Wacht auf, arabische Bürger von Israel!

von Gideon Levy

Stell dir vor, was es heißt, heute ein arabischer Büger in Israel zu sein – nur Angst und Verzweiflung. Kein Jude der Welt, nicht einmal im „anti-semitischen“ Frankreich und wahrscheinlich nicht einmal im „satanischen“ Iran, lebt unter einem solchen Regime von Angst, Verlust und Ausgrenzung. Du läufst in den Strassen von Tel Aviv, begleitet von Angst und (dem Gefühl der) Erniedrigung. In Jerusalem kannst du auch erschossen werden. In Afula wirst du verbannt. Besser nicht in deiner Sprache sprechen, es ist nicht ratsam sich wie ein Araber zu kleiden. Sei ein Jude auf der Strasse und ein Araber zu Hause. Am besten du bleibst zu Hause.

Aber zu Hause kannst du von der Polizeitruppe zur Aufstandsbekämpfung überfallen (und dein Haus durchsucht) werden, die mit der Namensliste des Shin Bet arbeitet – vielleicht bist du ein heimlicher Terrorist. Du willst von all dem ins Ausland entfliehen? Auf dem Weg dorthin wirst du am Ben Gurion-Flughafen demütigend behandelt. Auf dem Weg zurück wirst du aus dem Flugzeug geholt, auf die Forderung einer wütenden Menge hin. Vielleicht werden wir bald Flüge ‚for Jews only‘ haben.  

Du lebst in deinem Land auf Bewährung. Keine Behörde wird dir helfen. Keine Regierung wird dich retten. Die Gerichte diskriminieren dich, das Budget diskriminiert dich. Die Knesset ist rassistisch, die Medien ultra-nationalistisch. Solidaritätsbekundungen von jüdischen Israelis gibt es seltener. Niemand ist bei den Aegean Airlines aufgestanden, um die jüdische Ehre zu retten. Meistens steht überhaupt niemand mehr auf. Sogar im liberalen Ramat Aviv ist es schwer ohne Angst ein arabischer Bauarbeiter zu sein. Ihre Häuser bauen, ihre Strassen reinigen, ihren Müll wegfahren ist o.K., aber sei kein Araber.

All das geschieht, wenn eine Generation herangewachsen ist, die versucht sich in einen jüdischen demokratischen Staat gegen dessen Willen zu integrieren. Die israelische Antwort auf die Integrationsbemühung ist Benjamin Netanyahu. Du wolltest Apotheker in Superpharm sein, sprichst einen neuen arabisch-hebräischen Dialekt, liest Yediot Ahronot und schaust Kanal 2? Es wird dir nichts Gutes bringen.

Aber paradoxerweise liegt der Schlüssel zur Rettung der israelischen Demokratie in den Händen dieser getretenen Minderheit. Wenn die palästinensischen Bürger von Israel, die „arabischen Israelis“ (nach dem Namen, den man ihnen aufgezwungen hat), die Kapitulation und die Kriecherei wählen, ist Israels Demokratie zum Untergang verurteilt. Je mehr sie sich ergeben, umso mehr wird auf ihnen herumgetrampelt, und mit ihnen wird auf der Demokratie herumgetrampelt. Von der jüdischen Mehrheit wird sie nicht gerettet werden – die steht ihrem Schicksal gleichgültig gegenüber, vielleicht sieht sie eine Gefahr – aber das ist nur diese Minderheit, deren Kampf für die Demokratie der Kampf für ihr Zuhause und ihr Schicksal ist.

Es ist die dritte Generation der Nakba, und Wunder aller Wunder: die Araber können die sein, die bestimmen, welche Art von Regierung wir haben werden. Die erste Generation war von der Katastrophe gelähmt, die zweite versuchte ihren Weg kleinlaut und mit Entschuldigungen zu machen. Jetzt hat sich die dritte Generation erhoben, sie könnte die erste für eine Genesung (Erholung) und Neubelebung sein. Jetzt gibt es eine Joint List in der Knesset, die für den Beginn einer Änderung stehen kann, und dort gibt es eindrucksvolle, stolze junge Leute, die es nicht akzeptieren gedemütigt zu werden wie ihre Eltern. Diese Gelegenheit darf nicht versäumt werden.

Diese Aufgabe (mission) ist beinahe eine Unmögliche. Die jüdische Gesellschaft ist voller Angst, Gewalt, Hass und Arroganz. Die Hetzkampagnen, die Kampagnen der Angstmache und die Hasskampagnen waren erfolgreich. Ein Terrorist von Arara genügt und sie springen in die Höhe. Israelis, die über den Wildwuchs unter den Siedlern sprechen, sprechen über die ganze arabische Community als fünfter Kolonne. Arabische Freunde, ihr müsst nicht still sein. Ihr müsst nicht euer Haupt beugen.

Natürlich ist es leicht zu predigen und schwer zu tun. Es ist schwer zu tun, wenn es da so wenig jüdische Partnerschaft gibt. Die staatlichen Stellen (die Autoritäten) und die Mehrheit sind gegen euch. Euch ist viel aufgebürdet – Jugoslavien, ja oder nein; Demokratie, ja oder nein; sogar die Chance einer Zwei-Staaten-Lösung. In der jüdischen Gesellschaft gibt es nicht mehr genügend Kräfte, um für diese Sachen zu kämpfen. Sie sind geschlagen. Jetzt ist auch schon Ramat Aviv euch gegenüber feindselig.

Der Weg ist weit, aber die Richtung ist klar: sich nicht ergeben. Eine eindrucksvolle, verheißungsvolle repräsentative Arabische Liste arbeitet bereits in der Knesset, aber sie wird boykottiert. Ihr dürft darüber nicht weiter schweigen. Ihr habt den Juden schon genug in allen Dingen nachgegeben. Schaut, was die Siedler erreicht haben, und sie sind eine kleinere Minderheit, wenn sie auch unter viel besseren Bedingungen operieren. Also wacht auf, Araber! Es wird (auch) gut sein für die Juden.

Quelle: www.haaretz.com/opinion/.premium-1.695900

Übersetzung aus dem Englischen: K. Nebauer.

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