Israel und die vielen Fragezeichen

Nach dem Massaker in Kishinew an Ostern 1903 hat Russland weltweit an Ansehen verloren. Nach dem Massaker von Amritsar am 13. April 1919 an indischen Demonstranten, angeführt von Gandhi, hat das britische Königreich weltweit an Ansehen verloren. Nach dem Massaker an Demonstranten in Soweto am 16. Juni 1976 hat die Apartheid-Regierung in Südafrika an Ansehen verloren. Ähnliche Beispiele wird es noch mehr geben. Nur Israel verliert sein Ansehen nicht. Oder vielleicht doch? Was in Gaza Ostern 2018, genau 115 Jahre nach dem Massaker in Kishinew geschah, ist ebenfalls ein Massaker. Oder wie soll man es nennen, wenn Soldaten auf unbewaffnete Zivilisten, darunter auch Kinder, schießen, 17 von ihnen töten und mehr als 700 verletzen und am Ende noch verhindern, dass Sanitäter den Verletzten zu Hilfe kommen? Für die meisten Menschen auf der Welt ist das ein Massaker. Zur Schande der Israelis muss man aber hinzufügen, dass sie sich deswegen nicht schämen, sondern im Gegenteil, darauf stolz sind.

Israelis, besonders rechtsgerichtete Netanjahu- und Benett-Anhänger, finden das gut und richtig. Schließlich handelt es sich nur um Palästinenser, deren Leben weniger wert ist, als das Leben von Ratten oder Insekten, und überhaupt nicht zu vergleichen mit dem Leben von Juden. So ähnlich dachten auch die Nazis über die Juden.

Man darf nicht vergleichen!“ werden jetzt einige rufen. Ich aber behaupte, dass man vergleichen muss, wenn man verstehen will, was da passiert, und wenn man in der Entwicklung der Menschheit weiterkommen will. Von Archimedes über Isaac Newton bis Albert Einstein haben Wissenschaftler und andere kluge Menschen Vergleiche angestellt und sind so zu neuen Erkenntnissen gelangt. Warum soll man das, was die nationalsozialistischen deutschen Judenhasser gedacht und getan haben nicht mit dem vergleichen, was Israelis denken und tun?

Jeder kennt das Motto der israelischen Armee: Nur ein toter Araber ist ein guter Araber. Und als man den berüchtigten israelischen Politiker und ehemaligen Armeegeneral Rechawam Zeewi (genannt Gandhi) fragte, wie er das Palästinenser-Problem sieht, sagte er ohne mit der Wimper zu zucken: Durch das Zielfernrohr meines Gewehrs. Da lachten viele Israelis. Anderen blieb das Lachen im Halse stecken.

Rassismus, Fremdenhass und insbesondere Verachtung von Arabern sind in Israel weit verbreitet und gehören geradezu zum guten Ton. Politiker, Gewerkschaftsbosse, Generäle und sogar Rabbiner verbreiten dies im Glauben, dass sie die Guten seien und man Araber hassen dürfe, weil sie ja keine Menschen seien, sondern „menschenfressende Tiere“, wie es neulich Benjamin Netanjahu ausgedrückt hat. Ein Rabbiner in der Negev-Metropole Beer Sheva predigte, dass jüdisches Blut wertvoller sei als arabisches. Der eigentliche Skandal war aber, dass dies in Israel ohne Proteste aufgenommen und von vielen akzeptiert wurde. Der rassistische Rabbi durfte weiter predigen.

Das alles wird in Israel schon im Kindergarten gelehrt, und so wurden Generationen von Israelis schon von klein auf indoktriniert und gehirngewaschen. Und wenn sie dann – als Kinder! – zu Übungen in die Armee geschickt werden, wo sie lernen, Araber zu erschießen, so wie man auf dem Jahrmarkt auf Zielscheiben schießt, sind ihre Mütter darauf auch noch stolz. „Wenn du einen Araber siehst, dann schieß zuerst und frag dann, was er will.“ Mit diesen Worten schickte mein Cousin seinen Sohn in die Armee.

Es gibt natürlich auch noch ein paar Aufrechte und Mutige in Israel, die die Courage besitzen, sich gegen die herrschende Ideologie zu wenden. Es gibt in Israel noch Soldaten, die sich weigern, als Besatzer zu dienen und Piloten, die es ablehnen, Bomben auf eine unschuldige Zivilgesellschaft abzuwerfen. Sie haben es aber schwer in einem Land, das sich in einem nationalen Rausch befindet und Blut geleckt hat bei der Besatzung und Kolonisierung fremden Bodens.

Wer aber jetzt glaubt, die Israelis verurteilen zu müssen, sollte vorher gut nachdenken. Israel hat Gründe für sein Handeln, auch wenn sie – von einem humanen Standpunkt aus – nicht zu rechtfertigen sind. Welche Gründe aber haben unsere Politiker, Gewerkschaftler, Vertreter der Kirchen, dieses Handeln der Israelis zu verschweigen oder gar zu entschuldigen? Was sind die Motive eines Bürgermeisters wie Uwe Becker, Stadtkämmerer von Frankfurt, der jeden, der Israels Handeln kritisiert, einen Antisemiten nennt? Will er etwa von eigenen Verfehlungen oder Verbrechen in der eigenen Familie ablenken?

Wenn Charlotte Knobloch es tut, kann man es noch verstehen, auch wenn man es nicht billigen kann. Immerhin glaubt diese selbsternannte Beschützerin Israels, ihre „Heimat“ zu verteidigen, wenn sie Kritiker der israelischen Politik „berüchtigte Antisemiten“ nennt, selbst wenn sie Juden sind. Was treibt aber einen Uwe Becker, sich den Israelis derart anzubiedern? Was drängt ihn, jedem Kritiker der israelischen Politik den Auftritt in städtischen Räumen zu verweigern, was von Rechtswegen jedem Bürger dieses Staates garantiert ist?

Und vor allem: Warum schweigt unsere Presse dazu? Warum konnte sie Russland wegen der Besetzung der Krim kritisieren, aber Israel wegen der Besetzung Palästinas seit 50 Jahren nicht? Warum wird der Boykott Israels durch die zivile, friedliche BDS-Bewegung so verdammt und bekämpft und mit dem Boykott jüdischer Geschäfte durch die Nazis verglichen, während der Boykott Nord-Koreas oder des Iran schweigend hingenommen wird?

„Kauf nicht bei Juden“ ist doch für jeden erkennbar ein rassistischer, auf Juden als Juden gerichteter Slogan. Das Ziel von BDS ist dagegen, die widerrechtlich besetzten palästinensischen Gebiete zu befreien. Der Weg dazu führt über den Boykott israelischer, keineswegs jüdischer Waren. Auch Süd-Afrika hat sich vom Apartheid-Regime durch Boykott und Isolierung befreit.

Mit der Befreiung würde auch die Aktivität der BDS-Kampagne entfallen. Ist das so schwer zu verstehen? Nein. Aber wer es nicht verstehen will, wie Uwe Becker, versteht es eben nicht und behauptet weiter, was die israelische Propaganda ihm erzählt. Jeder sieht eben, was er sehen will.

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