Der neue Antisemitismus der Hintertür

von Eurich Lobenstein

Gerhard Kittel, gehörte mit Karl AdamKarl Georg KuhnHans Fleischhacker und dem Leiter des Dozentenbundes, Robert Wetzel zu den Repräsentanten des „wissenschaftlichen Antisemitismus“. Allen war gemeinsam der evangelische Glaube und die Zugehörigkeit zur Tübinger Universität. Kittel vertrat die prinzipielle Ansicht, man müsse „die Juden“ zwingen, ihre Religionsgesetze strikt zu beachten; befolgten sie diese nicht mehr, so wirke sich ihre Laizität und ihr Unglaube auch ungünstig auf die Einstellung der Christen aus. Ignoriert man das kollaterale Geschehen dieser Zeit in Deutschland, das auch die „gesetzestreuen Juden“ (vgl. Willy Kohn in: Kein Recht, nirgends ….) in die Verfolgung einbezog, stand der Tübinger Antisemitismus auf soliden Regeln im Verhältnis zu den Juden.

Das erscheint heute in fataler Weise nicht prinzipiell anders. Nur nennt sich diese Haltung „Judenfreundlichkeit“. So genannte „Antisemitismusbeauftragte“ treiben eine politische Kosmetik, indem sie z. B. den Beck-Verlag nötigen, den Beck schen Kurzkommentar „Palandt“ umzubenennen.  Aber an den staatstragenden Straßen in Berlin, die nach Wilhelm Wundt, Paul von Hindenburg oder Otto v. Bismarck benannt sind, stört sich nicht einmal Felix Klein(hirn). Wundt schrieb im völkischen Sinne zur Völkerpsychologie, Paul von Hindenburg ernannten Adolf Hitler zum Reichskanzler und beglückwünschte diesen zu den Morden vom 30.6.1934 und Otto v. Bismarck war für seine Gehässigkeiten gegen Juden bekannt (vgl. Ernest Hamburger in: Juden im öffentlichen Leben Deutschlands: Regierungsmitglieder, Beamte und Parlamentarier in der monarchische. Zeit. 1848–1918). Das ändert nichts an der Benennung der großen Straßen. 

Die Gedanken Gerhard Kittels treten auch in neu erlassenen Vorschriften zu Tage. Konkret gehört zu den Aufnahmevoraussetzungen für jüdische Zuwandernde in Deutschland (BAMF) der Nachweis einer Aufnahmemöglichkeit in einer jüdischen Gemeinde im Bundesgebiet.

Ganz im antisemitischen Sinne Kittels hat auch die Bundesrepublik für weltliche Juden, etwa für materialistisch denkende oder solche, die nicht halachisch von einer russischen Mutter abstammen, keine Verwendung. Deutschland braucht Juden, aber nur solche, die für die Orthodoxie unbestreitbar Juden sind. In Ergänzung hierzu werden „Zentren für Jüdische Studien“, Rabbinerausbildungsstätten und repräsentative Synagogen errichtet und unter großem Aufwand eingeweiht, die der westlichen Welt vortäuschen sollen, daß die Bundesrepublik Deutschland mit dem Dritten Reich keine Gemeinsamkeiten mehr habe. Das scheinen auch viele zu glauben. Der heute SD, der sich „Verfassungsschutz“ nennt,  beginnt auch Leute als Verfassungsfeinde zu beobachten, die die Bundesrepublik wegen ihrer Nähe zum NS-Staat delegitimieren.

In Israel wird es bislang komplementär veranstaltet; allerdings gibt es hierzu bereits eine Opposition, deren Schwesterbewegung in Deutschland ganz schnell als „antisemitisch“ niedergeknüppelt werden könnte. Zwar kann man auch als nicht-halachischer Mischling 2. Grades (nach Nürnberger Gesetz) mit nur einem jüdischen Großvater väterlicherseits nach Israel „zurückkehren“, wovon ehemals sowjetische Staatsbürger Gebrauch gemacht haben. Begünstigt wurde ihre „Rückkehr“ durch das staatliche Bedürfnis, für Israel europäische Personen zu gewinnen, weil die orientalischen Juden den Staat sehr stark repräsentieren. Ironischerweise entsteht aus dieser fortschrittlichen Haltung, der z.B. der sephardische Oberrabbiner Yitzak Yoseph opponierte, ein innerisraelischer Konflikt; er entzündete sich am Beispiel eines Olympioniken:

Ein (Beute-) Israeli s ukrainischer Abstammung gilt nach halachischen Maßstäben nicht als „Jude“; das wäre nicht so schlimm, wenn er deswegen nicht heiraten dürfte. Zur Erinnerung: Ein Mischling 1. Grades durfte im Dritten Reich einen anderen Mischling 1. Grades heiraten, ein Mischling 2. Grades durfte sich nur mehr arisch vermählen. Aber in Israel kann der „Mischling“ gar nicht heiraten oder muß zum Zwecke der Eheschließung ins Ausland ausweichen: Sabine Brandes berichtet über die Angelegenheit  von Artem Dolgopyat, der für Israel in Tokyo eine Goldmedaille geholt hatte.

„Es musste erst ein Goldjunge kommen, um das Thema auf die Titelseiten zu bringen. Dabei existiert das Problem bereits seit Gründung des Staates. Nun wird es wieder zum Politikum. Artem Dolgopyat, der »Stolz der Nation« wird offiziell nicht als Jude angesehen und kann in seiner Heimat Israel nicht heiraten, weil er beim ultraorthodoxen Oberrabbinat nicht als „jüdisch“ eingetragen ist. Wer jetzt daran erinnert, dass andere Religionen auch nicht alle Paare verheiraten und auf die zivile Eheschließung verweisen, dem sei gesagt:  Eine zivile Eheschließung gibt es in Israel nicht.

 Und das für niemanden. Jene, die sie wollen, müssen ins Ausland reisen. Egal ob jüdisch, christlich, sonstige oder gar keine Konfession, israelischer Pass oder nicht. Sogar jemand, der in den Streitkräften dient, sich in einer Kampfeinheit verpflichtet, Leib und Leben riskiert, hat keinen Anspruch auf den Segen für ein Leben mit seiner oder seinem Liebsten. Egal wie groß die Verdienste einer Person für den jüdischen Staat sind: Entspricht er nicht den Standards der orthodoxen Rabbiner, darf er nicht heiraten. Dann bleibt nur, außerhalb der Grenzen Israels Hochzeit zu halten. Wegen der Kosten machen dies die meisten ohne Familie und Freunde. Die Frage »Wer ist Jude?« ist selbst in Israel definitiv nicht zu beantworten. Es geht inzwischen um die Frage, welche Grundrechte ein jeder Staatsbürger Israels haben soll.“

 Man kann sagen: Israel hat ein Judenproblem.

Die Süddeutsche Zeitung hatte zuvor schon berichtet, daß Israels Oberstes Gericht angeordnet habe, dass der Staat auch nicht orthodoxe Übertritte zum Judentum anerkennen muss. Die religiösen und rechten Parteien sehen dadurch die jüdische Identität Israels gefährdet. Aber das ist noch nicht so weit fortentwickelt. Artem Dolgopyat wird seine Mutter nicht zum Judentum übertreten lassen können und scheint sich auch nicht den Zwang antun zu wollen, die Regeln des orthodoxen Aberglaubens zu übernehmen.

.Der „zionistische“ Staat hatte sich, wahrscheinlich um eine breitere Anerkennung in der weltweiten Diaspora bemüht, den Regeln der Orthodoxie im Bereich des Personenstandsrechts unterworfen, ganz gegen den Sinn von Moses Hess, Max Nordau und Karl Marx. Ganz im analogen Sinne der Gesetze von Nürnberg, die ihrerseits auch die jüdischen Regen beachteten, gilt noch heute, daß „Jude nur sein könne, wer von einer jüdischen Mutter abstamme“, steckt Israel in einer Falle. Die Verhältnisse von Schtetl, Ghetto und Judengasse wurden als lebendige Fossilien übernommen. Das reicht aber den religiösen Fanatikern nicht einmal. Die Jüdische Allgemeine berichtete über eine Rabbinerkonferenz:

Rabbi Imanuel Ravad zeichnet für seine Rasse ein düsteres Bild von der Zukunft des Judentums. Er sieht das Judentum als ein sinkendes Boot wegen der drastischen Zunahme gemischter Ehen (z.B. Marc Zuckerberg mit der Sino-Amerikanerin Chang). Auch Yehuda Teichtal, ein Berliner Rebbe verlangt als Ziel jüdischer Bildungsanstrengungen, dass sich die jüdische Jugend nicht assimiliere. Rabbi Elie Hayoun aus dem elsässischen Mühlheim suchte nach Antworten, wie man die zunehmende Assimilation bekämpfen könne.

Kommentar hierzu? Ja: die Bestrebungen des orthodoxen Judentums sind schlicht und ergreifend verfassungsfeindlich. Dow Lior, der Rebbe von Hebron, geht in unseren Tagen, weit jenseits unserer Grenzen, noch einen Schritt weiter und lehrt, dass jüdische Frauen keine Samenspenden von Nichtjuden zur Reproduktion verwenden dürften.  Ein derartig erzeugtes „Mischlingsbaby“ würde die negativen genetischen Eigenschaften eines Nichtjuden in sich tragen.

Sind Juden von den Genen her freier von negativen Erbanlagen als andere Leute? Gott gebe es! Dow Lior rechtfertigt seinen Ukas: „Das Sperma von Ungläubigen würde zu barbarischen Nachkommen führen.“

Rechtstheoretisch wäre das „Mischlingskind“ eines asiatischen Samenspenders für eine jüdische Mutter nach halachischer Auffassung trotzdem ein rein jüdisches. Aber es wird von Dow Lior rassisch als „barbarischer“ als Juden sonst sind, diskriminiert. Die rabbinerische Interpretation halachischer Vorschriften wird auch in Israel zu einem wachsenden Judenproblem: So hat Israel auch ein Ernährungsproblem, weil es die Schweinezucht verbietet. Dabei haben Archäologen inzwischen entdeckt, daß vor der Zerstörung des Ersten Tempels die Könige David und Salomon sich die Köstlichkeit eines Milchferkels nicht unbedingt haben entgegen lassen.

Carlo Strenger wird es nicht viel anders gesehen haben, als daß das Judentum nicht endlos von den Vorstellungen einer radikalen Sekte geleitet werden kann. Zu viele Menschen wenden sich vom orthodoxen Judentum ab. Die israelische Verfilmung des Buches „un-orthodox“ von Deborah Feldmann übersieht, daß bei ultra-orthodoxen schnell die Klappe fällt. Die Orthodoxen scheuen die religiöse Auseinandersetzung mit Ungläubigen wie der Teufel das Weihwasser.  So wie die christlichen Orden ausbluten und verschwinden, blutet das orthodoxe Judentum aus. In den USA soll es binnen zweier Generationen auf einen Rest von 10% des heutigen Bestandes implodieren.  Was also machen mit den Orthodoxen in Israel? Dort steht es der Entwicklung des Judentums im Weg. Gelegentliche Pogrome nach russischer Art? ausrotten nach deutscher Methode? oder nach katholischem Brauch Männlein und Weiblein getrennt hinter Klostermauern wohnen orare et laborare zu lassen? Es gibt eine ideale Lösung: die Orthodoxen nach Deutschland.

Dort will man genau die modernen Juden nicht. Deutschland braucht möglichst orthodoxe Juden, die den brauen Schimmer des Staatswesens verdecken.

Ein Gedanke zu „Der neue Antisemitismus der Hintertür

  1. „Dort will man genau die modernen Juden nicht. Deutschland braucht möglichst orthodoxe Juden, die den brauen Schimmer des Staatswesens verdecken.“

    Phänomenale Idee: Die könnten ja die überreste der „Berliner Mauer“ dann als „Klagemauer“ verwenden!

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