Uwe Becker traut sich

Herr Becker,

ich habe Sie schon einmal gebeten, mich nicht mit „Lieber Herr Melzer“ anzureden. Umso mehr verwahre ich mich dagegen, dass Sie mich mit „Mein lieber Herr Melzer“ anreden. Ich bin nicht „Ihr“ lieber Herr Melzer, so wie Sie nicht „mein“ lieber Herr Becker sind. Sie sind mein Gegner und gehören zu der Sorte Menschen, die ich nicht hasse, aber zutiefst verachte.

Ich denke nicht daran, mit Ihnen über Antisemitismus oder BDS zu diskutieren. Sie verstehen von beiden nichts und plappern nur die Parolen der Hasbara, der israelischen Propaganda, nach.

Sie trauen sich über Umgang und Respekt zu schreiben und erwähnen Ihre sogenannte gute Kinderstube. Ich kann mich aber erinnern, dass sehr viele Nazis und sogar Nazi-Mörder und Verbrecher auch eine „gute“ Kinderstube hatten und dennoch als SS-Schergen in Auschwitz, Maidanek und Bergen-Belsen gelandet sind. Wie viele Nazis hatten eine Kinderstube wie Sie und sind dennoch das geworden, was sie geworden sind. Mir wäre lieber, sie hätten keine gute Kinderstube, dafür aber Anstand und Moral. 

Sie wagen es von „Verlust an Respekt“ zu schreiben und haben selbst keinen Respekt vor einem Volk, das um seine Freiheit und Menschenwürde kämpft. Wenn es in unserer Gesellschaft einen Verlust an Respekt und Anstand gibt, dann sind Sie und andere wie Sie daran schuld. Die Absicht Ihres Kollegen, dem Antisemitismusbeauftragten aus dem Saarland, auf Flohmärkte nach Hakenkreuzzeichen zu suchen, zeigt doch, wie krank und absurd diese Kontrollinstanz „Antisemitismusbeauftragter“ ist. Für mich sind das die heutigen „Blockwarte“, die ihre Nase überallhin reinstecken und damit die Demokratie töten und begraben wollen.

Aber zurück zu Ihnen. Für Sie ist die AfD eine neo-faschistische Partei, die die Verbrechen der Schoa relativiert, Hass und Angst gegenüber Fremden schürt und unsere Gesellschaft auseinandertreibt. Ganz meiner Meinung, aber Sie wissen schon, dass drei Ihrer Vorgänger im Amt des Stadtkämmerers von Frankfurt von der CDU zur AfD gewechselt sind. Haben Sie auch vor Ihre Karriere dort fortzusetzen oder zu beenden?

Sie trauen sich mich in die Nähe der AfD zu bringen. Was würden Sie sagen, wenn ich behaupten würde, Sie seien ein Nazi oder dass in ihrer momentanen Partei, die CDU, viele „honorige“ Persönlichkeiten sind, deren Väter und Großväter Nazis waren?

Ich danke Ihnen dafür, dass Sie mich belehren wollen, was BDS, was Antisemitismus und was in Israel los ist. Meine Mutter, Mirjam Neumann, hatte den Holocaust und Hitlers Antisemitismus überlebt, ebenso eine ihrer 7 Schwestern und ein Bruder. 6 Schwestern, der Bruder und die Eltern sind in Auschwitz vergast und verbrannt worden, wie auch zahlreiche andere Verwandte.

Mein Vater hat den Holocaust überlebt, indem er vor den Nazis geflohen und bei den Russen im Gulag gelandet ist. Dort musste er schwer arbeiten und hungern, aber er wurde nicht fabrikmäßig ermordet. Es gelang ihm auch, 1939, in letzter Minute  seine Mutter und seine Geschwister aus Nazideutschland herauszuholen und zu retten. Alle übrigen Verwandten wurden ermordet.

Ich wurde in eine solche Familie hineingeboren – ohne Tanten, Onkel und Großväter oder Großmütter. Wie kann ich dann ein Antisemit sein?

Sie behaupten viele Menschen „verkennen“ die wahren Ziele der BDS. Haben Sie noch nie daran gedacht, dass Sie möglicherweise die wahren Ziele verkennen? Haben Sie nie daran gedacht, dass Sie verblendet und blind sind in Ihrem Einsatz für die zionistischen Ziele, den Staat Israel Palästinenser frei zu machen? Haben Sie sich jemals auch für das Recht der Palästinenser eingesetzt? Oder haben die Palästinenser keine Rechte? Was ist mit ihrer Würde?

Sie schreiben: „Denn natürlich kann und darf in unserem Land kritisch über jedes Handeln welcher Regierung auch immer offen und frei diskutiert werden und gerade Frankfurt besitzt eine starke Tradition des gesellschaftlichen Diskurses. Interessant ist allerdings schon die Frage, weshalb bestimmte Gruppen immer wieder über die Politik Israels diskutieren wollen, und nicht etwa über das Regierungshandeln in Venezuela, dem Iran, Russland, China, dem Libanon etc.“

Diese absurde Frage will ich Ihnen gerne beantworten. Moshe Zuckermann, der Jude und Israeli ist, kann und will über sein Land reden und ich, der ich in Israel aufgewachsen, zur Schule gegangen und zum Dienst in der Armee eingezogen wurde, nehme mir auch das Recht über Israel zu reden, auch wenn es manchmal ungerecht ist; aber selten. Weil für Juden wie mich, Moshe Zuckermann und viele andere Juden, und Nicht-Juden, das Regierungshandeln in Israel wichtiger und näher ist, als was in Venezuela, dem Iran, Russland, dem Libanon und vielleicht auch Paraguay oder Panama passiert. Ja, auch was in China, Venezuela, Indien und Russland passiert, ist wichtig und sollte beobachtet und wenn nötig kritisiert werden, aber das sollen andere tun. Ich kehre vor meiner Tür.

Und Sie schreiben: „Auch hier liegt schon eine zumindest latent schwierige Haltung gegenüber dem einzigen Jüdischen Staat auf der Welt und gegenüber dem einzig demokratischen Rechtsstaat im Nahen Osten zu Grunde, aber dennoch darf über die dortige Regierungspolitik natürlich auch bei uns offen diskutiert werden.“ Auch das ist, wie alles bei Ihnen, verlogen und perfide. Wenn ich und meine Freunde offen über Israel diskutieren wollen, dann kommt ein gewisser Uwe Becker und will es uns verbieten.

Israel sollte ein demokratischer Staat sein für alle seine Bürger, von denen immerhin mehr als ein Viertel Nicht-Juden sind. Und was den demokratischen Staat betrifft, so gibt es inzwischen viele Israelis, die glauben, dass Israel eine Demokratur ist, keine Demokratie. Oder wie erklären Sie es, dass bei den letzten Wahlen eine Ministerin, Ajelet Shaked, ausgerechnet die Justizministerin, Werbung für den Faschismus gemacht hat, indem sie sagte, dass für sie der Faschismus wie die israelische Demokratie sei. Umgekehrt wird aber ein Schuh daraus, die israelische Demokratie ist wie Faschismus. „Der einzige jüdische Staat auf der Welt“ ist nicht demokratisch, nicht einmal gegenüber seinen jüdischen Bürgern und schon gar nicht gegenüber seinen arabischen Bürgern. Sie mögen es nicht glauben, aber was Sie glauben oder nicht glauben, zählt eh nicht. Hunderttausende oder gar Millionen von Israelis wissen es. Wenn Sie es nicht wissen, dann nur, weil Sie es nicht wissen wollen.

Sie schreiben: „Leider wird die antisemitische BDS-Bewegung von zu vielen noch immer in ihren eigentlichen Absichten verkannt.“ Eigentlich müsste man Sie deswegen wegen übler Nachrede, Hetze und Diskriminierung verklagen. Ohne Rücksicht auf die Folgen Ihres dummen Geschwätzes, behaupten Sie, die BDS sei antisemitisch, obwohl nach dem unsäglichen Beschluss des deutschen Parlaments hunderte von jüdischen und israelischen Intellektuellen einen Brief an das deutsche Parlament unterschrieben, dass BDS nicht antisemitisch sei. Und obwohl die außenpolitische Beauftragte der Europäischen Union ausdrücklich festgestellt hat, dass BDS nicht antisemitisch sei. Sie aber wissen es besser. Sie wissen auch besser, was die israelische Armee tut, als ich, der in ihr zwei Jahre gedient hat. Da stehen Sie und ihre bedauernswerten Kollegen auf und sagen: „Die spinnen, diese Juden. Die haben keine Ahnung.“

Sie wagen es zu schreiben: „Vor diesem Hintergrund ist es gut, dass etwa der Deutsche Bundestag im Mai dieses Jahrs einen wichtigen Beschluss zu BDS gefasst hat und das Engagement gegen diese Bewegung weitergeht.“ Es war ein beschämender Beschluss, ein Beschluss, für den sich die Deutschen eines Tages schämen werden, so wie sich heute für die Beschlüsse der Nazis schämen. Tatsache ist aber, dass die Bundesregierung den Beschluss nicht umsetzt und nicht umsetzen wird, weil sie weiß, dass er falsch und für Deutschland kontraproduktiv ist. Mit solchen Beschlüssen werden Sie, Herr Becker, das, was die Deutschen, vielleicht auch Ihre Eltern oder Großeltern, den Juden angetan haben, nicht wiedergutmachen. Und auch wenn Sie täglich fünf Mal vorbeten werden, dass BDS das tut, was die Nazis getan haben, nämlich „kauft nicht bei Juden“ fordern, so ist das trotzdem falsch, perfide, zynisch und der Versuch, die Nazis auf Kosten der Palästinenser reinzuwaschen. BDS ist nicht gegen Juden. BDS bekämpft die israelische Politik und kämpft für die Freiheit und Würde der Palästinenser. Wissen Sie überhaupt, was Freiheit und Würde ist?

Sie fürchten sich nicht so lächerliche Zeilen zu schreiben, wie: „Abschließend lassen Sie mich noch einmal das Thema des mangelnden Respekts und Anstands ansprechen. Es ist schon sehr bezeichnend, dass gerade jene, die so laut von Meinungsfreiheit sprechen wie Sie“, und Sie meinen mich „so rasch beleidigend und herabsetzend argumentieren, wenn andere eben auch andere Meinungen vortragen als die Ihre.“  Hören Sie manchmal ihrem eigenen Gerade zu? Lesen Sie manchmal nach, was Sie schreiben? Ich fordere von Ihnen Meinungsfreiheit und das kann nicht laut genug sein. Es ist Ihre Aufgabe als gewählter Politiker mit Verantwortung, meine Meinungsfreiheit zu schützen und nicht zu verbieten, es sei denn Sie sind in der Lage nachzuweisen, dass ich hetze. Gegen wen soll ich hetzen? Gegen mein eigenes Volk? Gegen mein eigenes Land? Meinen Sie nicht auch, dass wenn Israel mich an die Front schickt und in Kauf nimmt, dass ich falle oder sterben könnte, dass ich im Gegenzug dazu mir das Recht nehmen lasse, Israel wegen seiner Politik zu kritisieren? Sie aber nennen meine berechtigte Kritik einen Versuch Israel zu delegitimieren. Ich delegitimiere aber nicht Israel, sondern Israels Politik, was mein gutes Recht ist. Oder wollen Sie mir dieses Recht entziehen, mir und tausenden anderer Israelis?

Es ist noch bezeichnender, lächerlicher und absurder, wenn Leute wie Sie, die Meinungsfreiheit mit Füssen, nein mit schwarzen Stiefeln, in Grund und Boden stampfen, von Meinungsfreiheit reden. Das erinnert mich an Menschen wie Henryk M. Broder, die andere Menschen beleidigen und entwürdigen, für sich aber Respekt und Achtung erwarten. Sie haben drei Mal verhindern wollen, dass ich einen Vortrag halte oder mein Buch vorstelle und nur mit Hilfe des Gerichts, mit Hilfe einer einstweiligen  Verfügung konnte ich einen Raum bekommen. Einmal haben Sie mich erpresst, ja, regelrecht erpresst, und es tut mir heute noch leid, dass ich Sie nicht bei der Staatsanwaltschaft angezeigt habe, 500,– € Kaution und 300,– € Beteiligungskosten für den Saalschutz zu zahlen. Die Kaution habe ich zurückbekommen, die Kosten für den Saalschutz aber nicht. Sie benahmen sich wie ein Raubritter, wie ein Wegelagerer, der meine Lage ausgenutzt hat, um 300,– € zu erpressen.

Hören Sie deshalb auf von Respekt und Anstand zu reden, zumindest solange, wie Sie kein Respekt und Anstand haben.

Meine o. a. Antwort auf Uwe Beckers Mail:

Von: Uwe-Becker@stadt-frankfurt.de <Uwe-Becker@stadt-frankfurt.de>
Gesendet: Freitag, 18. Oktober 2019 08:43
An: abimelzer@t-online.de
Betreff: AW: BDS

Mein lieber Herr Melzer,

auch wenn nahezu jede Ihre Mails an mich mit persönlichen Beleidigungen beginnt, möchte ich selbst meine Kinderstube nicht vergessen und behalte jenen Respekt bei, der auch Ihnen im Umgang mit anderen gut täte. Denn letztlich ist genau jener Verlust an Respekt und Anstand in unserer Gesellschaft einer der Hauptgründe dafür, dass sich das gesellschaftliche Klima in unserem Land in den zurückliegenden Jahren verschlechtert hat.

Wenn ich Ihre Argumentation in Bezug auf die BDS-Bewegung lese, geht es mir genauso wie bei meinen Diskussionen mit Anhängern der AfD. Wenn ich diesen gegenüber erkläre,  dass die AfD aus meiner Sicht eine neo-faschistische Partei ist, die die Verbrechen der Schoah relativiert, Hass und Angst gegenüber Fremden schürt und unsere Gesellschaft auseinander treibt, dann höre ich sehr oft, dass dies doch nur Einzelfälle innerhalb dieser Partei wären und die AfD im Übrigen eher eine „konservative“ Partei „besorgter Bürger“ sei, die doch das Recht habe, die vermeintlichen Missstände im „System“ zu benennen. Und schließlich seien dort viele „honorige“ Persönlichkeiten vertreten.

So ähnlich klingen all die Argumente von Anhängern der BDS-Bewegung, die wie Sie behaupten, es ginge dieser Truppe doch nur um legitime Kritik an der Israelischen Politik. In beiden Fällen verkennen leider zu viele Menschen die wahren und eigentlichen Absichten. Denn natürlich kann und darf in unserem Land kritisch über jedes Handeln welcher Regierung auch immer offen und frei diskutiert werden und gerade Frankfurt besitzt eine starke Tradition des gesellschaftlichen Diskurses.

Interessant ist allerdings schon die Frage, weshalb bestimmte Gruppen immer wieder über die Politik Israels diskutieren wollen, und nicht etwa über das Regierungshandeln in Venezuela, dem Iran, Russland, China, dem Libanon etc. Auch hier liegt schon eine zumindest latent schwierige Haltung gegenüber dem einzigen Jüdischen Staat auf der Welt und gegenüber dem einzig demokratischen Rechtsstaat im Nahen Osten zu Grunde, aber dennoch darf über die dortige Regierungspolitik natürlich auch bei uns offen diskutiert werden.

Leider wird die antisemitische BDS-Bewegung von zu vielen noch immer in ihren eigentlichen Absichten verkannt. BDS geht es nicht um Kritik an einzelnen politischen Entscheidungen oder Positionen der Israelischen Regierung, sondern um die Zerstörung Israels. Und wer glaubt, dass darüber diskutiert werden kann, macht sich zum Helfershelfer des Israel bezogenen Antisemitismus. Und auch wenn nicht alle, die diese Bewegung unterstützen, selbst Antisemiten sind, so fördern sie mit ihrem Engagement doch eine Gruppierung, die selbst antisemitisch ist.

Vor diesem Hintergrund ist es gut, dass etwa der Deutsche Bundestag im Mai diesen Jahres einen wichtigen Beschluss zu BDS gefasst hat und das Engagement gegen diese Bewegung weitergeht.

Abschließend lassen Sie mich noch einmal das Thema des mangelnden Respekts und Anstands ansprechen. Es ist schon sehr bezeichnend, dass gerade jene, die so laut von Meinungsfreiheit sprechen wie Sie, so rasch beleidigend und herabsetzend argumentieren, wenn andere eben auch andere Meinungen vortragen als die Ihre.

Mit besten Grüßen

Uwe Becker

Ein Gedanke zu „Uwe Becker traut sich

  1. Lieber Abi Melzer,

    Dein offener Brief an Uwe Becker fasst alles zusammen, was gegen diese lächerliche und gleichzeitig gefährliche Person zu sagen ist. Bravo, und noch einmal Bravo!
    Dieser Mensch sollte schleunigst von seinen Ämtern entbunden werden, denen er sich sowieso zeitlich kaum wird widmen können, da er offenbar 24 Stunden am Tag die Botschaften seines Vordenkers, des rechtsradikalen isralischen Ministers für strategische Angelegenheiten Gilad Erdan in deutschen Medien verbreitet.
    Ich danke Dir für Dein Engagement, das ich sehr gern wie immer möglich, unterstütze.

    Björn Luley
    Frankfurt M

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