Wenn es nicht so traurig wäre. Eine bizarre innerjüdische Debatte

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich den Begriff „Vaterjude“, bei der Beschäftigung mit folgendem Thema zum ersten Mal gehört habe. Und nun kommt, oh Gott, Michael Wolffsohn in der Neuen Zürcher Zeitung, weil schon alles hierzu gesagt worden ist, nur nicht von jedem, mit dem „Großvaterjuden“.  Die Welt steht Kopf. In den USA würde man sagen: Upside down.

In Deutschland wogt aktuell in den Medien eine Debatte darüber, wer Jude ist. Juden beschuldigen Juden, dass sie keine echten Juden seien, und Nichtjuden schauen zu und staunen. Gelegentlich geben sie irrelevante Kommentare und offenbaren ihr Unwissen. In Israel sind diese Behauptungen politische Waffe. In der Sowjetunion erbte man die Nationalität vom Vater, auch die jüdische. Das soll nun in Israel nicht mehr anerkannt werden, obwohl auch in Israel Judentum als Nationalität verstanden wird und im Personalausweis „Jude“ steht, statt „Israeli“. Wenn aber die Mutter keine Jüdin ist, dann ist man kein Jude und genießt nicht die vollen Rechte, die jeder Bürger in Israel laut Verfassung hat. Auch für Menschen in Deutschland, die Juden sein wollen, ist das wichtig. Für alle anderen, die darauf keinen Wert legen, ist es irrelevant. Sie mögen einen jüdischen Vater und eine nichtjüdische Mutter haben, sind aber deutsche Staatsbürger und leben ihr Leben nach eigener Façon.

Wenn diese Skurrilität nicht ernste Folgen hätte, könnte man darüber staunen und lächeln. So aber muss das Lächeln erstarren, wenn wir feststellen, dass es sich um historische Argumente und Vorstellungen handelt, die aus der Mottenkiste der Geschichte stammen. Manche werden an rassistische Ideen der Nationalsozialisten erinnert, wenn nicht sogar direkt an Hitlers oder Görings Schriften. 

Das war 500 vor unserer Zeitrechnung; warum soll es heute anders sein? 500 nach unserer Zeitrechnung wurde der Talmud fertig gestellt, der in seiner Halacha die Frau zur „apostolischen“ Weitergabe des Judentums verklärte. Der Sinn dieser Regel wird auch erläutert: Den Talmud kann jeder studieren, aber einen jüdischen Haushalt kann nur eine jüdische Frau führen. In dieser Logik müssten Frauen nie zum Judentum übertreten können. Sie können aber. Die Mutter von Charlotte Knobloch, langjährige Vorsitzende des Zentralrats der Juden war eine konvertierte Katholikin.

Die aktuell aufgeflammte Diskussion um die Zugehörigkeit zum Judentum, die sogar die Redaktionen der FAZ, Cicero und vielen anderen Zeitungen und Magazine interessierte, ist ein Rückfall in eine Debatte, die vor siebzig Jahren in Israel heftig und leidenschaftlich geführt wurde und seitdem die jüdische Welt überall auf der Welt mehr oder weniger nicht loslässt. Sie wurde in Deutschland von Maxim Biller aus dem bereits erwähnten Mülleimer der Geschichte herausgeholt, der selbst kein religiöser Jude ist und sich bestimmt nicht um halachische Gebote oder Verbote kümmert. Ihm stand zur Seite ein nützlicher Idiot wie Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, der allerdings geahnt hat, dass es sich nur um Neid und Missgunst unter Autoren handelt, oder um einen Werbegag für ihre Bücher. Auch er befolgt nicht die 613 Gebote und Verbote der Halacha, die jeden Juden auferlegt sind und ihn im Grunde zum Juden machen. Auch er lebt wie jeder von uns im 21. Jahrhundert und kümmert sich nicht um religiöse Gesetze, die fanatische Rabbiner und Religionswächter vor 2000 Jahren beschlossen und erlassen haben. Er zeigt aber mit dem Finger auf Max Czollek, der leichtsinnig behauptet hatte, dass seine Mutter Jüdin sei, und wirft ihm vor „unter falscher Fahne“ zu segeln. Michael Wolffsohn meint er sei ein „falscher“ Jude.

Die Geschichte der Juden ist aber von Beginn an mit solchen Fällen gepflastert. Schon der Stammvater Abraham hatte nichtjüdische Nebenfrauen und der angeblich „größte Jude aller Zeiten“, Moses, hatte zwei nichtjüdische Ehefrauen. Die Nichtjüdin Ruth ist nach der Bibel König Davids Urgroßmutter. Dabei soll aus dem „Hause David“ der Messias kommen. Ist der Messias womöglich kein Vaterjude? Auch in neuerer Zeit hat der Zionistenführer und Gründer des Staates Israel eine nichtjüdische Frau und seinem Sohn hat es nicht geschadet. Ihm ist nie vorgeworfen er sei kein Jude.

Nein, bei der zurzeit tobenden Debatte, die Maxim Biller entfacht hat, geht es offensichtlich und für jeden, der nicht nur oberflächlich vom Judentum etwas versteht, sichtbar, um Eifersucht auf literarische Erfolge, Anerkennung und Aufmerksamkeit, die Biller in letzter Zeit nicht mehr bekommt. Deshalb degradiert er das Judentum auf das Niveau einer Stammesreligion, ignoriert alle Leistungen und Verdienste des Judentums in sozialen und ethischen Bereichen, und reduziert das Judentum auf Blutsverwandtschaft. Da sind doch die Taliban fortschrittlicher, denen die Bekennung zum Glauben des Islams reicht.

Sigmund Freud meinte, die Zugehörigkeit zu einer Religion sei Ausdruck einer kollektiven Neurose. Aber nicht alle Juden sind neurotisch. Die nach Israel emigrierten Zionisten glauben oft nicht mehr an ihren Gott. Yakov Rabkin (in: Im Namen der Thora) spricht ihnen zwar nicht die Zugehörigkeit zum Judentum ab, weist aber nach, dass die wirklich gläubigen Juden die Gründung des Staates als Sünde ablehnen. Die Jüdische Rundschau (Sept. 2021) fragt in einer Head-Line, wie viele Judentümer es eigentlich gäbe und vergleicht es mit dem Bier: Es werde aus Hopfen und Malz hergestellt, aber trotzdem gäbe es sehr viele verschiedene Sorten und regionale Unterschiede. Vielleicht passt der Vergleich sogar, auch wenn der Redakteur Michael Selutin in einem Punkt sicher irrt: Man kann Bier auch aus Mais brauen. Das Reinheitsgebot für Bier gibt es nur in Deutschland. Und so wird in der Allegorie auch in Deutschland nach dem reinen und wahren Judentum gesucht.

Dafür stellt sich Dr. Josef Schuster im Streit zwischen Maxim Biller und Max Czollek auf die Seite von Biller und beruft sich auf eine Regel der Halacha, die schon 2000 Jahre alt ist. Schuster scheint nicht zu wissen, dass die jüdische Mutter allein es auch nicht macht. Wer nur eine jüdische Mutter hat, aber keinen jüdischen Vater dazu, gehört keinem der Stämme Israels an. Er ist also bereits Jude zweiter Klasse, ein sogenannter „Mamser“. Und möglicherweise sind heute alle Juden nur mehr Juden zweiter Klasse, weil seit der Zerstörung des „zweiten“ Tempels (im Jahre 70 nach) die Stammesregister aus Esras Zeiten nicht mehr geführt worden sind. Dazu kommen, wie Friedrich und Georg Rosen nachweisen, unkontrolliert die Phönizier der untergegangenen phönizisch-semitischen Staatenwelt, deren religiösen Gebräuche, denen der Vorschriften des „Leviticus“ entsprochen haben. Das ist bei Ausgrabungen in Karthago nachgewiesen worden. Die Sepharden, die spanischen Juden, sind wahrscheinlich die für das Judentum gewonnenen alten Karthager, die seit 240 nach Christi in Spanien ihre Handelsniederlassungen betrieben und später mit den Mauern Spanien erobert haben und in Andalusien frei und jüdisch lebten.

Ein Ketzer mit jüdischer Mutter wie Prof. Shlomo Sand von der Universität Tel Aviv, berichtet von zum Judentum konvertierten Chasaren und einem jüdischen Reich am Kaspischen Meer um die Jahrtausendwende, und behauptet sogar, in den Palästinensern die eigentlichen Urjuden zu sehen, was hundert Jahre vor ihm schon David Ben-Gurion behauptet hatte. Damals konnte er es nicht beweisen und auf Theorien wollte niemand hören, nicht die Palästinenser und nicht die Juden. Heute lässt sich das aber durch DNA-Tests nachweisen.

Was ist also das Jahr „Null“, ab dem man eine jüdische Mutter braucht, um Jude zu sein? Und wie jüdisch muss diese Mutter gewesen sein? Das ist alles offen und sollte von Raffael Seligmann zum Thema Hebräer noch durchdacht werden. Die Archäologen kommen nämlich nur sehr langsam voran.

Das könnte für unsere weltlichen Zeiten sinnlos werden, denn es gibt heute in der Diaspora jüdische Nicht-Juden und nicht-jüdische Juden (Isaac Deutscher). Auch ein Arier wie Uwe Becker, Stadtkämmerer von Frankfurt, und bekennender Zionist, stellt sich auf den Marktplatz mit Kippa und Schild „Ich bin Jude“. Ein halachischer Jude ist dieser Goy sicher nicht, aber er liebt die Juden, nicht deren Religion und unterstützt die Juden in Israel wo und wie er nur kann, auch mit Plakaten auf denen steht: „Palästina halt´s Maul.“

In Israel gibt es noch mehr Variationen. Ein Moshe Dayan will Atheist gewesen sein und David Ben Gurion Buddhist. Maxim Biller weiß von jüdischen Selbsthassern mit und ohne jüdische Mutter, und von jüdischen Antisemiten. Auch Henryk M. Broder und Charlotte Knobloch sprechen von jüdischen Judenhassern. Das sind pathologische Erscheinungen, die genauso wenig geheilt werden können, wie purer Judenhass.

Woher weht der starke Wind? In Israel weht er vom Meer her. Dort steht das Rückkehrer Gesetz im Widerspruch zu den halachischen Vorschriften, die für Dr. Schuster unantastbar sind. Auch zum Widerspruch der Heiligen Halacha und den nationalen Einbürgerungsvorschriften gehen derzeit die Wogen höher, weil gerade ein Olympionike („Goldjunge“), der ganz halachisch gesehen eigentlich nicht für Israel an einer Olympiade hätte teilnehmen dürfen, zwar Israeli, aber doch nicht Jude sein soll. Man verweigert ihm eine Eheschließung jüdischer Art. Eine Eheschließung ziviler Art gibt es aber in Israel nicht. Ihm bleibt nur der Weg nach Cypern, um seine israelische Jüdin zu ehelichen. Die Knesseth wird das Problem zu lösen wissen. Aber wie soll es in der Diaspora weitergehen? Stehen wir am Ende vor einer Säuberung der jüdischen Gemeinden, wie man es von den Kommunisten her weiß?

Im Allgemeinen geht es dort auch weiter. Die Marranen, die versteckt ihr Judentum praktizierten, kommen damit zu Recht, wie ein konservativer Jude kritisiert. Wahrscheinlich ist das ganze Problem kein solches in der lateinischen Welt. Man braucht nur an jüdischen Gräbern in Südfrankreich vorbeizugehen, um zu erkennen, dass südlich der Loire auch das jüdische Leben anders gebraut ist. Aber wir leben eingeengt in der deutschen Welt. Trotz Warnungen von Rabbi Teichthal assimilieren sich Juden an die deutschen Lebensverhältnisse.

So kommt es vor, dass die folgende Generation „Vaterjuden“ aller Arten hervorbringt. Das wäre bei Akzeptanz der gesetzlichen Gleichberechtigung von ehelichen und nicht-ehelichen Kindern und folglich auch einer Akzeptanz von Gleichberechtigung von Mischlingen väterlicher und mütterlicher Dominanz kein Problem, wenn man die Dinge mit dem Judentum rein „religiongesetzlich“ betrachtet. Diesen entsetzlichen Begriff benutzt Wolffsohn in seiner vernichtenden Kritik. Da käme es auf den Glauben an und die Frage an Max Czollek müsste lauten: Glaubst Du? Diese Frage wird aber nicht gestellt, weil die potenziellen Fragesteller auch nicht glauben. Ersatzweise kommt dann die Untersuchung, was er glauben müsste in Betracht und die verlangt die Untersuchung seiner Abstammung. Für eine Religionsgesellschaft ist eine solche Frage rein hypothetisch und wäre berechtigt. Max Czollek könnte tatsächlich an Jehova glauben, Tefillin nutzen und die Speisegesetze einhalten, und das alles aus reiner Bosheit, um als Jude zu gelten. Andererseits mehren sich aber im liberalen Judentum die Stimmen derer, die Vaterjuden als Juden anerkennen wollen. Sie argumentieren, dass aktiv oder passiv jüdische Vatervorbilder bei den Kindern eine nachhaltige Identifizierung mit Juden und Judentum prägen. Wir sehen es bei Max Czoller und Mirna Funk.

Aber das Judentum in Deutschland ist nicht nur Religion, sondern auch ein Mischding von Partei, Interessensverband und Kulturträger. In diesen Eigenschaften ist es Körperschaft des deutschen öffentlichen Rechts und dem Grundgesetz „unterworfen“. Insoweit wäre es verfassungswidrig, einen nicht-glaubenden Abkömmling nach der Abstammung seiner Eltern zu diskriminieren. Die Applikation der Religionsgesetze auf die Zugehörigkeit zum politischen Judentum, die Dr. Josef Schuster vertritt, ist für das politische Judentum verfassungswidrig, meiner Meinung nach sogar rassistisch. Wie dem auch sei, ein ungläubiger Jude kann nicht das Recht haben, einem Menschen, der nach israelischem Recht nach Israel „zurückkehren“ dürfte, die Zugehörigkeit zum Judentum in Frage stellen. Und nach dem wahren Glauben kann er ihn gar nicht examinieren. Das ist in Deutschland immer noch Privatsache. Die Position von Dr. Josef Schuster ist matschig, Maxim Billers Böller sind nicht durchschlagend, auf der Position von Max Czollek weht nach wie vor „die falsche Flagge“. Vom Standpunkt Josef Schusters wahrscheinlich sogar zu Recht.

Wann ist eine Lyrik „jüdisch“ oder wann ist das Werk eines Heinrich Heine, eines Jakob Wassermann oder eines Kurt Tucholsky „deutsch“, wann spricht aus diesen Werken ein jüdischer Geist, dass man deren Bücher verbrennen muss? Baruch Spinoza, dessen Judentum nie bestritten wurde, ist ausgeschlossen worden, weil seine Gedanken unjüdisch waren. Auch die Philosophie von Philon von Alexandria gilt nicht als jüdisch. Die beiden (großen) Philosophen sind zwei Säulen der (Welt-) Philosophie. Ein Jude, beschnitten, mit jüdischer Mutter, aus alter jüdischer Familie kann das Feld des Judentums frei verlassen. Ein Jude, beschnitten, mit jüdischer Mutter, aus alter jüdischer Familie, der den halachischen Glauben verlässt und zum Christentum oder Islam konvertiert, bleibt aber immer noch Jude. Für die Blockwarte des Judentums ist aber Jude sein eine rassistische, biologische Frage, wie bei den Nürnberger Rassengesetzen, während beim noch so rückständigen Islam Zugehörigkeit eine Frage des Geistes und des Glaubens ist.

Aber wie kommt man in das Feld des jüdischen Geistes hinein? Wie die Tempelhunde in der Erzählung bewachen orthodoxe Linienrichter, dass nur Personen jüdischen und artverwandten Blutes das Feld betreten. Geistig ist das Feld heiliger Boden, einem Gott geweiht wie ein Heiliger Hain der Juno, den nur ein bestimmter Personenkreis betreten darf. So wird es in „Leviiticus“ beschrieben; nicht jeder kann „Cohen“ sein. Aber das gilt nur für den Tempelbezirk. Je weiter entfernt vom Tempelbezirk, umso vaterjüdisch kann man sein. Und die vier Tempelhunde Michael Wolffsohn, Maxim Biller, Raffael Seligman und Josef Schuster schnüffeln nach der Grenze der Halacha, um dort zu urinieren, damit man praktisch den fremden Hund abbeißen kann, wenn er die Grenze überschreitet. Nur: Wie überzeugend ist diese Grenze? Theoretisch können viele Grenzen gezogen werden, nicht nur zwischen halachischen und nicht-halachischen Juden. Man kann Grenzen ziehen zwischen orthodoxen und liberalen, zwischen Volljuden und Halbjuden, aschkenasischen und Mizrachim, zwischen Sepharden in Amsterdam und solchen, die sich nur Sepharden nennen, aber Marranen sind. Der Jüdischen Rundschau im Sept. 21 schwante schon etwas in dieser Richtung; sie fragte; „Wie viele Judentümer gibt es?“ Und so kann man es endlos kreativ weitertreiben. Ein Sprung in der Scheibe lässt sie zuletzt ganz zerbrechen. Ist das vielleicht der Zweck der vier Wächter, die einen nicht halachischen jüdischen Lyriker, der nach weltlichem Recht des einzigen jüdischen Staates das individuelle Recht hätte, nach Israel zurückzukehren? Wieso wachen sie so leidenschaftlich wie Terrier über die jüdische Identität, als ob sie das Copyright dafür hätten? Sie betrachten die Judenheit, nicht das Judentum, als einen exklusiven Club, zu dem nur rassisch Auserwählte Zugang haben. Sie haben einen Schild um den Hals hängen auf dem gedruckt steht: Zutritt für Vaterjuden verboten.

Inzwischen haben sich auch einige nicht jüdische Kommentatoren in die Debatte eingeklinkt. Eine große Zeitung breitete das Thema der mehrheitlich nicht-jüdischen Leserschaft aus. Aber nicht jeder Senf passt zum Gericht. Anlass für diese überflüssige Debatte war ein Disput zwischen dem Lyriker und Publizisten Max Czollek und dem Schriftsteller Maxim Biller. Letzterer schmäht Czollek als „Faschings- und Meinungsjuden“, da dessen Mutter keine Jüdin ist und er daher unter halachischen – prähistorischen – Aspekten von manchen Juden nicht als solcher anerkannt werde.  Czolleks glänzende Analysen zur jüdischen Befindlichkeit in Deutschland wurden weit über den deutschsprachigen Raum hinaus selbst in der New York Times besprochen und die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei dem Konflikt um Neid und Missgunst handelt. Denn Czollek, der eine jüdische Schule besucht hat, versteht vom Judentum möglicherweise mehr als der nicht jüdisch in Prag aufgewachsene Maxim Biller, der in seinen peinlichen Kolumnen unangenehm aufdringlich auf „Jude“ gemacht hat und immer noch macht. Es ist eher Biller, der sein „Jüdisch sein“ seinen Lesern aufzwingt. Dabei macht Biller aus dem Judentum einen Esoterik-Club, in dem sich „Freunde“ von vor 2000 Jahren treffen und über Judentum palavern. Wer ihn ernst nimmt, wie Z.B. Josef Schuster, ist selbst schuld.

Ich frage mich woher Biller das Recht oder besser gesagt die Chuzpeh nimmt als „Protector Judäa“ aufzutreten, wenn er selbst so wenig von Judentum weiß und versteht. Er mag vor Nichtjuden und unwissenden Juden brillieren, aber jemandem wie mich, der in Israel aufgewachsen ist und Hebräisch spricht, kann er mit seinen wenigen hebräischen Worte, die er immer wieder benutzt, nicht überzeugen. Sein Wissen vom Judentum ist oberflächlich und reicht kaum für den Stammtisch, nicht aber für eine ernsthafte Diskussion. Was hat er, was Max Czollek, nicht hat? Ach ja, angeblich reines jüdisches Blut, weil seine Mutter angeblich eine echte Jüdin ist. Haben nicht auch die Nazis Menschen so beurteilt? War nicht bei den Nazis auch das Blut wichtiger als der Mensch? Haben nicht NS-Funktionäre Juden, selbst wenn sie das Eiserne Kreuz trugen, beleidigt sie seien keine Deutsche? Nun macht es Biller umgekehrt.

Wenn Biller seinen Schriftsteller-Kollegen aus Neid an den Kragen will, dann sollte er doch Inhalte kritisieren und nicht die korrekte oder nicht korrekte Abstammung. In den USA wäre das Outing der religiösen Identität und die damit verbundene Diffamierung ein Klagegrund und ein Fall für Schadenersatz in Millionen Dollar. Das sollte man auch bei uns einführen, wenn man etwas aus der Katastrophe des Dritten Reiches gelernt haben will.

Biller ist dafür bekannt, unter dem Mäntelchen der Kunstfreiheit mit seiner hochpolemischen Prosa auch immer wieder Menschen, die ihm missfallen, herabzusetzen, beleidigen und zu diffamieren. Sein Schlüsselroman „Esra“ darf deshalb bis heute nicht erscheinen. In der ZEIT beschimpfte Biller auch Max Czolleks Großvater, Walter Czollek, Gründer des Verlages Volk und Welt in der DDR, als Antisemiten, weil er angeblich antisemitische Freunde hatte. Heftig, wenn man bedenkt, dass der Mann zu den Widerstandkämpfer gegen das NS-Regime zählt und neben Gestapo-Haft auch drei Konzentrationslager überlebt hat. Max Czollek hat behauptet, dass seine beiden Eltern jüdisch sind, obwohl nicht einmal sein Vater nach halachischer Interpretation Volljude war, sondern eben auch ein „Vaterjude“. Der Vaterjude Max ist Sohn des Vaterjuden Michael. Der letzte halachische Jude in seiner Familie war sein Großvater Walter. Na und? Kann man nicht auch Jude sein, wenn man das jüdische Schicksal mit anderen Volljuden teilt? Meine Abschlussarbeit vor 60 Jahren in Geschichte in der Realschule, bevor ich aufs Aufbaugymnasium wechselte, hieß: Juden als Schicksalsgemeinschaft.

Erinnert das nicht an die Nürnberger-Gesetze mit halb, viertel und achtel-Juden? Überhaupt, das israelische Rückkehrergesetz orientiert sich ganz konkret an den Nürnberger-Gesetzen. Dr. Josef Schuster legte noch eines drauf: Schon der Vater Czollek sei halachisch gesehen kein Jude gewesen. Wenn das so stimmt, dann sollte der Zentralrat schleunigst die Nazi-Idee vom Ehrenarier übernehmen und den des „Ehrenjuden“ einführen. Gut, dass er nicht mehr hören muss, dass man seinen Enkel ausgrenzt. Michael Wolffsohn macht keinen Halt vor Vater und Großvater und schließt Max Czollek in einer „Sippenhaft“, weil Großvater „nicht nur ein DDR-Mitläufer“ war, sondern auch noch ein „Profiteur des SED-Staates“, weil er einen bedeutenden Verlag aufgebaut hatte, und weil der Vater ein „inoffizieller Mitarbeiter der Stasi“ Und er meint: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Heuchlerisch, wie das seine Art ist, fügt er noch hinzu: „Das zu denken, wäre „Sippenhaftung“. Wolffsohn denkt das nicht, er schreibt es nur in der NZZ.

„Spielst Du Judenpolizei?“ fragte Czollek seinen Schriftsteller-Kollegen. „Ja, genau!“ antwortete Biller dummdreist und zynisch. Michael Wolffsohn meint Biller spiele keine „Judenpolizei“. Dann spielt er eben den halachischen Blockwart. Dann schon lieber Polizist. Biller verlangt von Czollek den „Ariernachweis“ bzw. einen Judennachweis.

Dabei sind weder Maxim Biller noch Josef Schuster jüdisch religiös. Sie verhalten sich wie Blogwarte, die über die religiöse Reinheit der Juden zu wachen haben. Sie bedienen sich einer innerjüdischen Diskriminierung, von der sie ausgehen, dass sie es machen dürfen, weil sie „koschere Juden“ seien. Obwohl das Judentum für sie eine politische und soziologische Größe ist, kategorisieren sie die Angehörigen nach alt-religiösen Maßstäben. Sie ignorieren und unterdrücken den soziologischen Aspekt des Judentums und den Aspekt der Schicksalsgemeinschaft, der in Zeiten der Not viele religiöse und nicht- religiöse Juden zusammenschweißt.

Als Beispiel diene Sigmund Freud. Er nannte das Judentum eine kollektive Neurose; aber anders als im Fall von Baruch Spinoza reagierte man bei ihm nicht mit dem Cherem (Bann). Er hatte sich in schwieriger Zeit zu seiner jüdischen Herkunft voll bekannt.

Biller und Schuster werfen Max Czollek vor mit einem „Jüdischen Ticket“ gefahren zu sein. Josef Schuster, der Zentralrat Präsident, nennt es auch noch „unter falscher Flagge zu segeln“, weil das Judentum auch heute noch ausschließlich über die Mutter weitergegeben werde. Marc Zuckerbergs Kinder sind also draußen! Dabei hatte Theodor Herzl sich schon 1900 vor Max Nordau gestellt, der eine nicht jüdische Dänin geehelicht hatte. Aber die Zionisten Josef Schuster und Maxim Biller würden deren Nachkommen aus ihren Betstuben scheuchen. Hat die jüdische Religion sich im Verlauf der letzten zweitausend Jahre denn gar nicht reformiert, sich nicht einmal einen Millimeter nach vorn bewegt oder haben das Maxim Biller und Joseph Schuster nur nicht mitbekommen. Nein, es stimmt. Die jüdische Religion an sich hat sich nicht bewegt. Dafür aber Millionen Juden, besonders in den USA, die sich als Reformjuden verstehen.

Die   Biografie des Großvaters könne die jüdischen Religionsgesetze nicht außer Kraft setzen, sagt Schuster. Natürlich nicht. Das Problem ist ein anderes als „früher“. Man kann auch Israeli werden ohne jüdische Mutter. Das Einbürgerungsrecht Israels erlaubt es. Kann ein israelischer „Vaterjude“ Mitglied einer jüdischen Gemeinde in Deutschland werden? Eher nicht. Hier haben wir das, was wir oben als Skurrilität erkannten.

Ob man jüdisch ist oder nicht richtet sich nach den Regeln der Religion, so wie die Frage, ob man katholisch ist oder nicht. Aber Judentum ist nicht nur Religion. Es ist auch Schicksalsgemeinschaft. Was sonst verbindet die zum großen Teil nicht religiösen Juden? Wir haben es – wenn man die Denkgesetze respektiert –   mit verschiedenen Ebenen zu tun: Staatliche und Religiöse. Czollek könnte Israeli werden, aber mangels jüdischen Bluts kein Jude. Er segelt aber nicht „unter falscher Flagge“, wenn er sich zu seiner jüdischen Abstammung bekennt. Muss man denn nach den Nürnberger Rassengesetzen „Volljude“ sein, wenn man sich zum Judentum bekennt oder kann man sich als Nachkomme eines Juden auch zum Judentum bekennen, ohne von „koscheren“ Juden beschimpft und beleidigt zu werden? Ob man jüdisch ist oder nicht richtet sich nach den Regeln der Religion, so wie die Frage, ob man Arier ist oder nicht, die Nürnberger Gesetze geregelt haben. Hier wird jüdisches Blut benötigt und dort arisches. In dem einen Fall bestimmt es die Halacha, die vor zweitausend Jahren verfasst wurde und im anderen Fall ein Hans Josef Maria Globke, der ein deutscher Verwaltungsjurist im Preußischen- und im Reichsinnenministerium war, Mitverfasser und Kommentator der Nürnberger-Rassengesetze.

Kluge und weniger kluge Kollegen, Funktionäre und Autoren haben sich in wenigen Tagen in diese Debatte eingebracht, aber keinem ist aufgefallen, dass die Auseinandersetzung ins rassistische Element abdriftet, bei der es um Blut geht und nicht um Ehre. Während die Nazis nach der Reinheit des Blutes bis zum dritten Grad gefragt haben, wollen auch die rabbinischen Juden wissen, ob die Mutter, Großmutter und Ur-Großmutter jüdisch waren. Und wenn die Ur-Ur-Großmutter, Gott behüte, keine echte Jüdin war, dann stürzt das ganze Kartenhaus des „exklusiven“ Jude-Seins in sich zusammen.

Angeblich wollten schon frühere Zentralratsvorsitzende diese halachische Kuriosität reformieren, aber die orthodoxe Rabbinerkonferenz hat es verhindert. Mit welchem Recht kritisiert dann Schuster die Taliban, wo die Religionsmullahs entscheiden, wenn die Juden selbst auch nach alten, längst überholten religiösen Vorschriften handeln. Wann werden Juden am Schabbat Licht anknipsen und Auto fahren dürfen. Von Kochen und Wandern ganz zu schweigen. Wann wird das Judentum endlich im 21. Jahrhundert ankommen? Das strenge katholische Christentum hat sich schon nach 1500 Jahren reformiert.

„Erbarmen mit Musterjuden“ schreibt der „Hebräer“ Rafael Seligmann und reklamiert für sich eine eigene Deutungshoheit. Seligmann, der sich nicht Jude nennen will, kokettiert seit vielen Jahren mit den Begriffen „Hebräer“ und „Zion“. Juden sind für ihn immer Hebräer und Israel ist immer Zion. Dabei schreibt er solch absurd-falsche Sätze wie: „Altbekannte Vorbildhebräer werden aufgerufen: Heinrich Heine, Albert Einstein, Max Liebermann, Fritz Haber, Samuel Fischer, Nelly Sachs und Hannah Arendt. Jede dieser Personen würde im Grab rotieren, wenn man ihm oder sie als „Hebräer“ definieren würde.

„Ich bin ein deutscher Dichter, Bekannt im deutschen Land“, schrieb einst Heinrich Heine und das gilt auch für alle anderen. Warum sollte das nicht auch für Max Czollek reichen? Auch er ist inzwischen ein deutscher Dichter und im deutschen Land bekannt. Vielleicht denkt er aber an Heine, der in seiner Matratzengruft zurück zum Judentum fand und von Jerusalem und Zion träumte. Sind da nicht beide nahe bei Rafael Seligmann? Vielleicht will Czollek schon jetzt als jüdischer Dichter anerkannt werden. Wer sollte es ihm übelnehmen, auch wenn die nichtjüdische Mutter dem im Wege steht. Für Heine war das Christentum das „Entreebilliet“ zur europäischen Kultur. Welches Entreebilliet benötigt Czollek? Reicht es nicht, dass er die Auseinandersetzung mit der jüdischen Identität und Geschichte in einer reflexiven Virtuosität ausführt? Er nimmt die Traditionslinie des apokalyptischen Messianismus in seinen Gedichten auf und stellt einem Kapitel seines Gedichtbandes folgendes Zitat aus dem »Babylonischen Talmud« voran: »Wenn dieses Tor einstürzen, und wieder errichtet werden, einstürzen und wieder errichtet werden wird, und bevor man noch dazu kommen wird, es wieder zu errichten, wird der Sohn Davids kommen«. Die Perspektive ist bemerkenswert, weil sie in einem Topos fundiert ist, der für den christlich-jüdischen Dialog der Nachkriegszeit zentral ist, nämlich der Perspektive einer zukunftsorientierten Hoffnung im katastrophalen Versehrten.

Für Rafael Seligmann ist es wohl eine Ehre oder gar eine Auszeichnung Jude bzw. „Hebräer“ zu sein, dabei ist es zwar keine Schande, aber eine Ehre ist es bestimmt auch nicht. Seligmann bietet uns noch eine Lehrstunde in jüdischem Glauben, indem er behauptet, dass der entscheidende Sinn des jüdischen Glaubens Erbarmen sei, und er stützt sich darauf, dass Gott in der Bibel als „Herr des Erbarmens“ tituliert wird. Natürlich ist es Unsinn. Der jüdische Gott ist ein Gott der Rache, der kein Erbarmen hat mit seinen Gegnern. „Gerechtigkeit, Gerechtigkeit – ihr sollst du nachjagen“ (Deuteronomium 16,20a) ist das Modell des Judentums. Erbarmen ist mehr das Modell des Christentums.

Seligmann, der sich auch als besserer Jude versteht, stellt Czollek in die Nähe von „deutschen Nichtjuden, die Anfechtbares gegen Juden, den Staat Israel oder eine andere Niederträchtigkeit geäußert sehen wollen.“ Hier lässt er wohl die Katze aus dem Sack. Es geht weder Biller, Seligmann, Wolffsohn und auch Mirna Funk nicht darum, dass Czollek, sich als Jude ausgibt. Es geht ihnen und vielen anderen nicht darum, was er sagt, sondern dass er sagt, und als Jude anders wahrgenommen wird. Er soll schweigen, er ist kein Jude., fordern sie.

Eine Schande ist es, wenn Maxim Biller behauptet Hannah Arendt und Kurt Tucholsky seien „antijüdische Juden“. Warum? Wohl auch weil Hannah Arendt Israels Politik in Bausch und Boden kritisiert hat. Eine Begründung dafür bleibt er schuldig. Und noch interessanter wäre zu erfahren, was er meint, wenn er über einen „exklusiven Judenclub“ schreibt. Wer darf denn Mitglied werden in diesem elitären „Club“? Zionisten wie Schuster, Broder, Wolffsohn und er, die für mich die echten „Faschingsjuden“ sind. Für orthodoxe Juden und Gegner des Zionismus sind sie gar keine Juden.

Im cicero wurde Broder schon vor Jahren als „Hofjude außer Dienst“ bezeichnet.  Mit anderen Worten: Ein Clown. Es gab im Mittelalter einen jüdischen Minnesänger, Süsskind von Trimberg. Warum heute nicht auch einen jüdischen Clown? Oder kann man ihn ernst nehmen, wenn er von sich sagt: „Ich bin nicht konservativ. Ich bin reaktionär.“ Oder wenn er sich um den Posten des Präsidenten des Zentralrats der Juden bewirbt.

Manche dieser Juden sind aber nicht nur Clown, sondern leiden tatsächlich an Schizophrenie oder Wahnsinn. Ihre Persönlichkeiten sind nicht nur gespalten, sondern auch zerrissen. So ist Mirna Funk unmittelbar nach der Wende mit ihrem Vater nach Israel gereist, „um mir meine Wurzeln zu zeigen.“ Mirna Funk suchte also, nachdem sie in der DDR aufgewachsen und sozialisiert wurde, nach ihren „jüdischen Wurzeln“ ausgerechnet in Israel. Dabei lägen die Wurzeln, wenn es sie überhaupt gibt, eher in unserem Land, dass diese Tage 1700 Jahre Juden in Deutschland feiert.

Und der andere jüdische Clown, Maxim Biller, meint, dass er seine Kollegin Mirna, die er erst seit wenigen Stunden kennengelernt hatte, schon „mindestens 2000 Jahre lang“ kennt. Ist das nicht ein Fall für einen Psychiater oder zumindest für einen Psychologen?

Vor vielen Jahren habe ich ähnlich gedacht. Ich war stolz darauf Jude zu sein, obwohl ich nichts dazu beigetragen hatte. Geboren hat mich meine Mutter. Ich war überzeugt, dass die Juden die besseren Menschen sein müssen. Juden waren Opfer und fühlten sich den Deutschen, die ja „Täter“ waren, weit überlegen. Ich wollte kein Täter sein. Ich wollte Opfer sein, um mich den Deutschen gegenüber, zu denen ich mich damals noch nicht zählte, überlegen zu fühlen. Diese Einstellung hat sich im Laufe der Jahre abgeschliffen. Ich habe erfahren müssen, dass Opfer nicht immer bessere Menschen, und dass Täter nicht alle Verbrecher sind. Es gab auch Täter mit Gewissen. In der Jüdischen Allgemeine schrieb Henryk M. Broder: „Die Israelis sind Täter, aber Täter sein macht Spaß.“ Nun, ich weiß zwar nicht, ob Täter sein allen Deutschen Spaß gemacht hat. Dass es nun den Israelis Spaß machen soll, kann ich mir nicht vorstellen. Aber vielleicht macht es Broder Spaß?

Was wie eine literarische Posse anmutet, auch wenn man über diese nicht schmunzeln und schon gar nicht lachen kann, steht als eine der größten Herausforderungen für die jüdische Gemeinschaft schon seit Generationen die Frage im Raum: „Wer ist Jude?“ Ist es nur eine Frage des Blutes oder auch eine Frage der Identität?

Antworten sind schon in jeder Menge Bücher versucht worden. 1964 schrieb William S. Schlamm ein Buch, welches seinerzeit sehr breit diskutiert wurde. „Wer ist Jude?“ war auch ein Buch von Arthur Hertzberg, das Jahren zuvor, nämlich schon 1954, in den USA erschienen ist und dort für anhaltende Kontroverse sorgte, die nach Israel übergeschwappt war. Die Frage wer Jude ist beschäftigt seitdem die Israelis immer wieder. In der Regel heißt es einmal Jude, immer Jude. Dennoch gab es in den 50er Jahren in Israel den Versuch einen polnischen Juden, der zum Katholizismus konvertiert ist und in einem Franziskaner Kloster im Carmel Gebirge lebte, die israelische Staatsangehörigkeit zu verweigern, weil man der Meinung war, er sei kein Jude mehr. Die Frage „Wer ist Jude?“  steht für eine innerjüdische Kontroverse, die nicht aus religiösen, sondern auch politischen Gründen, besonders in Deutschland und Israel  Bedeutung erlangt.

Ausgerechnet die Nürnberger Gesetze bestimmten wer rassisch Jude ist. Die Halacha bestimmte religiös, wer Jude wäre. Aber die Nazis haben die Halacha akzeptiert und den Begriff des „Geltungsjuden“ geschaffen. Der nicht-rassejüdische Jude. Zumindest in diesem Punkt waren sich die Nazis und die Halacha einig.

Zu all den kritischen und oberkritischen Stimmen gesellte sich schließlich auch noch Jacques Schuster, der Chefkommentator bei der WELT, und unterstützte seinen Namensvetter Josef Schuster mit weit unter der Gürtellinie liegenden Bemerkungen, bei denen man wahrlich, frei nach Max Liebermann, „nicht so viel essen könnte, wie man kotzen wollte“. Er vergleicht Max Czollek mit Antisemiten und Nazis, die nach dem Krieg Juden werden wollten, um damit ihre Verbrechen zu verdecken. Er erwähnt absichtlich nicht, dass Czolleks Familie zu den Opfern gehört und es nicht nötig hatte irgendetwas zu verdecken.

Schuster schreibt: „Er (Czollek) und mit ihm zahlreiche andere Möchtegern-Juden…richten sich nicht nach den Jüdischen Gesetzen. Diese schreiben genau vor, wer Jude ist und wer nicht.“ Das haben die Nürnberger Rassengesetze auch vorgeschrieben und landeten schließlich auf dem Müllhaufen der Geschichte. Ich richte mich auch nicht nach den Jüdischen Gesetzen, genauso wie Josef Schuster und Maxim Biller, und Millionen anderer Juden auf der ganzen Welt. Will uns dieser WELT-Kommentator auch absprechen, dass wir Juden sind? Müssen wir uns das von einem Nichtjuden gefallen lassen? Jacques Schuster sinkt aber noch tiefer. Er schreibt: „Der (und wieder meint er Czollek) gibt sich nun beleidigt und jüdischer als zuvor. Auch wird er von Publizisten verteidigt, die ebenfalls noch Hitlers Rassenregeln anhängen.“  Sitzen diese Publizisten nicht bei ihm, in der WELT-Redaktion?

Schließlich stellt er Czollek in die Nähe der schwachsinnigen Querdenker und Impfgegner, die sich Judensterne anheften. „Im Grunde denken sie ähnlich wie Czollek“ schreibt er. Aber auch das reicht nicht. „Diejenigen, welche Attacken gegen Klimaforscher in einem Atemzug mit dem Schicksal der Juden nennen“, sind nach Ansicht des durchgeknallten Kommentators Antisemiten und weil Max Czollek die Publizistin Carolin Emcke, die dieser Ansicht wohl war, unterstützt, ist er auch einer. So wird man schnell vom gefühlten Juden zum berüchtigten Antisemiten. Schuster fährt fort: „Diejenigen, welche die Palästinenser zu den Juden von heute erklären, sie wünschen sich, von der Last des Holocaust befreit zu sein.“ Das kann nur ein Philosemit schreiben, der ein Antisemit ist. Die Palästinenser sind vielleicht nicht die „Juden von heute“, aber ich habe in meinem Verlag 1981 das Buch eines Palästinensers verlegt mit dem Titel: „Ich bin der Jude der Juden“. Die Palästinenser sehen sich selbst als die Schicksals-Juden von heute. Und wer ist dieser irrwitzige Kommentator, dass er das kritisiert, weil er es nicht kapieren kann oder will.

Er meint „Czollek spielt den Juden, weil er auffallen will. Er macht sich jüdisch, um mit seiner Meinung auf der Seite der Opfer zu stehen.“ Für mich ist jemand, der auf der Seite der Opfer steht immer noch lieber als jemand wie Schuster und Broder, die auf der Seite der Täter stehen. Spielen nicht wir alle irgendeine Rolle? Spielt nicht Henryk M. Broder den WELT-Hofjuden, der er früher beim Spiegel war? Und spielt nicht Jacques Schuster den Beschützer der Juden, der in Wirklichkeit sich nur in den Vordergrund stellt, weil er vielleicht etwas zu verbergen hat. Ich weiß es nicht, möglich ist alles. Aber bei den Juden heißt es: „Gott schütze mich vor solchen Freunden. Vor Feinden kann ich mich selbst schützen.“

Und würden die Nazis, falls sie wieder an die Macht kämen, wie Broder befürchtet, nicht Maxim Biller, aber auch Max Czollek nach Auschwitz transportieren, wie seinen Großvater? Und ich weiß schon jetzt was in einem solchen Fall, Jacques Schuster machen würde. Er wird das machen, was von 1933 bis 1945 Millionen Deutschen gemacht haben. Er wird nicht sehen wollen, nicht hören wollen und natürlich nichts sagen. Auf solche Freunde können wir Juden verzichten. ´´ Es erinnert mich an den jüdischen Witz, der mehr ist als ein Witz: Ein Jude irrt im Bahnhof und fragt einen Passanten „Sind Sie ein Antisemit?“ „Um Gottes willen, nein, ich bin doch kein Antisemit“, erwidert der Fahrgast. So fragt der gehetzte Jude weitere Passanten und nach einer Weile, nachdem er mehr als ein Dutzend gefragt hatte und immer dieselbe Antwort bekam, sagt plötzlich ein unscheinbarer, zurückhaltender Mann, „Ja, ich bin Antisemit. Ich kann die Juden nicht leiden.“ Daraufhin übergibt ihm der Jude seinen Koffer und sagt: „Gottseidank, endlich ein ehrlicher Mensch, können Sie bitte auf meinen Koffer aufpassen. Ich muss etwas erledigen.“ Und die Moral von der Geschichte: Vertraue ehrlichen Antisemiten und misstraue falschen Philosemiten.

Prof. Michal Bodemann urteilt kritisch über diese absurde und beschämende Posse: „Außerhalb Deutschlands wäre eine öffentliche Debatte dieser Art in keinem anderen Land mit jüdischer Diaspora überhaupt denkbar, was sich vor allem aus der politisch aufgeladenen Stellung des Judentums in Deutschland erklärt. Es gibt aber nun wirklich wichtigere Dinge für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland als die Frage, wie jemand Jude oder Jüdin ist und wie nicht.“

Und Josef Schuster wagt zum Schluss noch eine ketzerische These: „Jetzt behaupte ich sogar, dass das für beide Schriftsteller nicht schädlich ist. Man ist im Gespräch und das fördert im Regelfall auch den Absatz der Bücher.“

Auf die Idee muss man erst kommen. Und wenn es stimmt, dann müssen wir beiden sehr dankbar sein, denn sie haben auf ein Problem aufmerksam gemacht, dass unterschwellig sehr akut ist. Meron Mendel sagt in einem Interview mit der ZEIT: „Ich war vier Jahre lang in der jüdischen Kinder- und Jugendarbeit in Deutschland. Ich kann Ihnen berichten, wie traurig es für Kinder und Jugendliche ist, die in die jüdische Schule gehen, zum Teil auch Hebräisch zu Hause sprechen und sich absolut als jüdisch fühlen, aber wenn der Sommer kommt und alle Freunde aus der Klasse auf Sommercamps der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland fahren, dürfen sie halt nicht mit. Das ist eine Diskriminierungserfahrung, die erwiesenermaßen auch zu psychischen Belastungen führt.“

Schuster allerdings sieht da nur eine Lösung: „, Dass diese Kinder, wenn sie älter sind, eine einfachere Möglichkeit erhalten sollten, zum Judentum zu konvertieren.“ Meron Mendel aber sagt, dass 90 Prozent der Jüdinnen und Juden in Deutschland nicht nach der Halacha leben. Das bedeutet, dass man von Menschen, die mit Religion nichts am Hut haben eine Handlung verlangt, die sie als unsinnig empfinden.

Ein Gedanke zu „Wenn es nicht so traurig wäre. Eine bizarre innerjüdische Debatte

  1. Deutsch, deutscher, am deutschesten, deutschländerischer geht es nicht. Adolf Hitler rettete zwei Juden vor dem Holocaust: Eduard Bloch und Hugo Guttmann; entsprechend wollten ab 1933 viele Deutsche Juden retten, aber ihr Führer soll es als Skandal verstanden haben, waschkörbeweise Anträge von Volksgenossen auf „Arisierung“ von anständigen Juden zu erhalten, so daß solche Petitionen von den Dienststellen nicht mehr an die Reichskanzlei weitergeleitet wurden. Manche Juden behalfen sich selbst mit Nachweisen, daß einer der Vorfahren außerehelich gezeugt worden sei. „Pater semper incertus“, wie der Lateiner sagt. Frage heute: wie judaisiert man seine mütterliche Großmutter? „Mater semper certa est“, sagt der gleiche Lateiner. Aber man könnte doch vor dem Hintergrund eines Pogroms eine jüdische Frau ihr kleines Kind im Schilfkörbchen bei der frommen Christin untergebracht haben, die es sodann als eigenes ausgab und christlich erzog. Aber das Blut war stärker; das falsche Christenmädchen heiratete einen Juden und der vermeintliche Vaterjude ist nun doch ein latentes volljüdisches Kind mit jüdischer Blutsmutter. Bisschen mehr Phantasie, Maranan!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.