„Schuster, bleib bei deinem Leisten!“

von Ludwig Watzal

Man muss schon an Realitätsverlust oder Ignoranz leiden, um irgendetwas Sinnvolles in den Worten des Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland und Internisten, Dr. Josef Schuster, heraushören zu können. Laut  „Jüdische Allgemeine“ hat er die deutschen Medien dafür kritisiert, dass sie nur sehr spärlich über die „Welle des Terrors“ in Israel berichteten und den jüdischen Staat als „Aggressor“ ausmachten. „Diese Verdrehung der Tatsachen wollen wir nicht länger schweigend hinnehmen“, so Schuster. Er forderte nicht nur eine „faire Berichterstattung“, sondern auch eine „Verurteilung der Terroranschläge durch die Politik“. Weiterhin verlangte er „Solidarität mit Israel“ und versicherte, dass „wir“, damit meinte er die jüdischen Deutschen, „stehen fest an der Seite seiner (der israelischen L.W.) Bevölkerung“. Die Polit-Floskel von Israel als „einzige Demokratie im Nahen Ostens und Außenposten der westlichen Wertegemeinschaft““ durfte da natürlich nicht fehlen. Hinter beiden Aussagen müsste man ein dickes Fragezeichen setzen, wenn man die Behauptungen für bare Münze nehmen würde.

Josef Schuster spielt wieder einmal den „Lautsprecher“ der israelischen Regierung, obwohl der doch der Vorsitzende der deutschen Juden ist. Seine primäre Aufgabe wäre es, sich differenziert um die Belange seiner Glaubensgenossen/innen in Deutschland zu kümmern. Israel kann schon für sich selber sorgen, wie es dies seit seiner Gründung getan hat. Warum sollte die internationale Staatengemeinschaft Israel bei seinem Kampf gegen den Terror unterstützen, wo doch das israelische Besatzungsregime gegenüber der palästinensischen Bevölkerung eine Art Staatsterror seit 1967 ausübt, indem es die wirklichen Besitzern des Landes Palästina nicht nur fortwährend ihres Landes beraubt, sondern ihnen systematisch auch die Existenz- und Lebensgrundlage zerstört? Wenn man nicht an politischer Amnesie leiden würde, wüsste man um die Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen des „Vorpostens gegen die Barbarei“, wie einst Theodor Herzl die Rolle Israels in der Region beschrieben hat.

Im Augenblick haben sieben Israelis und 27 Palästinenser ihr Leben verloren. Bei den Massakern im Gaza-Streifen von 2008/09 haben 1 400 Palästinenser, darunter die Mehrzahl Frauen und Kinder, sowie bei dem Überfall vom Juli 2014 auf dasselbe Gebiet über 2 100 Palästinenser, auch hier die überwiegende Mehrzahl Frauen und 500 Kinder, ihr Leben lassen müssen. Die Zerstörungswut der israelischen Besatzungsarmee machte auch nicht Halt vor Moscheen, Krankenhäusern, Schulen und der kompletten Infrastruktur des Gaza-Streifens. Gab es zu diesen Massakern irgendeine besorgte Äußerung von Josef Schuster? Gab es einen Protest seitens des Zentralrates gegen den Schießbefehl mit scharfer Munition auf friedliche Demonstranten? An die tägliche Willkür und die Demütigungen soll hier gar nicht erinnert werden.

Wenn der Zentralratsvorsitzende Hamas und Hisbollah kritisiert, sollte er einmal einen Blick auf das faschistoide Verhalten der israelischen Siedler werfen, die tagaus tagein die Bevölkerung in der Westbank terrorisieren, und dies unter den Augen der israelischen Besatzungsarmee. Dass sie auf „Apartheid-Straßen“ fahren, rechtlich unterschiedlich behandelt werden und in umzäunten Siedlungen leben, in denen keine Nicht-Juden leben dürfen, scheint ebenfalls für Schuster eine Quantité négligeable darzustellen. Alle rassistischen Gesetze in Israel aufzuzählen, dürfte eine Überraschung für jeden Leser/in darstellen. Für den Vorsitzenden des Zentralrates müssten sie bekannt sein.

Vielleicht haben es jetzt selbst die deutschen Medienvertreter und ihre Heimatredaktionen verstanden, wer der eigentliche Aggressor im Nahen Osten ist. Warum hört sich der Vorsitzende des Zentralrates nicht einmal die aufwiegelnden Reden von Israels Ministerpräsidenten Netanyahu und einiger seiner rassistischen Minister an, bevor der den Präsidenten der Palästinenser, Mahmoud Abbas, fälschlicherweise solcher bezichtigt? Weniger doppelte Standards wäre allemal zielführender. Die deutsche politische Klasse und die Bevölkerung sollten Solidarität mit den unterdrückten Palästinensern und nicht mit den israelischen Unterdrückern und Besatzern zeigen.

 Erich Fried sagte es schon vor Jahrzehnten:

Schwierige Aufgabe

Den Mitschuldigen

ihre Mitschuld

predigen

so

daß sie überzeugt sind

ist schwer

denn sie haben immer

die einleuchtendsten Beweise

für ihre völlige

oder

(denn sie wollen

nicht selbstgerecht sein)

so gut wie völlige Unschuld

Sie kennen sich

weil sie in alles

genauestens eingeweiht sind

auch viel besser aus

als zum Beispiel der Fremde

der sich herausnimmt

zu ihnen

von Mitschuld zu sprechen

Um wirklich

so überzeugend

wie sie

seine Unschuld beweisen

zu können

muß einer schon

mitschuldig sein“

Auch hier.

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