In Memoriam Uri Avnery

In meiner Kindheit gab es für mich drei israelische Medienstars, die ich bewunderte. So wie mein Großvater, der Goethe, Schiller und Heine in der Synagoge in Galizien heimlich unter dem Gebetbuch las, so las ich deren Bücher und Artikel versteckt unter der Lektüre, die mein Vater mir verordnet hat. Bei meinem Vater begann Literatur erst mit Thomas Mann und so waren ihm Namen wie Igal Mosinsohn, Dan Ben Amotz und Uri Avnery kaum geläufig oder zumindest nicht nach seinem Geschmack. Alle drei waren miteinander befreundet und saßen regelmäßig jeden Freitag im berühmten Cafe „Kassit“ auf der Disengoff in Tel Aviv und ließen sich von den Fans bewundern, darunter auch mich. Ich hatte später die Ehre alle drei kennenzulernen. Igal Mosinsohn, dem Erfinder der legendären Buchreihe „Chasamba“ traf ich einmal auf einer Buchmesse und stellte fest, dass er auch ernsthafte Bücher schrieb. Dan Ben Amotz habe ich kennengelernt während meines Aufenthalts in der israelischen Armee. Ich verschlang sein Buch „Erinnern und Vergessen“, weil es fast meine eigene Geschichte in Deutschland beschrieb. Ich erwarb die Rechte für Deutschland und sorgte dafür, dass es im Verlag meines Vaters erschienen ist. Später wurden wir Freunde und er besuchte mich in Deutschland und ich ihn in Jaffo. Leider sind Igal und Dan schon längst tot.

Nun ist auch Uri Avnery gestorben. Uri lernte ich später kennen, vor etwa 30 Jahren, als ich meine Zeitschrift SEMIT startete und er uns damals, in den1980er Jahren, einen vernichtenden Artikel über Ralph Giordanos Buch „Israel, um Himmels willen, Israel“ schrieb, in dem er Giordano vorgeworfen hat, dass er Israel durch eine rosarote Brille sieht. Seitdem sind wir in Kontakt geblieben bis zu seinem Tod. Und nun schreibe ich an seinen Nachruf. 

Wir leben in einer globalisierten Welt und alle denken in erster Linie an Banken, multinationale Konzerne, Autoindustrie und Geld. Aber die Globalisierung hat auch eine andere Seite – Armut, Unterdrückung, Ungerechtigkeit und dem daraus resultierenden Terror. Der Terrorismus, die Waffe der Schwachen und Armen, kann auch leicht jeden Flecken der Erde erreichen – und tut es auch. Es gibt kein Patentrezept gegen Terrorismus. Das einzige Gegenmittel ist, seine Ursache zu beseitigen oder, wie es Uri Avnery im September 2001 schrieb, nach dem Anschlag auf die Zwillingstürme in New York: „Man muss den Sumpf trocken legen, der ihn hervorbringt.“

Uri Avnery hat sein Leben der Trockenlegung solcher Sümpfe gewidmet. Er ist immer seiner Linie treu geblieben. Durch den zunehmenden israelischen Staatsterror und den palästinensischen Gegenterror und Avnerys scharfe Kritik an den israelischen Vergeltungsmaßnahmen und der tagtäglichen Besatzungspolitik, geriet er zum Außenseiter in Israel.

Ich bin kein Akademiker und kein Intellektueller, kein Fachmann für Ethik und Moral. Ich bin ein Verleger und Autor, der Intellektuellen ein Forum verschafft und Fachleuten eine Stimme gibt. Ich beziehe meine Ethik und meine Moral aus dem gesunden Menschenverstand. Meine Leitbilder sind die Kulturgüter der Menschheit. Es ist einerseits der alte jüdische Gelehrte und Lehrer Rabbi Hillel, der auf die Frage eines Heiden, ob er ihm das Judentum beibringen könne, solange dieser auf einen Bein steht, antwortete: „Tue deinem Nächsten nicht das an, was du nicht willst, dass man es dir antut. Das ist das ganze Judentum. Alles Übrige sind nur Interpretationen.“ Und andererseits der große deutsche Philosoph Emanuel Kant, der mit seinem „Kategorischen Imperativ“ dasselbe sagte. Es gebietet allen vernunftbegabten Menschen Handlungen daraufhin zu prüfen, ob sie einer universalisierbaren Maxime folgen: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Danach handelte Uri Avnery sein Leben lang. Er bemühte sich um Recht und vor allem um Gerechtigkeit. Es war ihm schon immer klar, dass in einer Demokratie zuerst das Recht vor allen anderen Maximen steht, dass es keine Demokratie geben kann ohne Recht und Gerechtigkeit, und zwar für alle Bürger ohne Unterschied der Abstammung, des Glaubens und der Ethnie. Deshalb war für ihn der Abwurf eine 1000 Kilo Bombe genauso verwerflich, kriminell und ein Akt gegen das Völkerrecht wie das Abfeuern einer Kassam-Rakete. Er hat keinen Unterschied gemacht zwischen den Verbrechen seiner Armee und dem sogenannten Terrorismus.

Ich möchte hier kurz auf die Kriege von heute eingehen, die fast alle asymmetrische Kriege sind, weil es sogenannte Kriege gegen das Böse sind. Es geht um die Ethik des Terrorismus. Lässt sich Terrorismus rechtfertigen? Ja, Terrorismus scheint vielen geradezu das Böse schlechthin zu sein, schlimmer noch als fast alle Kriegsverbrechen. Allenfalls „Genozid“ scheint ähnliche satanische Konnotationen zu erwecken wie „Terrorismus“. Das führt natürlich dazu, dass der Begriff „Terrorismus“ vorzugsweise für die Taten der anderen benutzt wird und nicht für die eigenen. Tatsächlich wird wohl kaum ein Begriff auf dieser Erde anders heißen, bei uns aber z.B. unter dem Begriff „Die Achse des Guten“ wohl kaum bekannt sind, mit solch einer ekelerregenden, schmierigen Doppelmoral benutzt, wie eben dieser. Diese Doppelmoral heißt: „Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.“ Für Uri Avnery war aber alles immer dasselbe, selbst die Ermordung von sogenannten Kollaborateuren.

In einem Gespräch mit konkret antwortete Avnery auf eine Frage nach dem Mord an Kollaborateuren in den Palästinensergebieten, der für manche Juden der Beweis die Primitivität der Palästinenser war: „Natürlich gab es Morde an Kollaborateuren. Kollaborateure sind Verräter. Wer seine Kameraden an eine feindliche Besatzung ausliefert, ist nach den Spielregeln militärischer Verbände, zumal im Untergrund, ein Verräter und wird hingerichtet. Ich war einst ein Terrorist, als ich ein junger Mann war. Auch wir haben unsere Kollaborateure, die unsere Kameraden an die englische Kolonialregierung ausgeliefert haben, hingerichtet.“ Leider hat sich jedoch genau dieses Motto der größte Teil der westlichen Presse und der westlichen Politiker aus Willfährigkeit, Bösartigkeit, Ignoranz und Dummheit zu Eigen gemacht.

Nach der Definition des FBI und des US-Verteidigungsministeriums zufolge ist nämlich Terrorismus: „Gesetzwidriger Gebrauch von Zwang oder Gewalt gegen Personen oder Eigentum zur Einschüchterung oder zur Nötigung einer Regierung zur Förderung bestimmter politischer oder gesellschaftlicher Ziele.“ Oder: „Um Regierungen oder Gesellschaften zu nötigen oder einzuschüchtern, oftmals um politische, religiöse oder ideologische Ziele zu erreichen.“

Ob eine Tat terroristisch ist, ist an der Tat selbst zu messen und  nicht an dem Täter. Der Terrorismus entspringt nämlich nicht dem Totalitarismus. Er entspringt dem Prinzip der Abschreckung und dieses Prinzip wird auch von demokratischen Systemen angewandt. Human Rights Watch haben darauf hingewiesen, dass bei diversen israelischen Militäraktionen gezielt Zivilisten attackiert wurden (und werden) und insofern haben wir es bei dieser Politik mit einem israelischen Staatsterrorismus zu tun, zu dem sich noch der von Israel unterstützte nichtstaatliche oder halbstaatliche Terrorismus der jüdischen Siedler addiert. Dieser israelische Terrorismus hat mehr Todesopfer gefordert als alle arabischen Vergeltungsschläge zusammengenommen. Allerdings sollten wir nicht unerwähnt lassen, dass es dutzende von Staaten gibt, die sich terroristisch verhalten, viele davon sogar gegen ihre eigene Bevölkerung.

An dieser Stelle mag man einwenden, dass sowohl der israelische als auch der arabische Terrorismus illegitim sind. Insofern sie unschuldige Opfer in Kauf nehmen, auch wenn sie sie nicht beabsichtigen. Doch dies ist natürlich nicht relevant. Der moralisch relevante Unterschied besteht nicht darin, ob jemand bei seiner Tat den Tod Unschuldiger als Mittel benutzt oder als Nebenfolge akzeptiert, sondern vielmehr darin, ob er ihn begrüßt oder bedauert. Dies ist aber kein Unterschied zwischen Staaten einerseits und sogenannte Terroristen andererseits, sondern zwischen den Menschen, die dahinter stehen.

Doch so sehr wir vergleichen wollen und so sehr wir gleiches Recht für alle fordern, so sehr müssen wir einsehen, dass die Moral und das Recht der Unterdrückten niemals dieselbe Moral sein kann, wie die der Unterdrücker. Das können wir sehr klar und deutlich bei Frantz Fanon nachlesen. Die Achillesferse solcher Argumente ist aber, dass es das von ihr postulierte Recht auf Gleichverteilung von Gewaltrisiken nicht geben kann und gibt, wobei freilich das recht zum Angriff auf einen Aggressor ein legitimes Menschenrecht ist und bleibt.

Die Israelis leiten ihre Moral und ihr Recht vom Holocaust ab. Aber hängen Recht und Unrecht von heute überhaupt davon ab, was damals geschah? In der Moral geht es um die Lebenden und nicht um die Toten. Und so ist die Geschichte Israels von Anfang an begleitet mit Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit der Israelis, die davon ausgehen, dass die Gesetze der Ethik und Moral für sie nicht gelten. Henryk M. Broder hat es zugespitzt wie folgt ausgedrückt: „Es stimmt, die Israelis sind Täter, aber Täter sein macht Spaß.“

Menschen wie Uri Avnery hat es aber nicht Spaß gemacht. Er hat von Anfang an darunter gelitten und gezweifelt. Die Anwendung von Gewalt und Terrorismus durch Israel, das Massaker an einem ganzen Dorf in Dir Jassin unter der Leitung von Menachem Begin, und folgende Massaker in 1954, 1956 und 1982, als unter den Augen der israelischen Armee und ihres damaligen Befehlshabers Ariel Sharon, in Sabra und Shatila hunderte von Zivilisten ermordet wurden, haben ihn immer zur Verzweiflung gebracht und zum leidenschaftlichen, klaren und messerscharfen Kritiker. Er war aber viele Jahre ein einsamer Rufer in der Wüste. Man betrachtete ihn als Hofclown und nannte ihn bisweilen das „Gewissen Israels“. Aber Israel hatte kein Gewissen, es verfuhr mit den Palästinensern wie es ihm gefiel. Es setzte seine Armee, seine Panzer und Luftwaffe gegen palästinensische Dörfer und Städte ein, die palästinensischen Führer wurden erniedrigt, Häuser wurden zerstört, unzählige Kombattanten und Zivilisten wurden getötet. Dies erschütterte zwar die Welt – aber nicht die Israelis, ausgenommen einer kleinen Zahl von Friedensaktivisten, deren strahlende Lichtgestalt immer wieder Uri Avnery und seine Frau Rachel waren. Es wurde Israels Krieg gegen den Terrorismus genannt. War aber dieser Krieg nicht selbst Terrorismus? Wäre es zu emotional, wenn wir ihn so nennen würden? So emotional, wie die Worte jenes palästinensischen Diplomaten, der in den Fernsehnachrichten an den Holocaust erinnerte und sagte, seine Landsleute seien die Juden der Juden.

Den Palästinensern wird von den Israelis genau das moralische Recht eines Volkes verwehrt, das diese für sich selbst sichern und verteidigen. Diese schreckliche Inkonsistenz zeigt sich klar all denen, die nicht verblendet sind, wie Uri Avnery. Da hilft keine Haarspalterei. Es ist deutlich, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die Notwendigkeit bestand, dass die Juden ein eigenes Heimatland bekommen mussten. Es hätte aber nicht auf dieser brutalen und ungerechten Art und Weise sein müssen. Uri Avnery hat schon kurz nach dem Krieg von 1948 einen anderen Weg aufgezeigt und für diesen Weg immer wieder und eigentlich bis heute gekämpft. Leider wollte die herrschende politische Elite in Israel davon nichts wissen. Uri kämpfte von Anfang an weniger für ein Stück Land, als für Achtung und Selbstachtung. Als Opfer von Rassismus scheinen heute einige Juden von ihren Peinigern gelernt zu haben. Uri hat sich immer wieder dagegen gewehrt.

Sein Buch „Die Kehrseite der Medaille“ verursachte in Israel einen Skandal. Aus ihm erwuchsen Wut und Hass. Über Nacht wurde Uri Avnery zum Volksfeind. „Lüge! Betrug!“ schrien die verblendeten Patrioten. „So fluchten unsere Soldaten nicht! Sie haben keine Araber vertrieben! Unsere Armee ist die moralischste Armee der Welt! Unsere Waffen sind rein!“

Ich persönlich hatte einmal folgendes Erlebnis: Ich kam nach Israel und wohnte bei meiner Mutter. Ich hatte bei mir die Abendzeitung Maariv, und auf der Titelseite wurde von israelischen Soldaten berichtet, die einen palästinensischen Jugendlichen während der Intifada lebendig begraben haben. Als ich das meiner Mutter erzählte, sagte sie felsenfest überzeugt und fast schon beleidigt: „Nein, so was machen jüdische Soldaten nicht.“ Es half nicht, sie hielt es für arabische Propaganda und mit ihr tausende andere Mütter.

Wie seltsam war es für Uri dieselben Worte vor einigen Monaten wieder zu hören, als israelische Soldaten aus der Bewegung „das Schweigen brechen“, von denselben Verbrechen sprachen, von denen Uri fünfzig Jahre davor sprach. Und wie seltsam war es vom Mund des unsäglichen Verteidigungsminister und „Held Israels“, Ehud Barack, wieder dieselben Worte zu hören: „Unsere Armee ist die moralischste Armee der Welt!“ Bei diesen Worten kann man sich nur angewidert abwenden. Während aber für die Taten von 1948 Uri einer der letzten Zeugen war, gibt es für die Taten von heute unzählige Dokumente in YouTube und anderswo.

Uri Avnery hat sich immer bemüht auch die andere Seite zu sehen und deren Argumente zu verstehen. Der menschliche Wille ist nicht immer völlig der Vernunft gemäß. Das hat schon Kant erkannt. Aber wir müssen uns immer bemühen. Uri Avnery bemühte sich sein Leben lang. Schon 1947 schrieb er eine kleine Broschüre mit dem Titel „Krieg oder Frieden im Semitischen Raum“, in der er schon damals seine These von der Semitischen Union entworfen hat, der er übrigens sein Leben lang treu blieb.

Kaum war der Krieg 1948/1949 zu Ende, der Krieg, den die Israelis ihren „Befreiungskrieg“ nennen und die Palästinenser „al Naqba“ nennen, weil er für sie die Katastrophe war, eine Katastrophe, die für viele von ihnen völlig unerwartet und aus heiterem Himmel gekommen ist, schrieb Avnery sein erstes Buch „In den Feldern der Philister“, das in Israel über Nacht ein Bestseller wurde. Weil es aber nur die halbe Wahrheit war und gegen seinen Willen zu einem Krieg verherrlichenden Buch wurde oder zumindest als solches von den jungen Lesern verstanden wurde, schrieb er kurz danach sein zweites Buch „Die Kehrseite der Medaille“, in dem er wahrheitsgemäß, brutal und schrecklich über die Gräuel des Krieges berichtete. Als Augenzeuge schilderte er die Vertreibung der Palästinenser aus ihren Dörfern und die sinnlose Tötung von arabischen Zivilisten und Vergewaltigung palästinensischer Frauen. Mit diesem Buch brach Avnery in der israelischen Öffentlichkeit ein Tabu, das die Israelis bis heute sorgsam pflegen und hüten, nämlich der Mythos von der Reinheit der Waffen. Dies und seine entschiedene Gegnerschaft zur Politik David Ben Gurions führten dazu, dass er eine Zeitlang als Staatsfeind Nummer eins geächtet wurde. Ben Gurion verfügte, dass sein Verlag kein Papier für weitere Auflagen bekommt.

Wer war dieser Uri Avnery, der in seiner Biografie zugibt, Mitglied der revisionistischen Sterngruppe gewesen zu sein? Er wurde 1923 als Helmut Ostermann in Beckum/Westfalen geboren und besuchte dort bis zu seinem zehnten Lebensjahr die Schule, zuletzt das Gymnasium Auguste Viktoria in Hannover, wo Rudolf Augstein, der SPIEGEL Gründer und Herausgeber sein Klassenkamerad war. Er emigrierte 1933 mit seinen Eltern nach Palästina und kämpfte dort als Jugendlicher gegen die britische Mandatsmacht im Untergrund. Im Krieg von 1948 war er in der legendären Kommandoeinheit „Samsons Füchse“, die im Süden des Landes kämpfte, den Negev eroberte und bis nach Eilat am Roten Meer vordrang.

Als Inhaber und Herausgeber leitete er 40 Jahre die Wochenzeitung „Haolam Hazeh“ (Diese Welt), die sich für einen palästinensischen Staat neben Israel einsetzte und für eine Semitische Union plädierte. In den Tagen und Wochen nach dem Sinai-Krieg von 1956 sprach er über diese Idee mit dem Ministerpräsidenten Moshe Sharet und vielen Ministern, Knesset Mitgliedern, Generälen der Armee und anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Als er erkannte, dass er mit seiner Zeitschrift zwar viel Aufsehen aber keinen Einfluss ausüben kann, gründete er eine Partei und wurde in die Knesset gewählt. Er hielt wöchentlich seine „im Übrigen meine ich“ Rede im Parlament und schrieb darüber in seiner Zeitschrift. Viele, die diese Idee abgelehnt haben, geben heute zu, dass es die richtige Idee zur falschen Zeit war.

Er machte seine Rundfahrt im Lande und traf sich mit den Führern der palästinensischen Öffentlichkeit überall im Land. Allen stellte er dieselbe Frage: Wollt ihr einen palästinensischen Staat errichten? Alle antworteten positiv. Als er darüber in der Knesset sprach, entwickelte sich ein heftiger Diskurs zwischen ihm und dem Verteidigungsminister Moshe Dayan. Am Tag danach schickte Ministerpräsident Levy Eshkol einen Gesandten zu Avnery, um zu klären welche Informationen ihm vorliegen. Der Gesandte, der Botschafter Moshe Sasson, besorgte ihm später die Abschrift seines Berichtes an den Ministerpräsidenten, in dem er diesem mitteilte, dass Avnerys Einschätzungen richtig seien, und dass die Führung der Palästinenser tatsächlich einen eigenen Staat will. Sasson fügte aber hinzu, dass die Durchführung jedoch unmöglich sei, da alle palästinensischen Würdenträger festgestellt haben, dass ein palästinensischer Staat ohne Ostjerusalem als Hauptstadt nicht akzeptabel wäre. Israels Regierung hat aber beschlossen, dass es niemals auf Ostjerusalem verzichten würde.

1969 starb Levy Eshkol und Golda Meir übernahm den Posten des Ministerpräsidenten und damit die Macht. Sie war eine strenge und nicht sehr kluge Frau, die verkündet hat, „dass es so was wie das palästinensische Volk nicht gäbe.“ Avnery hatte lautstrake Debatten mit ihr geführt. „Verehrte Frau Ministerpräsidentin“, sagte er einmal zu ihr in der Knesset, „es mag sein, dass Sie Recht haben und es gibt kein palästinensisches Volk. Aber wenn sechs Millionen Menschen glauben, auch wenn sie sich irren, dass sie ein Volk sind und sie benehmen sich wie ein Volk, dann sind sie auch ein Volk.“ Golda Meir blieb aber bei ihrer Aussage und verkündete, dass sie bereit wäre „auf die Barrikaden zu steigen“, um Uri Avnery aus der Knesset zu entfernen.

1982 traf sich Uri Avnery als erster Israeli mit Jassir Arafat im belagerten Beirut, mitten im Krieg und quer durch die Frontlinien. Es war ein Risiko und Arafat war bis zu seinem Tod nicht müde davon zu erzählen und es Avnery hoch anzurechnen. Darüber schrieb Uri Avnery sein Buch: „Mein Feind – mein Freund“.

1993 gründete Uri Avnery mit anderen gleichgesinnten Israelis die Organisation Gush Shalom – Friedensblock. Er erhielt als Friedensaktivist, Journalist und Buchautor zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Alternativen Friedensnobelpreis, den er zusammen mit seiner Frau Rachel bekam.

Ich habe selten einen Menschen getroffen oder kennengelernt, der so konsequent und geradlinig war wie Uri Avnery, der dabei so fest an seinen Prinzipien hält. Das bedeutet aber nicht, dass er wie versteinert sein Leben lang auf derselben Stelle stehen blieb. Man kann, darf und soll seine Meinung ändern, wenn es angebracht ist, wenn neue Erkenntnisse vorliegen und die Lage sich verändert hat. Ich habe mich gefreut, als ich bei der Übertragung seiner Korrekturen für die Neuauflage seines Buches aus dem Jahre 1968 feststellen konnte, dass er nicht mehr von der „Israelischen Verteidigungs-Armee“ sprach, sondern überall das Wort „Verteidigung“ gestrichen hat und sich mit „Israelischer Armee“ begnügte. Es wäre zu wünschen, dass auch die israelische Regierung dasselbe macht, denn Israels Armee war nie eine Verteidigungsarmee, sondern immer eine Eroberungsarmee.

Vor vielen Jahren erschien in Israel das Buch eines Militärhistorikers, Dr. Motti Golani. Darin vertritt Golani die These, dass alle israelischen Kriege, einschließlich des Krieges von 1948, keine Verteidigungskriege waren, sondern Angriffskriege. Natürlich wurde Dr. Golani aus der Armee entlassen. Aber seine Thesen wurden in Israel diskutiert. Uri Avnery hat das schon immer gesagt und geschrieben.

Weil die Mehrheit der Israelis den Glauben an Frieden aufgegeben hat, sieht sie die Besetzung, Unterdrückung und Terror als Dauerzustand und kommentiert es mit dem inzwischen geflügelten Wort: Ein brera – es gibt keine Wahl. Inzwischen umgeben sich die Israelis mit Zäunen und Mauern, die das Leben der Palästinenser erschweren. Die meisten Israelis sind heute in einem Maße ernüchtert, dass sie zynisch und hoffnungslos wurden.

Avnery predigte sein Leben lang seinen Landsleuten Moral, Ethik, Vernunft und Wahrhaftigkeit. Er hat sich nicht gescheut ihnen schmerzliche Wahrheiten zu sagen, für die sie ihn gehasst haben. Nach und nach stellte sich aber heraus, dass seine Wahrheiten tatsächlich wahr und seine Thesen richtig waren und seine Voraussagen sich erfüllten. Vieles von dem, was er vor Jahren und Jahrzehnten gesagt hat und dafür diffamiert und attackiert wurde, ist heute allgemeiner Konsens. Heute wissen wir, dass es Befehle seitens der jüdischen Führung gab, die Rückkehr arabischer Flüchtlinge in ihre Häuser zu verhindern und die verbliebenen Palästinenser zu vertreiben. Heute weiß man, dank mutiger israelischer Historiker, dass es während des Krieges von 1948/1949 von israelischer Seite Gräueltaten an Palästinensern gab und es einen syrischen Präsidenten gab, der mit Israel Frieden schließen wollte. David Ben-Gurion hatte es aber abgelehnt.

Am 8.2.1951 sagte der damalige israelische Außenminister Moshe Sharett anlässlich einer Debatte über die Wiedergutmachungsforderung von den Deutschen: „Wenn wir Entschädigungszahlungen von den Deutschen bekommen werden, in der von uns geforderten Höhe (damals 1,5 Milliarden Dollar), dann wird das uns ermöglichen unsererseits die Araber großzügig zu entschädigen. Wenn wir Entschädigung fordern, können wir unsere Pflicht auch den Araber eine Entschädigung zu zahlen nicht ignorieren.“ Nicht alle Israelis waren dieser Meinung. Uri hat aber Moshe Sharett unterstützt. Die Chance wurde aber verpasst. Israel hat die für damaligen Verhältnisse ungeheure Summe erhalten und die Palästinenser haben nichts davon bekommen.

Uri hat immer wieder darauf hingewiesen, dass das politische Denken in Israel sich fast ausschließlich auf Militärstrategie konzentriert und die politische Entwicklung ausschließlich von militärischen Erfordernissen bestimmt wird. Dies ist auch die Situation, in der sich Israel heute befindet. Alle sozialen Probleme sind dem Primat des Überlebens untergeordnet, des Überlebens im Krieg. In Israel wird schon immer mehr von Krieg gesprochen als von Frieden. Man redet von Frieden und bereitet sich auf einen Krieg vor. Der politische Horizont wird von der Reichweite der im Lande hergestellten Raketen bestimmt, und je länger die Reichweite dieser Raketen ist, desto kürzer die Reichweite seiner Politiker. Israel ist zu einer Gesellschaft geworden, die zwischen wirklichen und imaginären Gefahren nicht mehr unterscheiden kann und schon längst nicht mehr weiß wo die legitime Selbstverteidigung aufhört und die zwanghafte Selbstzerstörung anfängt.

Uri Avnery hat uns seine Erinnerungen hinterlassen, die mehr als 2000 Seiten umfassen. Der Titel dieser Erinnerung ist: Der Optimist. Ich will daher mit Uris eigenen Worten enden, die er anlässlich des Wiedererscheinens seines Buchs aus dem Jahre 1968 für die neue deutsche Ausgabe im Jahre 2005 schrieb:

„Ich war optimistisch, als ich dieses Buch vor mehr als vierzig Jahren geschrieben habe, und trotz allem, was inzwischen geschehen ist, bin ich optimistisch geblieben. Ich sah in meinem Leben zu viel, um in Depression zu versinken.

Ein Jahr vor der Entstehung des Staates Israel haben nur wenige geglaubt, dass es in unseren Tagen geschehen wird.

Ein Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer hat fast kein Mensch geglaubt, dass es möglich wäre.

Ein Jahr vor der Wahl Barak Obamas zum Präsidenten der USA hat kein Mensch geglaubt, dass die Amerikaner einen Schwarzen zum Präsidenten wählen würden.

Auch wenn es heute aussieht, als ob der israelisch-palästinensische Frieden nie kommen wird, der Frieden wird eines Tages kommen.“

Das schrieb ein Mann, der am 10. Juni 2005 in Salzburg sagte: „Ich habe in den letzten 71 Jahren meines Lebens keinen einzigen Tag des Friedens erlebt. Ich hoffe und glaube, dass ich den Frieden noch erleben werde.“

Uri Avnery hat es nicht mehr erlebt.

Entschuldigen Sie, wenn ich diesen Nachruf mit den Worten eines erbitterten Gegners von Uri Avnery schließe. Es handelt sich um die Worte, die der erzkonservative und Reaktionär Henryk M. Broder in einem Nachwort zu einem Buch von Hannah Arendt geschrieben hat:

„Nun erheben die Palästinenser dieselben Forderungen wie die Juden vor einem halben Jahrhundert: sie wollen sich als Nation im eigenen Haus organisieren. Dafür zu sorgen, dass den Palästinensern endlich Recht zuteil wird, wäre eine edle zionistische Aufgabe – die letzte große Herausforderung für den Post-Zionismus.“

Ob da ein Gegner am Ende doch noch den Weg Uri Avnerys beschreitet?

4 Gedanken zu „In Memoriam Uri Avnery

  1. Lieber Abi Melzer,

    Dein Artikel war die würdigste Ehrung, die Uri Avnery in deutschen Medien erfahren (und verdient!) hat. Vielen Dank!

    Björn Luley
    Frankfurt M

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