Süddeutsche Zeitung fördert das Zerrbild von BDS als „antisemitisch“

von Jürgen Jung

Der Artikel von Thorsten Schmitz fügt sich ein in eine Reihe von SZ-Beiträgen, die den Leser glauben machen wollen, dass die BDS-Kampagne antisemitisch sei, wobei stets der Hinweis fehlt, dass die ausdrücklich gewaltfreie Kampagne sich klar gegen jeden Antisemitismus ausspricht. Hinter diesen Diffamierungen steckt natürlich die zumindest indirekte Gleichsetzung von Israel mit dem Judentum, was andererseits aber in projektiver Weise wiederum den Kritikern der israelischen Politik zum Vorwurf gemacht wird!

BDS ist mittlerweile offensichtlich zum Synonym für Antisemitismus geronnen mit dem Ziel der Unterbindung jeder ernsthaften Erörterung der klar völkerrechtswidrigen Politik Israels. Resultat ist hierzulande die schier unglaubliche Zahl von über einhundert (!) Veranstaltungen, die in den letzten Jahren be- bzw verhindert wurden, selbst wenn sie gar nichts mit BDS zu tun hatten  – ein ungenierter Verstoß gegen essentielle Grundrechte unserer Verfassung. Leidtragende sind  –  es ist kaum zu fassen – sogar jüdische oder israelische Referenten, denen aus deutschem Munde (!) Antisemitismus bzw. jüdischer Selbsthass unterstellt wird. 

Und leider werden unsere Medien in diesem Zusammenhang – mit wenigen Ausnahmen – ihrem ureigenen Auftrag höchst unzureichend gerecht, da sie über dieses unglaubliche Geschehen den Mantel des Schweigens hüllen. Dieser Skandal wird von T. Schmitz zwar thematisiert, aber in einer Weise, dass die Eingriffe in Meinungs-, Rede- und Versammlungsfreiheit mit dem Verweis auf den angeblichen Antisemitismus, dessen Entfaltung es in öffentlichen Räumen natürlich zu verhindern gelte, sogar noch plausibel erscheinen, ja gerechtfertigt werden.

Ausgangspunkt aller Überlegungen zur BDS-Problematik muss doch die Frage sein: Gibt es ernst zu nehmende Gründe für einen Israelboykott, und gegen was für ein Israel richtet er sich?

Dazu der brillante Historiker und Soziologe von der Universität Tel Aviv, Moshe Zuckermann: „Israel ist ein Land, das seit über 50 Jahren ein brutales Okkupationsregime unterhält, mit dem es das palästinensische Volk knechtet und mit einem riesigen Siedlungswerk permanent völkerrechtswidrige Expansion betreibt. Das ist keine Demokratie…. Das ist ein Land, das jedes Recht verwirkt hat, sich noch auf die »Lehren von Auschwitz« zu berufen.“

Und Schmitz bemüht zwar Daniel Barenboim, der sich allerdings nur gegen den Boykott von Personen ausspricht, versäumt es aber, darauf hinzuweisen, dass eben dieser Barenboim einen Artikel in Haaretz veröffentlichte mit dem Titel: „Warum ich mich heute schäme, Israeli zu sein“, in dem er – nicht zum ersten Mal übrigens und er keineswegs allein –  „eine sehr klare Form der Apartheid“ in seinem Land ausmacht.

Der renommierte israelische Historiker Avi Shlaim – er forschte und lehrte jahrzehntelang an der Universität von Oxford und gilt als der Fachmann für die israelisch-arabischen Beziehungen –  stellte in einem Interview vom Oktober 2017 klar, „dass die Palästinenser nicht auf die Hilfe der westlichen Regierungen hoffen können, um die Besatzung zu beenden, auch nicht auf die UN. Die einzige Hoffnung der Palästinenser besteht in der BDS Bewegung.“ Das Ende der israelischen Besatzung  – genau dies ist das Kernanliegen der BDS-Bewegung –, wird mit Sicherheit auch das Ende der Boykottbewegung sein.

Im übrigen wies einer der bekanntesten „neuen Historiker“ Israels, Tom Segev, die auch von Schmitz bemühte infame Assoziation der BDS-Bewegung mit der Nazi-Kampagne „Kauft nicht bei Juden“ ganz entschieden zurück –  noch dazu in einem Interview mit der SZ vom 8. 6. 2017 !  Er wünschte sich sogar, „dass die Staaten mehr Druck ausüben auf Israel, damit jeder Bürger unseres Landes merkt: Die Besatzung schadet mir.“

So erweisen sich die üblen und haltlosen Verunglimpfungen der BDS-Bewegung, die keineswegs nur von einzelnen Juden oder Israelis, sondern von etlichen jüdischen Gruppen und Organisationen, ja ganzen Strömungen im Judentum unterstützt wird, als das, was sie von Anfang waren, nämlich als der aufgrund der deutschen Befindlichkeit leider ziemlich erfolgreiche Versuch, im Diskurs über die israelische Politik die Deutungshoheit zu behalten. Die damit einhergehende leichtfertige Instrumentalisierung des ubiquitären Antisemitismusvorwurfs verrät nicht nur die Opfer des Holocaust, sondern führt durch seine Hysterisierung letzten Endes zu seiner Sinnentleerung, ja Banalisierung.

Ein Gedanke zu „Süddeutsche Zeitung fördert das Zerrbild von BDS als „antisemitisch“

  1. Man verwendet einen diffusen Begriff für „Antisemitismus“ und kann dann alles darunter subsumieren; der Begriff wird mißbraucht, wenn Juden als „Antisemiten“ beschimpft werden. Als Deutschenfeind darf man auch keinen Deutscher bezeichnen, weil man mit dieser Klassifizierung jede innere Opposition in Deutschland vernichtet. Diese Überlegung auf den Begriff „Antisemitismus“ bezogen zeigt, daß die Leute, die mit diesem Begriff derart um sich schlagen, autoritär und alles andere als kommunikativ sind.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert