Freiheit der Kunst oder Antisemitismus?

Patrick Bahners hat unlängst in der FAZ über die Debatte um die Ruhrtriennale berichtet, und man kommt nach dem Lesen dieses Berichtes tatsächlich zur Erkenntnis, dass es, wie es der jüdische Komponist Elliott Sharp sagte, „peinlich ist, von einem Mob unhöflicher Menschen niedergebrüllt zu werden, die nur das hören wollen, was sie selbst immer schon sagen.“ Damit meinte er die Israelfähnchen schwingenden Juden und Antideutschen, die eine Einheitsfront gegen die Intendantin Stefanie Carp gebildet und sie als Lügnerin und infolgedessen auch Antisemitin beleidigten und niederschrien. Diese entschiedenen und man kann fast schon sagen blinden Freunde Israels, werfen Frau Carp vor, im Dienst einer antisemitischen Agenda zu stehen, dabei stehen sie voll und ganz im Dienst einer zionistischen Agenda, die jede Kritik an der Politik des Staates Israel als Antisemitismus stigmatisiert und die BDS-Bewegung verteufelt. Dass man es dabei mit perfid-ideologischer Borniertheit zu tun hat, liegt auf der Hand.

Für viele Juden und Antideutsche ist BDS zu einem Symbol des Bösen und zur Quelle der Angst geworden. Die von vielen Juden und Israelis unterstützte BDS-Kampagne hat viele Menschen veranlasst, über den Konflikt und die ursprüngliche Vertreibung der Palästinenser und die Errichtung eines jüdischen Staates auf den Ruinen ihrer eroberten Dörfer nachzudenken. BDS hat Israels liberalen Unterstützern die Ausrede genommen, dass vor allem eine rechtslastige Regierung für die undemokratischen Praktiken des Staates verantwortlich ist. Alle, die Israel unterstützen und zum Unrecht schweigen, sind mitverantwortlich. 

Ich empfinde es als eine Verharmlosung der Nazi-Verbrechen und des Antisemitismus ganz allgemein, wenn man das BDS-Ansinnen, Israel wegen seiner völker- und menschenrechtswidrigen Politik zu boykottieren mit der rassistischen Losung der Nazis – „Kauf nicht bei Juden“ – vergleicht, gar gleichsetzt. Gegen einen Vergleich hätte ich nichts einzuwenden, denn dann würde selbst ein Blinder sofort erkennen, dass es keine Basis für eine Gleichsetzung gibt. Die Nazis wollten ein ganzes Volk vernichten. BDS will ein Volk befreien. Wer das nicht sieht, ist nicht nur blind, sondern verblendet. Zurecht weist Patrick Bahners darauf hin, dass es den „lautstarken Israelfreunden“ schon zu weit geht, wenn nach dem Eklat noch Debattierbedarf vorhanden ist. Diese aggressiven Israelfreunde wollen bestimmen, was bei uns im öffentlichen Diskurs geäußert werden darf und was nicht. Das freilich versuchen sie schon seit Jahren und die Liste der Veranstaltungen, die sie bisher verhindert haben, ist ziemlich lang.

Als der israelische Historiker Ilan Pappe im Juni dieses Jahres in der Uni Tübingen zu einem Vortrag eingeladen wurde, versuchte das israelische Konsulat in München, die Veranstaltung zu verhindern, was vom Rektor der Universität unmissverständlich zurückgewiesen wurde. Das Schwäbische Tageblatt hat darüber berichtet unter der Überschrift: „Konsulin schrieb an Rektor.“ Man konnte dort auch die Antwort des Rektors lesen: „Eingriffe in akademische Debatten oder gar die Untersagung von Veranstaltungen sind mit Blick auf die Freiheit der Wissenschaft und in einer offenen Gesellschaft und offenen Debattenkultur nicht zu akzeptieren.“

Bei der hier beschriebenen Debatte, bei der der frühere Bundestagspräsident Norbert Lammert moderierte, wurde seitens der zionistischen Front argumentiert, dass Bundesregierung und Bundestag BDS offiziell als antisemitisch verurteilt hätten und man der BDS-Kampagne daher im öffentlich geförderten Kultursektor keinen Raum mehr geben dürfe. Als Unterstützung dieser Position war in der Tat auch der Kommentar zu verstehen, den Felix Klein, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, für die Tageszeitung „Die Welt“ schrieb. Er meinte, man solle den Kampf gegen Antisemitismus mit einem allgemeinen bundesweiten Meldesystem verzahnen. Meldesystem? Das erinnert an das System der „Blockwarte“, die jeden Systemkritiker gemeldet haben. Wen will Klein kontrollieren? Die Antisemiten, die er nicht kontrollieren kann, oder etwa die Israelkritiker, die den Mut haben, Israels Politik zu verurteilen?

Das wiederum bestätigt doch nur die Auffassung, dass dieser Antisemitismusbeauftragte so nötig war wie ein Loch im Kopf. Seine Kommentare sind unsinnig und überflüssig, und dass er als erste Amtshandlung auf einer Demo mit im Kern antisemitischen Evangelikalen auf die Straße ging, zeigt doch nur, dass er die nötige Sensibilität für sein Amt vermissen lässt. Früher gab es einen „Judenreferenten“, heute einen „Antisemitismusbeauftragten“. In beiden Fällen geht es um eine Sonderstellung der Juden, und für mich riecht das verdächtig nach Antisemitismus. Mit der gleichen Leidenschaft, mit der Deutsche früher Juden verfolgten, wollen sie heute Juden schützen. Es gibt einen alten jüdischen Spruch: „Gott schütze mich vor meinen Freunden, vor meinen Feinden kann ich mich selbst schützen.“

Mathias Döpfner, der CEO der Springer-Gruppe, meinte, es sei eine „Schande“, dass es im Jahr 2018 überhaupt notwendig sei, ein solches Amt einzuführen. Wenn ich ansonsten auch nicht seiner Meinung bin, so stimme ich ihm hier ganz entschieden zu.

Abgesehen davon muss ich daran erinnern, dass auf eine Anfrage des damals noch amtierenden Bundestagsabgeordneten Volker Beck von der Fraktion „Die Grünen“, ob die BDS-Bewegung antisemitisch sei, die Bundesregierung antwortete, dass ihr darüber keine Erkenntnisse vorlägen. Ähnlich hat sich auch Federica Mogherini, Hohe Vertreterin der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik, geäußert und inzwischen auch einige europäische Regierungen. Richtig handelt deshalb auch die Kulturministerin von NRW Pfeiffer-Poensgen, die später im Gespräch mit der FAZ sich dagegen wandte, BDS-Sympathisanten grundsätzlich von der Ruhrtriennale auszuschließen. Es wäre zu wünschen, dass auch in anderen Bundesländern und Städten ein solcher Geist herrschte und nicht ein opportunistischer Philosemitismus wie zum Beispiel in Frankfurt.

Ärgerlich im Beitrag von Bahners ist seine Äußerung: „Nun gibt es auch jüdische Antisemiten.“ Wo, bitte, Herr Bahners, gibt es jüdische Antisemiten? Ich bin schon 73 Jahre Jude und kenne Israel und die jüdische Welt ziemlich gut, und mir ist noch nie ein jüdischer Antisemit begegnet, obgleich ich zugeben muss, dass ich von ein oder zwei Fällen gehört habe, die ich aber eher als krankhaft, als psychopatisch beurteilen würde. Ein oder zwei Schwalben machen noch keinen Sommer. Ansonsten sind mir keine jüdischen Antisemiten bekannt, es sei denn, Patrick Bahners meint die Kritiker der israelischen Politik, die von Leuten wie Charlotte Knobloch als „berüchtigte Antisemiten“ denunziert werden oder von Henryk M. Broder als „koschere Antisemiten“. Und um seine Unwissenheit auf diesem Gebiet zusätzlich zu demonstrieren, fügt er hinzu: „Es gibt zur Erklärung des Phänomens sogar einen Topos: den jüdischen Selbsthass.“ Da hat Bahners leider zu viel Broder gelesen. Er hätte besser das Buch von Theodor Lessing über jüdischen Selbsthass lesen sollen. Jüdischer Selbsthass ist nicht Antisemitismus, kein Hass gegen Juden, sondern Hass auf sich selbst, weil man Jude ist, weil man kein Jude sein möchte. Laut dem jüdischen Schriftsteller Arnold Zweig ist der jüdische Selbsthass „eine Form der Ich-Entwertung und eine Verneinung des eigenen Wesens“.

Abwegig wird der Begriff und seine Interpretation, wenn Zionisten wie Arno Lustiger „jüdischen Selbsthass“ bei „Juden wie Karl KrausHugo von HofmannsthalEgon FriedelNoam ChomskyMoshe MenuhinAlfred GrosserAbraham Melzer“ und noch vielen andere sehen, die mit seiner Ansicht des Zionismus nicht einverstanden waren bzw. sind. In seinem neuen Buch „Der allgegenwärtige Antisemitismus“ schreibt Moshe Zuckermann: „Wer als Deutscher, dem Juden seit Auschwitz tabu sind, gerade Juden des Antisemitismus bezichtigt, ist selbst ein latenter Antisemit.“ Der Zionismus entstand aufgrund des Antisemitismus und ist offensichtlich noch immer auf den Antisemitismus angewiesen, der dafür sorgen soll, dass Juden nach Israel auswandern.

Lustiger ging davon aus, dass Antizionismus auf Antisemitismus hinauslaufe. Das ist freilich genau das, was die israelische Propaganda mit ihrer Antisemitismus-Hysterie beabsichtigt.

Die meisten Protagonisten, die sich am Nahost- oder am Antisemitismus-Diskurs beteiligen, wissen nicht viel, und das, was sie wissen, entstammt in der Regel der Hasbara (Propaganda)-Küche Israels. Leider bekommen aber diese Naivlinge Platz und Stimme in den Medien und natürlich auch die zionistischen Schreihälse, die in Deutschland und überall sonst auf der Welt ihre gefährliche Hetze verbreiten. Ein prominenter Vertreter dieser Hasbara ist der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, der besser bei seinem Beruf als Arzt geblieben wäre, statt Politik zu machen und Hass zu verbreiten. Schuster bekam Anfang dieses Jahres bei der Frankfurter Rundschau gleich drei Seiten zur Verbreitung seiner zionistischen Thesen und antimuslimischen Vorurteile. Es waren allerdings nicht einfach nur drei Seiten, sondern die ersten drei Seiten der Zeitung. Eine fatale Entscheidung der Redaktion, die sich aufgrund der Einseitigkeit der Schuster‘schen Darlegungen den Vorwurf der Manipulation der Leser gefallen lassen muss.

Ich bin jetzt seit 40 Jahren an dieser Front aktiv. Ich zweifle mehr und mehr an der Fähigkeit der unterschiedlichen Lager in Israel/Palästina und auch hier bei uns, einen echten Dialog zustande zu bringen. Wir vertiefen nur das Problem, verkomplizieren es weiter und fixieren damit seine Unlösbarkeit.

Ein Gedanke zu „Freiheit der Kunst oder Antisemitismus?

  1. Mich erinnert eigentlich alles was ich von Zionisten diesseits und jenseits Israels höre, dramatisch an das was man der „Germanischen Herrenrasse“ vorwirft. Wir haben eine Barbara Lerner Spectre und einen Yasha Mounk die öffentlich darüber schwadronieren in Europa ein Experiment zu befördern weg von einer monoethischen Gesellschaft hin zu multiethnischen Gesellschaften unter Aufsicht und Führung der „jüdischen Rasse!“ Mmmhhhh und Caiphas (Künstername Nethanjahu) erklärt das für 15.000 „Flüchtlinge“ aus Schwarzafrika in Israel bedauerlicherweise k e i n Platz ist, da man die ethnische, kulturelle und religiöse Einheit Israels wahren und bewahren muss diese werden daher auf Europa „aufgeteilt“ d.h. Deutschland bekommt die meisten davon ab. Kaum jemand weiß etwas über den Holocaust von Juden an Juden (Ringwormchildren) und weil ja hier k e i n e Zensur stattfindet wird man im Internet bei der Suche nach „Ringwurmkindern“ eben nicht fündig!!! Aber wenn man weiß das zu umgehen da finden sich dann sogar sehr sehr kritische Dokumentationen hierzu vom Israelischen TV selbst! Ein 4 Sterne General verstirbt hier anno 1945 auf ziemlich mysteriöse Art und Weise…da wäre dann noch Gerard Menuhin (dem Sohn des Jahrhundertgeigers und Künstlers Yehudi Menuhin!) mit seinem Buch „Teufel jagen, Wahrheit sagen!“ Da gibt es noch Orit Arfa die ich hervorheben möchte die meiner Meinung nach bemüht ist die Dinge so zu sehen wie sie nun einmal sind und nicht wie man sie durch die Agenda beeinflusst wahrnimmt. Und selbstverständlich auch und gerade Abi Melzer! Aber und das ist die Wahrheit, es gibt sie die frommen und ehrlichen Menschen jüdischen Glaubens die ich wirklich gerne um mich habe. Um die Probleme wirklich zu lösen bedarf es nun einmal einem klaren Blick und nicht durch eine ideologisch gefärbte Brille! Eine Lösung auch in Palästina ist möglich aber alle müssen Ihre Ideologien hierzu ablegen und sich mit Respekt und auf Augenhöhe begegnen dann ist alles möglich…

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