Sisyphos oder Don Quichotte oder die Antisemitismus-Hysterie

Seit Jahren tobt in den deutschen Medien die Auseinandersetzung um den angeblichen Antisemitismus. Der Kampf dagegen, nicht gegen den Antisemitismus, sondern gegen die Antisemitismus-Hysterie, gleicht der Bemühung des Sisyphos, einen Felsblock einen steilen Hang hinauf zu rollen, während der Fels ihm immer wieder entgleitet und er immer wieder neu anfangen muss. Es ist eine Mühe, die nie aufhören wird, und während Sisyphos in der griechischen Mythologie immer wieder den Gipfel fast erreicht, ist es doch bei uns leider so, dass wir nicht einmal in die Nähe des Gipfels kommen. Es ist ein fast aussichtsloser Kampf, wie der von Don Quichotte gegen die Windmühlen. Man kämpft gegen die mächtige Maschinerie eines Staates, der unbegrenzt Mittel hat, um seine Propagandalügen zu verbreiten. Je mehr man aber dagegen vorgeht, desto schneller drehen sich die Mühlen und verbreiten ihre Lügen in allen Windrichtungen.

Dennoch müssen wir uns dagegen aufstellen, denn wenn wir nichts tun, haben wir schon verloren und so lange wie wir protestieren, ist die israelische Maschinerie, die aus Antizionismus mit aller Kraft und Gewalt einen Antisemitismus machen will, gezwungen, auf Hochtouren zu laufen. So viel Geld und Macht aber diese Propaganda-Maschinerie auch hat und haben wird, am Ende wird sie verlieren, denn Geld kann die Wahrheit, das Recht, die Moral und die Menschenrechte auf lange Sicht nicht besiegen. 

Man mag frustriert sein über die Überheblichkeit mancher Sender, wenn man Talkshows über Antisemitismus ansehen muss, zu denen fünf Gäste eingeladen sind, die alle miteinander aber nur eine Meinung vertreten. Man fragt sich warum zu einem innerdeutschen Thema ein israelischer Botschafter eingeladen wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man in Israel zu einem inner-israelischen Thema einen deutschen Botschafter einladen wird. Haben wir es nötig, uns von einem israelischen Zionisten die Leviten lesen zu lassen? Reicht es nicht, wenn sowieso immer dieselben Israel-Versteher geladen werden aus Angst jemanden einzuladen, der, Gott behüte, Israels Politik kritisieren könnte. Man spricht über muslemischen Antisemitismus und versäumt es denjenigen einzuladen, der gerade ein wichtiges Buch zu diesem Thema geschrieben und veröffentlich hat, David Ranan. Und warum? Weil er Thesen vertritt, die der israelischen Propaganda nicht passen, weil er die Muslime in unserem Land entlastet und in Schutz nimmt und weil er klar, deutlich und überzeugend erklärt, dass der sogenannte muslimische Antisemitismus nichts anderes ist, als die Fortsetzung des Nahost-Konflikts auf deutschem Boden. Wenn man also dagegen etwas tun will, dann muss man aufklären und öffentliche Debatten über die Politik Israels zulassen, statt sie zu verbieten.

Kippa-Märsche werden da nicht nützen, sie sind überflüssig und zurecht hat Uri Avnery sie als „Marsch der Torheit“ bezeichnet. Statt aber aufzuklären wird die Öffentlichkeit für dumm verkauft und bewusst manipuliert. Der sogenannte Antisemitismus findet in der Presse statt, und das schon seit Jahren und immer häufiger, zynischer und absurder. Es wird Panik geschürt und immer noch mehr Panik erzeugt. Und wenn genügend Leute darüber sprechen, dann wollen auch Politiker und Gemeindefunktionäre ihren Senf dazu geben und es entsteht eine Antisemitismus-Hysterie, die zu immer neuen Höhepunkten führt.

Dabei zeigen die seit Jahren erscheinenden Statistiken über sogenannte antisemitische Vorfälle, dass es sie kaum gibt und dass sie seit Jahren auf mehr oder weniger demselben Niveau sind. Es verändert sich seit Jahren kaum etwas, und dennoch hört man von allen Seiten, von der BILD und besonders vom Zentralrat der Juden in Deutschland, dass der Antisemitismus zunimmt. Jemand sieht auf einem Toilette in der TU in Berlin oder anderswo eine antijüdische Parole und schon wird das in die Statistik aufgenommen als antisemitischer Vorfall. Und in der Regel und in der Mehrzahl sind es politische, anti-israelische Parolen. Dabei ist der Großteil dieser von der Statistik erfassten Vorfälle in den sozialen Medien, und wir alle wissen, wie wir den Müll in diesen Medien beurteilen sollten.

Wenn jemand von „jüdischem Geld“ oder „jüdischer Macht“ oder „jüdischer Weltverschwörung“ spricht, dann wissen wir inzwischen durch Interviews und Gespräche, dass in den meisten Fällen Israel gemeint ist. Es ist meistens kein Judenhass, sondern Hass auf Israel bzw. auf Israels Politik. Wenn Israel an der Grenze zum Gazastreifen auf unbewaffneten Zivilisten schießt, dann sind viele Menschen genauso empört, wie vor einem Viertel Jahrhundert, als Volkspolizisten auf unbewaffneten Menschen an der Mauer in Berlin geschossen und getötet haben.

In den meisten Fällen handelt es sich nicht um Judenhass, sondern um Empörung über die Politik Israels. Das mag vielen nicht gefallen, besonders Juden, die sich mit Israel identifizieren, aber das ist nun mal der Preis für ein solches Identifizieren und sie müssen es akzeptieren und nicht immer wieder rufen: Haltet den Dieb. Antisemitismus.

Es gibt sicher noch Reste von Antisemitismus in Deutschland, aber es ist unehrlich, diesen immer wieder den arabischen Jugendlichen in die Schuhe schieben zu wollen. Es kann durchaus sein, dass manche Israel sagen und Juden meinen. Aber in der Regel ist es so, dass viele Juden sagen und Israel meinen. Und sie sagen „Juden“, weil in der arabischen Welt „Yahud“ die Bezeichnung für Israelis ist. Und diese Jugendlichen benutzen dieses Wort ohne darüber nachzudenken, dass man daraus Judenhass machen könnte.

Wenn man heute in Deutschland etwas gegen den angeblich grassierenden Antisemitismus machen will, dann nicht Kippa-Märsche, die einen Antisemitismus eher anfeuern würden und wie ein Brandbeschleuniger wirken, sondern über den Nahost-Konflikt aufklären und ehrlich und offen diskutieren und vor allem dafür sorgen, dass Politiker wie Uwe Becker, Stadtkämmerer von Frankfurt, endlich zulassen, dass öffentliche Debatten erlaubt und gefördert werden.

Das Unterdrücken von offenen, öffentlichen Debatten würde auf die nicht stattfindende Debatte kontraproduktiv wirken und Antisemitismus eher fördern. Man darf schon jetzt gespannt sein, was der bestellte Antisemitismus-Beauftragter machen wird. An seinen Taten sollte man ihn beurteilen. Dennoch habe ich ein ungutes Gefühl. Ich fürchte er wird eine offene Debatte eher verhindern als fördern und alles wird so weiter gehen wie bisher.

Wir drehen uns seit Jahren im Kreis. Immer dieselben Pseudodebatten, immer dieselben Protagonisten, immer dieselben Israel-Versteher und -Verteidiger der absurden zionistischen Politik und immer mehr Islamophobe à la Broder, die aus berechtigter Kritik am Zionismus einen rassistischen Antisemitismus machen und von Israels Apartheidpolitik ablenken. Diesen kann man aber gar keinen Vorwurf machen. Sie machen ihren Job und der Job heißt: Israelkritiker zu kriminalisieren. Dass sie es machen können, ist die Schuld einer Gesellschaft, die kaum Zivilcourage hat, die Schuld von Bundes-, Landes- und Kommunalpolitiker, à la Uwe Becker, Volker Beck oder Jutta von Ditfurth, die zionistische Propaganda nachplappern, um dabei selbst ein gutes Gewissen zu haben und von eigener Schuld abzulenken. Wenn man Israel unterstützt und seine Verbrechen gegen das Völkerrecht und gegen jüdische Moral und Ethik ignoriert und nicht sieht bzw. sehen will, dann tut man ja schließlich auch etwas für Deutschland.

Und so wäscht eine Hand die andere und man trägt gemeinsam eine Kippa auf öffentlichen Straßen, obwohl es nach jüdischen Brauch nicht erlaubt ist. Aber das allein reicht den fanatischen Kippa-Trägern wohl nicht. Sie wollen provozieren, damit die BILD von der Schande von Berlin schreiben kann und damit der Präsident des Zentralrats, Josef Schuster, sagen kann: „Es darf keine Toleranz für Intoleranz geben.“ In anderen Fällen ist er aber selber der Intolerante, wenn es zum Beispiel um Kritik an der Politik Israels geht. Warum dürfen Rolf Verleger, Judith Bernstein und andere keine kritischen Vorträge zur israelischen Politik halten? Warum verhindert Charlotte Knobloch, aber auch viele andere Vorsitzende jüdischer Gemeinden in Köln, Düsseldorf, Berlin und Frankfurt, das Auftreten jüdischer Referenten? Ist das nicht etwa auch ein Zeichen von Intoleranz? Deshalb darf es auch keine Toleranz für diese Art von Intoleranz geben.

In Berlin mussten diese Pseudojuden unbedingt im Stadtteil Neukölln mit israelischen Fahnen demonstrieren, wo viele arabisch stämmige Bürger leben. Dass die Demonstration nur 15 Minuten dauerte, weil sie durch Einwohner und Passanten bedroht wurde, ist doch kein Wunder und wenn die Demonstranten ein wenig klüger wären, dann hätten sie davon im Voraus ausgehen können. Vielleicht sind sie auch davon ausgegangen, aber sie suchten die Konfrontation, um danach sagen zu können, dass alle Araber Antisemiten sind. Und die BILD konnte auf der Titelseite von der „Schande von Berlin“ berichten und meinte natürlich die Schande von ganz Deutschland.

Damit hat die BILD in der Tat auch vollkommen recht. Solche Demonstrationen sind eine Schande, oder wie Uri Avnery meint, eine Torheit. Interessant wäre zu wissen, wer dahinter steht. Aber es ist nicht so schwierig, das zu erahnen.

3 Gedanken zu „Sisyphos oder Don Quichotte oder die Antisemitismus-Hysterie

  1. Was ist denn aus den Nachrichten über die „israelischen Kippaträger“ geworden, von denen einer von einem jungen Syrer mit dessen Gürtel geprügelt wurde? Es hieß am Anfang, es seien beides Juden gewesen, dann aber dass nur einer ein Israeli, und zwar ein arabischer, palestinensischer Israeli, der einmal das Tragen der Kippa probieren wollte. Nun haben sich alle auf eine Version festgeschrieben, nämlich ein Israeli wurde wegen seiner Kippa angegriffen. Gab es eine Vorgeschichte? Sitzt der „Angreifer“ immer noch in U-Haft? Will nicht wenigstens irgendjemand mal die Whrheit schreiben.
    Ansonsten Abi, danke für Deinen sachlichen Artikel. Wir „Anti-Israelis“ dürfen uns nicht in die antisemitische Ecke drängen lassen und damit, wie Du schreibst, kriminalisiert werden.

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