Schonzeit vorbei

von Eurich Lobenstein

„Die Jüdische Allgemeine Wochenzeitung und der Journalist Hendryk Broder erhalten durch ihre Publizistik Zuschriften ohne Ende. Sie begannen mit der Formel

„Ich bin zwar kein Antisemit, aber…..“,

der sich unverhohlen antisemitische Aussagen anschlossen; vor einigen Jahren stellten sie in einer Ausstellung des Jüdischen Museums in Berlin solche Zuschriften unter dem Titel „Schonzeit vorbei“ dem interessierten Publikum an einer Wäscheleine aufgehängt vor. Damit wollten sie eine „Antisemitismus-Debatte“ lostreten, um eine sachliche, wenn auch kritische Auseinandersetzung mit dem Thema anzugehen (soweit das Landgericht Frankfurt in einem Rechtsstreit des (jüdischen) Verlegers Abraham Melzer gegen den Droemer-Verlag) Der Droemer-Verlag verarbeitete die Ausstellung noch in ein Buch. Darin wird Herr Melzer Antisemit definiert, weil eine Alt-Präsidentin des jüdischen Zentralrats ihn sogar als „berüchtigten Antisemiten“ in Mißkredit gebracht hatte. 

Die Idee mit der Wäscheleine ist abgekupfert vom englischen Kriegssong von 1940

„we gonna hang our washing on the siegfriedline have you any dirty washing mother dear?“

JA!!

Ich habe auch noch ein schmutziges Wäschestück:

„Ich bin zwar kein Antisemit, aber ich bin ein Fan von Israel!“

Hähh?? Was soll das zwar-aber? Was hat die Begeisterung für Israel mit Antisemitismus zu tun? Oh, doch! Der Philosoph Otto Weininger (in: Geschlecht und Charakter) schreibt (vor der Gründung Israels), daß der Zionismus die Negation des Judentums sei. Wer das Judentum verneint und wer nicht von Natur aus Massenmörder und Völkerausrotter ist, der muß als Anntisemit geradezu Phil-Zionist sein. Diese Meinung vertreten auch klassische Antisemiten wie Gerhard Kittel, der die Juden vergattern möchte, ihre religiösen Vorschriften exakt einzuhalten. Weil sich der fromme evangelische Theologe nicht wie sein Vorbild Martin Luther (in: Von den Juden und ihren Lügen) sich dafür aussprechen konnte, die Synagogen abzufackeln, verlangte er deren Erhalt durch ein „jüdisches Leben“, wie es heute Angela Merkel auch verlangt. Auch Helmut Kohl hatte 1992 bedauert, daß viele Sowjetbürger, die Rußland nach 1990 verlassen konnten, sich zwar auf ihre jüdische Nationalität berufen konnten, aber längst nicht mehr ein „jüdisches Leben“ praktizieren wollten. Sie wollten einfach nur in den Westen. Herzlich willkommen!

John Maelzheimer (in: Die Israellobby) schreibt, daß die Sympathie für Israel den verloren gegangenen Glauben an das Judentum ersetze. Wer sich für Israel ausspricht, der braucht alberne abergläubische Sitten und Gebräuche nicht mehr zu beachten. Hummern und Austern kann er unauffällig essen, das bekommt kein Prolet mit. In den USA verzehrt kein Mensch Kamelfleisch. Problem wäre das Schweinefleisch, wo jeder gute Christ weiß, daß es Juden verboten ist.  Aber gibt es nicht inzwischen schon wiederkäuende Schweine? Natürlich! Wenn sie rein vegan ernährt werden, käuen sie wieder. Beschneidung ist in den USA ohnehin kein exklusives Markenzeichen für Männer mehr und die Beschneidung allein machts nicht. Nach dem Talmud kommt es auf sie nicht einmal an. Da haben wir also die Konkretisierung des formellen Widerspruchs, ein Antisemit und doch Fan von Israel zu sein. Der Fan von Israel kann alles, was die Diaspora über die Jahrhunderte erhalten hat, als Aberglauben (Baruch Spinoza), als kollektive Zwangsneurose (Sigmund Freud) und als Verehrung von paranoiden Stammvätern (William Hirsch in: Civilisation und Religion) abtun. Man kann es sogar noch krasser sagen: Der Israelfan oder Philzionist muß geradezu Antisemit sein und die religiösen Traditionen ablehnen: mit ihnen wäre kein moderner Staat zu machen.

Der Widerspruch liegt nicht im Judentum an sich. Er liegt im puristischen, im „herrschenden Judentum“, das sich nur in Israel weitgehend von seiner historischen Orthodoxie hat lösen können. Moshe Dayan konnten Atheist, Golda Meir krasse Materialistin sein und trotzdem Idole des Judentums werden. Das aschkenasische Judentum mag als Zionismus sein Judentum zwar verneinen können, und dadurch Denkern wie Otto Weininger im Widerspruch in sich erscheinen. Aber das aschkenasische Judentum  hat „hunnische“ Züge: Walter Rathenau kam es als „asiatische Horde auf märkischem Sand“ vor (in: Die Zukunft; Artikel Höre Israel); diese hunnische Orthodoxie hatte sich im 13. Jahrhundert bemüht, die Hl. Inquisition zu überzeugen, Juden auf die Scheiterhaufen zu stellen, die gegen alttestamentarische Glaubenssätze lästerten, die auch für Christen verbindlich waren. Mitte des 14. Jahrhunderts erreichten sie bei den Dominikanern in Bagnols sur Crèze, Schriften des Maimonides und des Moses Narboni zu verbrennen. Später waren solche Vorstöße nicht mehr nötig: nach 1349 wütete die schwarze Pest in Europa, die den christlichen Pöbel zu Pogromen motivierte.

Ja, wer ist schon wirklich „Antisemit“? Vielleicht, daß man im Pöbel Pauschalisten findet, für die jeder Jude Objekt des Hasses ist, nur weil er Jude ist. Aber ein wenig gebildeter Mensch hat einen konkreten Grund dafür, Antisemit zu sein und drückt es vorsichtig so aus:

                „Ich bin zwar kein (pauschaler) Antisemit, aber im speziellen meine ich ….“

Hier liegt ein künstlich geschaffenes Problem: entweder ist jedes Spezialproblem mit einem jüdischen Charakteristikum Kennzeichen für Antisemitismus oder das ganze Antisemitismusgerede ist selbst zu pauschal, um ernst genommen werden zu dürfen. Um auf Walter Rathenau und Maximilian Harden (Höre Israel) zurückzukommen: was soll man den Juden denn sagen, daß man „kein Antisemit sei, aber…“? Das ist natürlich schwierig, wenn Leute wie Hendryk Broder, Dr. Josef Schuster, Felix Klein und andere Wichtigtuer das Feld beherrschen. Ist vielleicht schon Antisemit, wer etwas gegen diese Felddominanten ist? Hat das moderne Judentum nur mehr Hendryk Broder, Dr. Josef Schuster, Felix Klein als Propheten? In gewisser Hinsicht muß man „ja“ sagen, denn sie haben alle anderen aus dem Feld geschlagen.

Vielleicht gibt es noch Hoffnung in einer „pseudo-antisemitischen“ Umwelt. Man könnte an die andalusische Tradition anknüpfen und müßte nicht in die jüngere Steinzeit der Genesis zurück. „Der Rambam“, dessen Namen allgemein geehrt wird, dessen Aussagen aber als heterodox gelten und folgeríchtig in Bagnols verbrannt wurden, müßte als geistiger Stammvater des europäischen Judentums verstanden werden. Was den Orthodoxen als Gräuel erscheint und was die „Agnostiker“ blind nachbeten, um nicht als Atheisten aufzufallen, ist die aristotelische Philosophie, die in Andalusien zu der historischen Symbiose von Juden Moslems und Christen führte, bis von Marokko her kommend die strenggläubigen Almohaden die iberische Halbinsel ein zweites Mal dem Schwert des Islam unterwarfen. Der Islam ist eine einfach verständliche Religion und neigt dazu, immer wieder neu erfunden zu werden, nachdem ein paar Generationen ihre Grundsätze mit lokalen Anschauungen synkretisiert haben. Das Christentum ist als evangelisches ein geistloser Moralismus, als katholisches stellt es „die profilierteste polytheistische Religion der Welt“ dar (Schleiermacher). Das konkret wäre der Trumpf des Judentums. Aber was ist das Judentum? Das „hunnische“ Judentum ist Sabbatai Zwi und Jakob Josef Frank gefolgt; es vermeidet den islamischen Weg durch radikale Abschottung, selbst gegen seine eigenen Mitglieder, wenn sie nicht mehr alle Gebote beachten und Aristoteles lesen. Es ist ein Judentum, das an sich selbst scheitern muß(te) und das nur durch „Negation des Judentums“ als Zionismus fortbestehen kann. Für die Diaspora ist es tatsächlich unbrauchbar. Wie sagte es Jesus:

Gebt den Zionisten, was der Zionisten ist und der Diaspora, was diese braucht. Es braucht die Tradition Andalusiens.

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