Vom Winde verweht – Trumps Reise nach Jerusalem

Die Reise nach Jerusalem ist ein Gesellschaftsspiel mit beliebig vielen Mitspielern, das einen einzigen Gewinner ermittelt; es kann auch als Kinderspiel betrieben werden. Man ordnet Stühle im Kreis an, und zwar einen Stuhl weniger als Teilnehmer. Diese stellen sich ebenfalls im Kreis auf. Sobald der Spielleiter die Musik ertönen lässt, müssen sich alle im Kreis um die Stühle bewegen. Der Spielleiter stoppt die Musik zu einem willkürlichen Zeitpunkt; dann muss jeder Teilnehmer versuchen, sich möglichst schnell auf einen freien Stuhl zu setzen; es bleibt am Schluss immer ein Teilnehmer stehen und scheidet aus. Das Spiel wird solange wiederholt, bis in der letzten Runde nur noch ein Stuhl und zwei Teilnehmer übrig sind; wer diese gewinnt, ist der Gewinner des gesamten Spiels. Wer wird der Gewinner sein, Trump oder Netanjahu?

Was war denn das für eine Reise? Ein schlecht inszeniertes Theaterstück mit viel Pathos und viel Kitsch. War es eine Komödie, die wie eine Tragödie wirkte? Oder eine Tragödie, die wie eine Komödie schien? Es werden noch wenige Tage vergehen und die Erinnerung an dieser Reise wird mit dem Winde verwehen. 

Trump hat Trump gespielt und Netanjahu den verlogenen Netanjahu. Man sprach viel über Frieden und meinte Krieg und wenn nichts sicher ist, dann doch eines, dass Israel sich nicht einen Millimeter in Richtung auf die Palästinenser zubewegen wird. Man sprach vielleicht über Frieden aber sicher nicht über die Bedingungen. Da stehen aber die Palästinenser mit dem Rücken zur Wand und haben gar keinen Spielraum, um Israel entgegenzukommen und die Israelis haben allen Platz, den man braucht, um Kompromisse zu machen, aber sie werden es nicht wollen. Und wenn Netanjahu seine Hand zum Frieden ausstreckt, dann erwartet er, dass Abbas ihm entgegenkommt, am liebsten kriechend. Er selber ist nicht bereit, auch nur einen Schritt zu machen.

Man dreht sich im Kreisverkehr und nicht auf der Straße zum Frieden. Natürlich will Israel den Frieden, am liebsten den “ewigen Frieden“ für die Palästinenser und das ganze Land für sich. Israel ist jederzeit zum Frieden bereitet, sobald es nach seinen Bedingungen geht.

Die Reise war wohl vom jüdischen Schwiegersohn Trumps geplant und inszeniert. So viel Kitsch kann nur ein verlogener, unerfahrener Nahost-Experte wie Jared Kushner inszenieren. So viel Pathos gepaart mit noch mehr Naivität sind nicht alltäglich. Man fragt sich nur, wer hier mehr naiv war, Trump oder Netanjahu. Da aber Netanjahu als schlauer Fuchs bekannt ist, wird es wohl Trump gewesen sein, der in der Komödie die Hauptrolle spielte. Man hält es nicht für möglich und doch ist es wahr. Zumindest Trump glaubt es, dass nämlich er den Frieden für den Nahen Osten bringen wird. Alle anderen, die bei diesem Theater mitgespielt haben, wissen, dass die Worte nichts taugen und sich nichts ändern wird, solange keine Taten folgen. Nur Trump glaubt seinen eigenen Worten, aber vielleicht ist auch ihm alles vollkommen gleichgültig und er spiel die Rolle deshalb gut, weil er weiß, dass es nur eine Rolle ist und die Lösung der Probleme in anderen Händen liegt.

Es muss aber festgestellt werden, dass sich trotz allem Prunk und Glanz des Trump-Besuchs am Elementaren zunächst nicht viel änderte. Am klarsten gelangte dies in den Worten von Bildungsminister Naftali Bennett zum Ausdruck, der ohne Umschweife gegenüber Radio Israel meinte, Trump rede an der Wirklichkeit vorbei, wenn er meine, das rechtsnationale Lager in Jerusalem würde je einem Palästinenserstaat zustimmen. «Friede ja, aber nicht der Friede, der ihm vorschwebt.»

Es hat sich demnach im Nahen-Osten nichts geändert, denn darum ging es schon von Anfang an. Schon immer wollten die Israelis „Frieden“, aber einen Frieden, den sie diktieren wollten. Und deshalb blieb es bei der biblischen Aussage des Propheten Jesaja: „Frieden, Frieden, und es gibt keinen Frieden.“

Trumps Optimismus könnte aber durchaus ansteckend wirken, vorausgesetzt, es gelingt ihm, seinen Worten und Aufrufen auch Taten folgen zu lassen. Viele zweifeln daran, dass er selber überhaupt weiß, was er konkret erreichen will und, noch wichtiger, was er mit welchen Mitteln durchsetzen kann. Wenn es wirklich hart auf hart kommt– und dieser Moment wird kommen –, wird Israel den Geschäftsmann Trump kennenlernen. Und dann gibt es keine faulen Kompromisse mehr, sondern nur noch Sieg oder Niederlage.

Bleibt nur noch abzuwarten, ob der Geschäftsmann Trump noch im Amt sein wird, wenn es so weit gekommen ist.

2 Gedanken zu “Vom Winde verweht – Trumps Reise nach Jerusalem

  1. Es ist tatsächlich leicht, Frieden an zu stiften: Palästina muss als eigener souveräner Staat anerkannt werden (mit klar definierten Grenzen und einer Hauptstadt z. B. Hebron).
    Israel muss klar definierte Grenzen anerkennen (1967) und seine Hauptstadt Tel Aviv.
    Israelis und Palästinenser müssen anerkennen, dass das Land nicht für eine Rasse oder Religion, sondern für alle Rassen und den drei Religionen a Juden, Christen und Muslime „Heimat“ ist und zwei Staaten sich das gleiche Land „teilen“.
    Dann noch gleiche Rechte, Pflichten und Strafen für alle !
    Und der Friedes- Gleichheits -Prozess, wie in Süd Afrika… würde einsetzen… (glaub ich). Muss ja..😃

  2. Lieber Herr Melzer,
    ich sehe es so: Die zunehmende Verunsicherung auf Seiten der Israelis und insbesondere Netanjahus, nämlich darüber, was wohl von Präsident Trump zu erwarten sei, ist für mich ein Zeichen dafür, dass nicht der israelische Ministerpräsident, sondern ehr der US-Präsident der Schlaufuchs auf dieser Reise gewesen ist. Trump ist zwar ein politischer Neuling, der kein Fettnäpfchen auslässt; aber er ist nicht dumm, und lebenserfahren ist er auch. Allerdings, seine Erfahrungen bringt er wohl vor allem aus seinem jahrzehntelangen und teilweise sehr harten Geschäftsleben mit, in der Politik im Grunde nicht immer anwendbar. Aber der Vorteil: Er verblüfft mit einem neuen Stil und verunsichert seinen Gegner (Netanjahu). Dem geht es wie einem Tennisspieler, der sich plötzlich einem Linkshänder gegenübersieht, den er nicht schnell genug richtig einschätzen kann.
    Was hat Trump gemacht? 1.) keine Lösung vorgeschlagen, das Dümmste, was er hätte tun können. Denn jede Lösung wäre von allen Seiten sofort bombardiert worden; 2.) mit grandiosen Freundschaftsbekundungen Israel ruhig gestellt und jede offene Kritik an seinem eigenen Auftritt verhindert; 3.) in Gesprächen sowohl mit Netanjahu als auch mit Abbas deren echte Bereitschaft zu einem Friedensprozess ausgelotet; 4.) wertvolle Informationen über die politische Situation im Land gesammelt; 5.) die Verantwortung für einen dauerhaften Frieden wieder offen an die Kontrahenten zurück delegiert und ihnen damit die ja so bequeme Konsumentenhaltung („die USA werden es schon richten“) genommen. Last but not least, Trump hat es sich verkniffen, als Newcomer voreilige Vor- und Ratschläge zu machen, mit denen er sich persönlich nur hätte lächerlich machen können. Alles in allem, für die nächste Runde alles richtig gemacht: Der Gegner ist verunsichert, die verpasste Beißhemmung wirkt, und Trump hat sich eine Menge an Informationen verschafft, auch über die Schwachpunkte der Kontrahenten, und seine Position in diesem Prozess ist stärker denn je.
    Ich bin überzeugt, Trump arbeitet an einer Lösung. Die wird er aber nicht zur Diskussion stellen. Die Lösung wird eine Forderung sein, der sich die Kontrahenten nicht werden verschließen können, ohne die Unterstützung der USA zu verlieren. Das ist das Verhandlungsprinzip von Trump, nämlich „Friss oder stirb!“ Mal sehen, was passiert. Es bleibt spannend.
    Noch eine Bemerkung: Natürlich fühlt sich Trump allen Politikern, die sich an einer Nahost-Friedenslösung abgearbeitet haben, 50 Jahre lang, total überlegen. Er wird es auf eine geniale Art besser machen wollen als alle anderen vor ihm. Historischer Ruhm wartet auf ihn. Deshalb können wir davon ausgehen, dass seine Rolle als Friedensstifter für ihn nach wie vor höchste Priorität hat.
    Schöne Grüße,
    Dr. Torsten Kemme

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