Juden zweiter Klasse

In Deutschland wogt aktuell unter Juden eine Debatte darüber, wer Jude ist. Juden beschuldigen Juden, dass sie keine echten Juden seien. Auch in Israel sind diese Behauptungen politische Waffe: In der Sowjetunion erbte man die Nationalität vom Vater, auch die jüdische. Das soll nun in Israel plötzlich nicht mehr anerkannt werden? Wenn diese Skurrilität nicht ernste Folgen hätte, könnte man darüber staunen und lächeln. So aber muss das Lächeln erstarren, wenn wir feststellen, dass es sich um historische Argumente und Vorstellungen handelt, die aus der Mottenkiste der Geschichte stammen sollten. Manche werden an rassistische Ideen der Nationalsozialisten erinnert. Der Bibelleser schlägt Esra 9,11 auf, wo es heißt: „scheidet euch von den fremden Frauen“ Und zum Schluss des Textes heißt es, nachdem die Namen der Betroffenen aufgeführt sind: „sie entließen Frauen und Kinder“

Das war 500 vor unserer Zeitrechnung; warum soll es heute anders sein? 500 nach unserer Zeitrechnung wurde der Talmud fertig gestellt, der in seiner Halacha die Frau zur „apostolischen“ Weitergabe des Judentums verklärte. Der Sinn dieser Regel wird auch erläutert: Den Talmud kann jeder studieren, aber einen jüdischen Haushalt kann nur die Frau führen. In dieser Logik müssten Frauen nie zum Judentum übertreten können. Können aber: die Mutter von Charlotte Knobloch, langjährige Vorsitzende des Zentralrats war übergetreten. 

Inzwischen haben sich auch einige nicht jüdische Kommentatoren in die Debatte eingeklinkt. Eine große Zeitung breitete das Thema der mehrheitlich nicht-jüdischen Leserschaft aus. Nicht jeder Senf passt zum Gericht. Anlass für diese überflüssige Debatte war ein Disput zwischen dem Lyriker und Publizisten Max Czollek und dem Schriftsteller Maxim Biller. Letzterer schmäht Czollek als „Faschings- und Meinungsjuden“, da dessen Mutter keine Jüdin ist und er daher unter halachischen – prähistorischen – Aspekten von manchen Juden nicht als solcher anerkannt werde.  Czolleks glänzende Analysen zur jüdischen Befindlichkeit in Deutschland wurden weit über den deutschsprachigen Raum hinaus selbst in der New York Times besprochen und die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei dem Konflikt um Neid und Missgunst handelt.

Biller ist dafür bekannt, unter dem Mäntelchen der Kunstfreiheit mit seiner hochpolemischen Prosa auch immer wieder Menschen, die ihm missfallen, herabzusetzen, beleidigen und zu diffamieren. Sein Schlüsselroman „Esra“ darf deshalb bis heute nicht erscheinen. In der ZEIT beschimpfte Biller auch Max Czolleks Großvater, den Verleger Walter Czollek, als Antisemiten, weil er angeblich antisemitische Freunde hatte. Heftig, wenn man bedenkt, dass der Mann zu den Widerstandkämpfer gegen das NS-Regime zählt und neben Gestapo-Haft auch drei Konzentrationslager überlebt hat. Dr. Josef Schuster legte noch eines drauf: Schon der Vater Czollek sei halachisch gesehen kein Jude gewesen. Wenn das so stimmt, dann sollte der Zentralrat schleunigst die Nazi-Idee vom Ehrenarier übernehmen und den des „Ehrenrunden“ einführen. Gut, dass er nicht mehr hören muss, dass man seinen Enkel ausgrenzt. Dann wäre er vielleicht den Weg von Viktor Klemperer gegangen, dessen nicht-jüdische Frau ihn vor den letzten Konsequenzen der deutschen Rassepolitik bewahren konnte.

„Spielst Du Judenpolizei?“ fragte Czollek seinen Schriftsteller-Kollegen. „Ja, genau!“ antwortete Biller frech und zynisch. Dabei sind weder Maxim Biller noch Josef Schuster jüdisch religiös. Sie verhalten sich wie Blogwarte, die über die religiöse Reinheit des Judentums zu wachen haben. Sie bedienen sich einer innerjüdischen Diskriminierung, von der sie ausgehen, dass sie es machen dürfen, weil sie koschere Juden seien. Obwohl das Judentum für sie eine politische Größe ist, kategorisieren sie die Angehörigen nach alt-religiösen Maßstäben. Sie ignorieren und unterdrücken den soziologischen Aspekt des Judentums und den Aspekt der Schicksalsgemeinschaft, der in Zeiten der Not viele religiöse und nicht- religiöse Juden zusammenschweißt.

Als Beispiel diene Sigmund Freud: er nannte das Judentum eine kollektive Neurose; aber anders als im Fall von Baruch Spinoza reagierte man bei ihm nicht mit dem Harem (Bann). Er hatte sich in schwieriger Zeit zu seiner jüdischen Herkunft voll bekannt.

Biller und Schuster werfen Max Czollek vor mit einem „Jüdischen Ticket“ gefahren zu sein. Josef Schuster, der Zentralrat Präsident, nennt es auch noch „unter falscher Flagge zu segeln“, weil das Judentum auch heute noch ausschließlich über die Mutter weitergegeben werde. Marc Zuckerbergs Kinder sind also draußen! Beim Zentralrat der Juden in Deutschland benutzt man noch die alten Gebetbücher. Dabei hatte Theodor Herzl sich schon vor 1900 vor Max Nordau gestellt, der eine Dänin geehelicht hatte. Aber Josef Schuster und Maxim Biller würden deren Nachkommen aus ihren Betstuben scheuchen. Hat die jüdische Religion sich im Verlauf der letzten zweitausend Jahre denn gar nicht reformiert, sich nicht einmal einen Millimeter nach vorn bewegt oder haben das Maxim Biller und Joseph Schuster nur nicht mitbekommen. Augmentieren sie etwa im Interesse der deutschen Regierung, die ein restriktivdefiniertes Judentum wünscht? Viele jüdische Soziologen und Theologen sagen, dass die Rechtsvorschriften der Halacha heute auch für Juden keine besondere Relevanz mehr habe.

Die Biografie des Großvaters Czollek könne die jüdischen Religionsgesetze nicht außer Kraft setzen, sagt Schuster. Natürlich nicht. Aber die jüdischen Religionsgesetze haben heute Fälle wie den der Czolleks zu lösen. Das Problem ist ein anderes als „früher“. Es glaubt niemand mehr in relevanter Breite. Man kann niemanden nötigen, zum Judentum überzutreten, wenn er nicht einmal an Gott glaubt. Haben Sigmund Freud oder Moshe Dayan ihre Zugehörigkeit zum Judentum mit dem Verlust des Glaubens eingebüßt? Kann man als Nicht- „WASP“ US- Bürger werden? Ja, natürlich. Man kann auch Israeli werden ohne jüdische Mutter. Das Einbürgerungsrecht Israels erlaubt es. Kann ein israelischer „Vaterjude“ wie Czollek Mitglied einer Gemeinde in Deutschland werden? Eher nicht. Hier haben wir das, was wir oben als Skurrilität erkannten.  Der Schuster scheucht zwei Israelis aus seiner Synagoge, weil deren Mutter arisch ist. Auweia.

Ob man jüdische ist oder nicht richtet sich nach den Regeln der Religion, so wie die Frage, ob man katholisch ist oder nicht. Wir haben es – wenn man die Denkgesetze respektiert –   mit verschiedenen Ebenen zu tun: Staatliche und Religiöse. Czollek könnte Israeli werden, aber mangels Frömmigkeit kein Jude, aber er segelt nicht „unter falscher Flagge“, wenn er sich zu seiner jüdischen Abstammung bekennt. Muss man denn nach den Nürnberger Rassengesetzen „Volljude“ sein, wenn man sich zum Judentum bekennt oder kann man sich als Nachkomme eines Juden auch zum Judentum bekennen, ohne von Juden beschimpft und beleidigt zu werden? Benutzten die Juden die guten alten Kommentare von Wilhelm Stuckart und Hans Josef Maria Globke, um die Halacha, die von klugen Juden vor zweitausend Jahren verfasst wurde, auszulegen?

Kluge und weniger kluge Kollegen, Funktionäre und Autoren haben sich in wenigen Tagen in diese Debatte eingebracht, aber keinem ist aufgefallen, dass die Auseinandersetzung ins rassistische Element abdriftet, bei der es um Blut geht und nicht um Ehre. Während die Nazis nach der Reinheit des Blutes bis zum dritten Grad gefragt haben, wollen auch die rabbinischen Juden wissen, ob die Mutter, Großmutter und Ur-Großmutter jüdisch waren. Und wenn die Ur-Ur-Großmutter, Gott behüte, keine echte Jüdin war, dann stürzt das ganze Kartenhaus des „exklusiven“ Jude-Seins in sich zusammen.

Angeblich wollten schon frühere Zentralratsvorsitzende diese halachische Kuriosität reformieren, aber die orthodoxe Rabbinerkonferenz hat es verhindert. Mit welchem Recht kritisieren dann Juden die Taliban, wo die Religionsmullahs entscheiden, wenn sie selbst auch nach alten, längst überholten religiösen Vorschriften handeln. Wann wird das Judentum endlich im 21. Jahrhundert ankommen?

„Erbarmen mit Musterjuden“ schreibt der „Hebräer“ Rafael Seligmann und reklamiert für sich eine eigene Deutungshoheit. Seligmann, der sich nicht Jude nennen will, kokettiert seit vielen Jahren mit den Begriffen „Hebräer“ und „Zion“. Juden sind für ihn immer Hebräer und Israel ist Zion. Dabei schreibt er solch absurde und falsche Sätze wie: „Altbekannte Vorbildhebräer werden aufgerufen: Heinrich Heine, Alber Einstein, Max Liebermann, Fritz Haber, Samuel Fischer, Nelly Sachs und Hannah Arendt.

Jede dieser Personen würde im Grab rotieren, wenn man ihn als „Hebräer“ definieren würde. „Ich bin ein deutscher Dichter, Bekannt im deutschen Land“, schrieb einst Heinrich Heine und das gilt auch für alle anderen. Für Seligmann ist es wohl eine Ehre oder gar eine Auszeichnung Jude bzw. „Hebräer“ zu sein, dabei ist es selbstverständlich keine Schande, aber eine Ehre ist es auch nicht. Eine Schande ist es, wenn Maxim Biller behauptet Hannah Arendt und Kurt Tucholsky seien „antijüdische Juden“. Eine Begründung dafür bleibt er schuldig. Und noch interessanter wäre zu erfahren, was er meint, wenn er über einen „exklusiven Judenclub“ schreibt. Wer darf denn Mitglied werden in diesem „Club“? Zionisten wie Schuster, Broder und Biller, die für mich die echten „Faschingsjuden“ sind. Im cicero wurde Broder schon vor Jahren als „Hofjude außer Dienst“ bezeichnet.  Mit anderen Worten: Ein Clown. Es gab im Mittelalter einen jüdischen Minnesänger. Warum nicht auch einen jüdischen Clown?

Vor vielen Jahren habe ich ähnlich gedacht. Ich war stolz darauf Jude zu sein, obwohl ich nichts dazu beigetragen hatte. Geboren hat mich meine Mutter. Ich war überzeugt, dass die Juden die besseren Menschen sein müssen. Juden waren Opfer und fühlten sich den Deutschen, die ja „Täter“ waren, weit überlegen. Ich wollte kein Täter sein. Ich wollte Opfer sein, um mich den Deutschen gegenüber, zu denen ich mich damals noch nicht zählte, überlegen zu fühlen. Diese Einstellung hat sich im Laufe der Jahre abgeschliffen. Ich habe erfahren müssen, dass Opfer nicht bessere Menschen sind, und dass Täter nicht alle Verbrecher sind. Es gab auch Täter mit Gewissen. In der Jüdischen Allgemeine schrieb Henryk M. Broder: „Die Israelis sind Täter, aber Täter sein macht Spaß.“ Nun, ich weiß zwar nicht, ob Täter sein allen Deutschen Spaß gemacht hätte. Dass es nun den Israelis Spaß machen soll, kann ich mir nicht vorstellen, aber irgendetwas läuft schief.

Zurück zu Biller und Schuster und dem Vorwurf des Rassismus:

Was wie eine literarische Posse anmutet, auch wenn man über diese nicht schmunzeln und schon gar nicht lachen sollte, steht als eine der größten Herausforderungen für die jüdische Gemeinschaft schon seit Generationen die Frage im Raum: „Wer ist Jude?“

Antworten sind schon in jeder Menge Bücher versucht worden. 1964 schrieb William S. Schlamm ein Buch, welches seinerzeit sehr breit diskutiert wurde. „Wer ist Jude?“ war auch ein Buch von Arthur Hertzberg, das Jahren zuvor in den USA erschienen ist und dort für anhaltende Kontroverse sorgt. Und die Frage wer wirklich Jude ist beschäftigt die Israelis seit Gründung des Staates. In der Regel heißt es einmal Jude, immer Jude. Dennoch gab es in den 50er Jahren in Israel den Versuch einen polnischen Juden, der zum Katholizismus konvertiert ist und in einem Franziskaner Kloster im israelischen Carmel lebte, die israelische Staatsangehörigkeit zu verweigern, weil man der Meinung war, er sei kein Jude mehr.

Die Frage „Wer ist Jude?“  steht für eine innerjüdische Kontroverse, die nicht aus religiösen, sondern auch politischen Gründen, besonders in Deutschland und Israel  Bedeutung erlangt. Ausgerechnet die Nürnberger Gesetze bestimmten wer rassisch Jude ist; die Halacha bestimmte religiös, wer Jude wäre. Aber die Nazis haben die Halacha akzeptiert und den Begriff des „Geltungsjuden“ geschaffen. Der nicht-rassejüdische Jude. Zumindest in diesem Punkt waren sich die Nazis und die Halacha einig.

Unter all den kritischen und oberkritischen Stimmen gesellte sich schließlich auch noch Jacques Schuster, der Chefkommentator bei der WELT, und unterstützte seinen Namensvetter Josef Schuster mit weit unter der Gürtellinie liegenden Bemerkungen, bei denen man wahrlich, frei nach Max Liebermann, „nicht so viel essen könnte, wie man kotzen wollte“. Er vergleicht Max Czollek mit Antisemiten und Nazis, die nach dem Krieg Juden werden wollten, um damit ihre Verbrechen zu verdecken. Er schreibt: „Er (Czollek) und mit ihm zahlreiche andere Möchtegern-Juden…richten sich nicht nach den Jüdischen Gesetzen. Diese schreiben genau vor, wer Jude ist und wer nicht.“ Ich richte mich auch nicht nach den Jüdischen Gesetzen und mit mir Millionen von Juden auf der ganzen Welt. Will uns dieser unangenehme und hässliche WELT-Kommentator auch absprechen, dass wir Juden sind? Jacques Schuster sinkt aber noch tiefer. Er schreibt: „Der (und wieder meint er Czollek) gibt sich nun beleidigt und jüdischer als zuvor. Auch wird er von Publizisten verteidigt, die ebenfalls noch Hitlers Rassenregeln anhängen.“ Und schließlich stellt er Czollek in die Nähe der schwachsinnigen Querdenker und Impfgegner, die sich Judensterne anheften. „Im Grunde denken sie ähnlich wie Czollek“ schreibt er. Aber auch das reicht nicht. „Diejenigen, welche Attacken gegen Klimaforscher in einem Atemzug mit dem Schicksal der Juden nennen“, sind nach Ansicht des durchgeknallten Kommentator Antisemiten und weil Max Czollek die Publizistin Carolin Emcke, die dieser Ansicht wohl war, unterstützt, ist er auch einer. So wird man schnell vom gefühlten Juden zum Antisemiten. Schuster fährt fort: „Diejenigen, welche die Palästinenser zu den Juden von heute erklären, sie wünschen sich, von der Last des Holocaust befreit zu sein.“ Das kann nur ein Philosemit schreiben, also ein Antisemit, der die Juden liebt. Die Palästinenser sind vielleicht nicht die „Juden von heute“, aber ich habe in meinem Verlag 1981 das Buch eines Palästinensers verlegt mit dem Titel: „Ich bin der Jude der Juden“. Die Palästinenser sehen sich selbst als die Juden von heute. Und wer ist dieser irrwitzige Kommentator, dass er das nicht kapieren kann oder will.

Er meint Czollek „spielt den Juden, weil er auffallen will. Er macht sich jüdisch, um mit seiner Meinung auf der Seite der Opfer zu stehen.“ Für mich ist jemand, der auf der Seite der Opfer steht immer noch lieber als jemand wie Schuster und Broder, der ebenfalls WELT-Kommentator ist, die auf der Seite der Täter stehen. Und spielen wir nicht alle den Juden? Spiel nicht Henryk M. Broder den WELT-Hofjuden, den er früher beim Spiegel war? Und spielt nicht Jacques Schuster den Beschützer der Juden, der in Wirklichkeit sich nur in den Vordergrund stellt, weil er vielleicht etwas zu verbergen hat. Ich weiß es nicht, aber möglich ist alles.

Und würden die Nazis, falls sie wieder an die Macht kämen, wie Broder befürchtet, nicht auch Max Czolek nach Auschwitz transportieren, weil er nach ihrer Fasson Halbjude ist, und von ihm die Bezahlung der Fahrtkosten verlangen? Und ich weiß schon jetzt was in einem solchen Fall, Gott behüte, Jacques Schuster machen würde. Er wird das machen, was von 1933 bis 1945 neunzig Prozent der Deutschen gemacht haben. Er wir nicht sehen wollen, nicht hören können und natürlich nichts sagen. Auf solche Freunde können wir Juden verzichten. Sie sind unehrlich und charakterlos. Es erinnert mich an den jüdischen Witz, der mehr ist als ein Witz: Ein Jude irrt im Bahnhof und fragt einen Passanten „Sind Sie ein Antisemit?“ „Um Gottes willen, nein, ich bin doch kein Antisemit“, erwidert der Fahrgast. So fragt der gehetzte Jude weitere Passanten und nach einer Weile, nachdem er mehr als ein Dutzend gefragt hatte und immer dieselbe Antwort bekam, sagt plötzlich ein unscheinbarer, zurückhaltender Mann, „Ja, ich bin Antisemit. Ich kann die Juden nicht leiden.“ Daraufhin übergibt ihm der Jude seinen Koffer und sagt: „Gottseidank, können Sie bitte auf meinen Koffer aufpassen. Ich muss etwas erledigen. Sie sind ehrlich und deshalb vertraue ich ihnen.“

Und die Moral von der Geschichte: Vertraue ehrlichen Antisemiten und misstraue falschen Philosemiten.

Prof. Michal Bodemann urteilt kritisch über diese absurde und beschämende Posse: „Ausserhalb Deutschlands wäre eine öffentliche Debatte dieser Art in keinem anderen Land mit jüdischer Diaspora überhaupt denkbar, was sich vor allem aus der politisch aufgeladenen Stellung des Judentums in Deutschland erklärt. Es gibt aber nun wirklich wichtigere Dinge für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland als die Frage, wie jemand Jude oder Jüdin ist und wie nicht.“

Und Josef Schuster wagt zum Schluss noch eine ketzerische These: „Und jetzt behaupte ich sogar, dass das für beide Schriftsteller nicht schädlich ist. Man ist im Gespräch und das fördert im Regelfall auch den Absatz der Bücher.“

Auf die Idee muss man erst kommen. Und wenn es stimmt, dann müssen wir beiden sehr dankbar sein, den sie haben auf ein Problem aufmerksam gemacht, dass unterschwelig offensichtlich sehr akut ist. Meron Mendel sagt in einem Interview mit der ZEIT: “Ich war vier Jahre lang in der jüdischen Kinder- und Jugendarbeit in Deutschland tätig. Ich kann Ihnen berichten, wie traurig es für Kinder und Jugendliche ist, die in die jüdische Schule gehen, zum Teil auch Hebräisch zu Hause sprechen und sich absolut als jüdisch fühlen, aber wenn der Sommer kommt und alle Freunde aus der Klasse auf Sommercamps der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland fahren, dürfen sie halt nicht mit. Das ist eine Diskriminierungserfahrung, die erwiesenermaßen auch zu psychischen Belastungen führt.“

Schuster allerdings sieht da nur eine Lösung: „, Dass diese Kinder, wenn sie älter sind, eine einfachere Möglichkeit erhalten sollten, zum Judentum zu konvertieren.“ Meron Mendel aber sagt, dass 90 Prozent der Jüdinnen und Juden in Deutschland nicht nach der Halacha leben. Das bedeutet, dass man von Menschen, die mit Religion nichts am Hut haben eine Handlung verlangt, die sie als unsinnig empfinden.

Ein Gedanke zu „Juden zweiter Klasse

  1. So ist es: Maxim Biller, der an einer Art jüdischen Selbsthasses leidet, ist eigentlich kein Maßstabgeber; Sandra Kreisler, Tochter von Georg Kreisler, würde ihn vielleicht als „Geistesfunzel“ abtun. Aber das Problem ist mit gegenseitiger Verächtlichmachung nicht gelöst. „Wie geht man mit den Mischlingen um?“, war in allen Zeiten eine Frage der Kulturen, eine Frage für Deutsche wie für die Juden. In der Antike und im Mittelalter wurde sie zeitentsprechend gelöst, aber wie löst man es in unseren orientierungslosen Tagen? Interessieren wird das Thema in erster Linie „Mischlinge“, die sich der schon zwecks Vermeidung schizophrener Gefühle einer Seite zuwenden wollen. Wenn allerdings ein oberjüdischer Zentralratsvorsitzender ihnen die Tür zuknallt, ihnen die „falsche Flagge“ wegnimmt und mit Schimpf davonjagt, dann versucht man es eben bei den Piraten mit dem Totenkopf. Die sind etwas großzügiger. Hermann Göring wird gerne zitiert: Er meinte den Feldmarschall Erhard Milch, der „Halbjude“, allerdings ein jüdisch verschmähter „Vaterjude“ gewesen sein soll. 150.000 Soldaten mit jüdischem Großelternteil dienten in der Wehrmacht. Nach schüsterlicher Auffassung sind die nicht einmal „unter falscher Flagge gesegelt“. Ein Viertel-Jude gehörte nach Nürnberger Gesetz zum deutschen Volkskörper, zum jüdischen gehört er für Juden nicht, außer wenn ausgerechnet seine Großmutter mütterlicherseits Jüdin war. In diesem Fall nimmt das Judentum „gutes arisches Blut“ auf, bzw., nach Dov Lior 3/4 barbarisches; ersatzweise verstößt Dr. Schuster einen (nach Nürnberger Recht als Volljuden geltenden) Juden, dem ausgerechnet die mütterliche Großmutter fehlt.
    Die Halacha kam noch nie mit der aristotelischen Logik zurecht.

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