Verwechslung von Zionismus und Judentum entlarvt jüdische Studenten

von Yacov M. Rabkin

Ziemlich viele Juden fühlen sich angegriffen, wenn sie mit Israel-Kritik konfrontiert werden. Wenn jemand den Zionismus und die zionistische Struktur des israelischen Staate angreift, schreien sie sofort: Antisemitismus! Jüdische Studenten sind von diesem Reflex besonders betroffen, da sie nicht zwischen dem Zionismus und der jüdischen Identität, wie sie ihnen beigebracht wurde, unterscheiden können. Diese besondere Identität hat ihren Mittelpunkt in der politischen Unterstützung des israelischen Staates und seiner Regierungen. Die Interessen des israelischen Staates zu vertreten, spielt für diese Studenten eine Schlüsselrolle für ihr Dasein als Jude. Interessenvertretung für den israelischen Staat ist ein ausgewiesener Bestandteil des Lehrplans an vielen jüdischen Schulen. Deshalb ist es auch nicht überraschend, dass – kaum haben sie die ideologische Blase ihrer Schule verlassen – für viele Studenten die Ankunft auf dem Campus geradezu traumatisch sein kann.

Diese bildungspolitischen Leitlinien, die seit einigen Jahrzehnten von den meisten nichtultra-orthodoxen Schulen praktiziert werden, haben inzwischen Früchte getragen. Die Absolventen solcher Schulen glauben wirklich, dass Kritik an der Politik Israels gegenüber den Palästinensern eine Manifestation von Antisemitismus sei. Ihre Gefühle sind echt. Sie berücksichtigen nicht, dass es sich hier um den Versuch einer Bewusstseinsmanipulation handelt, die den Begriff des Antisemitismus für politische Zwecke missbraucht. 

In vielen Synagogen, außer den ultra-orthodoxen, ist unterdessen die Unterstützung des Staates Israel untrennbar mit der Liturgie verbunden. Man spürt förmlich den Enthusiasmus der Gemeindemitglieder, wenn sie aufstehen um Segen für den Staat Israel und sein Militär zu erbitten. Ein Enthusiasmus, der in der Regel in den traditionell wichtigen Teilen des Gemeinschaftsgebetes, wie dem Amida, nicht zu finden ist.

Viele Juden haben schlicht und einfach noch nicht begriffen, dass ihre Jahrtausende alte Religion und ethnische Identität sich zu einer neuen, politischen Identität entwickelt hat. Sie unterstützen Israel nicht nur finanziell, z. B. durch den Besuch von Konzerten israelischer Sänger; auf vielfältige Weise „verteidigen“ sie Israel. Manche scheuen sich sogar nicht, ihre Kinder zum Militärdienst zu ermutigen. Denn allein die Existenz eines Staates, der mit seiner Nationalflagge prahlt, der Existenz einer schlagkräftigen Armee und einer starken wirtschaftlichen Macht verleihen eine Art Stolz und Zugehörigkeitsgefühl zu etwas, das größer ist als die kleine private Existenz.

„Nachempfundener Israelismus“ hat die traditionelle jüdische Identität verdrängt. Dieser Wechsel ist umso leichter zu bewerkstelligen als diese neue Identität keinerlei Forderungen an seine Anhänger stellt. Die traditionelle jüdische Identität gründet sich auf dem Gehorsam gegenüber der Thora und ihren Vorschriften; beides wirkt sich sowohl auf den privaten Bereich (Essensvorschriften, persönliche Beziehungen) als auch auf den öffentlichen (Fahrverbot am Sabbat, angemessene Kleidung) aus. Der „nachempfundene Isrealismus“ dagegen fordert seinen Anhängern keine besonderen Verpflichtungen ab, gleichwohl vermittelt er eine Art von Dazugehörigkeit. „Nachempfundener Israelismus“ bricht klar mit dem traditionellen Judentum, das gilt auch für den Bereich des Mitgefühls gegenüber den Armen und Geknechteten. Israel dagegen steht heute für militärische Vormacht, politische Macht und wirtschaftlichem Erfolg. Der israelische Intellektuelle Boaz Evron ist der Ansicht, dass „ moralische Identifikation mit Machtpolitik nichts anderes als Götzenanbetung“ sei. Gleichzeitig betont der amerikanische Theologe Marc Ellis das ebendiese Identifikation zur „Katastrophe“ führen werde, weil „kollektiver Stolz auch kollektive Schuld“ bedeute.

Für viele Juden scheint die Kritik am Zionismus und am Staat Israel ein Widerspruch in sich zu sein. Einige jedoch erinnern daran, dass der Zionismus nichts anderes als eine politische Bewegung ist, die am Ende des 19. Jahrhunderts in Europa entstand, aber von der großen Mehrheit der Juden – sowohl religiösen als auch assimilierten – abgelehnt wurde. Die Balfour Deklaration, in der die Unterstützung des Zionismus von britischer Seite schriftlich niedergelegt wurde, wurde von Edwin Montagu, dem einzigen jüdischen Mitglied des britischen Kabinetts, als „antisemitisch“ angeprangert.

Als mein Buch über die jüdische Kritik am Zionismus erschien – zuerst auf Französisch, dann in mehr als einem Dutzend anderer Sprachen – war es allein der israelische Verleger, der dem Buch den Untertitel gab: Die Geschichte eines fortgesetzten Kampfes. Und wirklich: Die meisten Israelis sind sich bewusst, dass die Juden (die ultra-orthodoxen Einwohner Jerusalems eingeschlossen) den Zionismus ablehnen; sie verweigern den Militärdienst und sitzen zusammen mit religiösen Gewissens-Verweigerern in israelischen Militärgefängnissen. Diese Tatsache wird selten erwähnt, geschweige denn an jüdischen Schulen gelehrt.

Deshalb unterstützen viele Juden – und noch mehr evangelikale Christen – Israel leidenschaftlich, ebenso viele aber kritisieren die israelische Politik und stellen sich auf die Seite der Palästinenser. Es sind Juden, die eine herausragende Rolle bei der Kampagne „Boykott, Divestment and Sanctions“ (BDS) spielen mit dem Ziel mäßigend auf die israelische Politik gegenüber den Palästinensern einzuwirken. Nichts spaltet die Juden mehr als die Israel-Frage.

Wenn Identitätspolitik eine Politik der Ideen ersetzt, passiert es schnell, dass man politische Kritik mit einer rassistischen Bemerkung verwechselt. Es ist interessant, dass jene, die den pro-palästinensischen Bewegungen auf dem Campus Antisemitismus unterstellen, gleichzeitig ihre Freude darüber zum Ausdruck bringen, wie gut das jüdische Gemeindeleben auf ihren Universitäten funktioniert. Es ist nicht ihr Judentum, sondern es sind ihre politischen Ansichten und Aktionen die Zurückweisung provozieren.

Unsere Gesellschaft ist politisch breit gefächert und es ist wichtig, dass das so bleibt; dazu ist es wichtig, dass man ethnischen oder religiösen Fanatismus von politischer Auseinandersetzung zu unterscheiden vermag. Damit dies gelingt müssen wir auf der Hut sein vor der sorgfältig gepflegten Vermischung von Judentum und Zionismus.

Der Autor ist Professor für Geschichte an der Universität von Montreal und Gründungsmitglied von „Canada’s Independent Jewish Voices“; die neuesten erschienenen Titel von ihm lauten A Threat from Within: A Century of Jewish Opposition to Zionism (Zed/Palgrave-Macmillan) und What is Modern Israel? (Pluto/ University of Chicago Press).

Englische Version.

 

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