst brutale, genozidale Militäraktionen – wie jetzt im Gazastreifen – korrigiert. Dazu kommt, dass sich wichtige palästinensische intellektuelle Stimmen zunehmend zu Wort melden, die das Narrativ dieses Volkes und damit eben Israels unselige Rolle als kolonialer Besatzer darstellen – dass endlich also auch diese Seite zu Wort kommt und das einseitige vom Zionismus vermittelte Bild des Nahost-Konflikts richtigstellt. (Großen Verdienst hatte sich da schon die Nakba-Ausstellung von Ingrid Rumpf erworben.)

In diesen Kontext gehört das Buch des palästinensischen Historikers und Publizisten Rashid Khalidi Der hundertjährige Krieg um Palästina. Eine Geschichte von Siedlerkolonialismus und Widerstand, dessen deutsche Ausgabe jetzt erschienen ist. Der Titel des Buches macht schon klar, dass die Leidens- und Widerstandsgeschichte der Palästinenser nicht nach dem Juni-Krieg 1967 (wie oft dargestellt) beginnt, sondern vor mehr als 100 Jahren, als die zionistische Einwanderung in Palästina ihren Anfang nahm. Khalidi will in seinem Buch darstellen, „dass die Entwicklungen in Palästina im Wesentlichen auf einen mehrstufigen Krieg zurückgehen, den unterschiedliche Großmächte im Bund mit der zionistischen Bewegung gegen die in Palästina lebende Bevölkerung geführt haben – eine Bewegung, die zunächst gleichzeitig siedler-kolonialistisch und nationalistisch war und darauf abzielte, in der angestammten Heimat der Palästinenser die Bevölkerung auszutauschen.“

Der Zionismus hätte in Palästina niemals Erfolg haben können, wenn die Großmächte – erst Großbritannien und dann die USA – nicht zuerst die zionistische Bewegung und später den Staat Israel gestützt hätten. Während der ganzen 100jährigen fortschreitenden zionistischen Inbesitznahme Palästinas haben Palästinenser, auch wenn sie untereinander nicht immer einig waren, gegen die Usurpation ihres Landes Widerstand geleistet.

Khalidi sieht als Gründe für die über ein Jahrhundert andauernde Konfrontation mehrere miteinander verknüpfte Faktoren: „die Herausbildung eines modernen Nationalismus auf arabischer wie jüdischer Seite; das Eindringen des Imperialismus in den Nahen Osten; das Vorgehen der zionistischen Bewegung unter Einsatz der Gewaltmethoden des Siedlerkolonialismus nach europäischen Muster, um ‚Palästina in das Land Israel zu verwandeln‘, wie es der zionistische Führer Zeev Jabotinsky formulierte; und schließlich der palästinensische Widerstand, gewaltsam wie auch gewaltlos, gegen diese Methoden.“

Der Autor hat kein trockenes Geschichtswerk über die Geschichte seines Volkes geschrieben, sondern ein spannend zu lesendes Buch, das er immer wieder auch mit persönlichen Stellungnahmen angereichert hat, denn seine Familie gehörte zu den führenden Clans in Jerusalem und er selbst hatte enge Beziehungen zu den palästinensischen Spitzenpolitikern. Außerdem ergeben sich ganz von selbst aus seiner Darstellung der zionistischen und palästinensischen Geschichte Bezüge zu den aktuellen politischen Ereignissen.

So kann Khalidi gut belegen, dass Israel die genozidale Strategie der Vernichtung der palästinensischen Lebensgrundlagen wie jetzt im Gazastreifen auch früher schon angewandt hat. So zum Beispiel 1982 im Libanon, als es das Ziel der israelischen Armee unter ihrem Oberbefehlshaber Ariel Sharon war, die PLO Yassir Arafats zu „vernichten“. Auch damals hatte die israelische Führung keine Bedenken, massenweise Zivilisten zu töten. Der Autor erinnert daran, dass während der Belagerung West-Beiruts auch ganze Stadtviertel dem Erdboden gleichgemacht wurden. Fast 50 000 Menschen wurden in Beirut und im übrigen Libanon getötet oder verwundet, darunter Tausende von Palästinensern und Libanesen – überwiegend Zivilisten.

Auch auf das Massaker in dem Flüchtlingslager Sabra & Shatila mit Tausenden Toten geht Khalidi ausführlich ein, das maronitische Milizen zusammen mit der israelischen Armee begangen haben. Der Autor straft damit die Anhänger des Zionismus und Israels Lügen, die – wie etwa der israelische Soziologe Natan Sznaider in einem Spiegel-Essay – behaupten, dass der 7. Oktober 2023 mit den vielen israelischen Toten ein außerhalb des Nahostkonflikts stehendes Ereignis gewesen sei und „nichts mir dem manchmal auch kriegerischen Hin und Her zwischen Israel und den Palästinensern der vergangenen Jahrzehnte zu tun“ habe.

Khalidi merkt zu solchen Geschichtsklitterungen an: „Der Angriff der Hamas am 7. Oktober mit seinen hohen zivilen wie militärischen Todesopfern, und dann die präzedenzlose Welle von Tod und Zerstörung, die Israel über den Gazastreifen niedergehen ließ, könnten den Eindruck erwecken, dass es sich hier um historisch neue Entwicklungen handelt, die außerhalb der Geschichte stehen. Wir können sie aber nur im Kontext des Jahrhundertkriegs um Palästina wirklich verstehen, auch wenn Israel und seine Unterstützer alles versuchen, sie außerhalb aller historischen Zusammenhänge darzustellen: Man könnte sie nur aus der ‚Barbarei‘ von Israels Feinden erklären. Die Aktionen der Hamas wie die von Israel seit dem 7. Oktober mögen als eine Wende oder Zensur erscheinen, aber sie folgen dem Muster der vergangenen Jahrzehnte – mit ethnischer Säuberung und Besetzung und Abschnürung des Gazastreifens auf der einen, und der Reaktion darauf auf der anderen Seite.“

Khalidi ist aber kein blinder Parteigänger der palästinensischen Sache. Ohne Scheuklappen beschreibt er auch die Verfehlungen der palästinensischen Politik – etwa das völlig misslungene Vorgehen Arafats und der PLO im Oslo-„Friedens“-Prozess. Sein Vorwurf an die PLO lautet: Anstatt den Erfolg der zweiten Intifada [des Aufstandes der Palästinenser] zu nutzen und auf ein Ende der Besatzung und der Kolonialisierung zu drängen, hätte die PLO sich in einen Prozess hineinziehen lassen, den Israel mit Duldung der USA ausdrücklich darauf ausrichtete, die Besatzung und die Kolonisierung zu verlängern. Arafat hätte das wissen müssen, denn der israelische Regierungschef Jitzhak Rabin habe immer wieder deutlich gemacht, dass er den Palästinensern bestenfalls – eine von Israel kontrollierte – Autonomie zugestehen wollte, aber keinen Staat.

So war der Oslo-Prozess letztlich eine schmähliche Niederlage für die Palästinenser, die Khalidi so beschreibt: „Israel hatte keinen palästinensischen Staat anerkannt und sich nicht einmal verpflichtet, die Gründung eines solchen Staates zuzulassen. Es war insgesamt eine eigentümliche Transaktion: Eine nationale Befreiungsbewegung erlangte von ihren Unterdrückern eine nominelle Anerkennung, ohne eine Befreiung zu erreichen, im Tausch gegen die Anerkennung des Staates, der ihr Heimatland kolonisiert hatte und es weiterhin besetzte. Dies war ein historischer Fehler mit schwerwiegenden Folgen für das palästinensische Volk.“

Natürlich richtet der Autor auch den Blick in die Zukunft. Frieden kann es nur geben, davon ist er überzeugt, wenn es eine Perspektive für das Ende der Besatzung, Kolonisierung und Unterdrückung der Palästinenser gibt. Eine solche Perspektive ist aber an die Erlangung von vollständiger Selbstbestimmung für das palästinensische Volk gebunden. Es deutet aber gegenwärtig nichts darauf hin, dass eine solche Lösung in nächster Zeit die Chance auf Realisierung hat. Der Autor sieht nach dem 7. Oktober und dem israelischen Genozid im Gazastreifen eher düstere Szenarien am politischen Horizont des Nahen Ostens: einen großen regionalen Krieg sowie eine neue Vertreibung der Palästinenser wie 1948 und die Annexion der besetzten Gebiete, weil religiöse Nationalisten und fanatische Siedler in Israel die Politik bestimmen.

Khalidi hat ein bedeutendes und wichtiges Buch geschrieben, das allen Nahostinteressierten sehr zu empfehlen ist, die sich nicht allein auf die israelisch-zionistische Version der Geschichte dieser Region verlassen wollen. Denn diese lehnt sich eng an die zionistische Weltanschauung und ihre Mythen an. Aufschlussreich ist, dass Khalidis Darstellung der Geschichte Palästinas weitgehend mit den Erkenntnissen der „neuen“ oder „postzionistischen“ israelischen Historiker übereinstimmt. Die Mitglieder dieser Gruppe, der Wissenschaftler wie Ilan Pappe, Benny Morris, Tom Segev und Avi Shlaim angehören, waren am Anfang der 1990er Jahre in die Archive gegangen (als dies für kurze Zeit möglich war, heute sind die wieder geschlossen), weil sie wissen wollten, wie es „wirklich“ gewesen war. Da deutete sich wenigstens in der historischen Wissenschaft eine israelisch-palästinensische Gemeinsamkeit an, die in der Politik noch immer völlig ausgeschlossen ist.

Khalidi, Rashid: Der hundertjährige Krieg um Palästina. Eine Geschichte von Siedlerkolonialismus und Widerstand, Unionsverlag Zürich, ISBN 978-3-00603-4, 26 Euro

Dr, Josef Schuster hetzt gegen „rechts“ in Frankreich sagen die meisten Juden „Die Neue Volksfront ist die erste Bedrohung für die französischen Juden“

Aus der Tribune Juiven von Paoloni Jeremy

Jean-Luc Mélenchon spricht auf dem Place de la République während der ersten Runde der Parlamentswahlen am 30. Juni

Hundert Persönlichkeiten, darunter der Historiker Georges Bensoussan, der Philosoph Pierre-André Taguieff und der Akademiker Pascal Perrineau, fordern einen „Block“ für die Union der Linken, der anlässlich der Parlamentswahlen gebildet wurde. Die LFI habe antijüdischen Hass zu einer Wahlkampfstrategie gemacht, argumentieren sie. Angewidert von der Verharmlosung des Antisemitismus fordern sie eine Blockade der Neuen Volksfront, einer Koalition, die sie als die erste Bedrohung für die französischen Juden  betrachten. Wo fangen wir an?

Erinnern wir uns zunächst daran, dass innerhalb der Neuen Volksfront La France Insoumise die mit Abstand am stärksten vertretene Partei in der Nationalversammlung sein wird. Diese Partei, deren Abgeordneter (David Guiraud) zugibt, mit den Videos von Alain Soral aufgewachsen zu sein, leugnet halbherzig die Gräueltaten des 7. Oktobers, beschuldigt Israel, palästinensische Babys in Öfen zu stecken, und erlaubt sich antisemitische Verweise auf die „himmlischen Drachen“, die die Fäden der Gesellschaft ziehen. Von denen ein anderer (Aymeric Caron) behauptet, dass Israels Unterstützer nicht „zur gleichen Spezies“ gehören wie er, und glaubt, dass die Vergewaltigung eines kleinen jüdischen Mädchens in Courbevoie zu viel publik gemacht wurde. Eine andere (Ersilia Soudais) begrüßt triumphierend Salah Hammouri, einen PFLP-Terroristen, der verurteilt wurde, weil er die Ermordung von Ovadia Yossef, dem ehemaligen Oberrabbiner Israels, in Roissy Roissy geplant hatte.

Eine andere (Danièle Obono) beschreibt die Hamas als „Widerstandsbewegung„. Ein anderer (Thomas Portes) beschuldigt Israel, am 7. Oktober freiwillig zugelassen zu haben, dass seine Bürger massakriert wurden, um „einen Völkermord an den Palästinensern zu rechtfertigen“. Ein anderer (Clémence Guetté) empfängt mit großem Pomp den schwedischen Intellektuellen Andreas Malm, der sagt, er habe den Hamas-Angriff als „Jubel“ erlebt und vertraut: „Ich konsumiere diese Videos (vom Pogrom, Anm. d. Red.) wie eine Droge. Ich injiziere sie in meine Venen. » Eine Europaabgeordnete (Rima Hassan) wirft dem CRIF vor, Frankreichs Außenpolitik zu diktieren, bezeichnet Israel als „Monstrosität“ und schreibt, dass der jüdische Staat (den sie „vom Fluss bis zum Meer“ von der Landkarte getilgt sehen will) nicht nur palästinensische Gefangene von Hunden vergewaltigen, sondern auch ihre Organe stehlen lässt. Antisemitische Fake News, die im Übrigen von keinem Mitglied der Neuen Volksfront verurteilt wurden.

La France Insoumise, die Partei, deren Mitglieder alle eine Besessenheit von der winzigen jüdischen Demokratie pflegen, die kleiner als die Normandie, aber von autoritären und islamistischen Regimen umgeben ist. Diese Partei schließlich, von der sich kein Mitglied herabließ, am großen Marsch gegen Antisemitismus am 12. November 2023 in Paris teilzunehmen. Und dessen Führer, Jean-Luc Mélenchon, andeutet, dass der antisemitische Angriff auf Mohammed Merah eine Verschwörung sein könnte („Sie werden sehen, dass wir in der letzten Woche des Präsidentschaftswahlkampfs einen schweren Zwischenfall oder einen Mord haben werden. Es war Merah im Jahr 2012“), beschreibt die jüdische Gemeinschaft als „eine aggressive Gemeinschaft, die den Rest des Landes belehrt“, führt Jeremy Corbyns Niederlage im Vereinigten Königreich auf Antisemitismusvorwürfe zurück, die vom „Oberrabbiner Englands und den verschiedenen Einflussnetzwerken des Likud“ erhoben wurden, und beklagt die „arroganten Ukas der Kommunitaristen des CRIF. »

Die Neue Volksfront ist nicht La France Insoumise, werden einige antworten. Das ist absolut richtig. In der NFP gibt es auch die Neue Antikapitalistische Partei, die am 7. Oktober der Hamas gratulierte, an „ihre Unterstützung für die Palästinenser und die Kampfmittel, die sie gewählt haben, um Widerstand zu leisten“ erinnerte und ihre Erklärung mit „Intifada! (Die NPA wird derzeit wegen Verherrlichung des Terrorismus strafrechtlich verfolgt.) Ihr Vorsitzender, Philippe Poutou, hat sich für die zweite Runde der Parlamentswahlen unter dem Banner der NFP qualifiziert. In der Neuen Volksfront gibt es auch die Junge Garde, eine gewalttätige kleine Gruppe, die insbesondere von Raphaël Arnault angeführt wird, dem körperliche Angriffe auf politische Gegner vorgeworfen werden, der am 7. Oktober seine „Solidarität“ mit dem „palästinensischen Widerstand“ bekundet hat.

Auch er hat sich für die zweite Runde der Parlamentswahlen qualifiziert, unterstützt von der NFP. (Acht Mitglieder der Jungen Garde sind sogar wegen des gewaltsamen Angriffs auf einen jüdischen Teenager in der Pariser U-Bahn am 27. Mai angeklagt.) In der Neuen Volksfront gibt es auch die Kommunistische Partei, die unermüdlich die Freilassung von Marwan Barghouti fordert, einem palästinensischen Terroristen, der eine lebenslange Haftstrafe für den kaltblütigen Mord an fünf Israelis verbüßt. Was die vermeintlich gemäßigteren Koalitionsparteien wie die Sozialistische Partei und die Grünen betrifft, so haben sie durch dieses Bündnis bewiesen, dass Antisemitismus für sie ein Detailpunkt ist.

Lassen Sie uns abschließend hinzufügen, dass die Selbstgefälligkeit der NFP gegenüber dem Islamismus weitere Fragen aufwirft. Das gemeinsame Programm, auf das sich alle Parteien der Koalition geeinigt haben, sieht die Aufhebung der Gesetze von Emmanuel Macron zur besseren Bekämpfung des religiösen Separatismus, aber auch den Kampf gegen die „Islamophobie“ (die bewusste Verwendung des Wortes, die eine Verwechslung zwischen Kritik an einer Doktrin und Menschenhass aufrechterhält) und die deutliche Beschleunigung der Migrationsströme vor. Eine riskante Wette in einer Zeit, in der die Assimilationsmaschine ins Stocken geraten ist. Es sei daran erinnert, dass 56 % der französischen Juden der Meinung sind, dass der Islamismus die größte Bedrohung für ihre Sicherheit darstellt. Der Islamismus, der seit 2012 273 Franzosen das Leben gekostet hat und unsere republikanischen Werte gefährdet, ist offensichtlich nicht nur eine Bedrohung für Juden.

Wir fordern daher eine Blockade der Neuen Volksfront, einer Koalition, deren Wahlerfolg uns das Schlimmste befürchten lässt. Es ist kein Verdienst, den Antisemitismus der Vergangenheit zu verurteilen, wenn man sich nicht unerbittlich gegenüber dem Antisemitismus der Gegenwart zeigt, kein Verdienst, eine republikanische Front mit Formationen zu bilden, die den republikanischen Werten feindlich gegenüberstehen.