Antisemitismus – Kein Witz?

In der Süddeutschen Zeitung hat Matthias Drobinski vom 27.Dezember 2018 einen Artikel mit dem Titel veröffentlicht: Antisemitismus – Kein Witz. Natürlich ist das eine banale Erkenntnis. Der Antisemitismus ist verantwortlich für die Ermordung Millionen von Menschen, nur weil sie Juden waren. Und dennoch machen Komödianten und Satiriker, darunter auch Juden, Witze auf Kosten der Opfer und empfinden offensichtlich größte Genugtuung, wenn ihr Publikum brüllt und lacht. Da fragt man sich, was es da zu lachen gibt, wenn der jüdische Comedian Oliver Polak einem staunenden Publikum verkündet: „Ich habe diese neue App, sie heißt Anne-Frank-App und zeigt dir die besten Verstecke in Europa.“ Das ist eine krankhafte Art mit einem angeblich wachsenden Antisemitismus in Deutschland umzugehen, zumal wenn man sich, wie Polak, in Wirklichkeit Sorgen macht.

Als Polak einmal vorschlug, dass vielleicht nicht das gesamte Programm auf sein Jüdischsein verwendet würde, entgegnete ihm der Veranstalter: „Sorry, aber dein Judentum ist dein ´Unique Selling Point`, da musst du jetzt durch.“ Und so verkauft Polak schon seit Jahren sein „Jüdischsein“ gegen harte Währung.

Wenn man den Beitrag in der SZ gelesen hat und die Umstände berücksichtigt, die dazu geführt haben, dann muss man zur Schlussfolgerung gelangen, dass der Antisemitismus doch ein Witz ist, wenn auch ein geschmackloser und peinlicher. 

In Deutschland leben viel zu viele Experten solcher Witze. Wir haben naive Antisemitismus-Beauftragte von allerhöchsten Stelle und daneben auch ganz gewöhnliche, selbsternannte Antisemitismus-Experten, die uns permanent überzeugen wollen, dass ein neuer Holocaust vor der Tür steht, dass in Auschwitz bald die Schornsteine wieder rauchen werden und dass die DNA der Deutschen von Anfang an antisemitisch war. Man macht inzwischen ganz offen und öffentlich Witze über Juden und besonders beliebt sind Juden, die Witze über sich selbst und über den Holocaust machen, und dabei selber zu Witzfiguren werden. Sie erzielen auf Kosten von sechs Millionen ermordeter Juden billige Lacherfolge, wie zum Beispiel Oliver Polak, der mit seinen geschmacklosen und widerlichen Witzen inzwischen die Peinlichkeiten früherer selbsternannter Antisemitismus-Experten, und von der Presse als „Hofjuden“ titulierte Glaubensgenossen, längst mit seinem Motto „Ich darf das – Ich bin Jude !“, übertroffen hat.

Polak und Broder, Knobloch und Schuster, Netanjahu und Kushner dürfen das tun, was sie tun, weil sie Juden sind. Wären sie keine Juden, dann hätte die öffentliche Kritik sie längst in der Luft verrissen und zerrissen. Das sie alle Antisemitismus machen, ist ihnen egal. Hauptsache auffallen und für Schlagzeilen sorgen. Was interessiert sie ihr Geschwätz von gestern. Auf morgen kommt es an, darauf, dass Täter sein Spaß macht und man als Täter länger lebt.

Wenn Polak einem sprachlosen, staunenden Publikum erzählt: „In Deutschland reise ich normalerweise mit dem Zug – eine alte jüdische Familientradition. Die Abfahrtszeit kann man nicht aussuchen, dafür sind aber die Tickets kostenlos. Das Problem: Alle Züge fahren nach Polen“, ist man sprachlos. Das Publikum bricht nach wenigen Sekunden in anhaltendes, immer stärker werdendes Lachen aus. Endlich kann man über Auschwitz lachen, nachdem Henryk M. Broder schon vor Jahren Auschwitz relativiert hatte und es mit einem Club-Mediterrane verglich, als er sagte, dass das Beste an Auschwitz die Cafeteria sei. In den Öfen, die man dort vorgefunden hat, hatte man wohl Kuchen gebacken und wer behauptet, dass man dort Juden verbrannt hat, ist wohl ein Spinner und kein Holocaustleugner. Wer will da noch behaupten, dass Antisemitismus „kein Witz“ ist?

Matthias B. aber gießt seinen Zorn über Jan Böhmermann, dem er zwar bescheinigt kein Antisemit zu sein, ihm aber vorwirft „er höhnte über den Massengräbern der Ermordeten“ den jüdischen Komiker Oliver Polak, der aber selbst über Massengräbern ermordeter Juden, darunter seine und meine Familienangehörigen, Millionen anderer Juden verhöhnt, beleidigt, diskreditiert und bloßstellt.

Satire darf alles, sagte der jüdischer Satiriker Kurt Tucholsky. Man muss aber auch wissen, wo die Grenzen sind, wo sie auf Kosten derjenigen, die sich nicht mehr wehren können, billige Lacher erzeugen, die später wie ein Bumerang zurückkommen und den Komödianten selbst treffen. Das passiert Oliver Polak immer wieder, wenn nach einer peinlichen Show ein Zuschauer aus dem Publikum zum Beispiel zuruft: „Der letzte Zug nach Ausschwitz fährt doch gleich.“ Das ist „saukomisch“ meint Drobinski, und er hat Recht. Aber saukomisch sind auch Polaks Witze, die eigentlich keine Witze sind.

Wir haben in unserem Land zu viele Experten für Antisemitismus, die bei jeder Banalität und Absurdität gleich „Haltet den Dieb“ rufen, obwohl nichts gestohlen wurde. Wenn die diversen Antisemitismus-Beauftragten, die nicht müde werden zu betonen, dass sie „Beauftragte gegen den Antisemitismus“ sind, endlich begreifen werden, dass sie nichts gegen den „Antisemitismus“ machen können, als aufzuklären, was Antisemitismus nicht ist. Wir brauchen keine Blockwarte, die jede noch so harmlose angeblich antisemitische Diffamierung registrieren und verfolgen. Eine Diffamierung, auch wenn es eine antisemitische Beleidigung ist, ist eine Beleidigung und kann angezeigt werden.

Antisemitismus wird erst dann gefährlich und bedroht erst dann „die Juden“, wenn er vom Staat organisiert und gelenkt wird. Die Judenverfolgungen im Mittelalter waren so, die Pogrome in Osteuropa und zuletzt die Judenverfolgung in Deutschland. Erst durch die Unterstützung staatlicher Behörden und Organe ist aus dem latenten Judenhass eine rassistische Judenverfolgung geworden. Der einzige Schutz dagegen ist die Bewahrung einer demokratischen Grundordnung und die Bewachung der Demokratie durch ein humanes und humanistisches Grundgesetz, das, wie in Deutschland, die Würde des Menschen an erster und höchster Stufe stellt, ohne Rücksicht auf Geschlecht, Religion, Abstammung und politischer Ausrichtung. Was der einzelne Bürger denkt, ist seine persönliche Sache, denn schließlich sind die Gedanken frei. Was er tut wird vom Staat überwacht und Straftaten sind Straftaten und müssen vom Staat geahndet werden und nicht von einer vermeintlichen Sittenpolizei oder von einem Judenreferenten, der sich heute Antisemitismus-Beauftragter nennt oder vom Vorsitzenden des Zentralrat der Juden oder Präsidentin der Israelitischen Gemeinde in München.

Und es muss endlich klar sein, dass eine Behauptung, man sei reich, weil man Jude sei oder wenn man etwas heftiger Israel kritisiert, obwohl man noch nie dort war, nicht als Antisemit identifiziert werden darf.

Wir müssen dafür sorgen, dass unser Staat und seine Organe funktionieren, dann haben wir alle Schutz und die Juden müssen sich nicht vor alten, neuen, linken, rechten Antisemitismus fürchten und die diversen Antisemitismus-Beauftragte könnten zuhause bleiben. Es nützt auch nicht überall den Antisemitismus zu suchen, besonders dort, wo er nicht vorhanden ist, wie zum Beispiel bei der BDS-Kampagne, die mit wirtschaftlichen Druck die Einhaltung von Menschenrechte und Völkerrecht erzwingen will, und alles andere ist, als der Nazislogan: „Kauft nicht bei Juden“. BDS strebt nicht das Ende Israels an. Dafür gibt es keinerlei Belege in der Satzung dieser Bewegung. Es ist und bleibt eine zynische und böswillige Unterstellung, die von denjenigen erhoben wird, die weder eine Ein-Staat, noch eine Zwei-Staaten-Lösung wollen, sondern mit dem gegenwärtig vorhandenen Apartheid-Zustand zufrieden sind und diesen auf das ganze historische Palästina ausdehnen wollen.

Und wir alle sollten nicht vergessen und nicht ignorieren, dass BDS von zahlreichen Juden und Israelis unterstützt wird. Wollen die Gegner von BDS Juden, die für die humanistische Tradition des Judentums stehen, ihr Jüdischsein absprechen? Dies tun mit typisch deutscher Gründlichkeit die Enkel und Urenkel der Mörder. Viele von diesen befinden sich scheinbar in den Reihen der sogenannten Antideutschen.

Viele Zionisten und BDS-Gegner stützen sich auf die absurde Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), die auch für die deutsche Regierung maßgebend ist. Die meisten wissen aber nicht, dass die „Jewish Voice of Labour“ ebenso wie ein Londoner Institut für Antisemitismus-Forschung diese Definition der IHRA kritisch kommentiert haben, ähnlich wie Moshe Zuckermann, Ilan Pappe, Prof. Rolf Verleger, die Jüdische Stimme für gerechten Frieden und Gideon Levy und andere jüdische und israelische Intellektuellen. Diese werden aber von Zionisten und jüdischen Rassisten stigmatisiert und als „Antisemiten“ oder „selbsthassende Juden“ diffamiert. Vermeintliche Linke rechtfertigen teilweise den israelischen Land- und Wasserraub und die Inhaftierung von Kindern, und Angela Merkel, die noch amtierende Kanzlerin, verstopft die Ohren und verschließt die Augen  vor dieser Verwirrung der Geister und meint, wir Deutsche sollten uns nicht einmischen bei „inner-israelischen“ Angelegenheiten, auch wenn es sich um Verletzung der Menschenrechte und des Völkerrechts handelt.

Herr Drobinski scheint aber selber unbewusst rassistisch zu argumentieren, im Sinne des im Westen tief eingewurzelten Orientalismus. Sonst hätte er nicht die Formulierung gebraucht „…dass nun viele Menschen aus dem Nahen und Mittleren Osten gekommen sind, denen einiger Antisemitismus eingetrichtert wurde.“

Hier muss Antisemitismus gar nicht „eingetrichtert“ werden. Schließlich sorgt die barbarische Besatzungs- und Siedlungspolitik des faschistoiden Apartheidstaats Israel gegenüber den Palästinensern sowie seine völkerrechtswidrigen Militäraktionen gegen seine arabischen Nachbarstaaten ganz von selbst dafür, dass Kritik bis hin zu Hass gegen israelische Juden und die in Deutschland sich mehrheitlich mit Israel solidarisierenden Mitglieder jüdischer Gemeinden entstehen kann.

6 Gedanken zu „Antisemitismus – Kein Witz?

  1. Die gesamte Antisemitismus-Debatte nimmt mittlerweile geradezu antidemokratische Züge an: indem ich die Definition von Antisemitismus derart ausweite, dass sich darin jede kleine Äußerung gegen die Politik des Staates Israel oder eine humanistische Parteinahme für die Palästinenser, darin verfängt, finde ich plötzlich überall Antisemitismus. Jede andere Theorie, die sich auf derart schwache Indizien stützt, würde man gemeinhin als Verschwörungstheorie bezeichnen, wobei es einen großen Unterschied gibt: Der normale Verschwörungstheoretiker wird mir eventuell nur etwas lästig, diese Art von Verschwörungstheorie aber arbeitet mit Rufmord!

    • Der Begriff „antisemitisch“ kann beliebig auf alles bezogen werden; ein Homonym mit über 180 „Definitionen“ (bzw. Gleichsetzungen).

      Heute dient er vor allem zur Diffamierung und Beleidigung von pol. Gegnern, die Apartheid, ethnische Säuberungen und die Weigerung, Nichtjuden mit Juden rechtlich gleichzustellen, verurteilen und zu Boykotten aufrufen.

      Wer also die Forderung „Juden und Nichtjuden gleichberechtigen!“ aufstellt (im Sinne Grundgesetz Art. 3), wird von faschistischen, zionistischen oder rassistischen Leuten als „Antisemit“ beleidigt und diffamiert.

      Viel mehr als ein Schimpfwort (wie „Idiot“) ist Antisemitismus heute sehr selten.

      Bedenkt man jedoch, dass alle Palästinenser zu den Semiten zählen, so stimmt wohl die Aussage, dass der jüdische Antisemitismus bis heute ein riesiges, oft tödliches Problem darstellt.

      Proteste gegen jüdischen Antisemitismus kennt man bei AJC, IKG, ZdJ, Bnai Brith, .. offenbar nicht.

  2. Ich sehe es genauso; Knobloch verlangt permanente Rechtsverletzungen die langfristig den scheinbar Begünstigten gefährlich werden können.
    Wirklich große jüdische Persönlichkeiten wie Edmund Husserl, Vladimir Jankelevich (nur als Beispiel) sind den Schwätzern unbekannt.

  3. Folgender Kommentar (Spiegel-Artikel: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/oliver-polak-gegen-jan-boehmermann-der-antisemitismus-vorwurf-a-1235358.html )
    zeigt, wie der Komiker Polak eine Art von Antisemitismus-Geschäftsmodell
    konstruiert.
    “ alleghieri 26.10.2018
    5. Petri Heil, was für ein Jagderfolg!
    Eine Zusammenfassung: Ein Kabarettist persifliert einen Judenhasser, macht das aber so überzeugend, dass er selbst in den Verdacht gerät antisemitisch sein. Er antwortet auf den eigentlich unsinnigen Vorwurf, so wie es seine Art ist, etwas herablassend, aber nun ist es für alle klar: Er ist ein Antisemit! Die ihn zur Strecke gebracht haben, wollen sich ihren Jagderfolg nicht nehmen lassen und so werden seine Erklärungen nicht gehört.“

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