Zukunft für Palästina?

Die Konferenz über die Zukunft Palästinas hat ein sehr düsteres und hoffnungsloses Bild der Entwicklung des Nahost-Konflikts gezeigt. Die gut informierten und leidenschaftlich engagierten Referenten vermochten es aber leider nicht, die Stimmung zu heben und Hoffnung zu verbreiten.

Rolf Verleger erklärte in seiner Eröffnungsrede, wo der Zionismus entstanden ist, nämlich in Osteuropa, und wurde nicht müde zu betonen, dass bei all den zionistischen Schriften und Erklärungen, Träumen und Plänen die Palästinenser, die das Land bewohnten, eigentlich nie erwähnt wurden, als ob das Land tatsächlich ohne Volk gewesen wäre und auf ein Volk ohne Land nur gewartet hätte. Die Ursünde des Zionismus steckte schon in seiner Gründung. Weder Pinsker noch Herzl beschäftigten sich mit den Bewohnern des Landes Palästina, mit den Palästinensern.

Die folgenden Referenten Dr. Ghaleb Natour und Ekkerhard Drost berichteten über das hoffnungslose Leben der unterdrückten Palästinenser in ihrem eigenen Land, das ihnen nicht mehr gehört. Ich gehe davon aus, dass für die meisten Zuhörer und Teilnehmer an diesem Kongress das alles nicht neu war, denn viele von ihnen kennen das z. B. aus Reisen nach Israel und Palästina.

Auch die Referate von Prof. Norman Paech und Dr. Gerhard Fulda, die von der Ohnmacht des Völkerrechts und der verkehrten, Unrecht verlängernden Politik der deutschen Regierung berichteten, bedrückten die Anwesenden und riefen Ratlosigkeit und bei manchen sogar Entsetzen hervor. Israel verletzt permanent das Völkerrecht, und die Völker schweigen. Nichts von dem, was man Israel erlaubt und worüber man schweigt, ignoriert die Völkergemeinschaft im Falle Russlands, Nord-Koreas, Irans und sonst wo. Man klagt den Iran an, weil er angeblich eine Atombombe bauen will und schweigt zu den mehr als 200 Atombomben, die Israel bereits hat und mit denen es die ganze Welt erpresst. Es ist, wie die israelische Schriftstellerin Lizzie Doron in ihrem Vortrag beklagte, der Schatten der Shoah, der überall die Welt verdunkelt, besonders aber bei uns in Deutschland und, das wissen vielleicht nicht alle, auch in Israel.

Ein Höhepunkt war für mich die messerscharfe und hochintelligente Analyse zum Kongress-Thema von Michael Lüders: Die Zukunft Palästinas/Israels und der ganzen Region. Er legte überzeugend dar, dass wir im Nahen-Osten kurz vor einem Weltkrieg stehen und das die Politik Donald Trumps und Benjamin Netanjahus nur noch mehr Öl ins Feuer gießt, und je mehr sich die Situation zwischen Israel und dem Iran zuspitzt, desto näher rückt ein solcher Krieg auf uns hier in Europa zu. Die Welt ist im letzten Jahrzehnt durch kriminelle Politiker wie Putin, Erdogan, Netanjahu und zuletzt Trump gefährdeter und unsicherer geworden. Israel, die dominante Macht im Nahen Osten, setzt seine Dominanz ein, um den Palästinensern auch noch die allerletzte Hoffnung auf einen eigenen Staat zu rauben. Selbstgerecht und arrogant, unterstützt von Trump schaltet und waltet es nach Gutdünken – und eingeschüchtert schweigt Europa dazu, insofern muss man sagen, dass es auch von Europa unterstützt wird, ganz besonders von Deutschland.

Damit nicht eine allzu hoffnungslose Stimmung zurückbleibt, wurden zu guter Letzt noch zwei Initiativen vorgestellt, die sich für Frieden und Verständigung und vor allem Dialog einsetzen: Die Combatants for Peace und die Partnerschaft zwischen deutschen und palästinensischen Städten. Da das den Veranstaltern von BIB aber offensichtlich nicht ausreichte, beschloss man den Tag mit jüdischer Folklore und Erinnerung an den Holocaust, mit dem wunderbaren Stück „Nicht ganz kosher!“ mit Nirit Sommerfeld und ihrem Shlomo-Geistreich-Orchester, zu beenden. Damit konnte man zwar die Stimmung heben, aber nicht die Moral.

Für mich wurde es da allerdings ungemütlich. So sehr ich die Darbietung bewunderte, so wenig konnte ich sie genießen, weil sich mir die Frage aufdrängte, ob dieses gute Stück als Abschluss passend war. Jüdische Folklore, die mich zwar an meine jüdischen Wurzeln erinnerte und mich ansonsten dazu gebracht hätte, die israelischen und jiddischen Lieder, mit denen auch ich aufgewachsen bin, mitzusingen, lag mir da aber wie ein Stein im Magen. Ich musste daran denken, wie die palästinensischen Teilnehmer sich wohl fühlen mussten, wenn ein Kongress, der sich mit ihrem Schicksal beschäftigte, mit jüdischer Folklore endete. Für mich war es nicht mehr und nicht weniger, zwar sicherlich ungewollt, die subtile Dominanz des Zionismus, den wir doch eigentlich bekämpfen wollten.

Warum hat man nicht zum Beispiel den Schauspieler Jürgen Jung aus München eingeladen, der mit seinem Programm aus Gedichten von Mahmoud Darwisch und Erich Fried eher den Geist des Kongresses und die Herzen auch der Palästinenser erreicht hätte?

Das Stück „Nicht ganz kosher!“ ist – noch einmal – ausgezeichnet, aber nicht als Abschluss eines solchen Kongresses, und ich sage das offen und direkt, obwohl mir klar ist, dass manche mit mir nicht einverstanden, und mich wahrscheinlich auch nicht verstehen werden. Bei anderer Gelegenheit hätte ich das Stück sehr wohl genießen können.

Für uns Eingeweihte und insbesondere für mich, der ich mich schon seit mehr als 40 Jahren mit dem Konflikt beschäftige, hat der Kongress zwar keine neuen Erkenntnisse gebracht, aber allein die Tatsache, mehr als 200 Mitstreiter und darunter viele Freunde zu treffen, war die Reise schon wert.

Höchst bedauerlich war allerdings, dass man es versäumt hat, auch über das Problem zu sprechen, das uns hier und heute am meisten bedrängt, nämlich die Zensur, die deutsche Städte und Medien über unser Anliegen verhängt haben. In der Podiumsdiskussion am letzten Tag wurde das zwar thematisiert, aber da habe ich mich schon sehr gewundert, wieso Rolf Verleger im Schlusswort des Veranstalters die Kritik von Michael Lüders so relativierte und als Panikmacherei abtat. Lüders hatte zu Recht bedauert, dass in der deutschen Presse Selbstzensur herrscht und man über den Konflikt nur einseitig informiert wird. Rolf Verleger meinte, dass er in seiner Lübecker Zeitung sehr wohl schon einen für uns positiven Beitrag gelesen habe. Das mag schon sein, es gab durchaus positive Artikel in der Frankfurter Rundschau, in der FAZ, in der ZEIT und sogar in der SZ. Aber das waren Ausnahmen. Auf jeden kritischen Artikel zum Nahost-Konflikt und zur Politik Israels, gab und gibt es mehr als ein Dutzend positive Artikel über Israels Politik und ebenso viele kritische Artikel über unser Anliegen eines gerechten Friedens und der Beendigung der Besatzung. Allein der Bericht in der Rhein-Neckar-Zeitung über diese Konferenz war mehr oder weniger typisch für die Berichterstattung der letzten Monate. Die Heidelberger Lokalzeitung bezeichnete den Kongress als ein Treffen von Antisemiten.

Was wir normalerweise da lesen ist die übliche einseitig-positive Berichterstattung über Israel und den Zionismus, und Kritik an diesen wird eher ignoriert und delegitimiert und schließlich sogar kriminalisiert. In höchst unangenehmer Erinnerung ist mir die FR geblieben, die am 9. Januar 2018 die ersten drei Seiten ausschließlich dem Zentralrat der Juden in Deutschland widmete und Josef Schuster ausgiebig zu Wort kommen ließ. Wann wird wohl eine deutsche Tageszeitung die ersten drei Seiten einem Rolf Verleger, einem Moshe Zuckermann oder gar mir zur Verfügung stellen?

Es gab also keinen Grund, das düstere Bild zu relativieren oder gar aufzuhellen. Es ist und bleibt dunkel.

12 Gedanken zu „Zukunft für Palästina?

  1. Landnahme, Unterdrückung und Vertreibung gehören zur Geschichte aller großen europäischen Staaten und natürlich insbesondere auch der Neugründungen auf dem nordamerikanischen Kontinent und Australiens. Zionisten werden – mit welchem Recht auch immer – darauf verweisen können.

    Was einen Teil der Menschheit erstaunt ist, das es ausgerechnet Nachkommen jener Juden sind, deren Vorfahren in der „Diaspora“ als emanzipierte Weltbürger jenen Nationalismus, Chauvinismus, Faschismus in Europa geißelten, den der Zionismus nun in seiner hässlichsten Form in Palästina bei den Nachkommen jener einst Diskriminierten und Verfolgten und um Emanzipation bemühten zu Tage fördert.

    Dass der Kampf gegen den „Antisemitismus“ als Firewall entwickelt wurde und beständig weiter verstärkt wird, hinter der sich jene Fratze des hässlichen Juden ausleben lässt, das ist wohl der Gemeinheit der anderen geschuldet, die zwar schweigen, aber nicht wegschauen, was in Palästina und andernorts durch Juden zum vermeintlichen Wohl des jüdischen Volkes und des „Friedens“ geschieht.

    Das Schicksal der Palästinenser interessiert die Welt ebenso wenig wie das jener anderen Völker, die als unterdrückte Minderheiten überall in der Welt leben; soviel Zynismus kann man als Bestandteil der „Pressefreiheit“ Verlegern und Chefredakteuren schon unterstellen.

  2. Dass die israelische Perspektive das Programm der BIB-Konferenz dominierte, dürfte damit zusammenhängen, dass nur 1 Palästinenser im BIB-Vorstand ist, Ghaleb Natour.
    Die Einschätzung der höchst gefährlichen Lage durch Michael Lüders kann ich auch nicht abschwächen, wie Rolf Verleger es getan hat – leider! Vielleicht wollte Rolf der Resignation etwas entgegensetzen.
    Ich habe „Nicht ganz koscher“ noch nicht gekannt und muss zugeben: es hat mich so angesprochen, dass ich an Dein berechtigtes Bedenken, was es für die palästinensischen Teilnehmenden bedeuten mag, nicht gedacht habe.
    Insgesamt war die Tagung gerade mit ihren Begegnungsmöglichkeiten für mich wichtig und wertvoll.

  3. @Lieber Karl K,
    da haben Sie gut und richtig kommentiert. Dass die israelische Regierung sich heute auf den historischen „Imperialismus/Kolonismus“ beruft, ist eine Strategie, die zwischen Blödheit und Frechheit hin ind her pendelt.
    Man darf nicht aufhören, solch einem Regime entgegen zu rufen: Wir hatten das schon! Es ist überholt! Heute zählen Menschenrechte und UN!!!

    Deshalb wäre es auch schön, wenn der Vortrag von Michael Lüders, der ja immerhin dem kritischeren Fernsehpublikum bekannt ist – und den man natürlich kennt, wenn man seine Bücher gelesen hat – irgendwo auf youtube nachzuhören wäre.
    Hat jemand diesen Vortrag aufgezeichnet?? Besser noch die ganze Konferenz??

    • Die „Singularität“ des Holocaust wurde u.a. damit erfolgreich verkündet, weil es sich um einen „Zivilisationsbruch“ handele, man gerade „den Deutschen“, dem Volk von Goethe, Schiller, Kant und Beethoven solche Untaten nicht zugetraut hätte.

      Einige Zionisten und auch viele Holocaustüberlebende und deren Nachkommen und Parteigänger wundern sich, warum sich die Welt stärker mit ihrem Verhalten in Israel und andernorts beschäftigt als mit dem der Wahabiten oder libyscher Stammesfürsten und deren Clans.

      Man hätte es gerade diesen Nachkommen aus jüdischen Familien – die in der Diaspora lebend fleißig Minderheitenrechte einfordern, gegen Diskriminierungen auftreten, jeden völkischen Ansatz in der Politik ablehnen und beständig auf der Hut sind, dass keinem der Ihren auch nur ein Härchen gekrümmt wird (womit ich durchaus einverstanden bin, wenn es sich denn um eine Grundhaltung gegenüber allen Menschen handelt) – nicht zugetraut, jenes Verhalten zur Staatsdoktrin in ihrem eigenen „Judenstaat“ zu machen, das ihre vom Humanismus geprägten Vorfahren bei anderen Völkern geißelten.

  4. Jede Berichterstattung ist auch eine subjektive Beurteilung: Auch wenn düstere Analysen z.T. Realität zu werden drohen (?) – können wir uns trotzdem entscheiden ins Leben zu investieren ! Für mich war DAS die Schlussfolgerung aus den Vorträgen und Diskussionsbeiträgen.
    Auch im Keller (Weltkrieg II) war das Überleben in hoffnungsloser Lage möglich . Auch wo Moral und Hoffnung scheinbar tot sind, sind wir nicht willenlose Ausgelieferte (Viktor Frankl) Hilfsbereitschaft ist sinnvoller als Feindschaft. Allen die noch nie in den besetzten Gebieten waren wünsche ich einige der zahlreichen kreativen Projekte zu erleben – allein in den Kulturzentren der Flüchtlingslager. Die Hoffnungslosen waren für mich die Jungen draussen vor dem Konferenzhaus, die die mit Überzeugung verdrehte und falsche Fakten erzählten und nicht wissen , dass sie der zionistischen Propaganda(Hasbara) auf den Leim gehen. Was einer gründlichen Analyse bedarf: Wieso stehen gerade israelische Waffenfabrikanten in einem so positiven Licht, dafür dass sie mit ihrer Intelligenz immer präzisere Waffen zum Töten erfinden müssen (?) . Für mich war die Konferenz in mehrfacher Hinsicht Inspiration zum Aufstand gegen diese Todeskultur. Auch Lizzi Doron steht für Wachheit und Menschlichkeit – indem sie die unterschiedlichen schmerzhaften Narrative ineinander verwebt.. Neben den „Combattants for Peace“ und den Möglichkeiten zu Städtepartnerschaften -blieben die zahlreichen Projekte unerwähnt, die vor Ort Alternativen zur Hoffnungslosigkeit leben. SUMUD, arabisch = Standfestigkeit /Ausdauer. Es gibt sehr Vieles zu be-ackern – ganz besonders im historischen Palästina. Nach dieser Konferenz habe ich mir bereits die Fortsetzung für’s nächste Jahr gewünscht !

  5. „Wo aber Gefahr wächst, wächst das Rettende auch“ Friedrich Hölderlin. „Wir können uns den Luxus der Resignation nicht leisten“ sagte eine der bekanntesten palästinensischen Friedensaktivistinnen Sumaya Farhat Naser – und schafft Veränderungen in alltäglichen Projekten vor allem mit Frauen.
    Warum nur geht vom Zionismus soviel Zerstörung durch Unterdrückung, Verachtung und Verleugnung aus ?
    Während Wochen wurden in Bern in der Foto-Ausstellung von Wolfgang Sréter „Übe das Leben jetzt“ die eindrücklichen Bilder einer Kreativität in den palästinensischen Gebieten gezeigt, die „das Leben feiert“ – trotz Allem ! Auch das Konzert „nicht ganz koscher“ feierte das Leben. Bei allem Respekt vor persönlich bedrückenden Assoziationen – ich stimme dem Ansatz von Rolf Verleger zu. Die Heidelberger Konferenz zeigte keinerlei Schönfärberei – und war mir gerade deshalb eine grosse Inspiration.

  6. Eine schonungslose Analyse der IST-Situation kommt zu dem Ergebnis, dass das Agieren der Israel-Kritiker in der BRD kein richtiges Ziel hat und durch sein Zersplittertsein keine Veränderung bewirken kann. Insofern ist uns die Gegenseite, strategisch aufgestellt, gut organisiert und von unseren deutschen Politikern massiv unterstützt, total überlegen. Von kompetenter Seite wurde einigen von uns schon vorausgesagt, dass wir vielleicht in 20 Jahren etwas verändert haben würden, wenn wir so weitermachen wie bisher. Welch eine Perspektive!
    Heißt also erstens: Wer etwas zeitnah verändern will, muss sich vernetzen. Und zweitens: Ein klares Ziel muss her. Z.B. Was wollen wir in diesem Jahr noch erreichen. Ständige Selbstbefriedigung und -Beweihräucherung sind kein Ziel.

  7. Lieber Abraham,
    Deine Kritik am musikalischen Samstagabend kann ich nicht nachvollziehen. Es war für mich keine „jüdische Folklore“, sondern ein gelungenes Miteinander von berührenden Schilderungen Nirit Sommerfelds (Anm.: die trotz der anstrengenden organisatorischen Arbeit dazu in der Lage war) und der guten Musik. Was einen kulturellen palästinensischen Beitrag das nächste Mal nicht ausschließt. – Deine sonstigen Ausführungen zur BIB-Konferenz teile ich, wobei das derzeit en vogue – Feindbild Putin nicht hätte sein müssen.

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  9. Das Gefühl der Machtlosigkeit zu überwinden,
    das daher kommt, dass die Saboteure der internationalen Ordnung aufgrund der Unteilbarkeit der Menschenrechte, die autoritären Kriegstreiber und Nationalisten momentan Oberwasser zu haben scheinen, bedeutet diese Untellbarkeit ins Zentrum von Debatten gegen AS hier zu stellen, also Debatten nicht gegen AS sondern gegen alle Arten von rassistischer Diskriminierung und für die Unteilbarkeit der Menschenrechte als WICHTIGSTER Lehre aus der Schoa.. also zusammen mit den Menschen, die sich gegen andere Rassismen wehren usw. um eine Plattform für einen anderen Blick zu bilden, was wir als Menschen/heit brauchen, um die Kriegstreiber aufzuhalten und den Planet zu lernen gut zu behandeln…Das sollte als Generationen Frage konstelliert werden : gemeinsame Zukunft, wohingegen die vereinten Harmaggedon Freaks alt aussehen. Der Schatten der Schoa, kann so ev. auch anders besprochen werden.

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