Sechs Millionen Gründe nicht zum Lachen

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, sagt man, und Oliver Polack ist offensichtlich nicht weit von seinem Guru gefallen, der früher oder später Tantiemen verlangen wird für das originelle Moto, „Ich darf das, ich bin Jude.“ Broders Motto, „Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht“, ist auch bestens geeignet für eine Kabarettnummer mit der entsprechenden Anpassung. Warum sachlich, ich bin Jude, ich darf das, das könnte eine erfolgreiche Verbindung sein: Ich bin Jude, ich darf alle beleidigen und denunzieren, als Antisemiten verleumden und alle auffordern, verklagt mich doch. Und wenn mich jemand verklagen sollte, dann hetze ich ihm meinen Dobermann an den Hals, meinen treuen Blockwart.

Ich frage mich ernsthaft, ob der SPIEGEL Oliver Polack loben oder vorführen wollten. Seine Witze über den Holocaust sind schlicht peinlich. Er ist ein selbst ernannter „jüdischer Patient“, der an Depressionen leidet, was mich nicht wundert, aber das Urteil über sein Buch und seine Auftritte „ist nicht verhandelbar“. Der amerikanische Stand-up Commedian Dave Attell hat es so ausgedrückt: „Es gibt sechs Millionen Gründe, warum ich seinen skurrilen Humor nicht gut finden kann.“

Polak beginnt sein Programm mit seinem irrwitzigen Klassiker, dass er am Vorabend aus Deutschland mit dem Flugzeug angekommen sei, „In Deutschland reise ich normalerweise mit dem Zug – eine alte jüdische Familientradition. Die Abfahrtzeit kann man sich nicht aussuchen, aber die Tickets sind kostenlos, alle Züge fahren in eine Richtung – nach Polen.“ Das Publikum lacht und Oliver ist zufrieden. So wie Broder würde auch er für einen guten Gag seine Mutter samt Großmutter verkaufen. 

Was ist das für ein zynischer Vogel. Er erinnert mich an seinen bluts- und geistesverwandten Komiker Henryk M. Broder, der einem Staatsanwalt, der sich rühmte, in Auschwitz gewesen zu sein, zynisch antwortete, er wäre auch in Auschwitz gewesen, und das Beste dort die Cafeteria sei. Die Zuschauer im Gerichtssaal johlen vor Freude und ich weiß nicht, ob alle Nazis waren oder nur die Hälfte. Was ich aber mit Gewissheit sagen kann: Alle waren Fans von ihrem Guru Broder.

Meine halbe Familie ist in Auschwitz umgebracht worden, und obwohl ich nicht zimperlich bin und keine Tabus kenne, kann ich über solche geschmacklosen Witze nicht lachen, nicht einmal schmunzeln. Auch darüber, dass Polak eine neue App hat, die Anne Frank-App – „Und diese zeigt dir die besten Verstecke in Europa!“ –, kann ich nicht lachen. Hauptsache aber Oliver Polak kann lachen, denn schließlich verdient er mit solchen geschmacklosen Witzen sein Geld. Auch bei Polack frage ich mich wer sein Publikum ist. Juden, Antisemiten oder Schweine?

Er eifert da wohl seinem Guru Broder nach, der gesagt hatte, dass israelische Soldaten Täter sind, aber gleich danach seine Pointe brachte: „Täter sein macht Spaß.“ Oder der geschrieben hatte, dass es wahr ist, dass man die Palästinenser vertrieben hatte, aber leider nicht weit genug, und aus einen Auschwitz-Überlebenden macht er einen „Berufsüberlebenden“. Mit solchen originellen Aussagen könnte auch Broder als Stand-up Commedian auftreten. Vielleicht zusammen mit Polack.

Er hat auch schon einmal ein Berliner Hotel als Reichssicherheitshauptamt bezeichnet, nur weil dort im Telefonverzeichnis die Vorwahl von Israel fehlte und sein zionistischer Boss, Chef des größten Zeitungskonzern Deutschlands, meinte, nachdem ein mutiger Richter einem israelischen Studenten, der unbedingt mit Quwait Airways fliegen wollte, abgewiesen hatte, „dieses Urteil erinnert mich an Auschwitz.“ Ich warte jetzt darauf, dass Oliver Polack diese „Nummer“ in sein Programm aufnimmt. Er und Broder haben ja Recht. Was war denn schon in Auschwitz im Vergleich zu einem solchen antisemitischen Urteil? Da ist ja nur eine Million Juden vergast und verbrannt worden, nur eine, darunter wahrscheinlich auch Familienangehörige von Pollak und Broder. Na und? Das berechtigt sie ja nun Mitglied bei der AfD zu werden und in den Kreis „Juden in der AfD“ aufgenommen zu werden. Sie sind beide Juden. Sie dürfen das. Wer Netanjahu huldigt und die israelische Armee als „die moralischste Armee der Welt“ akzeptiert, der kann auch Gauland huldigen und glauben, dass der Holocaust nur ein „Vogelschiss in der Geschichte“ war. Übrigens eine gute Idee für eine Kabarettnummer. Auch Gauland glaubt bestimmt, dass die SS eine moralische Einheit war.

Polack meint in seinem Buch, er sei „kein jüdischer Komiker, sondern ein deutscher Komiker.“ Ein deutscher Komiker hätte es aber niemals gewagt solche geschmacklosen Witze über den Holocaust zu machen, weil er ja kein Jude ist. Nur ein durchgedrehter Jude kann das, weil er Jude ist.  Polack beklagt sich, dass ein abgefuckter Fernsehmoderator zu ihm gesagt hat, er sei „kein krankes Schwein, sondern ein Judenschwein.“ Natürlich ist das widerlich und zum Kotzen. Aber das ist nun mal der Preis dafür, dass man sein „Judesein“ so billig vermarktet, wie es auch Broder getan hat und immer noch tut und deshalb vom Magazin Cicero als Hofjude bezeichnet wurde. Die Steigerung ist dann jüdischer Hofclown und als Hofschwein schlägt er sie alle.

Polack beklagt, dass die AfD jetzt im Bundestag sitzt. Er sollte sich dafür bei seinem Guru bedanken, der immer noch Werbung für die AfD macht und damit sorgt, dass auch Juden in diese rechtsradikale und antisemitische Partei eintreten. Es gibt eben auch rechtsradikale, reaktionäre Juden. Einer hat es sogar bis zum „Hofjuden“ des Springer Verlages gebracht.“

Polack kritisiert auch Jakob Augstein, ohne ihn beim Namen zu nennen. Er wirft ihm seine Kritik an Israels Politik vor und fragt naiv-zynisch und selbstgerecht Jakob Augstein – „ob er schon mal dort (gemeint ist Israel!) gewesen sei.“ Und triumphierend gibt er die Antwort: „Stille.“ Augstein war offensichtlich sprachlos, er war noch nie in Israel. Und Polack? Oliver Polack war einmal in Israel. Ein mal! Jetzt glaubt er alles zu wissen. Über israelische Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen macht er aber keine Witze. Das überlässt er seinem Partner Henryk Broder. Polack belehrt in seinem Pamphlet Augstein, dass „man aber auch Handlungen, die gesetzlich legal sind, moralisch verurteilen kann.“ Zum Beispiel das Verbrennen einer israelischen Fahne. Wann hat Polack ungesetzliche und unmoralische Handlungen der Israelis verurteilt? Zum Beispiel kürzlich die Ermordung hunderter palästinensischer Demonstranten in Gaza, etwa? Er ist aber Jude, er muss das nicht machen. Die Moral ist nur für die Nichtjuden Pflicht. Juden dürfen unmoralisch sein, dürfen peinlich und lächerlich sein und sich trotzdem einem nichtjüdischen Zeitungsherausgeber überlegen fühlen, weil er kein Jude ist. Da denke ich an den guten alten Juden Max Liebermann und seine Aussage über Hitler.

Wenn Polak durch sein Jüdischsein in Deutschland Depressionen bekommen hat, dann ist es seine eigene Schuld. Ich habe in Deutschland auch Depressionen bekommen, aber nicht wegen meines Judeseins, und ich habe keine Klinik gebraucht, um sie wieder loszuwerden. Ich frage mich aber, wieso DER SPIEGEL dem lächerlichen Pamphlet von Oliver Polack, welches der Kiepenheuer und Witsch Verlag zurecht abgelehnt hat, drei Seiten widmet und zum andern das wichtige, 500 Seiten  Buch von Shalom Weiss (Drei Generationen versuchen zu verstehen), das im Westend-Verlag als Übersetzung aus dem Hebräischen erschienen ist, nicht mit einem Wort erwähnt, obwohl bedeutende israelische und jüdische Intellektuelle wie David Grossmann und Jeschajahu Leibowitz das Buch als ein wichtiges historisches Dokument lobten und empfahlen, das Publikum darauf aufmerksam zu machen. Darin wird beschrieben, wie drei Generationen unter dem Schatten der Shoah versuchen, den Alptraum zu bewältigen, ohne peinliche Witze darüber zu machen. David Grossmann, der bekannte israelische Autor, schrieb dazu: „Es ergibt sich eine Begabung, die sowohl jüdisch wie auch israelisch ist, und ich fühle, dass ich daraus gelernt habe und dass dieses Buch mich ab jetzt immer begleiten wird.“

Ich habe noch nie von einem Armenier gehört, der einen witzigen Abend über die Ermordung der Armenier durch die Türken oder einen Palästinenser, der sich über die Nakba lustig gemacht hätte. Auch darin sind die Juden offensichtlich einzigartig. Aber sie dürfen das, sie sind ja Juden. Charlotte Knobloch darf das Recht beugen, – weil sie Jüdin ist – Juden diffamieren und der Stadt München ihren Willen aufzwingen, Stolpersteine nicht anzubringen, obwohl sie in jeder anderen Stadt in Deutschland und im Ausland angebracht und geachtet werden, sogar und besonders von Juden, deren Angehörigen gedacht wird.

Es wundert mich auch, wieso in der SPIEGEL-Redaktion die Hetze vom Antisemitismus der arabischen Flüchtlinge wiederholt wird – anstatt endlich mal auf die Differenz von Antisemitismus und Antizionismus hinzuweisen –, und man die  Leser täuscht – ähnlich wie die BILD-Zeitung –, das Innenministerium hätte  bekannt  gegeben, dass die Zahl antisemitischer Straftaten steige. Genau das Gegenteil ist der Fall, aber „Fakenews“ scheinen durch Trump in Mode gekommen zu sein, auch beim SPIEGEL. Wenn man in der Redaktion nachgeschaut hätte, dann wäre schnell entdeckt worden, dass es 2001 zwar insgesamt 1691 Straftaten gab und 2017, wie Polak richtig in seinem Buch schreibt, immerhin noch 1453. Nach Adam Riese ist das aber eine Abnahme (um 238 Straftaten). Polak schreibt aber: „Wobei die Straftaten in den letzten Jahren zunahmen und allein fünfundzwanzig Delikte islamisch waren.“ Trotz der Absurdität eines solchen Satzes hat Polak ausgerechnet, dass es im Durchschnitt 4 Straftaten pro Tag sind. Immerhin, er kann rechnen.

Wenn man aber die „islamischen Delikte“ betrachtet, dann waren es allerdings nur noch 0,14 pro Tag. Man sollte aber nicht vergessen, dass es über achtzig Millionen Menschen in Deutschland gibt. Wenn man das statistisch berechnen will, dann zeigt sich die Absurdität in ihrer ganzen Nacktheit. Gerademal eine antisemitische Straftat alle zehn Tage. Mit solchen Statistiken können Broder, Knobloch, Polack, Schuster und Doepfner die Wände ihrer Wohnungen tapezieren und überlegen, ob sie nicht auch schuld daran sind, so viel Öl ins antisemitische Feuer gegossen zu haben, dass es inzwischen tatsächlich lodert oder vielleicht auch schon brodert.

Ein peinlicher SPIEGEL-Artikel, ein nicht lesenswertes Buch, in dem von 128 Seiten 35 Seiten leer sind und auf weiteren 35 Seiten gerade einmal ein, zwei Zeilen stehen. Man liest das Buch in einer Stunde und zahlt dafür 8 Euro. Dafür sollte man besser ins Kino gehen. Da hat man immerhin zwei Stunden Unterhaltung. Beim Buch von Oliver Pollack ist es eine Stunde Ekel.

DER SPIEGEL Nr. 40 / 29.9.2018 / Seite 118-121.

Oliver Polak , Gegen Judenhass, Suhrkamp, 8–€

2 Gedanken zu „Sechs Millionen Gründe nicht zum Lachen

  1. Na ja, Herr Pollack hat eine Marktlücke gefunden und die will er nun ausfüllen. Geschmackvoll ist dies sicher nicht, aber so sind sie halt die merkwürdigen Komiker der Jetztzeit, ob sie Pollack, Nuhr oder Broder heißen. – Aber wo denn nun die AfD wirlich antisemitisch sein soll, erschließt sich mir noch nicht. Sie ist antiislamisch und deswegen wundert es mich nicht, dass führende Politiker dieser Partei ( aber auch andere Vertreter rechtspopulistischer europäischen Parteien) gerne nach Israel fahren. Es spricht überdies für die These des Artikels, der offene Antismitismus in Deutschland, den esbedauerlicher Weise gibt, würde nur eine kleine Rolle spielen, dass selbst rechts-populistische Parteien auf diesen Zug nicht aufspringen.

  2. Man kann sich als Deutscher schlecht auf einen französischen, italienischen oder englischen Marktplatz stellen, und Witze über Deutsche erzählen. Das wirkt absurd, auch schon ohne den Hintergrund des Holocaust; wenn man jetzt noch über die Bombardierungen der deutschen Städte englische Witze erzählen würde, wird es auch noch geschmacklos. Deswegen ist es fast nicht vorstellbar, was Pollak auf den ersten Blick treibt. Warum also liegt er so daneben? Man muß in dubio pro reo auch von Pollak positiv denken: er kommt mit dem Widerspruch, in Deutschhland bequem zu leben und zu wissen, wie die Deutschen mit seinesgleichen vor erst 80 Jahren umsprangen, nicht zurecht. Er will darüber reden, nur mit wem soll er, geboren 1976, darüber reden können? Sein Vater kann auch nur als Kind in Auschwitz gefangen gehalten worden sein, er konnte ihm nicht viel sagen. Also adressiert er sich an die deutsche Jugend, banausierende Jugendliche, deren Eltern und Großeltern bereits das Thema tabuisiert haben. Also macht er dumme Witze, die Adressaten lachen ohne genau zu wissen, über was.Es liegt also nicht an Pollak allein, daß er entgleist: die Gleise sind überholungsbedürftig

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