Mehr Differenzierung in der Süddeutschen Zeitung, bitte!

von Jürgen Jung

Der Autor möchte uns glauben machen, dass der Antisemitismus im Nahen Osten „Staatsraison“ sei. Offensichtlich gehört er – ganz abgesehen von der Ungeheuerlichkeit dieser im Grunde islamophoben Unterstellung – zu jenen Meinungsmachern hierzulande, die Israel mit dem Judentum gleichsetzen, was übrigens gemeinhin als Ausdruck von Antisemitismus gilt ! Kein Wort zu der hier unbedingt gebotenen Differenzierung zwischen Antisemitismus und Antizionismus, denn es ist schließlich der Hass gegen Israels siedlerkolonialistische Politik der Vertreibung, Enteignung, der Entrechtung und Entwürdigung der Palästinenser, der die Menschen im Nahen Osten umtreibt, und eben nicht der Hass auf Juden, weil sie Juden sind, was allein Antisemitismus wäre.

Es gab im arabischen Raum nie einen dem europäischen vergleichbaren Antisemitismus. Wenn die Juden in Europa verfolgt wurden, flohen sie ganz im Gegenteil vorzugsweise in den Orient, die Levante, wo sie zumeist gastfreundlich aufgenommen wurden. Das änderte sich erst mit der massenhaften Einwanderung der von der britischen Kolonialmacht unterstützten Zionisten und ihrem „Herrschaftsanspruch“ (Maxime Rodinson). Letztlich wurden die Palästinenser gezwungen, den von Nazi-Deutschland betriebenen Massenmord an den Juden mit dem Verlust ihrer Heimat zu bezahlen. So wurden sie zu den „Juden der Juden“ (Primo Levi). 

Wenn dann muslimische Flüchtlinge hier mit den europäischen Vorurteilen gegenüber Juden konfrontiert werden, leuchten diese ihnen – gerade aufgrund ihrer leidvollen Erfahrungen mit der zionistischen Landnahme – unmittelbar ein. Darüber hinaus erleben sie dann auch noch die rückhaltlose Identifizierung der jüdischen Gemeinden und Institutionen mit Israel, resp. der israelischen Politik. Der durchschnittlich gebildete Moslem tut sich daher schwer mit der Unterscheidung von Juden hier und Juden dort. Der Jude Alfred Grosser stellte schon 2007 fest: „Die Politik Israels fördert den Antisemitismus“.

Des weiteren wird in dem Meinungsartikel festgestellt: „…auch Vorurteile gegenüber Christen wachsen“ im Nahen Osten. Ist nicht auch dies Resultat konkreter Erfahrungen mit den militärischen Interventionen des „christlichen“ Westens, insbesondere der USA, deren Resultat gescheiterte Staaten und Millionen Tote sind ? Ganz zu schweigen von der unrühmlichen europäischen Geschichte der Kreuzzüge und des Kolonialismus, die zu kulturellen Traumatisierungen führte.

Der Artikel wendet sich zwar vordergründig gegen „den großen Islamismusalarm“, im Grunde aber dürfte er ihn durch seine undifferenzierte und widersprüchliche Argumentation eher befeuern.

Leserbrief zum Meinungsartikel  „Sorge ja- Alarmismus nein“ von Matthias Dobrinski, in: Süddeutsche Zeitung vom 28. März 2018. 

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