Wie antisemitisch ist Deutschland?

von Jürgen Jung

Als am Thema interessierter Zeitgenosse geht man angesichts des hierzulande gängigen Diskurses über Antisemitismus und Israelkritik nicht sonderlich erwartungsvoll oder gar mit der Hoffnung auf Erkenntnisgewinn in eine Veranstaltung mit dem Titel „Wie antisemitisch ist Deutschland?“, trotz oder gerade wegen der Teilnahme eines wissenschaftlichen Assistenten der „Abteilung für jüdische Geschichte und Kultur“ der LMU-München und eines Vertreters der Janusz-Korczak-Akademie München. Allein die Präsenz einer leibhaftigen Araberin, die in der Pädagogischen Leitung der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main tätig ist, gab Anlass für eine leise Hoffnung auf eine zumindest „ausgewogenere“ Diskussion als üblich.

Um es gleich vorweg zu sagen: die Veranstaltung übertraf leider die schlimmsten Befürchtungen mit ihrer erschreckenden Undifferenziertheit, die sich vor allem in der hierzulande durchgängig zu konstatierenden Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus zeigte. Dabei wurde wie üblich der Kampf innerhalb des Judentums gegen den Zionismus als nationalistische Ideologie1) und seine historische Manifestation als Siedlerkolonialismus – mit seinen verheerenden Folgen nicht nur für die indigene Bevölkerung Palästinas – gänzlich außer Acht gelassen. Auch die bislang gründlichste Studie zum Thema unter Leitung von Professor Wilhelm Kempf von der Univerität Konstanz („Israelkritik zwischen Antisemitismus und Menschenrechtsidee“) wurde an keiner Stelle berücksichtigt. Deren Ergebnis war nämlich u. a., dass die Unterstellung,  Antizionismus sei „eine Spielart von Antisemitismus, keine empirische Bestätigung fand“, ja dass „menschenrechtsorientierte Israelkritiker … antisemitischen Vorurteilen … ablehnend gegenüberstehen“. Ein weiteres, durchaus überraschendes Ergebnis war, dass antisemitische Klischees unter den Freunden Israels  häufiger sind als unter denen, die sich für die Menschenrechte der Palästinenser einsetzen.2)  Weiterlesen

Abi Melzer – ein einsamer Rufer in der Wüste

von Moshe Zuckermann

AntisemitenmacherAutoren wie Abi Melzer mögen sich sehr leicht wie Rufer in der Wüste vorkommen. So überwältigend wird das, was er anmahnt und anklagt, von der Wirkmächtigkeit der von ihm anvisierten Realität konterkariert; so erbarmungslos sieht er sich dabei dem Ressentiment die ideologisch entgegengesetzten Diskurse über diese Realität ausgesetzt, dass er (und einige wenige Weggefährten seinesgleichen) sich randständig, ja oft genug einsam vorkommen muss.

Diese Einsamkeit hat zwei Seiten. Zum einen ist sie unangenehm, zuweilen höchst frustrierend und mag ernste Zweifel darüber aufkommen lassen, ob sich das gesamte Schreibunterfangen überhaupt lohnt. Nicht immer lassen sich derlei Zweifel leicht beiseiteschieben, wenn man den Zweck des Schreibens an seiner Auswirkung, mithin seinem Einfluss auf eine große anonyme Leserschaft bemisst. Zum anderen wohnt dieser Einsamkeit das Pathos des Gerechten inne. Nicht wahrgenommen, geschweige denn akzeptiert zu werden, wird da zum Kriterium der eigenen Wahrhaftigkeit.  Weiterlesen

Notruf: Antisemitismus-Hysterie

Antisemitismus ist schlimm, abzulehnen und zu verurteilen. Aber wir Juden haben gelernt, uns damit auseinanderzusetzen und uns zu verteidigen. Viel schlimmer, perfider und widerlicher ist die Antisemitismus-Hysterie, wenn jeder, der es auch nur wagt, Israels Politik zu kritisieren, gleich als ein Antisemit diffamiert und verleumdet wird. Kein wirklicher Antisemitismus könnte nachhaltigeren Schaden anrichten wie ein hysterischer Verdächtigungseifer, der hinter jedem israelkritischen Wort einen verkappten Antisemiten wittert.

Seit Monaten sind die Zeitungen, von der BILD bis zur ZEIT, voll mit obskuren und lächerlichen Berichten, in denen Blinde uns Bilder von Chagall oder Picasso erklären wollen oder wenn Menschen, die an Anosmie oder Hyposmie, an kompletten oder teilweisen Geschmackverlust, leiden, uns beschreiben wollen, wie ein köstliches Mahl geschmeckt hat. So ungefähr wirken die naiven und absurden Berichte, wie neulich in der Süddeutschen Zeitung.  Notruf nannten die Autoren Verena Mayer und Thorsten Schmitz ihren Beitrag und damit hatten sie vollkommen recht. Es war ein Notruf für alldiejenigen, die noch bei Verstand sind und sich von dieser üblen und perfiden Propaganda nicht verführen lassen.  Weiterlesen

Hundert Jahre Heimatland?

von Ludwig Watzal

Das Buch erzählt eine Geschichte der Juden vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute. Die Leserschaft erhält eine Lektion in alternativem Geschichtsunterricht. Abseits der Dauerberieselung durch den zionistischen Narrative schreibt hier ein liberal-konservativer jüdischer Deutscher, was das authentische Judentum über Israel und das Verhalten ihrer politischen Führung denkt. Es wird schnell klar, dass Judentum und zionistische Doktrin unvereinbar sind.

Rolf Verleger, Professor Emeritus an der Universität Lübeck, plädiert sowohl für ein anderes Israel als auch für ein anderes Judentum, das den Zionismus abschütteln muss. Den nationalreligiösen Gralshütern der zionistischen Doktrin dürfte dies nicht passen. In weiser Voraussicht antizipiert der Autor, dass diese das Buch „antisemitisch“ nennen werden. „Hoffentlich! Wenn nicht, wird es mir nicht gut gelungen sein.“  Weiterlesen

KoPI – eine antidemokratische Vorverurteilung

Ich war am Samstag, den 24. Februar 2018 Zeuge einer kafkaesken Teufelsaustreibung bei KoPI. Es wurde über mich debattiert und ich wurde verurteilt, ohne, dass ich etwas zu meiner Verteidigung vorbringen konnte und durfte, was jedem Beschuldigten bei deutschen Gerichten (und auch anderswo) nicht nur zusteht, sondern auch gesetzlich vorgeschrieben ist. Ich wurde in Abwesenheit verurteilt, was in der Regel in autoritären Regimen passiert. Ich durfte dazu nichts sagen und wäre dazu auch gar nicht in der Lage gewesen, da ich ja nicht wusste, weswegen man mich abgelehnt hat. Die lupenreinen Demokraten vom KoPI-Sprecherkreis haben alles getan, um es zu verhindern.

Inzwischen habe ich erfahren, was der Grund war. Eigentlich ein rein formaler, und darüber hätte man mit mir offen sprechen können, so wie im folgenden Brief des Sprecherkreises an mich vorgeschlagen. Ich war vorbereitet, ihnen eine Erklärung abzugeben und war auch bereit, den Namen meines „Vereins“ (SEMIT – die andere jüdische Stimme), den ich ihn schon seit immerhin 30 Jahren führe, zu ändern, damit keine Verwechselungsgefahr besteht. Aber offensichtlich war das nur ein vorgeschobener Grund. In Wirklichkeit ging es um etwas ganz anderes. Da ich aber nicht an den Diskussionen teilnehmen konnte, weiß ich immer noch nicht genau, worum.  Weiterlesen

Antisemiten-Pack!

Nach seiner letzten peinlichen Äußerung zu seinem persönlichen Thema Antisemitismus, fragt man sich, warum Henryk M. Broder immer noch in Berlin bleibt, wo doch fast alle zu einem verlogenes Antisemiten-Pack gehören sollen und er eigentlich fortan um ganz Berlin einen Bogen machen müsste, denn eigentlich müsste ihn dort alles an das Reichssicherheitshauptamt – Referat – Palästina erinnern und an dessen Chef Adolf Eichmann.

Wenn es nur deshalb ist, weil er in Berlin mehr Antisemiten treffen und „plattmachen“ kann, dann kann ich ihn beruhigen: In Jerusalem gibt es auch Antisemiten und Israel wartet darauf, dass der oberste deutsche Antisemitenjäger endlich ins Heilige Jerusalem kommt und seines Amtes mit deutscher Gründlichkeit waltet. Und es wäre auch wünschenswert, wenn er seinen Anwalt Nathan Gelbart mitnähme, denn er wird in Jerusalem sicher auch eine Menge Prozesse führen und Uri Avnery täglich abmahnen können. Dafür ist ein zionistischer Funktionär von Keren Hajessod bestens geeignet.  Weiterlesen

Wie antisemitisch ist Deutschland?

Ich habe das Dossier gelesen und muss feststellen, dass sie wieder einmal einseitig interviewt und kritische Stimmen nicht gefragt haben. Seit Monaten tobt in den deutschen Medien -Rundfunk, Fernsehen und Presse – eine unselige und zum Teil niveaulose Debatte über Antisemitismus, Antizionismus und Israels Politik, zu der bald jeder seine Meinung sagen und schreiben darf und zu der sich Teilnehmer melden oder gerufen werden, die leider keine Ahnung haben wovon sie reden und worum es geht.

Ich beschäftige mich mit dem Thema schon fast 50 Jahre und war in letzter Zeit sehr mit meinem Buch „Die Antisemitenmacher“ beschäftigt, sodass mir das o.e. Dossier zunächst entgangen ist. Ich bin darauf aufmerksam gemacht worden und habe es jetzt endlich gelesen. Ich muss gestehen, dass ich nicht überrascht war, aber trotzdem sehr erschrocken über das Niveau und die Tendenz der drei Seiten. Erst vor kurzem hat die Frankfurter Rundschau auch drei Seiten – allerdings die ersten drei Seiten der Zeitung – zum Thema gebracht und den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, interviewt. Leider schafft es keine bürgerliche Zeitung in Deutschland über das Thema differenziert zu berichten und auch kritische jüdische Stimmen zu Wort kommen zu lassen.  Weiterlesen

No Anti-Semitism, instead no Sympathy for Israel’s Policy

by Ludwig Watzal

Reports on Anti-Semitism are booming. Most of these stories are produced by Zionist organizations, the Israeli government or close affiliates to both of them pretending, however, non-partisanship.  Just recently the Israeli Ministry of Diaspora Affairs released the 2017 Anti-Semitism Report that showed an increase in racist incidents against Jews, especially in Western Europe such as France, the UK, and Germany. The full report is not yet available.

There are real Anti-Semitic incidents in many countries, also in Germany. Most of them have to do with the policy of the State of Israel and not with Jews because they are Jews. The only meaningful definition of Anti-Semitism is the hatred or prejudice against Jews because they are Jews. And here starts the problem. In many countries, the so-called Anti-Semitism is a just mere critic of Israel’s brutal oppression of the Palestinian People. To call such a critic „anti-Semitic“ distorts the truth and tries to distract from Israel’s immoral behavior and its human rights violations. The whole staged discussion about the „new“ anti-Semitism serves only one purpose to criminalize criticism of Israel’s political behavior.  Weiterlesen

Das Zeitalter der neuen Inquisition

Das Thema Antisemitismus klebt an den Deutschen wie eine Zecke am Hintern, die ihr Gift in die Blutbahn pumpt und den ganzen Organismus vergiftet. Da Antisemitismus politically incorrect ist und jeder Angst hat, damit in Berührung zu kommen, hat man einen Schutzmechanismus aufgebaut, der auf die einfache Formel gebracht werden kann: Wenn ich nicht Antisemit sein darf, dann werde ich eben Philosemit. Verdrängt wird die Tatsache, dass beides jeweils die andere Seite der gleichen Medaille sind, wie Ying und Yang, wie siamesische Zwillinge miteinander verbunden. Der eine braucht den anderen zum Überleben.

So ist es auch im Verhältnis zwischen Zionismus und Antisemitismus. Der Zionismus benötigt den Antisemitismus, damit dieser Juden nach Israel treibt, und der Antisemitismus braucht den Anti-Zionismus, um sich zu bestätigen. Ohne Antisemitismus würde es keinen Staat Israel geben, ja noch nicht einmal den Gedanken daran. Theodor Herzl, der Gründer der zionistischen Organisation hätte nicht vom Judenstaat geträumt, wenn ihn nicht der grassierende Antisemitismus in der französischen Gesellschaft, der mit dem Dreyfus-Prozess hochkam, daran erinnert hätte, dass er Jude ist.  Weiterlesen