Palästina in israelischen Schulbüchern

von Willy Parlmeyer

Miko Peled und Nurit Peled-Elhanan sind Sohn und Tochter von Mattityahu Peled, einem hochdekorierten General in Israels frühen Kriegen. In seinem Buch Der Sohn des Generals beschreibt Miko Peled, wie sein Vater mit anderen Generälen 1967 die Regierung zum Angriff auf Ägypten drängt und die militärische Laufbahn aufgibt, als er realisiert, dass der Sieg nicht zum Friedensschluss genutzt wird. Nurit Peled-Elhanan (* 1949) hat 2012 das Buch Palestine in Israeli School Books – Ideology and Propaganda in Education veröffentlicht. Es liegt nun auf deutsch vor unter dem Titel Palästina in israelischen Schulbüchern.

Die Autorin ist Professorin für Literaturwissenschaft und Pädagogik an der Hebräischen Universität Jerusalem. Sie sagt über ihre Studie, diese sei „nicht von einer Historikerin, sondern von einer Diskursanalytikerin verfasst.“ Sie untersuche nicht die Richtigkeit der in den Schulbüchern berichteten Fakten, sondern ihren Diskurs, „besonders ihre Rhetorik und die semiotischen Instrumente, mit denen sie ihre Aus­sagen übermitteln.“

Es handelt sich um Schulbuchforschung, und diese weiß, dass Schulbücher wirksame Instru­mente sind, die dem Staat dazu dienen, nationale und persönliche Identitäten zu formen. Am Schluss des Buches macht die Autorin dies drastisch klar, indem sie Max Weber paraphrasiert, an der Basis des modernen Staates befinde sich nicht der Scharfrichter, sondern der Lehrer, denn das Monopol über die rechtmäßige Bildung sei wichtiger als das Monopol über die rechtmäßige Gewalt. 

Besondere Brisanz erhält diese Macht der Schulbücher in Israel, weil sie „für Jugendliche geschrieben (werden), die mit 18 Jahren als Wehrpflichtige zum Militärdienst eingezogen werden und die israelische Politik der Eroberung in den palästinensischen Gebieten vollziehen.“ (S. 8) Dieser Aspekt hat sicher zur Auswahl der Fächer beigetragen, auf die sich ihre Untersuchung konzentriert, nämlich Geschichte, Erdkunde und Staatsbürgerkunde, und er führt auch zu der Frage, auf die sie ihre Untersuchung fokussiert: Wie werden Palästina und die Palästinenser in diesen Schulbüchern dargestellt?

Dies erfasst aber noch nicht, wofür Schulbücher in Israel verwendet werden. Nationale Identität bezieht sich hier nicht auf die Gesamtheit der Bürger, sondern auf die eine Gruppe, der es als einziger zusteht, in Israel ein nationales Projekt zu verfolgen. So hat es das Nationalstaatsgesetz von 2018 inzwischen verfügt. Diese jüdische Ethno-Nation beschreibt Peled-Elhanan als „ein Völkergemisch aus aller Welt mit nahezu keinen Gemein­samkeiten. (… ) im ständige(n) Streit über die Frage ‚Wer ist ein Jude’“ (S. 26).

Neben der dominanten Gruppe, die es also zu homogenisieren gilt, gibt es eine Gruppe min­derer Art, die aber, anders als die dominante Gruppe, deutliche Spuren kontinuierlichen Lebens im Lande hinterlassen hat. Es gilt also nicht nur, diese Spuren in der Landschaft zu tilgen, sondern sie auch in der Erinnerung auszulöschen. Palästinensische Geschichte wird also nicht einmal in Israels arabischen Schulen gelehrt, Trauerbekundungen in der Öffentlichkeit, die Nakba betreffend, verbietet ein einschlägiges israelisches Gesetz.

Das ist klassische Repression. Die kompliziertere Anstrengung ist aber, die dominante Gruppe zu homogenisieren und – da sie schon keine gemeinsame Geschichte hat – ihr ein ‚kollektives Gedächtnis’ zu erschaffen. Hier trifft Peled-Elhanan eine wesentliche Unterscheidung, zwischen wissenschaftlicher Beschäftigung mit Geschichte und was über Geschichte in Schulbüchern steht. Es geht in den Schulbüchern nicht um Geschichte, nicht um das Verständnis der Vergangenheit, „sondern die Konstruktion einer ‚zweckdienlichen Vergangenheit’, die ‚unseren’ Weg rechtfertigt und ‚deren’ Weg diskriminiert.“ (S. 15) Dies erlaube, „die Vergangenheit zu manipulieren mit dem Ziel, die Gegenwart und die Zukunft zu beeinflussen“ (S. 17) oder „ein Bild der Vergangenheit zu zeichnen, das auf der subjektiven Sicht der Gegenwart basiert.“ (S. 24).

Ein zweites Element der notwendigen Homogenisierung der dominanten Gruppe ist die Kon­struktion ihrer Kontinuität im Land, ein Kontinuitätskult. „Der Held in diesem Narrativ ist der ‚neue Jude’, der zurückgekehrt ist, um sein Heimatland zurückzufordern und es von den arabischen Invasoren zu befreien.“ (S. 18). Hier greift die reguläre Erziehung (wie auch die Archäologie) auf die Bibel als verbindliche historische Quelle zurück. Diese Konstruktion von Kontinuität führt nicht nur zur Löschung von 2000 Jahren jüdischer Diaspora-Geschichte, sondern auch zur Leugnung von 2000 Jahren Zivilisation im Land, deren Spuren dann getilgt werden. (Dies ist das Thema des 2. Kapitels Geographie der Feindseligkeit und Exklusion – Eine multimodale Analyse.) Das Land wartete auf seine Erlösung durch seine Bewahrer, während es von unbedeutenden Eindringlingen bevölkert war.

Die Funktion von Schulbüchern für die Schaffung nationaler Kollektive, im israelischen Fall einer dominanten ethnischen Gruppe, diskutiert Peled-Elhanan in einem umfangreichen Ein­führungskapitel unter dem Titel Eine Jüdische Ethnokratie im Nahen Osten. Erst dann geht sie im 1. Kapitel auf die Darstellung der Palästinenser ein, der Focus ihres Buches. Natürlich ist dieses Kapitel eine Darstellung aller erdenklichen Formen des Rassismus, wie könnte es anders sein bei der vom Zionismus vorausgesetzten und institutionalisierten jüdischen Suprematie, wie sie in der Einführung geschildert wird.

Peled-Elhanan m mit ihrem Einführungskapitel klar: Unter der Ethnokratie sind nichtrassistische Schulbücher gar nicht denkbar, und der Rassismus erscheint darum als sekundär, als instrumentell. Er ist notwendige Folge der indoktrinierten Notwendigkeit, das Land jüdisch zu machen, es qua Geburtsrecht allein besitzen zu dürfen, ohne Araber, zur eigenen Sicherheit stets in der Mehrheit zu sein und mit dem Schwert leben zu müssen und was der zionistischen Maximen noch sein mögen. Er ist keine Bloßstellung und kann seine Träger nicht beschämen.

Auf die vielfältigen, oft bizarren Ausprägungen dieses Rassismus kann hier nicht eingegangen werden, nur eine sei erwähnt, um zu zeigen, dass dieser Rassismus nicht aus individuellen Ressentiments hervorgeht, sondern aus einer rassistischen Weltsicht. So betonen einige der untersuchten Schulbuchtexte „Israels Bemühungen (…), die Welt davon zu überzeugen, dass (das Flüchtlings-)problem in den arabischen Ländern und nicht in Israel gelöst werden sollte, ‚welches die jüdischen Flüchtlinge aufgenommen hat, die aus den arabischen Ländern vertrie­ben wurden.’“ (S. 104) Hier wird aus der ethnischen Säuberung ein Bevölkerungsaustausch, eine Option, machbar und beherrschbar, wenn sich nur alle an die rassistische Regel halten. Der eigene, tribalistische Wahn der Rassereinheit wird zur Maxime, die Idee der Menschheit geht darin unter, Mitleid gibt es nur für Volksgenossen. An der Katastrophe der Teilung Indiens ist dieses Denken offenbar nicht irre geworden.

Was die deutschen Leser*innen sicher erstaunen wird, ist der Umstand, dass in den untersuchten Schulbüchern aus den Vertreibungen und selbst aus den Massakern gar kein Hehl gemacht wird. Derer drei werden in den Schulbüchern erörtert: Das Deir Yassin-Massaker von 1948, das Qibya-Massaker von 1953 und das Kaffer Kassem-Massaker von 1956. Schon deren Erwähnung würde ja hierzulande den aufgeregten Ruf nach dem sofortigen Einschreiten des Antisemitismusbeauftragten provozieren.

Peled-Elhanan untersucht im 4. Kapitel pedantisch die Legitimationsprozesse in Berichten über Massaker. Denn, ja, die Schüler sind aufgefordert, sie sehr nüchtern nach Nützlichkeit für Israel und eine jüdische Mehrheit und deren Schaffung zu bilanzieren. Und es sei gerade in Deutschland darauf hingewiesen, dass das Judentum selbst Immunisierung gegen die tri­balistischen Anmaßungen des Zionismus bereithält. Peled-Elhanan zitiert Yeshayahu Leibovitz aus seinem Artikel „Nach Qibya“:

„Da der Zionismus den Anspruch der Heiligkeit auf so weltliche Dinge wie den Staat, das Land und die Streitkräfte übertragen hat, hat er sie mit absoluter moralischer Legitimität ausgestattet. Wenn die Menschen und ihre Sicherheit, wenn das Heimatland und sein Friede das Heiligste vom Heiligen ist und wenn das Schwert Israels sein Fels ist – dann ist Qibya auch möglich und zulässig (…) das ist die schreckliche Strafe für die schwere Sünde, den Namen Gottes missbräuchlich in Anspruch zu nehmen. (S. 198)“

Mit diesem Bezug auf den Zionismus schließt sie an das Einführungskapitel an, in dessen Licht die folgenden vier Kapitel gelesen werden müssen. Sie alle enthüllen Rassismus, der aber angesichts postulierter jüdisch-zionistischer Suprematie, wie die Einführung sie vorstellt, nicht erstaunen darf. Peled-Elhanan zitiert den Oberrabiner Mordechai Elyahu, der vor dem Hintergrund eines Mordanschlags auf religiöse Kollegiaten unter Hinzuziehung der Gemara die Racheoptionen erörtert: „Alles, was sie (Nichtjuden den Juden) nehmen, müssen sie doppelt zurückzahlen. Aber in diesem Fall geht das nicht, da 1000 Araber nicht so viel wert sind wie 1 jüdischer Student.“ (Fußnote 95)

Miko Peled schildert in seinem Buch die dramatischen Ereignisse im Hause seiner Schwester Nurit Peled-Elhanan, als 1997 deren dreizehnjährige Tochter Smadar Opfer eines Selbstmordattentäters aus dem Westjordanland wurde. Das ganze Land erwartete ihren Schrei nach Rache. Die Brüder der Ermordeten, die zu dem Zeitpunkt als Soldaten im Libanon standen, wurden von ihren Kom­mandeuren aufgefordert, ihre Schwester dort zu rächen, an Nichtjuden eben. Sie verweigerten sich dieser Aufforderung ebenso wie ihre Schwester, die die Versuche Netanjahus, ihnen zu kondolieren, zurückwies. Der Verfasser dieser Rezension bewundert die Autorin natürlich für ihr Buch, vor allem aber dafür, dass sie über den Verlust ihrer Tochter nicht den Verstand verloren, sondern diesen geschärft hat für die Auffindung der Ursachen dafür, dass immer wieder Menschen die Hand gegen andere erheben.

Verlag Stiftung Hirschler, Otterstadt 2021, 380 S., 28 €. ISBN 978-3-9818916-7-6.

Zuerst hier.

Auch hier bereits im Januar 2013.

2 Gedanken zu „Palästina in israelischen Schulbüchern

  1. Besten Dank für den Hinweis auf das Buch von Mike Pellet; wir wollen als Reisegruppe im kommenden Jahr Israel besuchen; uns dafür vorbereiten:

    dafür wollen wir Beispiele für praktische und zukunftsweisender Kooperation kennenlernen, denn es hilft nicht, die Übergriffe der einen Seite mit Hinweisen für Übergriffe der anderen Seite jeweils für sich hervorheben .. oder auch nur nebeneinander stellen – als Kompensationen ..

    ich habe noch Zeit, lese auch gerade das Buch „Streit um das Heilige Land“ von Dieter Vieweger, 7. Auflage,
    (Archäologe, in Palästina und Wuppertal wissenschaftlich tätig), nur schlimm: die gesamte Geschichte des Konfliktes, unendliches Versagen und Verbrechen auf beiden Seiten, .. aber es gibt gar kein kein Lösungsansatz, …

    Mich interessieren auch wirtschaftliche, wissenschaftliche, soziale, landwirtschaftliche, gesellschafts-relevante Entwicklungen, Ideen, .. die weiterführend (im Sinne einer geschichtlich-politischen Entwicklung) gewertet werden könnten, .. wie dabei Stabilität und Fortschritt mit menschlicher Initiative gewinnen und beispielhaft sein können, was dort in Israel schon gilt, was beiderseitig schon anerkannt wird …

    Wir wollen nicht die Fatalität, das Sinnlose, die Aussichtslosigkeit, das „Recht“ der einen oder anderen Seite z.K.nehmen, .. sondern wie kann (mit praktischen Beispielen) „Unrecht“ überwunden werden, wie kann eine zukunft-orientierte Lebensperspektive dort gestaltet werden, .. wichtig: die damit auch für uns beispielhaft sein kann (!!!) …

    ich bin eigentlich sicher, dass es in Israel auch solche Ansätze gibt,

  2. Ja, es gibt in Israel zahlreiche solcher Ansätze, z.B. https://zochrot.il
    “Die Nakba ist auch Israels Geschichte”
    Von Lea Frehse, Christoph DinkelakerundTobias Pietsch | 25.11.14 | Interviews, Israel, Mashreq,Palästina.
    Mit der iNakba-App lassen sich zerstörte palästinensischen Dörfer in Israel finden. Foto: Tobias Pietsch (C)
    Eitan Bronstein und seine Organisation „Zochrot“ werben unter jüdischen Israelis für die Aufarbeitung der „Nakba“. Ein Interview über Schrecken der Vergangenheit, Schläge gegen Linke und die iNakba-App.
    Eitan Bronstein, Jahrgang 1960, wanderte als Kind mit seiner Familie aus Argentinien nach Israel ein und wuchs in einem Kibbutz auf. In den 1980er Jahren verweigerte er wiederholt den Reservedienst an der Waffe. 2001 gründete er die Organisation Zochrot, die sich für die Anerkennung der „Nakba“, also der Verbrechen gegen und Vertreibung der Palästinenser innerhalb der jüdisch-israelischen Gesellschaft einsetzt. Anfang November sprach Bronstein auf Einladung der Mediziner-Organisation IPPNW – Ärzte in sozialer Verantwortung e.V. in Berlin. Zum Interview mit Alsharq kam der charismatische Aktivist natürlich mit seinem iPhone – inklusive iNakba-App.
    Alsharq: Herr Bronstein, Zochrot gilt in Israel als radikal links. Wofür setzen Sie sich ein?
    Eitan Bronstein: Zochrot zielt darauf ab, unter israelischen Juden ein Bewusstsein für die Nakba zu schaffen. Denn in Israel lernt man normalerweise nichts über die Nakba [arab. „Katastrophe“] und auch mir hat in der Schule nie irgendjemand von der Vertreibung der Palästinenser erzählt. Im Allgemeinen wissen Israelis, dass es hier vor 1948 Araber gab. Aber es wird so dargestellt, dass sie eben den Krieg verloren haben und Punkt. Heute weiß ich: Die Nakba war die aktive Vertreibung der Palästinenser, mehrheitlich Zivilisten, durch bewaffnete Einheiten und anschließend die aktive Verhinderung ihrer Rückkehr.
    Deshalb unser Ziel: Israelis sollen um diese Geschichte wissen. Ein wichtiges Anliegen ist es, das Wort Nakba in die hebräische Sprache zu übernehmen. Die Nakba ist nicht bloß ein palästinensischer Narrativ, sie ist auch unsere Geschichte, die wir kennen und anerkennen sollten. Israel wurde als jüdischer Staat auch durch die Nakba gegründet. Dafür sollten wir Verantwortung übernehmen und Reparationen leisten. Darüber hinaus unterstützt Zochrot das Rückkehrrecht für palästinensische Flüchtlinge. Das ist eine Komponente der Anerkennung. Die Palästinenser müssen die Wahl haben, ob sie Reparationen annehmen oder ob sie zurückkehren möchten.
    Zochrot hat zuletzt mit der iNakba-App für Aufsehen gesorgt.
    Zochrot ist auf unterschiedliche Arten aktiv. Zum einen veranstalten wir Touren, markieren alte palästinensische Ortschaften in Israel und veröffentlichen Infomaterial. Ein wichtiger Aspekt dabei sind Augenzeugenberichte, die wir von Palästinensern, aber auch von ehemaligen Kämpfern der jüdischen Verbände wie dem Palmach sammeln. Gerade die Erzählungen der alten jüdischen Kämpfer sind wichtig: Sie berichten von vielerlei, unter anderem von Massakern – sie benutzen das Wort „Schlachtungen“ – und der Vertreibung. Häufig ist die Rede davon, wie Gegenden „gesäubert“ wurden. Das sind Stimmen, die man sonst nicht findet und die in der israelischen Gesellschaft stärker wahrgenommen werden als die der Palästinenser.
    Jetzt gibt es die App von Zochrot, iNakba: Damit kann man zerstörte und bestehende palästinensische Ortschaften in Israel ausfindig machen. Das ganze funktioniert partizipativ: Man kann Fotos hochladen, Geschichten lesen. Das Ganze ist gut angelaufen: Schon aus dem Libanon haben Flüchtlinge alte Fotos hinzugefügt. Außerdem arbeiten wir im Bildungsbereich, bilden Lehrer fort und haben einen Lehrplan zur Nakba erstellt.
    Wie kommen diese Aktivitäten in Israel an?
    Die Atmosphäre der israelischen Öffentlichkeit gegenüber solcher Arbeit ist sehr schlecht. Würde ein Lehrer einfach offen unser Material im Unterricht benutzen, würde er wahrscheinlich seinen Job verlieren. Also benutzen viele Lehrer unser Material heimlich: Es ist zum Beispiel fast schon in Mode, bei Unterrichtseinheiten zu Israels Unabhängigkeit die „Gegenperspektive“ darzustellen. Wie haben die Palästinenser das gesehen? Da nutzen dann viele die Zochrot-Unterlagen. Der Bildungsminister hat schon einmal ganz klar gesagt: Aus staatlicher Sicht ist das Zochrot-Material illegal. Aber wir haben ja nicht um Erlaubnis gebeten.
    Zochrot hat es tatsächlich geschafft, die Art und Weise, wie in Israel über die Nakba gesprochen wird, zu verändern. Unsere Aktivitäten haben Offizielle dazu genötigt, die Nakba zu kommentieren. Schließlich wurde [2011] sogar ein Gesetz erlassen, das all jenen Organisationen die finanzielle Unterstützung vom Staat entzieht, die in Israel Aktivitäten zum Gedenken an die Nakba abhalten. Das ist natürlich negativ, aber es zeigt auch, dass sich die Regierung zu einem Verbot genötigt sah, weil das Thema Aufmerksamkeit bekam.
    Wie würden Sie die Stimmung in Israel aktuell beschreiben?
    Momentan – und ich glaube, das würden die meisten Israelis so sehen – ist es so schlimm wie noch nie. Während des Krieges in Gaza gab es viel Hetze gegen Palästinenser. Der wirkliche Wandel aber lag in der jüdisch-israelischen Gesellschaft selbst: Nie gab es so viel Hetze und so viele Übergriffe gegenüber Menschen wie uns, linken jüdischen Israelis. Ich habe bei einer Anti-Kriegs-Demo in Tel Aviv erlebt, wie linke Demonstranten von Rechten zusammengeschlagen wurden.
    Allgemein hat die Verzweiflung zugenommen: Es bietet einfach niemand mehr Visionen für Frieden. Und nicht mal die Rechte hat eine Vision! Sie sagen einfach, Krieg ist eben das, was wir immer hatten und immer haben werden. Shimon Peres, glaube ich, ist der Letzte, der noch an Frieden glaubt. Ich sehe nicht, dass zwei Staaten entstehen werden. Die tatsächlichen Gegebenheiten lassen das nicht mehr zu. Inzwischen sind selbst die größten Patrioten verzweifelt. Selbst sie sagen nun öffentlich, dass sie sich überlegen, auszuwandern. Nicht umsonst gab es kürzlich den Protest gegen hohe Lebenshaltungskosten, der übrigens von Israelis in Berlin losgetreten worden war.
    Ich hoffe nur, das nach der großen Verzweiflung die Suche nach wirklich radikalen Lösungen beginnt. Der vorherrschende Gedanke an Trennung und Spaltung hat uns doch in ebenjene Situation geführt, in der wir heute sind. Wenn wir immer noch Frieden wollen, sollten wir neue Wege suchen. Wir müssen mit den Menschen zusammenleben, die von diesem Land stammen. Das haben wir noch nie versucht.
    Wenn es um eine Lösung für die Zukunft geht, warum beschäftigt sich Zochrot dann so stark mit der Vergangenheit?
    Ich verstehe gut, dass es in der Situation des anhaltenden Konflikts schwierig ist, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, besonders in Israel. Doch Israels Vergangenheit ist eng verknüpft mit seiner Gegenwart und seiner Zukunft. Wir sprechen nicht umsonst von der „anhaltenden Nakba“. Der Konflikt wird so lange andauern, bis eine gerechte Lösung umgesetzt ist. Es muss das Rückkehrrecht geben. Ohne das wird es keinen Frieden geben. Ja, das anzuerkennen, wird das Ende des Konzepts des „jüdischen Staates“ bedeuten, aber dieser Herausforderung müssen wir uns stellen.
    Dass Israel einmal kein „jüdischer Staat“ sein könnte, macht vielen Israelis große Angst…
    Es war eine der wichtigsten Lernerfahrungen für mich, die Ängste, die sich um dieses Thema ranken, anzunehmen und zu akzeptieren. Wenn das Gespräch auf das Thema jüdischer Staat kommt, wird die Atmosphäre oft feindlich, sehr ablehnend. Das liegt nicht daran, dass die Menschen hier schlechter wären als sonst irgendwo; es ist die Art der Bildung, die man hier bekommt. Wenn einem oft genug erzählt wird, alle Araber seien Terroristen, dann glaubt man eher daran, und das passiert hier die ganze Zeit. Die Kunst ist, dabei geduldig zu bleiben und immer wieder aufzuzeigen, dass es andere Wege gibt.
    Ebenso umstritten ist das Rückkehrrecht für palästinensische Flüchtlinge. Wo sehen Sie Lösungsansätze?
    Wir müssen uns damit auseinandersetzen, wie das Rückkehrrecht praktisch umgesetzt werden könnte. Wir von Zochrot veranstalten immer wieder Treffen mit Palästinensern zu diesem Thema. Dabei war ich oft vor den Kopf gestoßen, zu merken, dass die palästinensischen Gesprächspartner oft viel pragmatischer an die Sache gingen als wir – und weniger forderten als gedacht. Für die, denen ich begegnet bin, war das Rückkehrrecht nichts, was die Existenz der Juden in Frage stellte. Sie wollen, dass ihre Rechte anerkannt werden und dass auf diese Anerkennung Kompensation folgt.
    Ich habe kürzlich mit einem Mann gesprochen, der aus Zakariya stammt, einem Dorf neben dem heutigen Bet Shemesh. Er hatte Land dort und sein Zuhause. Er sagte mir: Okay, wir wissen, dass heute dort ein Moshav [jüdisches, halb-kollektivistisches Dorf] steht. Wir wollen nicht unbedingt genau dieses Land zurück, aber wir wollen Kompensation dafür, vielleicht ein neues Dorf daneben bauen. Viele Palästinenser sind da sehr pragmatisch und bereit zu schauen, wie man eine Lösung finden kann. Ich hoffe aber, dass sie niemals bereit sein werden, Israel als Ort nur für Juden anzuerkennen. Aus meiner Sicht wäre das unmoralisch.
    „Zochrot“ heißt auf Hebräisch „wir erinnern uns“ – in femininer Form. In Israel ist das ein Statement. Was hat es damit auf sich?
    Der Name wurde als bewusste Abgrenzung und als Zeichen gewählt: Die hebräische Sprache ist stark geschlechtlich, Verben zum Beispiel werden männlich oder weiblich dekliniert. Dabei ist die maskuline Form die Norm, im Feminin zu sprechen gilt als unnormal. Mit der femininen Form von „sich erinnern“ als Namen wollten wir deutlich machen, dass unsere Sprache, unsere Botschaft dem Standard widersprechen.
    Zochrot repräsentiert eine kleine Minderheit in Israel. Aber – eine positive Botschaft – wir sollten den Einfluss von Minderheiten nicht unterschätzen.
    Wie blicken Sie auf die nahe Zukunft?
    Ich denke nicht, dass Israelis von selbst aufhören werden, Kolonisten zu sein und ihre Privilegien aufzugeben. Meine Hoffnung auf Veränderung richtet sich nach außen: Wir brauchen den Boykott, die BDS-Bewegung, um das Regime zu stürzen.
    Gerade in Deutschland ist das natürlich ein sensibles Thema. Doch dazu möchte ich sagen: Ich meine, mit Israel ist der Traum der Antisemiten wahr geworden. Das ganze Projekt Israel ist so erfolgreich, dass Israel sich heute anmaßen kann, für alle Juden zu sprechen. Ja, in Deutschland sollte es besondere Sensibilität geben, wenn es auf das Thema kommt. Aber ich glaube, dass man gerade deshalb hier besonders genau hinschauen sollte. Deutsche, die Verantwortung zeigen möchten, sollten sich gegen Israel stellen und es boykottieren.
    Vielen Dank für das Gespräch, Herr Bronstein.

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